Mitte Oktober wurde es bereits kalt in der Nacht. Wenn sie auf einem Parkplatz anhielten und den Motor des Wagens abstellten, reichte die Wärme für eine kurze Zeit, in der sie in einer Vertrautheit miteinander redeten, als hätte es diesen langen Zeitraum von fast zwei Jahrzehnten niemals gegeben, welcher zwischen diesem kleinen Zettel und dem ersten Klassentreffen lag. Martina hatte das, was auf diesem Zettel stand, über all die Jahre in ihrem Herzen getragen und Herr Sonntag verwahrte die Botschaft in seiner Erinnerung. „Martina liebt dich“, stand auf diesem kleinen Stück Papier. Herr Sonntag wusste nicht, welche Bedeutung diese Worte für ihn hatten. Viel mehr sinnierte er darüber, welchen Grund es denn geben könnte, dass er von jemandem geliebt wird. Schließlich kam er aus einer armen Familie, hatte meistens schmutzige und löchrige Hosen an und gab sich auch sonst wenig Mühe, während des Unterrichts aufzufallen. Gerade zu Beginn dieses Schuljahres, hatte er sich bewusst den Platz in der hintersten Reihe gewählt, so, als wollte er nur seine Ruhe haben, sich seiner Gedankenwelt hingeben und die Anteilnahme auf das Maß zu beschränken, welches ausreichte, sich wegen Dummheit nicht lächerlich zu machen.
Nach kurzer Zeit begannen die Scheiben des Wagens zu beschlagen. Wenn es zu kalt wurde, ließen sie den Motor laufen, damit wieder Wärme in das Wageninnere gelangen konnte. Um die Nachtruhe nicht zu stören, wechselten sie regelmäßig ihren Standort. Sie kamen einander nahe, hielten sich fest umschlungen, tauschten Zärtlichkeiten aus. Sie lies es sich gefallen, dass Herr Sonntag ihre Haut unter der Bluse streichelte. Es war bereits nach drei Uhr, als sie sich mit dem Versprechen verabschiedeten, sich wieder zu sehen. Während ihr Ehemann einmal in der Woche mit seinen Freunden einen Spielabend veranstaltete, traf sich Martina mit einer Freundin. Als einer ihrer ehemaligen Schulkameraden sei er herzlich zu diesen Treffen willkommen. Herr Sonntag bat sie, ihre Gefühle nicht über eine Freundschaft hinauswachsen zu lassen. Und doch wusste er bereits in dem Moment, dass er sich mit dieser Bitte nur selbst täuschen wollte. Er spürte diese Wärme, die sie ausstrahlte, und dass er dem melancholischen Ausdruck ihrer Augen längst verfangen war.
Herr Sonntag kehrte spät in der Nacht zurück zur Wohnung einer Bekannten, bei der seine Gattin den Abend während dieses Klassentreffens verbrachte. Sie stellten ihm keine Fragen wegen der späten Rückkehr. Auch nicht, als er ihnen erzählte, dass er sich mit einigen Mitschülern schon auf den darauf folgenden Dienstag verabredet habe.
Er erschien zur Verabredung in der Wohnung von Martina. Zu ihrer Runde gesellte sich noch ein Ehepaar aus der gemeinsamen Schulzeit. Ihr Ehemann spielte mit seinen Freunden in der Küche Karten. Nichts Außergewöhnliches schien es, nichts, dass den Argwohn eines der Anwesenden geweckt hätte. Und doch war es, als läge in der Luft eine knisternde Spannung. Beide hatten das Gefühl, gegen eine gewaltige Anziehungskraft ankämpfen zu müssen. Als er sich zum Aufbruch bereit machte, begleitete sie ihn hinunter zur Haustür. Beim Abschied gaben sie jeden Widerstand auf und ihre Spannung entlud sich in einer Fülle von Küssen der Leidenschaft. Noch niemals zuvor in seinen zweiunddreißig Jahren spürte Herr Sonntag, mit welcher Hingabe er angenommen wurde, welche Erfüllung sein Gegenüber empfand. Er empfing deutlich die Zeichen der Erwartung auf das, was sie ersehnte, und er wusste, dass er wiederkommen will, um alles zu erfahren.
So begegneten sie sich nahe ihrer Wohnung auf einem Parkplatz, an Abenden, an denen sich Martina für kurze Zeit außerhalb der gewohnten Lebensumstände des Alltäglichen bewegen konnte. Sie saßen in seinem Wagen und küssten sich innig.
Es wurde bereits Februar. Herr Sonntag kam an einem dieser Dienstagabende später. Er wusste, dass Martina ihn bereits voller Sehnsucht erwartete und dass sie zuvor dafür Sorge getragen hatte, dass ihre Bekannte nicht erscheinen würde. Sie ließen sich nahe beieinander auf der Couch nieder. Ihre ersten, zarten Berührungen waren begleitet von einer Unsicherheit, welche beide in sich trugen, weil sie die Situation, in der sie sich befanden, für sich zwar geschaffen, aber nicht daran geglaubt hatten, dass diese sich erfüllen könnte. Bedenken trugen sie, ob sie auf das, was sie ersehnten, einen Anspruch hätten, denn beide waren in einer Ehe verpflichtet und jeder für seinen Teil Mutter und Vater.
Die Zeit schien ihnen endlos. Alle Berührungen trugen den Anschein, als seien sie in einen in sich neu geschaffenen Kosmos eingetaucht, dessen Schwerkraft um ein Vielfaches höher lag. Alle ihre Bewegungen oblagen einem Zauber, flossen wie in Trance. Er streichelte die makellose Haut. Er liebkoste sie, als er ihr diesen wenigen, dünnen Stoff vom Körper streifte, mit einer Vorsicht, als würde er einen Falter aus seinem Kokon befreien, von dem er sich nicht sicher war, ob dieser das Ende seiner Metamorphose erreicht hatte. Mit seinen Lippen berührte er ihren Schmetterling und sie legte ihre Beine um seine breiten Schultern, hielt ihn fest, bis sie ihn mit den Worten „Möchtest du mich haben“ aus seiner Besinnungslosigkeit entriss.
„Ja“, flüsterte er ihr zu, „aber nicht jetzt, die Zeit ist zu schnell vergangen und ich möchte es genießen.“ Martina strich ihm über das Haar, hauchte: „Du bist lieb.“ Es blieb nur noch eine kurze Zeit, in welcher sie sich an der Haustür voneinander verabschiedeten, mit der ihnen zum Ritual gewordenen, leidenschaftlichen Innigkeit noch einmal in den Armen lagen und versprachen, wieder eine Zeit füreinander zu schaffen.
Herr Sonntag wurde bei all seinem Tun begleitet von dem Gedanken an das, was sich erfüllen würde. Er spürte eine Veränderung und versuchte, alles was sich in ihm bewegte, nicht nach außen dringen zu lassen. Er fühlte, wie eine Spannung heraus aus seinem Inneren erwuchs. Der Gedanke an die Besuche bei ihr verloren mit einem Mal ihre Unbeschwertheit, wenn er daran dachte, dort mit ihr nicht allein sein zu können. Er wollte sie sehen ohne Begegnung mit Anderen und er musste einen Zeitpunkt finden, zu welchem ihm niemand eine Frage auf ein Danach stellen konnte.
Die Lebensumstände, in welche er eingegossen war, ließen einen langen Zeitraum vorüberstreichen, als sei es nur ein Wimpernschlag gewesen.
Es war Mai geworden und er hörte, als er seinen Namen nannte, eine Stimme der Verzweiflung. „Du hast dich so lange Zeit nicht gemeldet und ich habe gewartet.“ Sie legte ihren Hörer auf. Herr Sonntag wählte Martinas Rufnummer noch einmal, hoffte erklären zu können, was er nicht erklären konnte, weil diese lange Zeit die Erklärung in sich trug. Sie nahm den Hörer ab, fragte: „Wo bist du jetzt?“
„In deiner Nähe, Martina, kann ich mit dir reden?“
„Nein! Du hättest wenigstens mal anrufen können!“, waren ihre Worte. In der Dunkelheit sah Herr Sonntag einen Schatten über die Straße laufen und er wusste, dass sie aus dem Haus gegangen war. Er war einmal mehr mit sich im Hader gewesen, war in seinen Gedanken und in seine Welt versunken, bemerkte nicht, dass das Leben außerhalb seines Seins nicht darauf wartete, bis er eine Antwort gefunden haben würde auf eine Frage, welche er nur sich selbst stellte. Er lag im Irrtum darin anzunehmen, dass die Zeit in ihrem Bestehen zwar keine Endlichkeit in sich trägt, seine Wahrheit jedoch nur innerhalb seiner eigenen Begrenztheit einen Raum hat, in welchem er sie erfassen kann.
Niemals vorher war er sich jenes Sinnes seines Daseins, Liebe zu empfangen, mehr bewusst. Ein anderes Wesen trug Liebe für ihn, tief verborgen, in sich und nur durch den Augenblick seiner Erscheinung offenbarte sie sich im Selbst dieses Wesens. Sollte er wegen einer höheren moralischen Wertvorstellung diese Liebe in ihrer eigenen Begrenztheit und Endlichkeit die Erfüllung verweigern?
Drei Monate später saß Herr Sonntag in seinem Büro. Als das Telefon klingelte, nahm er den Hörer ab. Er vernahm die Stimme von Martinas Freundin. Als er der Bedeutung ihrer Worte bewusst wurde, spannte sich jeder Muskel seines Körpers, als führe er einen Kampf darum, etwas zu behalten, was ihm zu verlieren drohte. Er fühlte sich zu Stein geworden. Er war allein an diesem Tag und als er sich überwunden hatte, nicht in Ohnmacht zu fallen, tobte er in seinem Büro. Er machte sich Vorwürfe darüber, dass er die Chance, zu handeln, vergab in einem Augenblick, da das Schicksal ihm eine Tür öffnete. Martinas Traurigkeit, genährt von ihrer unerfüllten Liebe, hätte er zur Glückseligkeit wenden können durch ein neues Leben, welches sie in sich hätte tragen und mit dessen Bedeutung sie ihr eigenes Leben hätte bestehen können.
Martina war gestorben.
Andre Kiesler 19.02.2005 ©
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Andre Kiesler 20.02.2005Andre Kiesler, Anmerkung zur Geschichte
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.02.2005.
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