Andrea Renk

Glücksweilchen und Tränenweilchen

 

 

Das Glücksweilchen stand in den Startblöcken. Es konnte nicht mehr lange dauern. Bald musste es soweit sein. Endlich würde es zum Zug kom­men. Es würde sich nicht aufhalten lassen. Es würde durchstarten, sich breit machen. Alles einnehmen und es glücklich machen, das Men­schenkind. Mein Gott, wie lange schon versuchte es sein Menschenkind glücklich zu machen.

Es hatte einen undankbaren Job. Immer auf der Lauer zu sein, immer abrufbereit, immer in freu­diger Erwartung. Umsichtig musste es sein. Immer auf der Hut. Am meisten vor dem Tränen­weilchen. Immer wieder war es neben ihr. Und es versicherte jedes Mal sich zurückzuhalten. Und letztendlich schaffte es das doch nicht, fing an zu schniefen, guckte mitleidig und stammel­te unter Tränen „Entschuldigung, aber ich kann nicht anders. Ist doch alles so unendlich traurig. Ich wollte das doch nicht. Aber du weißt ja, die Traurigkeit, die war wieder so stark.“

Die Traurigkeit, klar. Sie mischte sich immer genau dann ein, wenn sie niemand haben woll­te.

Während das Glücksweilchen so überlegte, kam auch schon das Tränenweilchen. „Das war ja mal wieder klar, dass du dir das nicht entgehen lassen willst.“ Das Glücksweilchen wurde zor­nig. „Kannst du denn nicht einmal bleiben, wo der Pfeffer wächst? Du bist penetrant und un­höflich, du drängst dich auf und bringst doch wieder nur Tränen der Trauer und des Un­glücks.“ „Du tust ja grad so, als würd´ ich das extra machen“ das Tränenweilchen wollte sich verteidigen. Seine Stimme fing schon an zu be­ben. „Reiß dich doch endlich mal zusammen. Du machst ja alles kaputt, schon bevor es über­haupt angefangen hat. Und erzähl mir nicht, dass du das nicht extra machst. Wer dich kennt, der ist da meiner Meinung. Frag mich eh, was du schon wieder hier willst. Dich hat ja gar keiner gerufen. " Das Glücksweilchen, konnte seine Wut kaum verbergen.

„Wenn es nach mir gegangen wäre, dann wäre ich gar nicht hier. Die Angst war heute Nacht bei mir. Sie hat mir genau erklärt, warum ich heute auf keinen Fall fehlen darf.“„Das war ja fast schon klar. Kann denn die Angst nicht mal den Ball flach halten? Ich frag mich überhaupt, was ich noch hier soll. Warum werde ich über­haupt noch hergerufen. Ihr düsteren Gestalten, macht ja doch alles unter euch aus. Ihr seid schon ein heftiges Gespann. Wenn ich nicht so genau wissen würde, wie wichtig ich, das Glück bin, würde ich kapitulieren.“

Das Glücksweilchen lies fast die Schultern hän­gen. Es machte fast wirklich schon keinen Spaß mehr. Es meinte es immer nur gut und die drei Gestalten machten ihr das Leben immer wieder so schwer. Das Glücksweilchen schaffte es im­mer nur ganz kurze Glücksmomente lang die Oberhand zu gewinnen. Wenn es nicht bald ein­mal für eine wirklich längere Zeit, die „Pool­position“ für sich beanspruchen könne, dann könne sie keine Garantie mehr für die Seele des Menschenkindes garantieren. Die Angst, die Traurigkeit und das Tränenweilchen hatten wirk­lich schon ganze Arbeit geleistet und wollten weiterhin ihren Platz rechtfertigen.

Als das Glücksweilchen sich so seinen Gedan­ken hingab, setzte sich die Hoffnung dazu. „Du solltest nicht so pessimistisch sein!“ Mahnte sie das Glücksweilchen. „Du hast gut reden“, seufz­te das Glücksweilchen. „Auch wenn eine Sache noch so düster scheint, du denkst immer an ei­nen guten Ausgang“, sinnierte das Glücks­weilchen. “Aber was denkst du denn, wie es wäre, wenn ich nicht so denken würde. Ich weiß auch, dass es nicht immer einfach ist. Aber weißt du, auch wenn es Zeiten gibt, in denen nicht alles so glücklich scheint, du solltest nie daran zweifeln, dass du gebraucht wirst. Auch deine Zeit wird kommen.

“Na hoffentlich hast du Recht.“ Das Glücks­weilchen machte seinem Namen in dem Mo­ment so gar keine Ehre.

Just in dem Moment flog ein großer Schwarm Schmetterlinge ganz aufgeregt an ihnen vorbei. Sie schwatzten und lachten und man konnte es ihnen ansehen, dass sie ganz aufgeregt waren. Es schien so als würden sie Zeit und Raum ein­nehmen.

Die Hoffnung deutete auf die Schmetterlinge. „Siehst du, da ist das Leben, die Freude. Ach ist das schön. Ich seh´ sie immer wieder gerne. Schau doch mal wie vielfältig sie sind und welch prächtige Farbenpracht. Ich bin hin und weg.“ Das Glücksweilchen rappelte sich. „Ok, ok, ich will ja mal nicht so sein. Diesmal wird alles gut ausgehen. Jetzt fehlt nur noch die Sehnsucht! Wo ist sie eigentlich?“

„Hier bin ich, hiiiiieeeeerrrrrr! Ich hab nur, auf meinen Einsatz gewartet. Och ist mir schlecht. Die Schmetterlinge die machen mich wieder mal ganz schwindelig. Ich hab das Gefühl, dass sie nicht altern. Die haben immer wieder aufs neue so wahnsinnig viel Energie. Wie machen die das bloß?“ Die Hoffnung und das Glücksweilchen kicherten. „Ich kann mich absolut nicht dran erinnern, dass du mal in deiner Mission nach­gelassen hast“. Die Hoffnung lächelte die Sehn­sucht an. „Im Gegenteil.“ Die Sehnsucht wurde Nachdenklich. „Ich habe das Gefühl, dass ich mit der Zeit immer intensiver an meine Aufga­be arbeiten müsse. Und ich kann euch versi­chern, dass mein Job nicht immer sehr schön ist. Wenn ich (die Sehsucht), nicht gestillt wer­de, dann tut das dem Menschen sehr weh und es fehlen ihm viel Freude und Glück. Aber wem sag ich das? Ihr wisst ja am besten Bescheid darüber, wie die Dinge zusammen hängen und wie wichtig sie sind.“

„Das Menschenkind um das wir uns kümmern müssen, hat es aber auch nicht leicht. Manch­mal tut es mir richtig leid.“ Das Glücksweilchen blickte besorgt. „Na ja, ich wurde bisher auch nie richtig gestillt“ bemerkte die Sehnsucht. „Aber ich, ich bin immer hier gewesen. Und was denkt ihr, wie sehr ihr zu strahlen beginnt und wie dankbar und ehrfürchtig ihr angenommen werdet, wenn ihr erst zum Einsatz kommt. Wie du Glücksweilchen strahlen wirst, und du Sehn­sucht wenn du gestillt wirst.

Das Menschenkind wird euch dann umso mehr zu schätzen wissen. Weil es euch doch so lange Zeit entbehrt hat.“ Sie stimmten der Hoffnung zu. „Dann können wir jetzt wieder einmal nur abwarten.“ Die Sehnsucht machte sich breit. „Du brauchst auch immer mehr Platz meinte das Glücksweilchen und lachte. „Logisch, ich wer­de ja auch immer größer.“ Die Sehnsucht nahm Platz. „So ich sitze! Immer diese Warterei, wenn ich doch nur nicht so ungeduldig wäre. Wo sind eigentlich das Tränenweilchen, die Angst und Traurigkeit?“ Das Glücksweilchen wurde hek­tisch. „Lass sie bloß da, wo sie sind. Ich hab es tatsächlich geschafft, sie ein bisschen zur Ver­nunft zu rufen und ihnen Einhalt zu bieten. Wir können froh sein, dass sie so still halten“

„Ich bin wieder so angespannt.“ Meinte die Sehnsucht. „Ich hab das Gefühl, dass bald was passiert. Kann denn keiner mal sagen was los ist? Wir sind immer die letzten, die Bescheid bekommen. Die Gefühlsreporter sind in dem Punkt wirklich ganz schön lahm.“

 Ein grollen war zu hören. Die Schmetterlinge kamen wieder vorbei. Es sah so aus, als würden sie Rundflüge machen. Die Sehnsucht wurde auf einmal sehr aufmerksam. Sie stand auf und wurde auf einmal ganz hibbelig. Sie war ergrif­fen, von dem was sie sah. „Wenn ich mir über­lege, wie lange ich darauf gewartet habe. Habt ihr schon gesehen, wer sich da anschleicht? Boah, ich glaub es ja nicht. Himmel ist das auf­regend. Wer hätte denn damit noch gerechnet? Ihr seid lahme Tassen. guckt doch mal!“ Die Hoffnung war ganz ruhig. „Ich hab sie schon gesehen. Sie ist überwältigend schön. Ich muss gestehen ich hab auch schon fast nicht mehr an sie geglaubt, aber eben nur fast.“

Sie kam ganz langsam und ganz vorsichtig zwi­schen den Schmetterlingen hervor. Ganz blas war sie, so als wäre sie lange krank gewesen. Aber man konnte trotzdem die Kraft spüren, die von ihr ausging.

„Ist sie schön! Und dass, obwohl sie so blass ist. Wie sehr muss sie erst  strahlen, wenn sie zu voller Pracht erblüht ist.“ Sie standen alle Ehr­furchtsvoll nebeneinander und sahen der Liebe entgegen. Ein zittern machte sich breit, dass auch die Angst die Traurigkeit und das Tränen­weilchen erreichte. Sie kamen angelaufen und waren genauso ergriffen, wie die anderen.

„Kommt jetzt bloß nicht auf dumme Gedanken ihr drei.“ Zischte das Glücksweilchen. Sie ka­men nicht auf dumme Gedanken, dazu waren sie alle viel zu ergriffen. „Sie ist so wunder­schön!“ stammelte die Sehnsucht. „Hoffentlich bleibt sie bei uns.“ Die Hoffnung meinte: “Das hängt nicht zuletzt von uns ab.“

Die Liebe ging auf die Angst zu.„ Du weißt, dass du maßgeblich mit daran beteiligt bist, dass ich bleiben kann. Ich beobachte euch schon länger und ich habe mich bisher nicht dazu hinreißen lassen, jemanden zu kritisieren. Doch dir mei­ne werte Angst muss ich sagen, dass du dich zu wichtig nimmst. Du nimmst bei deinem Menschenkind zuviel Raum ein. Du bist wich­tig und wertvoll, weil du warnst vor gefährli­chen Situationen. Doch wenn du deine Arbeit zu gut machst, dann bleibt nicht genug Raum für die anderen. Und somit wird das Menschen­kind krank. Ich habe bisher keine richtige Gele­genheit gehabt, dem Menschenkind das wich­tigste zum Leben mitzugeben. Es wird krank, wenn du dich nicht bald zurückziehst und mir somit eine Chance gibst.“

Alle standen mucksmäuschenstill um die zwei herum. Keiner traute sich auch nur einen Mucks zumachen.

Die Angst fing an von einem Bein aufs andere zu tippeln. „Weißt du Liebe, ich bin glaub ich, diejenige unter uns, die dich am meisten her­beigesehnt hat. Auch ich spüre, dass sich etwas ändern muss.

Meinem Menschenkind geht es nicht gut. Es zieht sich immer mehr zurück und scheut alle Kontakte zur Außenwelt und zu den schönen Dingen den Lebens. Und mir kommt es so vor, dass ich meine Arbeit nicht gut gemacht habe. Ich werde alles daransetzen, das richtige zu tun, so dass es meinem Menschenkind besser geht.“

Die Hoffnung meldete sich zu Wort. „Wir wer­den alle zusammen überlegen, was wir tun kön­nen. So wird es unserem Menschenkind bald wieder besser gehen.“ Das Glücksweilchen wür­de ganz unruhig „Ich kann es kaum erwarten. Ich freue mich so sehr darauf auch endlich mal zeigen zu können, was in mir steckt.“ Zusam­men besprachen sie was zu tun war. Und sie waren sich sicher, dass alles wieder gut wird.

Sie riefen sich noch die Zuversicht, die Freude und den Mut dazu und verteilten die Aufgaben wie folgt.

Das Tränenweilchen und die Angst würden sich erst mal zurückziehen und wirklich nur im äu­ßersten Notfall erscheinen. Die Hoffnung und die Zuversicht bekamen erst mal den größten Batzen zu tun. Sie sollten sozusagen den Weg bereiten für die Liebe. Sie Sehnsucht musste sich manifeststieren, klare Formen annehmen und an Stärke zulegen, denn nur so bekam der Mut ei­nen großen Schub Energie. Die Traurigkeit be­kam die Freude an die Hand und musste somit lernen in das Licht zu treten und zu verblassen. Nur das stahlen der Freude konnte dies bewir­ken. Dann kam die große Stunde des Mutes. Mit fester Entschlossenheit sollte er der Angst ent­gegen, um der Liebe ihren entgültigen Platz zuweisen. Diese würde dann zusammen mit dem Glücksweilchen und Freude das Men­schenkind gesunden lassen. Kurzfristig meldete sich der Pessimismus zu Wort. Als er seine Einwände geltend machen wollte, bekam er die scharfen Blicke der ande­ren zu spüren. Er überlegte es sich ganz schnell anders und verstummte, bevor er was gesagt hatte.

Es war alles besprochen. Jeder wusste was er zu tun hatte. Sie wollten noch eine Nacht Kraft tanken und am nächsten Morgen sollte es losgehen.

Es war ein unwahrscheinlicher Kraftakt und zuweilen sah es nicht so aus, als würde sich der Plan durchsetzen. Aber die Hoffnung stachelte alle anderen immer wieder zu Höchstleistungen an. Jeder noch so kleine Erfolg wurde gewür­digt. Und am Ende stand dann doch das große Finale. Alles hatte so geklappt wie es gedacht war.

Jeder hatte begriffen, dass er seine Berechtigung hatte und das er wichtig war. Das aber jeder sei­nen Platz wahren muss. Übereifer war nicht immer gut zu werten.

Sie schafften alle, was sie sich vorgenommen hatten.

Am Ende lagen sich alle erschöpft aber glück­lich in den Armen. Die Liebe war integriert und keiner hätte für möglich gehalten, was sie bei dem Menschenkind bewirkte. Es war kaum wieder zu erkennen. Die Angst konnte sich erst mal ausruhen. Sie war die ganze Zeit sehr überfordert gewesen. Die Traurigkeit nahm sich nicht mehr so wich­tig. Die meiste Zeit zog sie sich dezent zurück.

Die Sehnsucht hatte das erste mal das Gefühl, erfüllt worden zu sein und ergab sich diesem Moment. Der Mut stand da mit stolzgeschwell­ter Brust. Er konnte auch wirklich stolz auf sich sein. Er hatte großartiges geleistet. Die Zuver­sicht hatte erkannt, dass sie wichtiger war, als sie sich selbst eingestanden hatte.

Die Hoffnung seufzte, sie war einfach nur ge­rührt und wusste, dass sie Recht hatte, damit dass sie nie den Rückzug antrat. Egal wie schlimm die Situation war. Sie sah sich ihrer Hartnäckigkeit bestätigt.

Die Freude und das Glücksweilchen hatten jetzt ihren festen Platz. Sie strahlten gegenseitig um die Wette. Als das Tränenweilchen leise schluch­zend neben ihnen stand, strafte das Glücks­weilchen mir einem bösen Blick. „Du bist doch wirklich nur peinlich! Jeder ist voll von Freude und Glück und du musst wieder negativ den­ken.“ „Aber, aber, das sind doch keine Tränen der Traurigkeit“ verteidigte es sich. „Das sind FREUNDENTRÄNEN!!! Juhu ich weine Freu­dentränen!!“

 

Die Liebe lächelte und beobachtete den Freu­dentaumel. Und wenn sie richtig gepflegt wür­de, dann würde sie ihren Platz nie wieder frei­willig verlassen........ Sie hatten wieder einen Menschen glücklich gemacht.

 

 

a.r. © 23.02.05

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 24.02.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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