Ladre Rasa

Der wahre Künstler

Als Carter das kleine Schloss endlich erblickte, atmete er erleichtert auf. Der lange Marsch durch den Wald war doch nicht so erholsam gewesen, wie er erhofft hatte, denn es war trotz der Jahreszeit heiß und Stechmücken hatten ihn geplagt. Aber er hatte ja darauf bestanden, den Weg von der Stadt hierher zu Fuß zu gehen. So hatte er jetzt endlich das Anwesen des Pierre erreicht. Er besah sich das Anwesen, das sein Freund Durtal als „Schlösschen“ bezeichnet hatte und gab ihm recht.
Der graue, kantige Klotz mit seinem schiefen Donjon, den gotischen Figuren und dem schattigen Tympanon erinnerte schon ein bisschen an die Baufreude der Adeligen an der Loire, doch dieses Anwesen war zu klein, zu schief, selbst die Arkaden neigten sich sanft und vor allem fehlte das Besondere, das unnennbar mystische, was andere Anwesen dieser Art ausmachte; wenn er an Chinon dachte, das man natürlich nicht hiermit vergleichen konnte, dann spürte man den Atem vergangener Zeiten, das Atmen der Könige, das Wunder der Johanna und das Wehklagen des Molay. Dies hier war aber nur ein Klotz, der fehlplatziert zwischen den Ulmen hervoräugte.
Aber das war ja nicht der Grund seines Besuches, nein, ihn lockte nicht die krude Architektonik, sondern die Gemälde, die Pierre hier hortete. Sein Freund Durtal hatte ihm vor einiger Zeit von diesem Ort berichtet, in dem besagter Pierre unglaublich authentische Kopien aller Gemälde Hieronymus Boschs hütete und sie auch gerne Interessierten zeigte. Carter, der ein Bewunderer der Werke Boschs war und einige schon im Original in diversen Museen betrachtet hatte, reiste sofort an, sich auf das Wort Durtals verlassend, der Alte weise niemals Besucher ab. Leider konnte Carter Durtal seit diesem letzten Gespräch nicht mehr erreichen, er hätte gerne die Kopien mit ihm zusammen betrachtet, doch so war der gute Durtal nun mal, ein unbeständiger Lebemann, flatterhaft, doch zuverlässig im Aufstöbern interessanter Dinge.
Carter schmunzelte noch über seinen Freund, als er vor dem Portal stand und doch tatsächlich einen Türklopfer betätigen musste, es gab keine elektrische Klingel. Es hallte dumpf und das Schwingen zitterte lange nach, scheuchte einige Vögel auf, die es sich in den Bäumen gemütlich gemacht hatten und nun erschrocken in die Dämmerung hinausstoben.
Carter bemerkte erstaunt, das sein Zeitgefühl ihn wieder einmal im Stich gelassen hatte, es war spät geworden und er hoffte, später noch ein Taxi rufen zu können, denn im Dunkeln wollte er nicht zurück durch den Wald gehen.
Hoffentlich hat dieser Eremit wenigstens Telefon, dachte er noch, als sich die schweren Türflügel sanft öffneten. Geräuschlos glitten sie zurück und Carter blickte in das Gesicht eines uralten Mannes in einer merkwürdigen blauen Robe. Der Alte starrte Carter neugierig, aber nicht unhöflich an und Carter beeilte sich, sich vorzustellen:“Entschuldigen Sie vielmals die doch späte Störung, auch komme ich unangemeldet, doch ich vertraute meinem Freund Durtal, der sagte, jeder Neugierige könnte Sie behelligen, um sich ihre Gemälde zu betrachten. Mein Name ist Carter und Sie müssen Pierre sein.“
Pierre lächelte aus seinem greisen Gesicht, das durchzogen war von unzähligen Falten, derb wie Leder und zeigte feste, weiße Zähne. Seine blauen Augen leuchteten scharf und widerlegten Carter Befürchtungen, der Alte sei senil oder der Demenz verfallen, denn Durtal hatte Pierre als äußerst skurril bezeichnet.
„Freut mich, Sie kennen zu lernen, Carter. Ich bin immer erfreut über Schätzer wahrer Kunst und insbesondere des flämischen Malers Bosch.“ Dann dachte er nach, während er Carter hineinbat. „Durtal? Hmmh...“ „Er trägt manchmal ein Monokel und redet geschwollene Aphorismen, er gefällt sich in der Rolle eines Dekadenten. Muss wohl an seinem Namen liegen.“ „Oh, ja, ich erinnere mich wieder an ihn. Er war fasziniert von den Gemälden und sagte immerzu, sie müssten echt sein. Aber das sind sie natürlich nicht, die wahren Bosch hängen in Madrid, Lissabon, Wien oder sonst wo. Wollen Sie sie sofort sehen?“
Carter war überrascht von der Offenheit dieses Mannes. War er vielleicht ein Händler, der Geld mit Plagiaten verdiente und deshalb so einladend war? Doch Durtal hatte dergleichen nichts gesagt und der wüsste es, der Feingeist und Raffzahn.
So folgte Carter dem Alten durch die weite, fast leere Halle. Es war dunkel hier, aber wozu sollte man ein so großes Anwesen auch voll erleuchten? Carter bemerkte erfreut, das es zumindest im Haus Strom und Lampen gab, so exzentrisch war Pierre demnach auch nicht. Und das trotz seines wehenden blauen Mantels, wahrscheinlich aus Samt. Ob er alleine hier wohnte? Er brauchte bestimmt Angestellte, um alles in Schuss zu halten, doch Carter fragte nicht danach, das ging ihn nichts an, auch wenn er gerne gewusst hätte, womit der Alte sein Geld verdiente. Vielleicht war er ein alter Adliger? Carter verfluchte die Eile seiner Abreise und das er keinen Nachforschungen über Pierre gemacht hatte. Doch was soll’s, dachte er, er zeigt mir die Gemälde und ist nett und zuvorkommend.
Während sie so schweigend die düstere halle hinter sich ließen und sich einer Wendeltreppe näherten, fragte Carter:“ Woher kommt Ihre Sammellust für Bosch und wer ist Ihr begabter Maler?“ Der Alte redete im Gehen, sein Gang war fest und bestimmt. „Nun, ich finde Bosch ist ein genialer Maler, der Beste der Primitiven, bei ihm bricht die Renaissance wirklich hervor, er war ein Visionär und manchmal Prophet. Er ist naturalistisch und mystisch zugleich.“
„Und wir wissen nicht einmal viel über ihn,“ sagte Carter, „selbst sein Name taucht in diversen Versionen auf. Die geläufigste ist Hieronymus Bosch, aber auch Jeroen van Aken oder Aeken oder Aquen. In Spanien nennen sie ihn Geronimo Bosco oder El Bosco, in Italien Girolamo Boschi Fiamengo oder...“ „Nun, so nannten sie ihn im 16. und 17. Jahrhundert. Jetzt ist er als Bosch bekannt, der letzten Silbe seines Heimatortes Hertogenbosch. Daraus hat er seinen Beinamen gemacht.“
Der Alte ging flink die Wendeltreppe an, die sich verwegen nach oben schlängelte. Carter kam nur langsam nach. Wie aktiv der Greis doch war! Er selbst schnaufte schon und eine Mattigkeit überkam ihn, der lange Marsch hatte ihm doch zugesetzt. Er griff den Faden wieder auf. „Sein genaues Geburtsdatum ist auch nicht bekannt. Man nimmt an, er ist 1450 geboren, sein Todesjahr ist aber dokumentiert, er wurde am 9. August 1516 in der Kapelle in Hertogenbusch beerdigt. Man weiß auch von seiner Heirat mit der Adeligen Aleid van de Mervenne, 1478 glaube ich. Geld verdiente er mit vielem. Unter anderem soll er Masken geschaffen haben und Prozessionen der Schwanenbruderschaft organisiert haben. Er schuf Altarflügel und malte. Viel mehr weiß man leider nicht. Schade, finden Sie nicht auch?“
Der Alte blieb auf der Treppe endlich stehen und schaute lächelnd zu Carter, der sich wunderte, wie weit hoch die Treppe denn noch ging.
„Zu viel Wissen würde ihn doch langweilig machen, ich meine gewöhnlich, oder? Mitglied der Bruderschaft Unserer Lieben Frau? Ja, das war er wohl. Anhänger der Adamiten? Oder der Sekte des freien Geistes? Kannte er die Schriften des Flamen Flamel? Oder gar andere alchemistische Werke?“ Pierre lächelte hintergründig. Carter wollte entgegen, :“ Es heißt doch, er hätte...“ „Später, junger Freund. Über die Alchemie und seinen Agens können wir später reden. Erst die Gemälde, wir sind gleich da.“ Dann ging er weiter. Carter folgte ihm schnaufend, dann endlich endete die verfluchte Wendeltreppe und sie standen in einem langen, geraden Gang. Carter pfiff durch die Zähne, rechts und links des Ganges hingen gut zwei Dutzend Gemälde, in kurzen Abständen.
Carter war ein bisschen enttäuscht davon, für ihn brauchte ein Gemälde Platz zum Atmen, einen Standpunkt für sich selbst. Der Betrachter musste sinnieren, evozieren und dann in Ruhe den nächsten Kosmos betreten. Es herrschte eine Reizüberflutung, aber das ließ sich hier wohl nicht vermeiden.
Trotz der immer stärker werdenden Mattigkeit und dem diffusen Licht hier, er konnte das Ende des Ganges nicht sehen, trat er vor das erste Gemälde und war überrascht, ja fasziniert von der Beschaffenheit des Gemäldes. Es war die Kopie des Triptychons „Der Heuwagen“ entstanden zwischen 1481-1485,das Original hing im Prado in Madrid.
Doch von wegen Kopie oder Original, es war unglaublich, doch Carter konnte nicht sagen, dies sei eine Kopie. Vor ihm hing das Triptychon in all seiner Pracht und Ausstrahlung. Auch wenn es zu den schwächeren Bildern des Malers zählte, trotz seiner dünnen Materie, der teilweise ungeschickten Malweise und den matten Profilen, stellt es hervorragend des pessimistische Weltbild des 15. Jahrhunderst dar und die Gewissenserschütterung der Gläubigen. Was sieht man: der linke Flügel mit dem Sturz der Engel, mutiert in Schwärme von Insekten, Skorpionen und Echsen, den Sündenfall und die Schlange, die den Kindern Gottes den verfluchten Apfel reicht, schließlich die Vertreibung aus dem Paradies und der Blick wandert weiter zum Mittelstück, worin im Zentrum der Heuwagen steht, Symbol der Eitelkeit, alle Klassen um sich versammelnd und Allegorien auf Sprichwörter bildend.
Die Menschen, noch naturalistisch und deutlich, auf ihrer Jagd nach der Illusion, doch schon bricht Boschs Pandämonium hervor und man sieht spottende Dämonen und ihren Zug; welch Gestalten tummeln sich dort, pelzige, fischmäulige, rattengesichtige, schnabelige Wesen begleiten die Menschen in den rechten Flügel, die Hölle.
Carter trat zurück. Pierre näherte sich noch immer lächelnd. „Und? Ist es nicht wunderbar? Doch kommen Sie, ich habe noch so viele Gemälde.“
Carter war kein Experte, nur ein Liebhaber, doch die Farbpalette, die benutzte Leinwand, alles Kopie? Er sah in den Gang.
„Haben Sie noch mehr als hier im Gang? Es heißt, es gäbe nur 30 Gemälde, die man sicher Bosch zuschreiben kann und nur sieben davon sind signiert.“ Pierre entgegnete achselzuckend: „Andere reden von 36 oder 42. Nun, ich enthalte mich des Spekulierens, sehen Sie selbst. Hier, „Die Hochzeit zu Kana“, sehr schön. Viel wurde hineininterpretiert in dieses Werk, ich glaube, es hängt im Museum Boymans-van Beuningen in Amsterdam.“
Carter ging einige Schritte und schaute erneut staunend. Man sah die Tafel, an der viele Menschen saßen und rechts, unter einem Baldachin, saß Jesus. Im Vordergrund vollzog sich das Wunder des Johannesevangeliums, an dem Tisch stand, von hinten gesehen, eine kleine rothaarige Gestalt, die dem Brautpaar einen Kelch reichte. Dieser wurde sehr hochheitsvoll vom Heiland gesegnet, der auf dem Gemälde wie ein Außenstehender, exoterisch, erschien.
Das Interessante an dem Gemälde ist jedoch im Hintergrund ein Diener Satans, der vor einem makabren Altar voller alchemistischer Utensilien die Messe liest und die Speisen verhext. Man meinte hier geheime Initiationsriten einer Sekte zu erkennen, der Sekte des freien Geistes.
Carter wandte sich zu Pierre, vermied es, andere Gemälde anzusehen, um einen klaren Kopf zu behalten und sagte:“ Atemberaubend! Diese Kopien sind Juwelen, auch wenn ich kein Experte bin. Wer könnte oberflächlich betrachtet die Täuschung erkennen? Ich nicht, nein, sie scheinen mir echt.“ Er sah erneut zu den Gemälden und fragte:“ Was hat es eigentlich genau mit dieser Schwanenbruderschaft auf sich? Was war seine Betätigung dort?“
Pierre dachte nach, als ob er alte Erinnerungen hervor kramte und erzählte: „Die Tätigkeiten waren vielseitig, sie sammelten sich zum Gebet, kondolierten Verstorbene und verteilten Almosen, sie lieferten der Kathedrale Schmuck und Bilder, auch einen Altar. Einige von ihnen inszenierten Mysterienspiele, Prozessionen, Tänze und Ballette mit Gespenstern und Skeletten. Sie stellten Kostüme und Masken her und spielten Szenen des Evangeliums nach. Das ganze war ein Karneval, doch die nordische Version, nicht zu vergleichen mit denen der Medici oder der humanistischen Feste in Florenz. Bosch war einer der aktivsten in diesen Spielen.“ „Dann ist es nachvollziehbar, wenn man ihm unterstellte, auch alchemistische Mittel anzuwenden.“
„Ach ja, die Alchemie. Sie durchzog das Mittelalter wie ein roter Faden, sie war allgegenwärtig und stets missgedeutet. Vergessen Sie nicht, was das für Zeiten waren, die Menschheit lebte in der permanenten Angst der Apokalypse. Das jüngste Gericht schwebte über allem wie das Schwert des Damokles. Im 15.,16.Jahrhundert wich diese Angst, um der Angst vor dem Teufel zu weichen. 1484 erscheint die päpstliche Bulle „Summis desiderantes“, die die Abkehr des Menschen von Gott beschreibt, von grausigem Inkubat und Sukkubat schwadroniert und Blasphemien beschreibt.
1487 erscheint Sprengers Zusammenarbeit mit den Dominikanern, das „Maleus Maleficarum“- Hexenhammer-was ein riesiger Haufen von Dummheit und Aberglauben ist; alte Schriften des hl. Bernhard werden ausgepackt, Traktate von Denis de Rijckel verbreitet, die Dominikaner sind besonders fix, Alain de la Roche predigt, Stiche von Cranach erschrecken die Menschen – die Kirche ist in großer Angst, sie weiß vom Niedergang der Epoche und alles gipfelt in einer ängstlichen Mystik und diabolischer Phantastik.“
Pierre endete und starrte Carter an, der erwiderte:“ Nicht zu unrecht, denn in diesem Zeitalter erscheinen sie doch, die großen Alchemisten. Flamel, der 1382 behauptet, die Umwandlung von Quecksilber in Gold vollbracht zu haben und dieses Buch publiziert: Buch von den hieroglyphischen Figuren, das angeblich zurückgeht auf Abraham Judäus. Kurz zuvor wuselten Lullus und Borellus durch das Mittelalter; Albertus Magnus und Paracelsus, vielleicht sogar schon die Rosenkreuzer und Gilles de Rais...“ „Blaubart? Das war ein Stümper, ein Verrückter, den man immer wieder betrogen hat, wie dieser Italiener Prelati, der ihm vorspielte, der Teufel erschiene ihm und dann verstümmelte er sich selbst kreischend, während de Rais zitternd vor der Tür stand.
Der war gewiss kein Eingeweihter, dann eher Arnaldus von Villanova. Aber mein Junge, der Agens wirklicher Alchemisten, auch Spagiriker genannt, war der Stein der Weisen. Diesen sollten Sie sich nicht als Legierung vorstellen, der aus minderwertigen Metallen das Edelste, Gold, macht, sondern als Mittel zu höheren Sphären. Nur die Materialisten unter der Alchemisten, das ist kein Paradoxon, suchten nach Transmutationen zu Gold, die wahren Suchenden wollten den Geist verfeinern, den Körper loslösen von der Geißel der Zeit.“
Der Alte redete sich langsam in Rage und seine Augen funkelten. Carter fühlte sich plötzlich unwohl, ihm wurde heiß und der Gang bog sich vor seinem Auge, die Gemälde schwankten und das Dunkel am Gangende verdüsterte sich zuckend. Er schloss die Augen und öffnete sie erst wieder, als er sich beruhigt hatte. Er war ja auch nicht mehr der Jüngste. Alles schien wieder normal, der Alte starrte ihn jedoch nur seltsam an.
„Warum glauben Sie eigentlich, das Bosch ein Alchemist war?“, fragte Pierre, irgendwie lauernd, seine Gestik hatte sich verändert, er wirkte nicht mehr skurril und offenherzig.
Carter erwiderte: „Er soll doch Beziehungen zu den Adamiten und der Sekte des freien Geistes gehabt haben! Was sonst würde das Pandämonium erklären, das er vor Augen hatte?“
„Adamiten?“ Pierre lachte auf und winkte ab. „Die Antinomisten glaubten an eine Vergöttlichung des Menschen, sie folgten der Apotheose der Einswerdung mit Christi. Sie wollten sich so Athanasie erschleichen und predigten Adams Zustand vor dem Sündenfall, sie waren Nudisten – die ersten der Welt. Und die vom freien Geist predigten die Tugenden der Sexualität, der Nacktheit und verachteten alle gängigen Konventionen. Ihre Stimme war Marguerite Porete, die ihr Evangelium, das „Mirror des simples ames“ schrieb und mitsamt diesem 1310 exkommuniziert und verbrannt wurde oder das war dieser andere Narr, Simon Morin, der sich für die Inkarnation Christi hielt und ebenfalls eingeäschert wurde. Deren Problem liegt in ihrem Anliegen, wer eins ist mit Gott ist unfähig zu sündigen. Wie sollte die ecclesia catholica dies billigen?“
Carter entgegnete: „Also hatte er keinen Kontakt zu hermetischen Gruppen? Doch welche Bücher las Bosch? Woher kamen seine Ideen?“
Spöttisch warf der Alte ein: „Vielleicht berauschte er sich an der Hexensalbe. Ein Göttinger Professor stellte dieses Zeug nach alten Überlieferungen her und testete es an Freiwilligen: alle hatten Visionen von Nachtflügen und grausigen Orgien mit Dämonen. Wer weiß! Aber kommen Sie doch, jetzt kommen die wahren Schätze!“ Er wies nach vorne, sie übersprangen „Die Kreuztragung“ und „Die Dornenkrönung“ und näherten sich dem Gemälde „Die Versuchung des hl. Antonius“.
Dieses Triptychon hing im Original im Lissabonner Nationalmuseum. Antonius nahm ein Einsiedlerleben auf sich, verkaufte all sein Hab und Gut und ging in die Öde, wo Dämonen zuhauf ihn bestürmten. Was sieht man? Auf allen Teilen, dem Mittelstück und den beiden Flügeln, den gebeutelten Antonius inmitten phantastischer Horden und Legionen surrealer Alptraumgestalten. Überall alchemistische Symbole: das Ei, der Schlüssel alchemistischer Symbolik, Schmelztiegel, worin das große Werk entsteht, Phiolen und Destillierkolben, der Ofen der Alchemie. Eine verzerrte Frauengestalt, in einen Baum gezwängt, reitet auf einer riesigen Ratte, mit einem Kind im Arm, dem Ergebnis oder der Frucht des großen Werkes, wieder ein Mensch im Baum, begleitet von kläffenden Wesen, hornbepanzerten Hunden, schnabeligen Succubi und niegesehenen Kreaturen, alle den Antonius bestürmend.
Im linken Flügel ein grausiges Trio, ein schnabeliges Wesen in einer Kutte, ein purpurner Mönch mit Hirschkopf und ein weiterer Mit dem Symbol des Halbmondes. Carters Blick glitt weiter, eine Szene im Mittelstück, worin man einen tonsurierten, rattengesichtigen Mönch sieht, der eine schwarze Messe liest. Sein Mantel ist zerrissen und man sieht sein verwestes Inneres, faulende Knochen und siechendes Blut, neben ihm Komplizen mit Narrentrichtern auf dem Kopf oder einem Nest, worin wieder das Ei zu sehen ist. Und vor ihnen ein zerfetzter Rochen, entblößt und betastet von finsteren Gestalten. Und in den Lüften fliegen riesige Fische und Kröten mit weit aufgerissenen Mäulern, während fern Feuer brennen.
Carter trat zurück, doch Pierre griff ihn am Arm und zog ihn weiter zum „Garten der Lüste“. Dies gilt als eines seiner schönsten Triptychen, wegen der satten Farben, den harmonischen Wesen, dem friedlichen Paradies im linken Flügel, dem Jungbrunnen im Mittelstück, doch Carters Blick klebte fest am rechten Flügel, wo die Hölle sich auftat.
Erneut ein Sammelsurium von Dämonen, die Menschen quälten, ins Feuer schleiften, erneut niegesehene Phantasiewesen, alles in Schwarz und phantasmagorischen Schatten. Immer wieder tobten sie dort, die Legionen der Hölle, die grylle, doch bevor sich Carter davon lösen konnte, zog der Alte ihn am Arm weiter und Carter fand sich vor dem „Jüngsten Gericht“ wieder, das von den Schatten im Gang verdunkelt wurde. Der linke Flügel fiel in den Schatten, das Paradies, doch Mittelstück und rechter Flügel drängten sich strahlend in den Vordergrund.
Die Visionen des Johannes und Symbole zuhauf, der unbeständige Schmetterling, die falsche Ratte, der ungläubige Rabe, der lügende Affe, das lüsterne Rotkehlchen und die Visionen des Tandalus mit seinen von Nägeln gespickten Brücken, über die die armen Seelen schreiten, dem Schlachthaus mit zerstückelten Sündern, dem brennenden Kessel voller kreischender Mörder und bizarre Kreaturen, am schlimmsten des krüppelige Schnabelmonster, blauhäutig und mit Kapuze, das auf Knochen gestützt humpelt. Auf seinem Rücken trägt er einen Weidenkorb, worin ein Menschenkopf zu sehen ist, ängstlich, und auch dort noch wird das Haupt drangsaliert von einem finstern Affen, der es zwickt und beisst. Doch das Schlimmste!
Carter wich erschrocken zurück. Die Augen des Schnabeligen, wie blickten sie teuflisch und wissend, so voller Hass und gier. Carter atmete tief durch und sah Pierre an, der leise lächelte. Er wollte jetzt raus aus dem Gang, an die frische Luft, die Sonne sehen oder auch die Sterne, aber nur raus aus diesem stickigen Gang. Dieses Bild hatte er schon einmal in Wien gesehen, doch hier war es anders, ja lebendig!
Verwirrt schüttelte er seinen Kopf, er musste an die frische Luft.
„Was ist mit Ihnen, junger Mann?“ fragte Pierre besorgt.
„Entschuldigen Sie, aber ich glaube, ich sollte an die frische Luft. Ich bin etwas benebelt.“ Er wollte sich schon abwenden.
„Aber ich habe noch mehr Gemälde. Oben, die Treppe rauf, am Ende des Ganges. Da hängen noch: die „Geschichte Abigails“, die „Belagerung Bethuliens“, „Mardochai und Esther“...“
„Aber das kann doch nicht sein. Diese Gemälde wurden 1629 von den Reformierten zerstört. Wir kennen sie aus den Erzählungen des Gramayes.“ „Nun, es sind natürlich nur Kopien.“
„Kopien von zerstörten Bildern?“, fragte Carter misstrauisch. Pierre lächelte maliziös. „Sie können auch meinen Künstler kennen lernen. Er malt gerade ein neues Bild.“ Das war interessant. Carter vergaß seine Schwäche und fragte:“ Der Künstler ist hier? Wieso malt er ein neues Bild?“ „Oh, inzwischen bringt er eigene Ideen im Stil Boschs auf die Leinwand. Wollen Sie das nicht sehen?“
Ohne abzuwarten ging er voraus, hinein ins Dunkel des Ganges und Carter folgte ihm verwirrt, doch seine Neugier war geweckt. Auch wenn das Dunkel ihm nicht geheuer war, durchbrach er sie und sah noch die Robe des Alten, der erneut eine Wendeltreppe hochstieg.
Das Schloss schien innen größer als von außen, dachte Carter und ärgerte sich über diesen Gedanken. Er folgte dem Alten. Um die Stille zu durchbrechen fragte er Pierre, den er kaum noch sah, so weit war dieser schon voraus geeilt.
„Diese Ideen, dieses Phantastische – was war wohl seine Inspiration? Er muss die Bücher gekannt haben, er muss...“
Lachend unterbrach ihn der Alte. „Und was schon? Ja, vielleicht kannte er die Mysterien der Esoteriker, die Arkana der Hermetiker. Vielleicht lauschte er den Nachfahren der Katharer, den entkommenen Templern, vielleicht las er Rosenkreuz’ „Liber mundi“, vielleicht kannte er das Wissen der Sufis und das der Juden. Las er die Kabbala, legte er sein Schicksal auf in Naibbe oder Tarot? Verstand er Paracelsus oder Flegetanis?“
Pierre lachte und Carter erschrak vor dem Echo, das sich die Stufen hinunter schlängelte; ihm war, als lese er zwischen den Schatten in brennenden Lettern „Terriblis est locus iste“, doch fatalistisch ging er weiter und endlich erreichten sie eine eichene Tür, die verschlossen war.
Pierre war jetzt still und sanft schob er die Tür auf, Carter trat ins Dunkel, es war finster, er hörte, wie die Tür hinter ihm ins Schloss fiel. Was hatte der Alte vor?
Da erleuchteten plötzlich Fackeln den riesigen Saal und Carter zuckte zurück, erschrocken schrie er auf.
Überall im Zwielicht des Saales lagen und stapelten sich nackte Menschen, sie schrieen, blökten und geiferten vor Schmerz, furchtbare Wunden brannten in ihrem Fleisch und Blut floss in Strömen. Sie lagen in Ketten, in Stricken, sie saßen in brennenden Kesseln oder auf Hackklötzen und Carter erkannte Durtal, geschunden, wimmernd. Dann erschienen die Peiniger und Carter glaubte seinen Augen nicht. Da waren sie, die Alpträume Boschs! All die Dämonen und Teufel, all die Schnabelwesen und Bestien, sie brachen hervor aus dem Nichts und stürzten sich auf die Menschen, die allesamt ihre Pein der Nacht verkündeten.
Carter wollte fliehen, hinaus, nur hinaus, doch Pierre versperrte ihm den Weg. Er lachte meckernd auf. „Nanu? Sie sehen erstaunt aus?“ „Was geht hier vor, Sie Wahnsinniger?“
„Was hier vor geht? Sie Narr! Sie glauben, ich bin ein Sammler von Kopien? Elender Narr, ich bin Hieronymus Bosch!
Ich habe den Stein der Weisen gefunden, mir das ewige Leben geschenkt, ich habe alle Mysterien durchbrochen. Die Ideen für die Gemälde? Wie könnte ein Mensch so etwas ersinnen? Ich habe einen Dämonen heraufbeschworen, ihn gefesselt und Ruhm von ihm gefordert. Er willigte ein und er schuf all meine Gemälde, diese malte er nach, um solche Narren anzulocken wie Sie oder Durtal. Den ließ ich einmal gehen, damit er anderen von hier erzählt, als er aber wiederkam, behielt ich ihn hier, denn des Dämonen einzige Bedingung war, die Höllenszenen in echt nachzustellen! Auch Sie werden verewigt werden, mein Lieber! Aber sehen Sie doch, da kommt der wahre Künstler!“ Er wies hinter Carter, der sich umwandte und beim Anblick der Kreatur seinen Verstand verlor.


ENDE

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