Nina Munk

Kindbett

25.02.04.:
 
Liebes Tagebuch !
Diese Anrede
erscheint mir irgendwie falsch, aber da sieht man mal wieder, wie wenig Ahnung
ich davon habe, ein Tagesprotokoll zu führen. Liebes Tagebuch? Das hört sich
an, als würde ich ein Teenager in der Vorpubertät sein, in einem rosa Zimmer
auf meinem zartlila Plüschkissen hocken und mit einer ebenfalls
pastellfarbenen  Plüschfeder darüber
schreiben, was ich einmal werden will, wenn ich groß bin. Was soll das überhaupt
bedeuten, Liebes Tagebuch ? An wen genau wende ich mich da ? Einen fiktiven
Freund, der nur zuhört und nie widerspricht ? Der nie eigene Probleme zu haben
scheint, sondern nur erschaffen wurde, um ganz alleine für mich da zu sein ?
Nun, wahrscheinlich ist es so. Vielleicht ist es ja genau das, was viele
Generationen junger Mädchen daran faszinierend fanden, ein Tagebuch zu führen.
Ich für meinen Teil glaube, ich bin schon etwas zu alt für diese absurde
Phantasie einer perfekten Freundschaft, einer perfekten Partnerschaft, die doch
nur einseitig sein kann, wenn nur einer redet und die Meinung des anderen gar
nicht erst abwartet. Herrgott, wurden wir denn alle zu Egoisten erzogen ?
Ich führe dieses
Tagebuch, weil die Ärzte mir dazu geraten haben, einerseits aus medizinischen
Gründen, die ich hier nicht genau erläutern will – okay, wenn schon absolute
Ehrlichkeit gefragt ist, die Gründe, die mir die Ärzte genannt haben, sind an
mir spurlos vorüber gegangen, zum einen Ohr rein,...wie man so schön sagt. Das
nächste Mal, wenn ich einen dieser fliegenden Kittel sehe, bringe ich einen
Dolmetscher mit, jemand, der mir genau erklären kann, was diese bebrillten
Marsianer eigentlich sagen. Noch besser wäre einer dieser Ohrstöpsel aus den
Fernsehshows, ein kleiner Zuflüsterer aus dem Halbdunkel jenseits der Kulissen,
eine zeitverzögerte Übersetzung, sehr praktisch.
Ich weiss
dennoch, auf was sie eigentlich hinauswollten, auch ohne einen Übersetzer zu
beantragen. Es stand in jeder gerunzelten Stirnfalte geschrieben, in jedem
verzogenen Mundwinkel: Halten Sie fest, wie Sie sich fühlen, denn wir kennen
ihre AKTE.
Es beunruhigt
mich ein wenig, dass gerade der düstere Teil meines Lebens schwarz auf weiss
festgehalten wurde, dass irgendwo eine AKTE existiert, die mich brandmarkt wie
ein Mastschwein bei einer Auktion. Es ist, als wäre der Rest meines Lebens
ausgeblendet, der fröhliche Rest, der gute Rest, den niemand für erachtenswert
hält, festzuhalten, irgendwo aufzuschreiben. Wie ich Felix auf dem Flohmarkt
kennenlernte, zum Beispiel. Wie glücklich ich war, als ich erfahren habe, dass
ich schwanger bin. So etwas interessiert sie natürlich nicht, diese bebrillten
Fachidioten, nein. Das einzige, was sie begutachten, was in die AKTE kommt, ist
diese winzige Episode in meinem Leben, als ich einfach für einige Zeit die
Rolläden verschlossen habe und mir die Decke über den Kopf gezogen habe. Als
ich vielleicht ein bisschen zu viel über den Tod nachgedacht habe und weniger
über das Leben. Als ich mich vielleicht ein klein wenig zu oft krank schreiben
habe lassen, weil ich zu Hause lieber die Ritzen an der Wand gezählt habe.
Kein Grund zur
Sorge, es geht mir gut.
Okay, jedenfalls
stand einer dieser Marsmenschen mit mir im Flur des Krankenhauses (kann
eigentlich jemand bei dieser kotzgrünen Farbe der Wände wieder gesund werden ?)
und redete auf mich ein und es blieb nichts hängen im Kleiderschrank meiner
Erinnerung ausser der letzte Teil des letzten Satz : „...und wenn sie es schon
nicht aus den eben erläuterten Gründen tun, dann wegen ihrer Tochter. Ich
verspreche Ihnen, in 18 Jahren wird sie es Ihnen danken.“
Das ist wohl der
wahre Grund, warum ich dies hier tue. Ich weiss, 18 Jahre ist eine lange Zeit
und bis dahin wird noch viel Wasser die Donau hinunter fließen, wie mein
Großvater immer zu sagen pflegte, aber es wäre doch schön, wenn meine Tochter
eines Tages im fernen Land Zukunft zu mir kommt, dieses Tagebuch schwenkend,
während ich in einem Schaukelstuhl auf der Veranda sitze (woher dieser
Schaukelstuhl und diese Veranda auch kommen mag, aber da lasse ich nur meine
Phantasie schweifen). Sie, meine Tochter, mein Kind mit den wundervollsten
blauen Augen, die die Welt je gesehen hat (es sind meine Augen, die mich heute
so klar und neugierig ansehen wie ein tiefer Brunnen, in dem sich das
Brackwasser des Lebens erst noch sammeln wird, leider sammeln wird, muss man
wohl sagen), sie kommt zu mir und ruft erstaunt lächelnd : „Sieh mal, was ich
gefunden habe! Darf ich das mal lesen?“
Ich weiss noch
nicht, wie einmal ihre Stimme klingen wird, auch das liegt im fernen Land
Zukunft, einem Land, in dem die Menschen nur schemenhafte Skizzen sind und die
Landschaft sich ständig verändert, aber ihr Lächeln ist eindeutig das ihres
Vaters, das kann ich heute schon sagen. Es ist dieses leicht spöttisch-liebevolle
Grinsen, das manchmal wie bei einem streicherfahrenen Lausbuben verschämt wirkt
(oje, ich hab die Lieblingstasse meiner Frau unabsichtlich fallen gelassen,
jetzt halte ich die Scherben hinter meinem Rücken versteckt und hoffe, dass sie
es nicht merkt, dann kann ich es vielleicht später auf die Katze schieben).
Manchmal wirkt es auch etwas schulmeisternd ( Süße, bei DEM Thema brauchst du
mir nichts vorzumachen, das weiss ich besser als du) und dann könnte ich jedes
Mal regelrecht aus der Haut fahren. Es ist schon seltsam, wie viele Nuancen ein
geliebtes Gesicht haben kann, wie jede einzelne Stirnfalte plötzlich eine
Bedeutung bekommt, jede Bewegung des Mundwinkels vertraut ist, jeder
Laut...nein, das geht nun etwas zu weit.
 
26.02.04.:
Ich bin erst seit
drei Monaten im Amt und schon wächst mir die Arbeit über den Kopf. Das habe ich
aus irgendeinem Film, ich weiss nicht welchem, auf jeden Fall ist der Spruch
vom Präsidenten der Vereinigten Staaten, der sich in seiner kurzen Amtszeit mit
irgendwelchen Terroristen herumschlagen muss. Ich muss mich zwar nicht mit
Terroristen herumschlagen, und ich bin auch nicht 3 Monate im Amt, sondern erst
eine Woche, aber trotzdem ist es schwieriger, Mutter zu sein, als angenommen.
Ich weiss nicht woher diese seltsame Annahme rührt, es sei ganz
selbstverständlich zu wissen, was so ein kleines Kind braucht, eine Mutter
würde es wissen, warum ihr Kind schreit, ganz intuitiv. Das ist Blödsinn.
Vielleicht sind diese intuitiven Kräfte zugunsten der wenig intuitiven Masse an
Lebensratgebern flöten gegangen, vielleicht bin ich einfach eine schlechte
Mutter, keine Ahnung. Aber soviel steht fest : Wenn Lea schreit, natürlich
vorzugsweise um 3 Uhr morgens, dann brauche ich mindestens eine  Stunde, um die Kleine zu beruhigen und in
dieser Zeit versuche ich alles, was die Checkliste hergibt : Windeln – sauber,
Hunger – nein, danke, kleine Melodien – macht es nur schlimmer.
Besorgt frage ich
mich, ob Lea vielleicht krank ist und es ist mir fast schon zur Gewohnheit
geworden, ein Fieberthermometer neben dem Kinderbett aufzubewahren, nur für
alle Fälle. Es scheint jedoch einen anderen Grund für Leas Weinkrämpfe in der
Nacht zu geben, einen für mich nicht ersichtlichen, als ob das Kind mir etwas
mitteilen will, das für sie ganz selbstverständlich ist wie für andere ein
Händeschütteln oder eine Bemerkung über das Wetter. Sie weint in den stillsten
Stunden der Stadt, um drei morgens, in denen man nur das magnetisch
hypnotisierende Brummen der Oberleitungen hört, anders, schriller als am Tag.
Können Babys Alpträume haben ? Felix meinte, das sei Unsinn, wie sollte ein
Kind, das noch nicht mal 30 Zentimeter weit sehen kann, das sich noch nicht mal
selbständig auf den Rücken rollen kann, einen so grauenvollen Alptraum haben,
dass es eine Stunde lang weint ? Und überhaupt, was soll Lea denn schon
träumen, grinste Felix weiter in gewohnt tadelndem Spott – ja, sogar das
Lächeln passt genau, ich hab es ja gesagt, er sieht dabei immer aus wie ein
Talkshow-Moderator, der sich nur mit Mühe dem geistigen Niveau seiner Gäste
anpasst, dieses : Nun kommen Sie schon, das kann doch nicht ihr Ernst sein.
Wird Lea etwa von
den bösen Teletubbys verfolgt, die sie in ihre dunkle Höhle im ewigen
Oh-oh-Land verschleppen ? Darüber musste ich lachen, obwohl mir der Gedanke,
mein kleines Mädchen könnte Ängste ausstehen, vor denen ich sie nicht
beschützen kann, weil sie ausserhalb meines Zugriffs stattfinden, gar nicht
behagte.
Ansonsten sind
wir eine richtige Bilderbuch-Familie: Prinz und Prinzessin, wobei Prinz sich
täglich mit wichtiger Regierungsarbeit beschäftigt, während Prinzessin zu Hause
sitzt, Kindergeld in Anspruch nimmt, näht, strickt und ein Tagebuch führt (noch
so ein Teenie-Traum, nur reitet mein Prinz nie auf weissen Schimmeln),
Prinzessin Jr., die das schönste Kind im Königreich ist (ich weiss, das
behauptet jede Mutter, doch auf Lea trifft es wirklich zu, ich schwöre), fehlt
nur noch das Schloss und der weisse Gartenzaun (oder der Burggraben).
Das mit dem
Schloss wird zwar noch eine Weile dauern, aber für uns stand immer schon fest,
dass unser Kind einmal in einem Haus aufwachsen wird. Die Wohnung ist einfach
zu klein, und wenn Lea größer wird, gelernt hat, nein zu sagen und wütend auf
uns wird, weil sie in den Sommerferien nicht alleine mit ihrer Freundin nach
England fahren darf (sicher nicht in deinem Alter, Kind, nur über meine Leiche)
ist ein Haus genau das Richtige, um Türen hinter sich zuzuschlagen. Wir haben
uns sogar schon ein paar Häuser in den Aussenbezirken Wiens angesehen, doch
irgendwie passte keines zu uns. Und damit meine ich nicht etwa unsere
finanziellen Möglichkeiten oder die Entfernung zu Schule und Arbeitsplatz,
sondern ein nie zugegebenes und doch vorhandenes Gefühl von Heim und Herd. Ich
weiss zwar nicht genau, wo ich einmal leben möchte oder wo einmal meine Kinder
und Enkelkinder aufwachsen sollen, aber sicher nicht in diesen sterilen
Designerhäusern, die unerhört laut nach Chrom schreien, nach funktionaler
Leere.
Halt – das
Babyphon...ich komme, Schatz.
 
01.03.04:
Liebe Lea!
An Dich
persönlich zu schreiben scheint mir nun das einzig Richtige, das Einzige, das
mir nicht das Gefühl gibt, eine Frau in mittleren Jahren zu sein, die noch
immer Liebesbriefe an den Leadsänger einer Boyband schreibt und um Punkt 12:00
zu Hause sein muss, um `Reich und Schön´ nicht zu verpassen. Wenn ich je so
eine Mutter werden sollte, kauf dir eine Waffe ( natürlich haben wir keine im
Haus, diese paranoiden Wahnvorstellungen eines ominösen Feindes sind eindeutig
zu amerikanisch) und erschieß mich!
Dein Vater ist
gerade zu einer mehrtägigen Konferenz nach Indien aufgebrochen und es hat ihm
das Herz gebrochen, dich und mich zurückzulassen. Tatsächlich ist er drei mal
im Abstand von 5 Minuten wieder zur Tür hereingekommen, angeblich weil er noch
etwas vergessen hat, doch da kenne ich ihn besser, denn er musste jedes Mal
einen Blick auf dich werfen, um sich zu vergewissern, dass du noch da bist. Ich
habe sicher schon eine Million Photos von dir geschossen und natürlich bewahrt
eines davon dein Vater in seiner Brieftasche, aber das Original ist ganz und
gar nicht mit der Kopie zu vergleichen, da muss ich ihm schon recht geben. Nimm
es ihm nicht übel, dass er so selten zu Hause ist, er liebt dich sehr und gibt
dich nicht mehr aus seiner Hand, wenn er am Abend nach Hause kommt. In zwei,
drei Jahren, wenn du etwas älter bist, möchte er sich auch eine Babypause
gönnen, dann werde ich diejenige sein, die dich selten zu Gesicht bekommt, und
er verbringt die ruhigen Tage mit dir. Diese Tage verbringst du wie jedes andere
Baby auch mit dem Versuch, deine Beinmuskulatur mit heftigem Strampeln zu
stärken und das  Mobile aus
Schmetterlingen über dir mit deinen kleinen Fingern zu erreichen. Nur
ärgerlich, dass du noch nicht einmal sitzen kannst, geschweige denn stehen, also
bleibt zu deinem Leid und meiner Freud das Perpetuum noch etwas länger
bestehen.
Die Nächte sind
es, die mir Sorgen bereiten. Wovor hast du solche Angst ? Anfangs dachte ich,
dass deine ausgedehnten Mittagsschläfchen dich in der Nacht wach halten und versuchte
alles, um dich am Tag nicht zu früh einschlafen zu lassen, aber daran liegt es
nicht, oder ? Du schläfst anders, viel ruhiger am Tag als in der Nacht und das
ist nicht bloße Einbildung. Wenn du am Nachmittag aufwachst, siehst du mich an,
als wärst du jetzt, nach diesem exquisiten kleinen Schläfchen, wieder zu neuen
Schandtaten bezüglich der Schmetterlinge über deinem Kopf bereit, aber in der
Nacht...Gestern bin ich auf der Couch eingeschlafen und gerade rechtzeitig um
halb drei Uhr morgens aufgewacht, bevor du neuerlich aus Leibeskräften gebrüllt
hast. Ich habe mich über dein Gitterbett gebeugt und du schlugst die Augen auf.
Es war...ich weiss, wie sich das jetzt anhört, aber mein erster Gedanke war,
auf der Stelle zu verschwinden. Raus aus der Wohnung, weg von dir, weg von
Felix, der Katze, dem Traum von unserem neuen Zuhause. Ich weiss noch, wie ich
unwillkürlich einen Schritt zurück ging, einen Schritt in Richtung Tür, aber
dann war dieses geradezu absurde Verlangen nach Flucht wieder verschwunden,
wenn es jemals da war. Du warst wieder nur...na ja, du, mit in Tränen
schwimmenden großen Augen, aber es waren deine blauen Augen, nicht die
tiefschwarzen, die ich mir in meiner offensichtlichen Übermüdung eingebildet
hatte. Wenn die Augen wirklich der Spiegel zur Seele sind, dann waren diese
Exemplare definitiv der Vorhof zur Hölle. Nein, das klingt wieder so
dramatisch, und es stimmt nicht. Sie waren erfüllt von einer wissenden
Intelligenz, aber nicht einer bösen, sondern einer, die mit hinnehmender Apathie
ihr Schicksal ertragen. Diese absolute Machtlosigkeit darin war es, die meine
Wirbelsäule wie eine Spinne aus Stahl entlag kroch und meinen Kopf mit
klebriger Zuckerwatte füllte, bis ich das Gefühl hatte an heisser Luft zu
ersticken, während mein Körper immer noch diesen einen fatalen Schritt tun
wollte, diesen Schritt hinaus. Ich glaube, es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis
ich meine Finger von dem Gitterbett lösen konnte, eine Ewigkeit, in der du dir
den Schmerz aus dem Leib gebrüllt hast, aber als Felix mit verschlafenen Augen
in der Tür stand, hatte ich dich schon auf dem Arm, klopfte dir sanft auf den
Rücken und schaukelte dich beruhigend. Ich glaube nicht, dass dein Vater etwas
bemerkt hat. Ich hoffe, dass es so ist.  
 
03.03.04:
Ich habe dich gleich
ins Krankenhaus gebracht, gleich nachdem ich aufgewacht bin. Obwohl ich auf der
Fahrt dorthin schon mit jeder Faser meines Körpers gewusst habe, was mich dort
erwarten würde, wollte ich es nicht wahrhaben. Nein, bestätigte mir auch der
Marsianer, Ihre Tochter ist nicht krank, wir haben aber zur Sicherheit ein CT
angeordnet, damit wir alle Eventualitäten ausschließen können. Eventualitäten
ist einer dieser Begriffe, die sicher nicht mehr im Wortschatz eines normal
Sterblichen vorkommen, aber die diese Spezialisten für Fremdwörter oft und
gerne gebrauchen, um sich von der Masse abzuheben. Doch noch schlimmer als
diese neuerliche Flut von Fachbegriffen sind die Blicke der Schwestern zu
ertragen gewesen, diese giftigen Pfeilspitzen der Menschlichkeit. Sie hielten
mich für hysterisch, vielleicht sogar für eine jener Mütter, die um der
Aufmerksamkeit willen ihr Kind ins Krankenhaus schleift. Und das Schlimmste
daran ist, dass sie wahrscheinlich recht haben. Mit meiner gestotterten
Erklärung über die Symptome habe ich mich definitiv ins mentale Abseits
geschossen, und wenn ich nicht so verdammt besorgt, so wahnsinnig panisch
gewesen wäre, müsste ich jetzt nicht einen Termin beim Psychiater des
Krankenhauses wahrnehmen.
Der Alptraum
beginnt schon wie derzuverblassen...vielleichtwarjaallesnichtreal,nichtbr echt, vielleicht bin ich bloß schlafgewandelt und habe mich am Herd
verbrannt...
Aber das hört
sich so unsinnig an, schon allein deswegen, weil die Brandwunde auf meinem
Handrücken sternförmig ist, und wir nichts Vergleichbares zu Hause haben.
Jedenfalls nichts, das sich ins Fleisch brennen könnte.
Die andere
Erklärung wäre...nein, das kann ich noch nicht aufschreiben, das hört sich
selbst in meinem Kopf noch so vollkommen verrückt an, dass es unmöglich wahr
sein kann.
Und wenn ich es
aufschreiben würde, würde es wie etwas klingen, das mich einen Schritt näher zu
einem Abgrund führt, in dem das Tageslicht nie scheint und die Dunkelheit nur
von noch schwärzeren, schemenhaften Schatten abgelöst wird.
Und danke schön,
da war ich schon einmal.
 
10.03.04:
 
Dr. Renezeder
meinte, es wäre sinnvoll, diese Alpträume niederzuschreiben, die mich so
verängstigen, also tue ich es hiermit. Ich halte diesen Psychiater zwar nicht
gerade für ein Genie; er ist so verdammt jung und es fällt mir schwer, ihn
überhaupt ernst zu nehmen. Er war eine Woche lang in Tirol Snowboarden –
Snowboarden? Wie alt kann dieser Junge überhaupt sein ?- und war erkältet. Als
er zu niesen begann, war mein erster Reflex, ihm eines von diesen hübschen
Taschentüchern anzubieten, die auf seinem spiegelglatten Tisch stehen. Fast
wäre ich aufgesprungen, hätte ein Taschentuch genommen und es ihm mit den
Worten : „Fest schnäuzen, Sohn!“ unter die Nase gehalten. Bei diesem Gedanken
hätte ich beinahe laut gelacht, aber unter den gegeben Umständen schien mir das
wenig ratsam.  Seine Diagnose lautete
zwar in dieser ersten Sitzung auf eine Überdosis Stress, aber während er in
seinen schicken, schwarzen Kalender unseren nächsten Termin eintrug konnte ich
noch etwas anderes in seinen Augen erkennen. Übereifer ? Die Gier nach seinem
ersten, wirklich ernsten Fall? Naja, vielleicht bilde ich mir das ja nur ein.
Auf jeden Fall
soll ich jetzt die seltsamen Träume beschreiben, die mich seit einer Woche
heimsuchen wie ein unliebsamer Bekannter, den man plötzlich in jedem Lokal und
in jedem Restaurant wieder trifft, so sehr man sich auch bemüht, ihm
auszuweichen.
Dieses
Traumtagebuch soll helfen, objektiv über das Geträumte zu reflektieren und eine
Art Traumdeutung zu erstellen, wobei ich immer dachte, dass sei sein Job
(Wahrscheinlich ist er mehr damit beschäftigt, Mädels aufzureissen, oder mit
Freunden abzuhängen, oder was auch immer Teenager in seinem Alter heutzutage
tun).
Die Alpträume
begannen vor einer Woche, als du wieder einmal mitten in der Nacht geschrien
hast. Es war wieder halb drei morgens, und ich weiss nicht, wer zuerst
aufwachte. Ich, weil ich schon auf diese Zeit gedrillt war wie ein Pawlowscher
Hund, oder du, die geweint hat. Ich bin zu dir rüber gegangen, hab dich eine
Zeitlang auf meinen Armen geschaukelt und muss dann in dem Sessel neben deinem
Bett eingeschlafen sein.
Aufgewacht bin
ich in einem Schaukelstuhl, der leise auf Dielenbrettern gequietscht hat. Die
Sonne stach mir durch die Augen und noch bevor ich sie öffnete, wusste ich,
dass es Sommer war. Eine Biene versuchte krampfhaft, durch eines der großen
Panoramafenster ins Haus zu gelangen, und welches Geräusch ist mehr Beweis für
Sommer als kleine Flügel, die gegen das Fenster brummen, wie der kleinste,
fehlgeleitete Elektromotor der Welt ? 
Es war das Haus,
das ich mir immer gewünscht hatte. Ich saß auf der Veranda in diesem lächerlich
omahaften Schaukelstuhl, der sich glatt und weich anfühlte, wie etwas, auf dem
schon Generationen vor mir gesessen hatten, und das sich dem jeweiligen Körper
im Laufe der Zeit perfekt angepasst hatte wie ein gut sitzender Taucheranzug.
Die knarrenden Holzdielen sahen neu aus, aber das waren sie nicht, das Holz war
bloß bearbeitet worden, bis es wieder wie neu aussah. Das Haus selbst war
atemberaubend. Klein, ebenerdig, mit einem kleinen Dachgeschoss, eine
unglaublich pittoreske Kombination aus Holz und neuem, weissen Anstrich. Es
drängte sich in die Erde, als ob es sich seines idyllischen Aussehens schämen
würde und versteckte sich  hinter Efeu,
das stellenweise vor die Fenster fiel wie Haare vor Augen. Ein Windspiel drehte
sich sanft klirrend in der sommerlichen Brise, ein Geräusch, dass mir irgendwie
bekannt und vertraut vorkam, obwohl ich nie selbst solche Metallröhren besessen
habe.
Holzstufen
führten in den kleinen Garten, der frisch gemäht worden war, ein Steinofen lud
zu Grillpartys mit hell erleuchteten Lampions ein, lud zu lachenden Menschen
ein, die eine Geburt feierten, eine Beförderung, eine Hochzeit.
Und dann hörte
ich Kinderlachen. Das Lachen meiner Tochter, die in unserem Garten spielte und
mit irgendjemandem redete, dem Gebell nach zu urteilen mit unserem Hund ( wir
haben keinen Hund, dachte ich kurz, nur eine Katze, sie heisst Katze, weil sie
auf keinen anderen Namen hören wollte, das pragmatische Tier). Ich stand jetzt
auf den Stufen zum Garten, obwohl ich mich nicht erinnern konnte, dorthin
gegangen zu sein und spähte in dieses helle Licht ( es ist heiss, die Sonne ist
zu grell), aber der Garten war leer. Der Garten führte auf die Straße, das Tor
stand offen und knarrte wie die Holzdielen (wahrscheinlich das gleiche Holz).
Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße stand ein Briefkasten vor einer
Einfahrt. Ein Rasensprenger bewässerte den Rasen links und rechts zur Einfahrt,
tuckerte in seinem regelmäßigem Tack-tack-tack-trrr-tack-tack-tack. Ich bin
kurzsichtig, trotzdem konnte ich den Namen auf dem Briefkasten erkennen, den
Namen unserer zukünftigen Nachbarn. Kann man eigentlich so detailiert träumen ?

Gerade wollte ich
mich umdrehen und in mein Haus zurückgehen, als Lea meinen Namen flüsterte.
„Mami?“ Direkt in mein Ohr, aber sie konnte doch  niemals schon so groß sein, oder ? Ich wirbelte herum, und dann,
oh mein Gott, sie hatte kein Gesicht! Ich fiel rücklings hin, wollte schreien,
wollte sie nicht ansehen, dieses Ding, das nie meine Tochter sein konnte, aber
dann sah ich es. Sie hatte ein Gesicht, natürlich hatte sie eines, aber es war
hinter einem Vorhang aus schwarzem, dichten Haar verborgen, sodass nicht einmal
ihre Nasenspitze herauslugte, Efeu vor den Fenstern. Aber das war es nicht,
jedenfalls nicht ganz und die Augen tränten mir vor diesem Anblick, der sich
mir entziehen wollte wie ein 3-D-Muster, das sich nie zu einem Bild
zusammensetzte. Es zu sehen war wie jemanden dabei zu beobachten, wie er ganz
langsam seine Nägel auf eine Schiefertafel setzt und sie quietschend
hinunterfährt während die Nägel sich zuerst nach hinten verbiegen und dann
schmerzhaft nah am Nagelbett abbrechen.
Sie stand vor
mir, mit einer blauen Latzhose und roten Turnschuhen, die Schuhspitzen in meine
Richtung gewandt. Doch ihr Gesicht...es war nur der Hinterkopf, den ich sehen
konnte, als ob ihr Kopf falsch auf dem Körper saß, ihr langes Haar fiel über
ihre Brust, ordentlich geschnitten, und dort, wo eine Nase hätte sein sollen,
ein Mund und Augen, war bloß die runde Beule ihres Hinterkopfes. Ich sah das
alles mit schrecklicher Deutlichkeit, sah die Holzdielen hinter ihr zum Haus
hinauf, sah eine Ameise über ihren roten Turnschuh krabbeln, aber Leas Kopf
entzog sich irgendwie meinem Blickfeld, verschwamm, wollte nicht genau gefasst
werden wie eine Bewegung hinter meinem Rücken, die ich spüre, aber nicht sehe.
Schon länger
hielt sie mir ein rot gebundenes Buch hin, aber ich war ausserstande danach zu
greifen. Mit kindlichen Buchstaben aus Plastelin war das Wort „Tagebuch“ darauf
geformt, und da ich dachte, es konnte nicht schlimmer werden, nahm ich es
schließlich doch. Es war leer, die Seiten weiss und unberührt. Ich blätterte
das Tagebuch durch, hektisch, und da, in der Mitte, wurden die Seiten schwarz,
aber nein, fiel mir auf, nicht die Seiten des Buches waren es, die schwarz
wurden, sondern der Himmel über uns. Es war Nacht geworden, eine sternenklare,
leuchtende Nacht wie man sie niemals in der Stadt sieht, sondern nur
ausserhalb, wo der Himmel noch zum Greifen nahe scheint und nicht durch eine
Wolke Smog oder Neonröhren zu etwas belanglos Irrealem verblasst.
Wir waren nicht
alleine. Menschen knieten auf der Straße, ihre Hände waren hinter dem Rücken
gefesselt. Sie waren nebeneinander und hintereinander in militärischer
Formation aufgereiht wie Skulpturen und starrten mit aufgerissenen Mündern in
den Himmel. Alle trugen dieselben Sonnenbrillen vor den Augen, die keine Sonnenbrillen
waren, sondern Nachtsichtgeräte, die auf den Augen klebten und mit ihnen
verschmolzen.
Dann kam der
Meteoritenschauer. Es passierte so vieles gleichzeitig, es fällt mir schwer, es
linear wie eine Schnur zu erzählen, wenn es doch eher ineinander übergehend wie
ein Gordischer Knoten geschah. Das Windspiel über der Veranda veränderte seine
Tonlage, wurde schrill und atonal wie eine Feuerwehrsirene zur Mittagszeit, als
würde eine bevorstehende Katastrophe durch dieses lauter werdende Scheppern und
Klirren angekündigt; mein Pulsschlag beschleunigte sich, wurde eins mit den
schneller werdenden dissonanten Frequenzen der Metallstäbe, die sich jetzt
anhörten wie die Pulsfrequenz eines Monitors in einem Krankenhaus, kurz bevor
die Ärzte hereinstürmen und die Schwestern mit dem Defibrilator anrollen.
Gleichzeitig
fielen weisse Punkte vom Himmel, als würden Leuchtwürmchen abstürzen, dann
hinterließen die Leuchtwürmchen dichte Kondensstreifen am Himmel, Feuerspuren,
die den Himmel brennen ließen und glühende Kreuzmuster ans Firmament malten,
Regenbogen aus geräuschloser Lava. Und gerade, als ich mich besorgt fragte, ob
die Meteoriten auch wirklich in der Erdatmosphäre verglühten, fing Lea an zu
schreien. Sie weinte nicht wie ein kleines Mädchen, sondern wie ein Baby, wie
meine Lea immer um halb drei Uhr morgens weint, und da wusste ich, dass ich
träumte, dass ich ihren Traum durch meine eigenen Augen träumte.
Plötzlich wollte
ich nichts mehr davon sehen. Kann man im Traum sterben? Ist das die ganze
Wahrheit, wenn jemand tröstend sagt: `Sie ist friedlich im Schlaf von uns
gegangen´? Sterben die Menschen in ihren Betten aus Angst davor, was sie in
ihren Träumen erfahren haben, aus Angst davor, was passieren wird? Vielleicht
flüchten diese Leute ja wirklich in die ewige Ruhe, vielleicht ist das der
Notausgang aus dem unvermeidlichen Morgen. Wäre es nicht immerhin möglich, dass
unser Unterbewusstsein unsere Zukunft kennt und dann eine Entscheidungshilfe
anbietet wie in dieser Fernsehshow, in der der Kandidat zwischen verschiedenen
Türen wählen darf? Wählen Sie Tür A, hinter der eine kurze Zukunft lauert, die
direkt in deinen Tod und den Tod deiner Angehörigen und aller Menschen führt
oder wählen sie Tor B, kurz und schmerzlos, jetzt besser als später?   
In meinem Traum
hatte ich das Wahlrecht verwirkt. Es lag nicht mehr in meiner Hand. Ich konnte
nur zusehen wie der Himmel plötzlich weiss und violett wurde, ich konnte nur
fühlen, wie die Luft aus meinen Lungen gepresst wurde und ein stilles Vakuum
die Welt einhüllte, eine Leere, die die Panoramafenster klirrend zum Bersten
brachten und die Dielen auf der Veranda nach innen verbogen. Die Metallrohre
des Windspiels schlugen immer noch hektisch aufeinander ein, aber ich konnte
keinen Ton davon hören, als ob die ganze Welt unter einer riesigen Saugglocke
gefangen war, die jedes Geräusch verbot und verschluckte, wie das Auge eines
Hurricans.
Vögel, denen die
Luft zum Atmen fehlte, stürzten ab und verendeten in sekundenschnelle auf dem
Rasen meines Hauses, der Rasen selbst wurde gelb und rollte sich von selbst
ein, zog sich zurück wie eine Schnecke. Unser Hund – wir werden einen Hund
haben, einen Collie – fiel wie ein Stein zur Seite und blieb liegen. Er blutete
aus den Augen und aus der Nase, doch ihm blieb noch ein vorwurfsvoller Blick
auf mich, bevor er starb. Ich wollte nach Lea greifen, sie an mich ziehen, doch
meine Hand fasste ins Leere. Sie war fort, tot wahrscheinlich und ich konnte
sie am Ende nicht halten, nicht in den Schlaf wiegen, nichts für sie tun.
Die Welt wurde
rot, als meine Augen zu bluten anfingen und aus ihren Höhlen traten. Ich schlug
meine Hände vors Gesicht, versuchte mit Gewalt zu verhindern, dass meine Augen
sich von den Muskelsträngen lösten und einfach aus dem Kopf fielen, aber das
reissende  Geräusch in meinem Kopf war
unüberhörbar das Ende meiner Sehfähigkeit. Ich hatte keine Schmerzen, nur
dieses dumpfe Pochen in meinem Schädel, doch das war mir in diesem Moment kein
Trost, wusste ich doch, dass ich eines Tages diese Schmerzen würde erleiden müssen.
Ich und meine Tochter, mein Mann, meine Eltern und der Rest der Welt.
Ich starb auf dem
Rasen vor meinem Haus, aber es war ein langsamer, quälender Tod. Ich war blind,
konnte nicht atmen, erstickte, betete für ein rasches Ende, das sich einfach
nicht einstellen wollte, hörte die Schreie von anderen, die dasselbe Schicksal
teilten.
Wie lange kann
man eigentlich mit einem viel geringerem Sauerstoffgehalt in der Luft
durchhalten? Wie lang kann man auf einem hohen Berg ohne Sauerstoffmaske
überleben? Ich weiss es jetzt: Eine Stunde, dieselbe Stunde von halb drei Uhr
Morgens bis halb vier Uhr morgens, die Lea durchgehend weint und schreit. Und
ich glaube, man wird zuerst halb wahnsinnig, bevor es endlich vorbei ist...
Aber es war nicht
vorbei, nicht für mich. Plötzlich schwebte ich über dem Haus, meinem Traumhaus
und der netten kleinen Vorgartensiedlung am Rande der Stadt. Ich roch
verbrannte Erde und sah Feuer und Rauch aus mehreren Häusern in der Nähe
schlagen. Der Briefkasten meiner Nachbarn war zu einem Klumpen Metall
geschmolzen, der Rasensprenger rauchte und dampfte noch von den letzten,
sinnlosen Tropfen Wasser. Irgendetwas biss in meine Hand und als ich sie
wegzog, war das Fleisch auf meinem Handrücken versengt und glühte sternförmig
an den verkohlten Enden. Ein kleiner Meteorit hatte mich getroffen, ein
brennend heisses Stück Stein, das nicht von dieser Erde war, aber ich spürte es
kaum,  zu sehr war ich fasziniert und
entsetzt zugleich von dem, was sich vor mir am Horizont abspielte.
Wiens Skyline war
orange und glühte in der flimmernden Hitze der Luft. Hatte dort einmal das
Riesenrad gestanden? Oder dort der Millenium Tower? Die üblichen Bezugspunkte
gab es nicht mehr, nur noch den alles umhüllenden Rauch und verkohlte
Papierfetzen, die durch die Luft wirbelten wie kleine Drachen, die Feuer spien.
Es regnete schwarze Asche und Glassplitter, als die riesigen Fenster der
Bürogebäude das Schicksal meines kleinen Hauses teilten, doch niemand schrie
oder weinte. Ich sah keine Angestellten aus den Büros rennen oder Menschen, die
wie wild auf der Straße durcheinander liefen. Niemand stürzte sich verzweifelt
aus dem obersten Stock seiner Wohnung und keine Mutter beklagte das Schicksal
eines unter den Trümmern begrabenen Kindes. Es waren auch keine Sirenen zu
hören, nur das kreischende Krachen einstürzender Stahlbauten. Da traf es mich
wie ein Schlag: Es gab keine Feuerwehrmänner mehr, die den sinnlosen Kampf
hätten aufnehmen können. Es gab auch keine Menschen mehr, die mit fassungslosen
Gesichtern auf das verdampfende Wasser der Donau starren konnten. Nicht einmal
Kamerateams gab es noch, die dieses unbegreifliche Geschehen aufzeichnen
konnten, für die Nachwelt erhalten konnten.
Es wird keine
Nachwelt mehr geben.
 
10.04.04:
Bin gerade
aufgewacht. Keine Träume mehr, aber von den Schlafmitteln wird mir jedes Mal
übel. Ganz abgesehen von diesem seltsam pelzigen Geschmack im Mund, ein
Geschmack nach Schimmelpilz.
Es ist ruhig in
der Wohnung. Felix arbeitet wieder einmal länger, aber das macht nichts.
Vielleicht hat er ja eine Geliebte und wäre das nicht das Komischste, das die
Welt je gehört hat? Ich liebe ihn, aber selbst das erscheint mir in letzter
Zeit unwichtig. Was hat überhaupt noch eine Bedeutung? Aufstehen am Morgen? Zur
Arbeit gehen? Rechnungen bezahlen und einen Bausparvertrag abschließen? Wofür?
Ich sitze manchmal in der Küche, sehe aus dem Fenster, sehe die Menschen, wie
sie all diesen kleinen Nichtigkeiten nachgehen, als ob sich nichts geändert
hätte. Weiterhin stehen Autos im Stau und hupen, um schneller in die Arbeit zu
kommen, der Fensterputzer geht weiterhin seiner Sissyphusarbeit nach, die
Nachbarin erzählt mit halblauter Stimme weiterhin den neuesten Klatsch. Alles
so wie immer, und dabei ist nichts so wie es sein sollte. Die Uhr tickt, und
sie wird lauter.
Die Lebenden
trauern um die Toten, aber wer trauert, wenn es keine Überlebenden gibt? Die
Welt ? Das Universum? Gott, dessen Wege so unergründlich sind, dass er
beschlossen hat, von vorne anzufangen, zurück zum Start, Monopoly für eine
höhere Macht?
Ich habe gerade
in den Spiegel gesehen. Das Gesicht, das ich damals vor zwei Monaten in Leas
Kinderbett gesehen habe, war meines. Die dunkeln Augen, die Lethargie, die
Leere- die Frau im Spiegel, die Frau in Leas Kinderbett- es ist ein und
dieselbe Person.
Zwei Monate. Habe
ich tatsächlich noch vor zwei Monaten geplant ein Haus zu kaufen?
Ach ja, übrigens
haben wir jetzt einen Hund. Einen Collie-Welpen, den Felix von seiner
Geschäftsreise mit nach Hause brachte. Ich glaube, meine Reaktion fiel anders aus,
als er erwartet hatte...
 
12.05.04
Schön, dieser
Mai, alles blüht, alle blühen auf, auch Felix, Felix der glückliche, der
Zufriedene, der Mann, der in der Vision nicht da war. Wo warst du Glücklicher,
hast du dein Glück woanders gefunden? Ich sehe aus dem Fenster, da blüht ein
Maibaum, ich gehe nicht raus, ich gehe schlafen, mein Kopf ist so flauschig,
bauschig, mag nicht mehr schreiben, Lea weint wieder, vielleicht der
Meteoritenschauer, der schweif, der feurige, der Luftaussauger, wer weiss, wen
kümmerts, ich fass sie nicht an, mag das nicht mehr sehen, was sie sieht,
Windeln wechseln kann der Glückliche auch, aber er ist nicht da, wo ist er,
arbeiten, schon wieder, Konferenzschaltung nach Hongkong, mein Prinz, wichtige
Regierungsarbeit? Und ich, im Schloss, gefangen mit der stechenden Nähnadel,
giftige Nadel, sticht und alles bricht zusammen, verrankt, umrankt mit Efeu wie
Haare vor den Fenstern?
 
07.07.04
Ich muss eine
Entscheidung treffen. Gott sei Dank habe ich die Medikamente abgesetzt, die
hindern mich am Denken. Habe gerade meine letzte Eintragung nochmals überflogen
– verrücktes Zeug, das niemals jemand zu Gesicht bekommen sollte. Ich weiss
jetzt, dass Lea dieses Tagebuch sowieso nie vor meiner Nase schwenken wird,
wenn sie 18 ist, deswegen habe ich mich vielleicht etwas hinreissen lassen,
aber damit ist jetzt Schluss.
Ich wollte lange
Zeit die Lösung nicht sehen, konnte nicht daran denken, weil mir die
Medikamente das Gehirn vernebelt haben, aber dieser Fehler unterläuft mir jetzt
nicht mehr. Ich sehe jetzt alles viel klarer – ich wähle Tor B.
Ich werde
niemanden retten können und es wäre absurd, auch nur daran zu denken. Was soll
ich denn machen? Mit einem Plakat herumrennen und mit der Bibel schwenken wie
einer dieser Fanatiker? Eine Sekte gründen und meine Mitglieder dazu bringen,
sich selbst zu vergiften? Dem Militär eine Skizze schicken, von einem Bunker,
einer Arche Noah, irgendwas, was unsere Zivilisation am Leben erhält?
Niemand würde mir
glauben, wahrscheinlich nicht einmal dann, wenn ihnen schon der Himmel auf den
Kopf fällt. Nicht wenige werden mit einem Ausdruck im Gesicht sterben, der
deutlich schreit: `Das darf doch nicht wahr sein!´ - und vielleicht ist es
besser so, vielleicht ist der unvorhergesehene Tod der gnädigere Tod. Sagt man
nicht den Angehörigen manchmal tröstend, es wäre schnell gegangen? Der
Verstorbene hätte nicht leiden müssen? Und wie oft belügt man sie dabei?
Dr. Renezeder,
der Junge, der wahrscheinlich nicht lange genug leben wird, um eigene Kinder zu
haben, fragte mich einmal, was mich zu der Überzeugung bringt, dass meine
schlimmsten Alpträume wahr werden könnten. Ich wusste, was er hören wollte. Es
stand in seinem Gesicht geschrieben, so überdeutlich wie ein Werbeplakat, das
hinter einem Flugzeug hergezogen wird. Ich gab ihm die Antwort, die sein
Gewissen beruhigte, die ihm den erhofften Erfolg verschaffte, den Erfolg, der
ihm nicht mehr oft in seinem Leben vergönnt sein wird. Also sagte ich etwas in
die Richtung wie, ich glaube nicht mehr, dass meine Träume Visionen sind, sie
sind nur Ausdruck meines Unterbewusstseins und können nicht eins zu eins
übersetzt werden. Viel naheliegender ist eine Stressreaktion, ausgelöst durch
die Tatsache, dass ich Mutter geworden bin und meiner Familie bald ein
Umzug....bla, bla, bla...
Während ich
zusah, wie mir Renezeder ein Rezept ausstellte, glücksselig, seinen ersten Fall
so bravourös gelöst zu haben, erkannte ich, dass niemand mir jemals glauben
würde. Dieser Junge saß vor mir, sein goldener Kugelschreiber eilte über das
Papier und seine Zungenspitze war zwischen den Zähnen eingeklemmt und er war
so...er strahlte diesen Enthusiasmus aus, diesen zukunftsorientierten
Optimismus eines jungen Menschen, der gerade erst die Aufgabe in seinem Leben
erkannt hat. Wie er dort auf diesem feinen Ledersessel mein Rezept ausstellte
und mit dieser Gewissheit in eine für ihn vorgezeichnete Zukunft sah...
Wahrscheinlich überlegte er sich genau in diesem Moment, wohin er im Sommer mit
seinem ersten wirklich großen Gehaltsscheck auf Urlaub fahren soll, oder ob er
sich wohl trauen soll, die junge, hübsche Chirurgin der Intensivstation zum
Essen einzuladen, und die Zeit...die Zeit rann ihm durch die Finger,
unsichtbar, wie flüssiger Stickstoff. Ich wandte den Kopf ab und täuschte einen
Hustenanfall vor, damit er nicht sah, wie mir die Tränen in die Augen schossen,
wie alles plötzlich zu viel wurde.
Tick tack, tick
tack, die Uhr wird lauter.
Heute habe ich
lange auf den Zeitungsausschnitt gestarrt, den einen, der mit dickem Filzstift
schwarz eingerahmt war. Darunter standen die bemüht fröhlichen Worte meines
Mannes, der nur versucht unsere Ehe zu retten; daraus kann man ihm keinen
Vorwurf machen. Und ganz plötzlich war Dr. Renezeders Stimme in meinem Kopf, so
echt, als würde er in seiner zerknitterten schwarzen Jeans direkt neben mir am
Küchentisch sitzen.
`Warum halten Sie
das für real?´
Weil ich nicht
verrückt bin. Ich bin kein religiöser Spinner mit einem Plakat. Ich bin keine
Sektenangehörige. Und ich kann sehr wohl mit dem emotionalen Stress einer Geburt
und eines Umzugs fertig werden. Generationen von Müttern haben das vor mir
geschafft, unter weitaus schlechteren Bedingungen, damit kann ich fertig
werden.
Aber womit ich
nicht fertig werde, ist ein schwarz-weiss-Bild in einer Tageszeitung, ein eingerahmtes
Bild mit der fröhlichen Botschaft meines Mannes, meines zukünftigen Ex-Mannes,
wie mir der Traum deutlich gemacht hat.
`TRAUTES HEIM,
GLÜCK ALLEIN?´
Ein eingerahmtes
Bild und die Kontaktadresse der Nachbarn – das war alles, um meine Entscheidung
zu fällen. Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere, heisst es doch
so schön, aber als ich dort an meinem Küchentisch saß, mit der Stimme meines
Psychiaters im Ohr und das laute Ticken einer Küchenuhr im Hintergrund, war es,
als ob alle Türen durch einen kalten Luftzug zuknallen und sich automatisch
hermetisch verriegeln. Ich saß in der klaustrophobischen Falle einer
stockdunklen Gefängniszelle, probierte zitternd  alternative Türklinken, die sich nie wieder öffnen lassen würden.
Doch jetzt weiss ich es, jetzt weiss ich, was zu tun ist...
Der Hund kaut auf
Felix Socken herum und jedes Mal, wenn ich ihn ansehe, sehe ich das Blut aus
seinen Augen quillen, den vorwurfsvollen Blick, den er mir zuwirft, die roten
Augen, die mich anstarren und sagen: Warum hast du das nicht verhindert? Du
bist das Frauchen, du triffst die Entscheidung, also warum lässt du mich so
leiden?
Natürlich habe
ich auch die Alpträume wieder, sie sind zurückgekehrt wie chronische
Krankheiten, aber es macht mir jetzt nichts mehr aus. Ich habe gesehen was
passieren wird und meine Tochter hat mir einen Ausweg gezeigt.
 
14.07.04
Dies wird mein
letzter Eintrag. Ich versuche vielleicht, all das Unbeschreibliche vor mir noch
hinauszuzögern, aber mir bleibt keine andere Wahl, ich muss es niederschreiben.
Ich habe dieses Tagebuch in einer anderen Zeit, in einem anderen Leben
begonnen, ich muss es jetzt zu Ende bringen. Ich weiss nicht, ob ich mir
dadurch selbst Absolution erteilen möchte, oder ob mir die Nachwelt vielleicht
nur verzeihen kann, wenn sie das hier liest,...
Felix ist weg.
Wir hatten einen riesigen Streit, in dem es um etwas ganz Belangloses ging, um
die leere Tüte Milch, die er wieder einmal in den Kühlschrank gestellt hat,
aber es war nur ein Vorwand, um ihn loszuwerden, es war nur ein Vorwand, seinen
argwöhnischen Blicken für ein paar Stunden zu entkommen. Ein paar Stunden
werden ausreichen.
Es tut mir so
leid, mein geliebter Prinz! Gib dir nicht selbst die Schuld daran, das hat
nichts mit dir zu tun! Du warst ein guter Ehemann, ein fantastischer Vater,
also belaste den Rest deines Lebens nicht mit Schuldgefühlen. Folge mir, wenn
du kannst, ich werde warten. Du hast recht: Das Haus war mein Traumhaus, in
doppeltem Sinne. Ich habe es gleich erkannt, als ich den Namen der Nachbarn
gelesen habe, der als Kontaktadresse angegeben war: Gottfried. Als Nachname
ungewöhnlich, nicht wahr? Aber ich habe den Namen schon einmal gelesen, auf dem
Postkasten in meinem Traum, in unserem Traum, dem von mir und dem meines
Kindes. Ich wette, es hat eine Veranda mit alten Holzdielen, die erst
abgeschliffen werden müssen und einen alten Schaukelstuhl auf dem staubigen
Dachboden, vergessen von den Vorbesitzern und trotzdem zu schade, um ihn
wegzuschmeissen. Ich wette, das Efeu vor den Panoramafenstern ist noch nicht so
lang und dicht, wie ich es in Erinnerung habe, aber das wird es werden, wenn du
ihm etwas Zeit gibst.
Ich wette, unsere
Tochter wäre eine wahre Schönheit geworden.
Im Bad höre ich
das Wasser plätschern, die Badewanne ist schon halb gefüllt. Ich gehe jetzt.
Wir gehen jetzt.  Es gibt nichts mehr zu
schreiben.
Tick, Tack, Tick,
Tack, die Zeit steht still.
 
ENDE

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.04.2005. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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