Hans-Peter Zürcher

Mit dem Erstaunen fängt es an

30. November 2004

Kürzlich fiel mir in einer Buchhandlung ein Lesebüchlein von Hermann Hesse mit diesem Titel auf, der mir wie aus meiner Seele gesprochen vorkam.

Der Satz " Mit dem Erstaunen fängt es an, und mit dem Erstaunen hört es auch auf, und ist dennoch kein vergeblicherer Weg " ist unheimlich stark ! und stammt aus einer Betrachtung über uns und unsere Natur aus dem Jahre 1935.

Dieser Satz hat mich dazu inspiriert, meine Betrachtungen und Gefühle über das Erstaunen in Worten zu erfassen :

Können wir Mensch, ob Kinder oder Erwachsene, noch staunen in all dem Überfluss und in dieser ach so reizüberfluteten Welt, in der nur noch Kampf, Zerstörung, Herrschsucht, Macht, Reichtum, Konsum und Lieblosigkeit zählen. Können wir noch staunen in einer Welt, in der kein Platz mehr ist für all die schönen grossen Dinge, in dem kleinen, noch vorhandenen Rest Natur, die uns noch verblieben ist. Können wir noch staunen über all die noch nicht ausgestorben Lebewesen, ob Mensch, Tier oder Pflanze, die in der immer kleiner und enger werdenden Welt noch leben oder zu überleben versuchen.

Sehr oft kommen in mir Zweifel auf, ob dies noch möglich ist. Wenn man sich aber einmal die Mühe mach, genau hinzuschauen oder hinzuhören, wird man mit Erstaunen feststellen können, dass man noch durchaus fähig sein kann, zu staunen. Manch einer muss vielleicht noch ein bisschen üben, bis auch er dies erfahren darf. Vielleicht  hilft da ein wenig eine Rückbesinnung an die eigene Kindheit.

Ja, wir können noch staunen und erstaunt sein ! wenn wir uns nur ein wenig vom ganzen Wahnsinn rundherum und von der heute mehrfach falschen Lebensweise loslösen, mehr in uns gehen und die innere Ruhe suchen. Wenn wir wieder ein wenig menschlicher werden und uns mehr auf unsere inneren Grundwerte besinnen, die Leben, Lieben und Glauben bedeuten und nicht Zerstören und Hassen ! ja, dann sind wir auf dem richtigen Weg, um diese für uns so wertvolle Erfahrung machen zu dürfen.

Was gibt es schöneres, als wenn wir Pflanzen in ihrer Vielfalt und Schönheit in freier Natur betrachten können. Wir werden rasch feststellen, dass wir ins Staunen geraten. Was gibt es schöneres, als Tiere in ihrer freien Wildbahn beobachten zu können, und wir werden feststellen, dass wir staunen können. Was gibt es schöneres, als in die Natur zu horchen, und wir werden staunen, wie vielfältig diese Musik klingt. Was gibt es schöneres, als dass sich Menschen gern haben und lieben, und wir werden feststellen, staunen, wie schön Liebe und Geborgenheit sein kann. Was gibt es schöneres, als sich in ein schönes Bild oder eine Skulptur, die von Menschenhand entstanden ist, zu vertiefen, und wir werden erstaunt sein, was wir beim oberflächlichen Betrachten alles übersehen haben. Was gibt es schöneres, als einer schönen Musik zuhören zu können, und wir werden erstaunt sein, was wir daraus alles erfahren können und was und gegeben wird.

Wir können noch viel mehr ! wir können denken, sehen, fühlen, lieben, reden, lachen und weinen und sind erstaunt darüber, dass wir diese Fähigkeiten in uns haben !..... wenn wir spüren, wie die Sonne unseren Körper wärmt, wenn wir den leisen Wind in unseren Haaren oder auf unser Haut wahrnehmen, wenn wir im Wald die feuchte Erde riechen, das Gezwitscher der Vögel und das Lachen der Kinder hören, wenn wir unsere Freunde umarmen und fühlen ,wenn wir vor Freude oder aus Trauer weinen , dann wird uns bewusst, dass wir Leben, hier und jetzt. Dann sind wir erstaunt über den Reichtum, den wir in uns tragen und mit der Natur besitzen.

Der Mensch muss wieder lernen, dass es wichtigere Dinge im Leben gibt als Geld und Reichtum, als Hass und Gewalt, als Mord und Todschlag, als Erniedrigung und Intrigen, als Zerstörung und er wird mit Erstaunen feststellen, dass er die richtige Richtung eingeschlagen und den richtigen Weg gewählt hat und es kommt Freude auf an all den schönen Dingen, die uns die Schöpfung hergibt und für uns noch bereit hält und wir werden aus dem staunen nicht mehr heraus kommen und sind erstaunt darüber ! wie plötzlich das Leben lebenswert ist !

Und letztendlich müssen und dürfen wir feststellen, was bereits Goethe festgestellt und niedergeschrieben  hat : < Zum Erstaunen bin ich da ! >

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