Yvonne Habenicht

Buchvorstellung: Heiter Bis Wolkig

  Kleine Erzählungen aus dem Alltag, wie der Titel schon sagt: Heiter bis wolkig. Ein kleines unterhaltsames Büchlein.

Inhalt:
Erzählungen. Eine Rattewird zur freundlichen Geellschafterin einer alten Dame, drei Damen im Café offenbaren heimliche Träume, eine neue Nachbarin sort im dorf für Spekulatinen, Ein aussteiger sucht sein Heil im Wald und Frau auf Partnersuche trifft den Falschen Typ ...
Hier werden vorkommnisse aus dem ganz normalen Alltagschaos zu unterhaltsamen bis nachdenklichen Geschichten, erzählt mit feundlich humorvollem Blick auf unsere Mitmenschen.

Leseprobe:
Die magere Gans


Etwas Absonderliches tat sich seit einigen Jahren bei den Gänsen der benachbarten polnischen Bauern Kozlowski und Borkowski. Wenn die Schlachtezeit nahte und anderswo die Gänse noch weißer wurden vor Todesangst, dann schnatterten die Gänse dieser Bauern froh miteinander, sie versammelten sich und neigten allesamt die Köpfe, fraßen noch eifriger als zuvor, und wenn es ans Schlachten ging, dann watschelten sie zu zweit und zu dritt mit erhobenen Hälsen herbei, als könnten sie es gar nicht erwarten. Den Bauern war es nur recht, doch, was sie nicht wussten, war, dass der große Ganter Wladyslaw - Begatter zahlreicher schöner Gänse und Vater unzähliger fetter, zartfleischiger Töchter - vor längerer Zeit eine Erleuchtung hatte. Danach hatte er seine Gänse und Ganter zusammengerufen und ihnen ihre besondere Rolle im Ablauf des kirchlichen Kalenders klar gemacht.
"Hört mich", begann Ganter Wladyslaw seine feierliche Predigt, "ihr müsst wissen, dass uns Gänsen eine ganz besondere und hohe Ehre zukommt. Uns ist gegeben, die Krönung des schönsten Festes, des Weihnachtsfestes, zu sein. Und ich sage euch, darum gehen wir auch mit besonderer Würde ins ewige Tierreich ein, wo wir die Hochachtung aller Tiere genießen werden. Unser Tod ist kein bitteres Ende, sondern eine hochheilige Angelegenheit. Kaum einem Tier ist ein ruhmreicheres Dahinscheiden vergönnt als uns, die wir zu Weihnachten auf schön gedeckten Tafeln liegen, im Lichterglanz geschmückter Tannenbäume, als Höhepunkt des Jahres. Also nehmt eure Rolle ernst, fresst, werdet dick und zart, und erwartet freudig den großen Tag eures heiligen Opfers."
Von da an wurden die Gänse auf den beiden Höfen besonders fett. Auch trafen sie sich regelmäßig unter Leitung von Wladyslaw zum Gebet und schnatterten ergriffen Choräle, deren Melodien sich Wladyslaw bei seinen Gängen um die Dorfkirche eingeprägt hatte. Sie wurden eine fanatisch gläubige Gemeinschaft, deren ganzes Streben dahin ging, ihrer Rolle am Weihnachtsfest gerecht zu werden.
Einzig die Gans Jadwiga watschelte traurig mit hängendem Kopf herum und haderte mit ihrem Schicksal, denn sie war mit einem seltenen Makel behaftet. Sie konnte fressen so viel sie wollte, sie wurde einfach nicht fett. Schon ihre Mutter hatte darunter gelitten und war am Ende schmachvoll in Katzendosen gelandet. Der Prediger Wladyslaw riet ihr, noch mehr zu beten, sich wenig zu bewegen und bis zur Dunkelheit zu fressen. Doch das führte bei Jadwiga nur dazu, dass ihre Beine schwach wurden und sie unter anhaltenden Bauchschmerzen litt. Tieftraurig beobachtete sie ihre fetten Schwestern und Tanten, wie sie einander stolz ihre zunehmenden Polster zeigten, die dicken Brüste herausstreckten und einhergingen wie Königinnen.
Die Bauersfrau warf der dünnen Gans die besten Brocken zu, jagte die anderen um sie her weg, weil sie glaubte, sie würden Jadwiga alles wegfressen. Doch es half alles nichts, diese Gans wollte und wollte nicht dick und rund werden. Sie wackelte auf ihren vom vielen Sitzen geschwächten Beinen einher, ließ den Kopf hängen und vergoss so manche bittere Träne. Als die Schlachtezeit kam und die übrigen Gänse im Chor ihre frommen Lobgesänge ertönen ließen, verkroch sie sich schamhaft. Es nützte ihr nichts, sich heimlich zwischen die fetten Schwestern schmuggeln zu wollen, um doch noch den Opfergang antreten zu können um nach feierlicher Aufbahrung auf einem reich gedeckten Tisch beim Weihnachtsfest in die gelobte Ewigkeit einzugehen. Die Schlachter scheuchten sie mit höhnischem Gelächter beiseite: "Husch, husch, weg mit dir, du Hungerlatte. Keinen Zloty würde uns das magere Vieh einbringen."
Wieder fraß und fraß Jadwiga, betete noch mehr, tat alles, was der große Wladyslaw ihr riet und wurde doch nicht fett. Die Bauersfrau hielt sie von den Gantern fern, damit sie nicht noch weitere dünne Gänse ausbrüte. Bald hätte es auch nichts mehr genutzt, zuzunehmen, denn sie war in ein Alter gekommen, wo das Fleisch einer Gans zäh wird. Sie dachte sogar des Öfteren daran, ihrem unseligen Leben selbst ein Ende zu bereiten. Doch wusste sie nicht, wie sie das anstellen sollte.
Inzwischen waren auch die Kinder des Bauern größer geworden und übernahmen nun oft das Füttern der Hühner und Gänse. Es fiel ihnen auf, wie Jadwiga immer allein abseits der anderen Gänse stand. Sie tat ihnen leid, weil sie so mager und traurig war.
"Sie ist so dünn und schon alt. Bestimmt friert sie im Winter. Wir nehmen sie mit ins Haus", entschieden die Kinder. Sie entwickelten große Zuneigung zu der alten Gans, die so anhänglich war und dankbar, weil die Kinder sie nicht missachteten wegen ihrer Magerkeit. Sie durfte sich in der riesigen Küche bei den Katzen einkuscheln, die gemütlich schnurrten und von denen keine den Ehrgeiz kannte, so schnell wie möglich fett zu werden. Die Katzen duldeten sie, weil sie Respekt vor ihrem Schnabel hatten. Sie lachten allerdings verhalten über Jadwigas Geschichten von der heiligen Opferrolle der Gänse. Eine Katze, meinten sie, habe neun Leben und würde die alle aufs Beste genießen. Ohnehin seien vor dem Schöpfer alle Tiere gleich, ob nun fett oder mager.
Für die restlichen Jahre ihres Gänselebens war Jadwiga nun mit dem Schicksal versöhnt. Sie sagte sich, dass es vielleicht gar nicht so schlimm sei, nicht das Weihnachtsfest auf einem prächtigen Tisch zu krönen, wenn man stattdessen alljährlich an den vielen Festen der Menschen und Katzen teilnehmen konnte, die besten Bissen bekam und ein warmes Plätzchen hatte. Nur wenn sie ihre prächtigen Schwestern goldbraun aufgebahrt zwischen all dem Kristall und Tafelsilber sah, spürte sie ein wenig Wehmut. Dann aber tröstete sie sich, dass Gott es mir ihr nicht so schlecht meinen konnte, wenn ihr ein so feines Leben vergönnt war.
So überlebte sie alle ihre Gefährtinnen und sogar den Prediger Wladyslaw um viele Jahre. Schließlich legte sie sich eines Tages satt und des Lebens müde in eine Ecke und starb mitten im friedlichen Schlaf. Die Kinder schaufelten ihr ein Grab, taten sie in einen Pappkarton, über den sie Erde häuften und Blumen streuten. Sie legten einen flachen Stein darauf, in den ein Junge Jadwigas Namen geritzt hatte und sangen ein Lied.
Die übrigen Gänse kamen hinzu und sahen mit Verwunderung, wieviel Ehre ihrer mageren, verpönten Gefährtin zuteil wurde. Sogar die Katzen hatten sich eingefunden, um von Jadwiga Abschied zu nehmen. Zweifel befiel die Gänse, ob der Opfergang für den Weihnachtstisch wirklich eine lohnende Lebenbestimmung sei. Was hatten sie denn, außer sich die Bäuche vollzustopfen und am Ende unters Messer zu kommen? Gut, dafür mochte Viehzeug, wie sie es waren wohl da sein, aber was war besonders Heiliges oder Verdienstvolles an ihrem kurzen Leben, das in schönster Blüte beendet wurde. Diese Jadwiga war alt und weise geworden, war geliebt und verwöhnt worden und eines gewaltlosen, friedlichen Todes gestorben. Sie ruhte in einem wunderschönen Grab und ein Stein trug ihren Namen. Bei ihnen würde höchstens bei dem einen oder anderen Menschen Bauchweh an ihre Existenz erinnern.
Empört schnatterten sie miteinander, wie scheinheilig das ganze Gerede von Wladyslaw gewesen war, und sie fühlten sich sehr dumm, darauf hereingefallen zu sein. Von jetzt an, so beschlossen sie, wollten sie Jadwiga nacheifern. Sie hörten auf ständig zu fressen und verloren bald alle sichtbar an Gewicht. Kein Tierazt fand die Ursache dafür. Die Gänse lachten sich in die Flügel. Manche erzählten, sie hätten Jadwiga im Traum gesehen, und sie habe sie sehr gelobt, dass sie zur Vernunft gekommen gekommen seien und nun so lange wie möglich leben wollten. Als der Schlachtetag kam, war keine einzige von ihnen brauchbar für einen Braten.
Die Bauern Kozlowski und Borkowski versuchten es noch ein Weilchen mit ihnen, dann verlegten sie sich auf die Schweinezucht.
Dank der Kinder der Bauern entgingen die dünnen Gänse einer Notschlachtung. Von Jadwiga würden sie aber noch ihren Kindern und Kindeskindern erzählen. Sie würden sie warnen, allzu vertrauensvoll und ohne eigene Vernunft auf gewaltig klingende Worte zu hören.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 2009-08-08. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).