Heike Rymkuß

Der Traum

 
 
Ich bin eine praktische Frau, gehe arbeiten und lebe mit meinem Sohn Simon zusammen. Zwei Monate, bevor diese Geschichte anfing änderte sich einiges. Ab diesem Zeitpunkt freute ich mich auf die Nächte. Oft legte ich mich hin, schlief ein und wenn dann der Schlaf in den Halbschlaf überging, war er da. Der Mann in meinen Träumen ist jung, groß und schlank mit einem dunkelbraunen Haarschopf und einer hellbraunen Brille auf der langen, schlanken Nase. Erst waren wir nur befreundet, doch schon bald kamen wir uns näher und es wurde eine Liebesbeziehung daraus. Wir spürten von der ersten Sekunde an eine große seelische und geistige Übereinstimmung, und genossen das ausgiebig. Bevor das alles begann hätte ich es nie für möglich gehalten, dass es so etwas gibt. Doch dadurch hört sich die Geschichte nicht glaubwürdiger an, nur weil ich weiß, dass es so passiert ist.     
 
Nach einer besonders gefühlvollen Nacht grübelte ich den ganzen Tag über dieses unheimliche Geschehen nach, als ich nachmittags mit meinem Sohn bei meiner Freundin Kerstin ankam. Kaum waren die Kinder mit lautem Getöse ins Kinderzimmer abgezogen, sprudelten meine Gefühle und Gedanken nur so aus mir heraus.
„Stell Dir vor, ich möchte dir was ganz unglaubliches erzählen. Ich habe im Traum den für mich perfekten Mann  gefunden.“
„Na, und ich dachte jetzt wird’s endlich mal was richtig reales“, antwortete sie etwas enttäuscht. Kerstin macht sich für meinen Geschmack zu viele Sorgen um mich, nur weil ich alleine mit meinem Sohn lebe.
„Also, jetzt höre dir das erst mal an, die Geschichte ist ziemlich unglaubwürdig und ich hoffe du erklärst mich anschließend nicht ganz für plemplem. Ich habe immer den selben Traum, in dem ich mit einem bestimmten Mann zusammen bin. Am Anfang war es mehr eine Liebelei, doch mittlerweile ist etwas viel ernsteres daraus geworden.“
„Also, so im Traum, wie kann da etwas ernstes daraus werden.“
„Ja, das Geschehen ist immer ganz real und es entwickelt sich, manchmal auch in völlig überraschende Richtungen. So weiß ich zum Beispiel, dass er in Frankfurt wohnt, ich könnte dir das Haus in dem er eine Wohnung hat genau beschreiben und weiß dass er Florian heißt.“
Kerstin machte erst mal den Mund zu, ehe sie kopfschüttelnd antwortete: „Das ist wirklich ziemlich unglaubwürdig  – bist du sicher, dass du nicht alles nur geträumt hast?“
„Geträumt ja schon, aber es ist so verdammt real.“
„Aber warte mal – erst neulich habe ich in einer Illustrierten einen interessanten Artikel über Astralreisen gelesen, und da ging es um ähnliches. Die Zeitung habe ich schon weggeworfen, doch soweit ich mich erinnern kann sind da die Träume sehr real. Bevor ich dich für plemplem erkläre, würde ich als erstes an so etwas denken. „
Bevor ich noch etwas antworten konnte flog die Tür auf und hereingestürmt kamen drei streitende Kinder. Für den Rest des Nachmittags waren wir mit unseren Kindern beschäftigt, und  konnten nicht mehr alleine reden.
 
Am Abend, als ich Simon ins Bett gebracht hatte, suchte ich im Internet nach allem, was mit Astralreisen zu finden war, um herauszufinden, was meine Freundin gemeint haben könnte. Und wie immer im Internet, wurde ich nur so von Informationen überhäuft. Noch ganz nachdenklich setzte ich mich vor den Fernseher, um mir eine Talkshow anzusehen. Doch da wurde ich sehr schnell munter, und ich sprang vor Überraschung vom Sessel hoch. Mein Traummann Florian, da in der Talkshow! Ist das möglich? Er sah genauso aus, wie er mir in meinen Träumen begegnet ist. Vor lauter Aufregung ging ich ganz nah an den Fernseher heran, bis ich begriff, dass ich so nicht mehr erkennen konnte. Lange nach dem Ende der Talkshow saß ich noch immer grübelnd im Sessel um dann ganz aufgeregt ins Bett zu gehen, ob er denn zu unserem nächtlichem Rendezvous erscheinen würde. Er enttäuschte mich nicht.
 
Bereits am frühen Morgen rief mich meine Freundin an, ob ich heute Nachmittag nicht zu ihr kommen wolle, um über das Thema Traum weitersprechen zu können. So fuhr ich nach der Arbeit wieder zu ihr.
„Du, ich habe nochmals Neuigkeiten“, sagte ich zu Kerstin kaum dass wir alleine waren. „Ich habe gestern eine Talkshow im Fernsehen gesehen, und stell dir vor – da war er! Er saß im Publikum. Also ganz eingebildet habe ich mir das doch nicht.“
„Dann könntest du ja auch versuchen, seinen Namen rauszukriegen. Ach so, ich glaube gerade die Talkshow die du meinst, habe ich aufgezeichnet, denn mein Bruder Matthias war mit einem Freund auch bei der Aufzeichnung. Das könnten wir uns ja mal ansehen.“
Was wir dann auch taten. Und neben Kerstins Bruder saß mein Florian. Doch das sagte ich meiner Freundin in diesem Moment nicht, denn es klingelte an der Haustür. Auf dem Weg zur Tür sagte meine Freundin noch:
„Ich möchte allen beiden nachher noch anrufen, und ihnen sagen, dass ich die Sendung aufgezeichnet habe.“
Und auf dem Tisch lagen die Telefonnummern.
 
Tagelang trug ich die Telefonnummer von Florian mit mir herum, aber ich fand nicht den Mut anzurufen. Was um alles in der Welt sollte ich ihm sagen? Hier ist eine Frau, die geträumt hat, er sei ihr Traummann? Und was ist, wenn er gebunden sein sollte und das alles nur in meiner Fantasie ablief? Gleich ganz lächerlich machen wollte ich mich nicht. Und so waren die Nächte immer noch wunderschön mit Florian, doch seine Telefonnummer wagte ich nicht anzurühren.
 
Zwei Wochen später hatte Kerstin Geburtstag. Der Tag begann schon in den Abend überzugehen, als Kerstin bemerkte:
„Ah, jetzt kommt ja  mein Bruder. Und er hat Florian mit dabei.“ Überrascht sah sie auf und in meine Richtung.
„Hast du nicht auch von einem Florian gesprochen.......“
Ich merkte wie mir die Röte ins Gesicht stieg und ich nur noch stumm nicken konnte. Da lächelte sie und stellte der ganzen Runde die beiden Männer vor. Den ganzen Abend sah ich immer wieder zu Florian hin, und merkte dass sein Blick auch öfters auf mir ruhte.
„Ich möchte mich gern mit dir unterhalten – aber ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll, dass du mich nicht für total verrückt hältst“, sagte Florian zu mir, als wir kurz unbeobachtet waren.
„Ich würde auch gern mit dir über ein paar Sachen sprechen“, sagte ich unsicher, „ aber das was ich zu sagen habe, ist nicht gerade glaubwürdig.“
Dann wurden wir gestört, aber ich schaffte es ihm unbemerkt einen Zettel mit meiner Telefonnummer zuzustecken.
 
In einigen langen Telefongesprächen tauschten wir uns über unsere Träume aus, und als wir uns das erste Mal verabredeten wurden wir ein richtiges Liebespaar. Die große seelische und geistige Übereinstimmung zwischen uns ist noch größer geworden, auch wenn wir unsere Träume nun in der Realität leben. Ich weiß nicht, was uns da letztendlich zusammengeführt hat, aber das ist heute auch egal, da wir unwahrscheinlich glücklich miteinander sind.
 
 
(c) Heike Rymkuss
 
 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.03.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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