Martina Brandt

Die Zeit zurückgedreht



Ich weiß noch genau, wie es damals war. Ich war gerade 21 Jahre jung, den Kopf voll verrückter Ideen.
Die Männer mochten meine unbefangene, ehrliche Art. Vielleicht auch meine Schüchternheit und meine zierliche Gestalt. Jedenfalls war ich es gewohnt, wenn Männer sich nach mir umdrehten. Nicht daß ich eingebildet gewesen wäre, aber es war nichts außergewöhnliches für mich, ich nahm es einfach so hin.
Seit einem Jahr arbeitete ich in dieser Elektrofirma, die Arbeit machte mir Spaß, alles ging mir gut von der Hand.
Eines Tages wurde unser Vorarbeiter ausgetauscht, und du nahmst seinen Platz ein. Du warst über 10 Jahre älter als ich, und ich weiß genau, daß ich immer Angst hatte, wenn meine Maschine sich verklemmte. Es war mir peinlich dir Bescheid zu sagen, dachte du könntest mich für dumm halten. Dein Blick war immer so ernst, wenn du zum reparieren kamst.
Oh man , dachte ich, der mag mich bestimmt nicht. Als die Maschine wieder den Geist aufgab, ging ich schnurstracks zur Toilette. Einer Kollegin erzählte ich dann von meinen Befürchtungen, und daß ich Angst hatte, dir Bescheid zu sagen.
Sie hatte es dir dann brühwarm erzählt, was mir besonders peinlich war. Du standest schon an meinem Arbeitsplatz und repariertest dieses verfluchte Teil. Unerwartet schautest du zu mir hoch, lächeltest mich an und meintest: Wer kann solchen Augen schon böse sein?
Mir fiel ein Stein vom Herzen, nein, es war ein ganzer Fels.
Schließlich ist es kein berauschender Gedanke dort zu arbeiten wo man nicht gemocht wird. Ein gutes Arbeitsklima war mir immer sehr wichtig.
Nunja, das war also geklärt.
Die Wochen flogen nur so dahin bis zur Weihnachtsfeier.
Du warst auch da. Anschließend gingen wir und noch ein paar andere weiter in eine Disco. Du setztest dich neben mir an die Theke und wir unterhielten uns das erste mal persönlich.
Ich erfuhr etwas mehr über dich: gerade Haus gebaut, Frau, zwei kleine Kinder.
Dann noch etwas, du sagtest, du hättest dich in mich verliebt.
Mit allem hätte ich gerechnet, aber nicht damit.
Nun, ich sagte dir, das es bestimmt am Alkohol läge, und wenn du nüchtern bist, wirst du nichts mehr von diesem Gespräch wissen. Leider war es nicht der Fall, es hätte dir viele Probleme erspart.

Doch.... du gefielst mir. Deine Augen waren von einem warmen Braunton, genau wie meine. Dein Haar war sehr dunkel, fast schwarz und wellig. Genau mein Geschmack. Du batest mich um einen Tanz. Ich willigte ein, mit der Bedingung, das du das Lied von Bee Gees bestellst: You win again. Und dieser Tanz war unsere erste und einzigste Berührung. Ich spüre es noch heute. Dein Arm legte sich um meine schlanke Taille. Du warst so aufgeregt, ich konnte dein Zittern spüren, sah deinen unruhigen Blick. Ich lehnte mich ganz nah an dich. Nur einmal.....Ich hab´s nie vergessen.
Es hätte etwas mit uns werden können, wenn du Single gewesen wärest. Eine Trennung hättest du nicht gut verkraftet. Ich wollte nicht mit ansehen, wie du daran zerbrichst, deshalb hab ich mich von nun an, so gut es ging, immer fern gehalten.
Du wolltest ein Foto von mir, als du es hattest, versuchtest du dieses Bild auf eine Platine zu bekommen. So viele Kleinigkeiten zeigten mir, daß du mich immer noch liebtest.
Einmal riefst du mich sogar zu Hause an. Du meintest, deine Frau hat dich mit den Kindern verlassen, weil du ihr gestanden hast, daß du dich in mich verliebt hast. Du hattest alles aufs Spiel gesetzt.
Auch diesmal musste ich klaren Kopf bewahren, ich erklärte dir, daß sie bestimmt zurück kommt. So war es dann auch!
Wie gern hätte ich dich getroffen, es war schwer die Kalte, die Unnahbare zu spielen. Aber ich musste es tun, für dich. Du hast mir was bedeutet, auch wenn es für dich nie so aussah.
Dir ging es schlecht, und eines Tages erklärtest du unserer Abteilung, das du nun für ein paar Wochen in eine Kur gehen würdest. Dabei standest du neben meinen Stuhl und streicheltest mir über mein Haar, den Tränen nahe. Ich konnte sehen wie schwer es dir fiel, der Gedanke an deinen Schmerz machte mich fast verrückt. Ich musste erst zur Toilette, weil ich fast heulen musste.

Wie das Leben so spielt, lernte ich jemand anderes kennen und ich bekam ein Kind. Nach 3 Jahren Erziehungsurlaub kam ich wieder zurück zur Arbeit. Du warst auch da, aber in einer anderen Abteilung. Nur selten haben wir uns noch gesehen. Wir hatten wohl beide Angst, die Narben könnten wieder aufreißen. Einmal trafen wir uns zum Eis essen, es war schön mit dir zusammen zu sein. Ich habe jeden Augenblick genossen. Mein Blick fiel oft auf deine Hände, deine Augen, deinen Mund. Noch immer lag mir was an dir!
Mit der Zeit kam wieder ein neuer Mann in mein Leben. Wir heirateten und ich bekam das zweite Kind. Ich verließ die Firma nach fast 15 Jahren und somit auch dich. Seid dem sind wieder fast 7 Jahre vergangen, in denen ich nichts von dir hörte. Oft hab ich mich gefragt, wie es dir geht, ob du zur Ruhe gekommen bist.
Durch Zufall kam ich nun an deine Homepage, und ich schrieb dir eine Mail. Heute- fast 20 Jahre später.
Du schriebst, deine Kinder sind erwachsen. Und du schriebst, daß deine Gefühle sich mir gegenüber nie geändert haben.
Leider erfuhr ich auch von deiner unheilbaren Krankheit.
Du schicktest mir unser Lied: You win again.....
Nun sitze ich hier am PC, höre Bee Gees, und unsere Zeit kommt zurück.....
In Gedanken bin ich wieder 21 Jahre alt, und wieder tanze ich mit dir unseren Lied.
Doch diesmal schaue ich dir lange in die Augen, diesmal schmiege ich mich ganz nah an dich, diesmal finden sich unsere Lippen zu einem langen, zärtlichen Kuss. Und diesmal tue ich all die Dinge, die ich schon vor über 20 Jahren machen wollte.
Diesmal ist die Zeit auf meiner Seite...
Gedanken sind frei!

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.02.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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