Tobias Resch

13 Meter

Vereinzelte weiße Wolken erstrecken sich über ein langes Tal. Durch dieses Tal führt ein kleiner Fluss. Der Fluss trägt jedoch schon seit ein paar Tagen kein Wasser mehr. Nur manchmal ergießt sich ein kleines Häufchen Wasser in den Kanal. Über dem Fluss befindet sich eine alte marode Brücke. Im Mittelalter gebaut und an einigen Stellen fehlen schon die Steine.

Ein alter Mann sitzt auf ihr. Seine Kleidung sieht schon recht mitgenommen aus. Altmodische Kleidung. Neben ihm liegt ein kleiner Korb mit ein paar Essensresten und eine kleine Schachtel Zigaretten. Seine Beine hängen über die Brücke hinaus. Sie baumeln in dem kühlen leichten Lüftchen ohne größeres zutun. Seine Augen sind starr auf das ausgetrocknete Flussbett gerichtet. Diese grauen, kalten Augen. Mit den weißen Haaren auf seinem Kopf. Eine traurige, bemitleidenswerte Person möchte man sagen. “Du kommst, du gehst.” sagt der alte Mann. “Du weißt es und es wird immer so sein.” Er beugt sich nach vorne und stützt sich dann mit seinen Händen am Brückenrand. “Du warst schon vor mir hier. Und du wirst noch nach mir hier sein.” Der Mann richtet sich auf und läuft ein paar Schritte auf dem Brückenrand umher. “Du solltest nicht hier sein, aber es kam so. Die Natur wollte es so.” Die Sonne brannte nun schon fast senkrecht auf dieses kahle Becken. “Du hast deinen Zenit noch nicht erreicht. Du Glücklicher!” Er setzt sich wieder hin und lässt seine Beine weiter im Wind baumeln. “Du wirst so oft besucht. Du kommst in solche fernen Länder.” Er senkt seinen Kopf und schaut auf seine zerrissene Hose. “Du hast schon soviel erlebt. Du wirst noch soviel erleben.” Mit einem müden Lächeln blickt er dann wieder nach vorn, in die Ferne. “Du hast Frau und Sohn genährt. Vater und Tochter. Du hast allen soviel Spaß bereitet.” Das Lächeln verschwindet aus dem Gesicht des Mannes und wird wieder zu dem alten kühlen Ausdruck. “Man sollte dir für alles danken, was du getan hast.” Im Gesicht, mit diesen weißen Haaren auf den Kopf und diesen grauen kühlen Augen, lässt sich eine Träne erkennen. Sie glänzt so schön in der heißen Sonne.

Der Mann steht auf und sieht die 13 Meter bis zum Flussbett hinab.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.03.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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