Die Ironie war, dass es am 25. Dezember 2002 in Norddeutschland eine Eisglätte gab, an die sich nicht einmal die Urgroßeltern erinnern konnten, er aber die 2 Stunden des Gehwegenteisens unbeschadet überstanden hatte, nicht aber die wärmende Dusche im Anschluss.
Seine Hände hatten wieder diese schrumpeligen Finger, die er gut von langen Aufenthalten im Schwimmbad kannte, ob das allerdings 20 oder 25 Jahre zurück lag, konnte er nicht sagen.
Tagträume funktionierten schon immer am besten in der Dusche, erstens, weil man dort ungestört ist und im Gegensatz zur Badewanne die Temperatur konstant bleibt, zweitens die Nebelschwaden den Spiegel so gut beschlagen lassen, dass er trotz geöffneter Augen die Realität gar nicht erkennen konnte.
In solchen Momenten konnte er nicht einmal sagen, wie alt er war, in der Tat, manchmal musste er auch im normalen Leben überlegen, hier fiel es ihm, selbst wenn er versuchte, sich darauf zu konzentrieren, nicht ein.
Und überhaupt, das Alter. Wenn man ihn gefragt hätte, wie alt er werden möchte, hätte er 24 gesagt, das aber mindestens die nächsten 60 Jahre lang. In Wirklichkeit war er knapp über 40.
Und natürlich war er von seiner Jugend weiter weg als von der Rente, eingestehen mochte er sich das aber nie. Und er verstand die Jugend auch nur in guten Momenten. Dann nämlich, wenn er sich an seine eigene erinnerte, das tat er gern und häufig.
Schon mit 30 Jahren war man aus seinen damals jugendlichen Augen irgendwie weg von gut und böse. Spaß hatten die doch in dem Alter bestimmt nicht mehr und überhaupt: was machte man denn, wenn man erst mal so alt geworden ist?
Heute weiß er, dass sich nur das Äußere bei manchen Menschen ändert, nicht die Lebenseinstellung, vielleicht das Sicherheitsdenken. Aber sonst? Nun, auf der anderen Seite war das erste Klassentreffen seit 20 Jahren schon auch eine Enttäuschung gewesen. Nicht nur, in erster Linie war die Gewissheit gewachsen, dass man sich nicht mehr groß verändert hat. Klar, der eine oder andere konnte schon mit einer Überraschung aufwarten, es war aber ein eher verschwindet geringer Prozentsatz. Die meisten waren so, wie sie schon damals in der Schule waren, das Wesen das gleiche und die Lebenseinstellung. Wer damals langsam war, war es auch noch heute. Geprägt von Anfang an, vielleicht kann man da auch gar nicht raus. Und wenn, ist man dann nicht der Spinner, der auf Konventionen scheißt und Außenseiter ist, wird oder bleibt? Aber so wirklich verrückte Sachen hat keiner gemacht, so mit dem Fahrrad nach China oder engagiert in einer noblen Sache. Schützenverein und Tennisclub, dann hört es aber auch schon auf.
Kreativität vergessen, verlernt oder nie gekannt.
Und musikalisch total stehen geblieben.
In kleiner, ganz später Runde saß die vergrößerte Clique im Wohnzimmer, der eine und der andere Joint wurde geraucht, die letzten Reste Alkohohl gesucht und wir legten Platten auf, jeder, der wollte, durfte mal. Nicht, dass ich etwas besonderes erwartet hätte, aber alle suchten nach Musik von damals: Lindenberg, Supertramp, Allan Parson, Barclay, James, Harvest und Bob Marley. In dieser Richtung. Als ob seit damals keine neuen Platten mehr erschienen sind. Auf der einen Seite hatte er sich gefreut, gerade an diesem Abend die Musik der vergangenen Tage zu hören und vielleicht war es ja auch nur in dieser Runde gut, er wettete aber, dass Phil Collins in jedem CD Regal zu finden sein würde. Und ausschließlich Musik in diese Richtung: Ohrwurm und gut.
Und mit diesen Jungs und Mädels hatte man geknutscht, übers wichsen geredet und allerhand Blödsinn angestellt.
Blowing in the wind.
Er selbst hatte schon damals ein fable für Neil Young, Bob Dylan und Pink Floyd.
Festgestellt hatte er auch da einmal mehr, dass fast alle die Musikwege verließen, manche früher, manche später. Und nur ein paar Verrückte machten daraus ein lebenslanges Hobby. Ein paar von denen hatte er gefunden.
Er wettete, dass er aus seiner Sammlung 500 Interpreten auswählen könnte, die würde niemand aus der alten Klasse kennen würde.
Lehrer waren alle alt und viel jünger als sie alle heute.
Alter ist relativ und Lehrer wurden für ihn nie älter.
Komisch.
Obwohl, er hatte schon damals Freunde, die bedeutend älter waren als er, später kamen viele neue Freunde dazu, die bedeutend jünger waren, wahrscheinlich versuchte er, die Spießer auszuschließen und hoffte, bei jüngeren Menschen weniger von diesen zu treffen.
Wenn er nicht gewusst hätte, dass man ihn für total bescheuert gehalten hätte, er wäre bestimmt in den Autoquartett-Club eingetreten, dessen Gründungsmitglieder alle so um die 12 Jahre alt waren. So spielte er mit seinen Freunden und erntete bei den dazugehörigen Damen nur ein müdes Lächeln.
Männer wollen ja fast alle Söhne als Stammhalter, damit sich ihre Jugend und die Freude am Spielzeug ohne Begründung verlängern lässt.
Und später wollen sie die jungen Mädchen anschauen, die die Söhne mit nach Hause bringen.
Seine Lieblingsfilmsammlung beinhaltet auch „stand by me“ und „der Club der toten Dichter“.
Gemeinsame Erinnerungen zu schaffen könnte man zu seinen Hobbies zählen, die fangen manchmal auch mit „weißt du noch damals“ an, sind aber garantiert ganz, ganz anders als die von den alten Leuten, die sich ihr ganzes Restleben nur noch solche Geschichten erzählen.
In diesen Tagträumen ging es nur manchmal um 6 Richtige im Lotto. Nicht wirklich der Kohle wegen, weil richtig dreckig war es ihm nie gegangen. Aber irgendwelche Spinnereien lassen sich halt nur mit richtig Kohle verwirklichen. Wie ein Ferienhaus auf halber Strecke zwischen Flensburg und Cadenberge. Und vielleicht eins in Varigotti, Italien, wo er sein Lieblingsplätzchen gefunden hat. Und wo er schon einmal nur für einen Tag aus Frankreich hingefahren ist, nur um eine Pizza zu essen und einen Helmut Debus song über walkman zu hören.
In seinen Tagträumen kam Claudia Schiffer nie vor.
Seine Frau und die Kinder wohl.
Und manchmal auch eine Fahrt durch Europa, zumindest ins englischsprachige, mit einem einfachen Auto und jeder Menge Musik, einfach da anhalten, wo es schön war, Leute kennen lernen und weiterfahren, wann er wollte.
Oder auch nicht.
Auf der anderen Seite wollte er nicht wirklich woanders leben, nicht endgültig weg aus der flachen Landschaft, in der er die meiste Zeit seines Lebens verbracht hatte.
Natürlich gab es auch viele Träume, die mit Geld überhaupt nichts zu tun hatten und bei denen man fast noch besser rumspinnen konnte.
So hatte ihn eine Plattenfirma gebeten, eine Allstar-Band zusammen zu stellen, für eine Platte und eine Konzertreise um die Welt, die sollte er betreuen , das dauerte dann schon mal 400 Liter Wasser, bis er zufrieden mit seinen ausgewählten Musikern war.
Das Schönste an Tagträumen aber ist, dass man seine Gedanken ganz bewusst einsetzen kann, lenken sozusagen.
Anders als bei durchschlafenen Nächten, die, so schön der Traum auch gewesen sein mag, doch immer unbefriedigt enden mussten, da er immer kurz vor dem happy end aufwachte.
Mit dem: „ich versuch´, mir einen Traum zu programmier´n“ hatte er die gleichen Probleme wie Herbert Grönemeyer.
Damals störte ihn das besonders bei erotischen Träumen, da kam er nie ans Ziel, mit den Jahren ließen Träume dieser Art nach.
Aber die Erinnerung daran blieb.
Wenn er tagträumte, morgens bei ganz wenig Licht, und er hatte schon eine Idee, welches Thema ihm Spaß machen könnte, ganz einfach unter die Dusche und die Gedanken vom heißen Strahl vervollkommnen lassen.
So schön konnte das Leben sein.
Und so war es auch an diesem 1. Weihnachtstag.
Bis er auf dem beschlagenen Fußboden des Badezimmers nach dem Verlassen der Dusche ausrutschte und das Bewusstsein verlor.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.02.2005.
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