Peter Spiegelbauer

Cathriné - Toreador - Teil 2

Amor tollit timorem

"Madmosielle! Darf ich bitten?" Edmónt verbeugte sich ansatzweise, als er der Dame seinen Arm darbot.
Catheriné musterte ihn kurz bevor sie sich schließlich doch, mehr als widerwillig, seine Hilfe annahm. Seinen Arm als Stütze benutzend stieg sie aus der Kutsche.
'Schmieriger kleiner Lackaffe', zuckte es durch ihren Kopf.
Sie war sich ihrer gesellschaftlichen Stellung durchaus bewusst. Seit dem sie in eines der einflussreichsten französischen Adelshäuser eingeheiratet hatte, musste sie ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen auf sämtlichen Ebenen nachkommen. Untergebene, wie dieser Botenjunge Edmónt, waren zu diskreditieren, wann immer sich die Gelegenheit ergab. So wurde es von Catheriné verlangt und sie hielt sich auch daran. Manchmal sogar mit einiger Überschwänglichkeit. Dies wurde vom Adel fast schon zu einer Art Sport erhoben. Wer seine Untergebenen am schlechtesten behandelte, war auch für bessere Posten, Ämter oder sogar lukrative Staatsgeschäfte geeigneter als andere. Der Adelsstand musste mit aller Macht ein Aufbegehren der bürgerlichen Stände verhindern, und so kam es, dass mehr und mehr Druck erzeugt wurde um die Bediensteten einerseits beschäftigt zu halten, und andererseits den Klassenunterschied zu verdeutlichen.
Edmónt begleitete sie, mit aller zur Gebote stehenden Höflichkeit, zur Herrschaftsvilla von Marcell Thurànt. Marcell schien einer wohlhabenden Familie anzugehören. Catheriné hatte schon viel über diesen jungen Maler gehört. Er schien sehr viel im Ausland unterwegs zu sein und man erzählte sich, er habe schon einige sehenswerte Modelle portraitieren dürfen. Sie war gespannt, was dieser Abend für sie bereithalten würde.
Es begann bereits dunkel zu werden, als sie die flachen Stufen des Anwesens bestieg. Ihr Kleid schleifte ein wenig auf dem staubigen Boden, schien allerdings nicht den geringsten Schmutz auf sich haften zu lassen, sondern eher darüber hinwegzuschweben.
Die Eingangshalle hatte die grösse eines kleinen Ballsaals. Die Treppen, die Mosaike in Boden und Decke, die Büsten in den Ecken,… all das war aus weißem italienischem und schwarzem spanischem Marmor.. Poliert und sauber  herausgearbeitet worden. Zwei große Kronleuchter hingen von der Decke. Catheriné hatte diese Bauart von Kronleuchtern noch nie gesehen. Verwundert starrte sie einige Zeit darauf. Sie bemerkte gar nicht das zwei Diener sich daran machten die Kerzen zu entzünden, um so die Finsternis zu vertreiben, welche bereits seit einiger Zeit das Haus zu erfüllen schien.
"Venedig." Marcell musterte sie gespielt flüchtig, da er sie schon seit einiger Zeit von einer dunklen Ecke heraus angestarrt hatte, während sie sich die Beleuchtung ansah.
"Äh… Pardon?" Catheriné war überrascht über das plötzliche Erscheinen ihres Gastgebers.
"Ich erstand diese zwei Meisterwerke in Venedig. Doch fragt mich bitte nicht nach dem Preis. Er könnte euch Farbe ins Gesicht zaubern, welche euch noch unwiderstehlicher machen könnte, als ihr ohnehin schon seid." Mit diesen Worten nahm er galant ihre Hand und hauchte ihr einen Kuss auf den Handrücken, ohne dabei den Blick von ihren leicht glänzenden Augen zu nehmen. Langsam ließ er ihre Hand wieder los. Noch nie hatte sie jemand auf so intime Art und Weise angesprochen. Es waren nicht die Gesten, Worte oder gar seine faszinierende, charismatische Erscheinung. Bar jeder logischen Erklärung wurde sie in den Bann seiner Person gezogen, ohne auch nur die geringste Möglichkeit zu haben sich dagegen zu wehren.
"Ihr seid sehr… zuvorkommend. Ich würde gern mehr von eurem Anwesen sehen, wenn ihr gestattet." Catheriné musste ihre ganze Willenskraft aufbieten um nicht wie eine Beute zu wirken, die längst gejagt und erlegt war.
"Nichts lieber als das, verehrte Comtesse." Marcell richtete sich mit einer eleganten Bewegung auf, umfasste ihre Taille und führte sie mit sanftem Druck in den angrenzenden Speisesaal.
"Die Reise muss wahnsinnig anstrengend für euch gewesen sein. Ich werde umgehend veranlassen, das man euch ein Mahl zubereitet, damit ihr euch ein wenig stärken könnt." Mit einem Lächeln, führte er sie zu einem Stuhl am Kopfende der Tafel.
Der Saal wurde von einer riesigen Tafel dominiert, welch von mehreren handgeschnitzten Stühlen umgeben war. Seit sie das Haus betreten hatte, hatte sie der Luxus, mit welchem jede einzelne Räumlichkeit dieser Domäne ausgestattet war, im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos gemacht. Als sie saß, schickte er sich an, auf der gegenüberliegenden Seite Platz zu nehmen. Während er die lange Tafel abschritt, gab er einem Diener, den Catheriné erst jetzt bemerkte, ein paar knappe Anweisungen. Sie musterte Marcell eingehend von oben bis unten. Man konnte unter seiner eleganten Kleidung einen durchaus trainiertenierten und sehr maskulinen Körper ausmachen. Der Diener verließ den Saal um den Anweisungen seines Meisters nachzukommen. Marcell setzte sich an das gegenüberliegende Ende und war nun gut und gerne zehn Schritt von ihr entfernt.
"Während wir auf eure Speisen warten, könnten wir uns doch ein wenig eingehender unterhalten. Wart ihr schon einmal in Paris?" Marcells smaragdgrüne Augen schienen sich bei diesen Worten bis in ihre Seele zu bohren.
"Nein. Ich hatte noch nicht das Vergnügen, obwohl in Paris einige Verwandte meines Mannes leben. Wie stehts mit euch? Welche Städte habt ihr in eurem jungen Leben schon bereist?" Catheriné kam es fast wie ein Sieg vor, endlich den Mut zu einer Gegenfrage gefunden zu haben.
"Gesehen hab ich schon so einiges. Aber ich fürchte, ich würde euch mit meinen Anekdoten nur langweilen." lachte Marcell.
"Ganz im Gegenteil. Erzählt mir von euren Reisen." Sie hing wieder voll und ganz an seinen Lippen.
Ausführend und ohne auch nur das geringste Detail auszulassen, begann Marcell von seinen Reisen zu erzählen. Einige waren erfunden, doch die meisten entsprachen der Wahrheit.
‚Was tut man nicht alles um kleine Mädchen zu beeindrucken’, dachte er bei sich, während er fortfuhr mit seinen Abenteuern.
„…und so kam es, dass es mich eines schönen Tages schließlich auch hierher verschlug.“, beendete er seine Ausführungen.
„Beeindruckend.“ Stammelte Catheriné.
Sie hatte kein Zeitgefühl mehr. Es konnten Augenblicke seit ihrer Ankunft vergangen sein, oder Jahrhunderte. Auch der Raum, das Gebäude und seine exklusive Einrichtung schienen ihr mit einem Mal tausende Kilometer entfernt. Nur Marcell und seine Worte waren ihr wichtig. Mit Verwunderung stellte sie fest, dass selbst ihr Ehemann nur mehr eine schemenhafte Gestalt aus grauer Vorzeit zu sein schien. Unwillkürlich fühlte sie sich an jenen Nachmittag im Wald erinnert, als sie ihre Unschuld auf so ausergwöhnliche Weise verloren hatte.
 

Diese Geschichte basiert zum größten Teil auf den Rollenspielbüchern von White Wolf, genauer gesagt auf den Sourcebooks von Vampire the Masquerade. Da es dieses Spielsystem schon seit vielen Jahren nicht mehr gibt, und es demnach kaum noch von irgendjemandem heutzutage gespielt wird, wollte ich dieser Kindheitserinnerung von mir Tribut zollen, in dem ich einige Geschichtsfragmente dazu verfasste.
Es tut mir leid, wenn sich der eine oder andere Leser erst ein wenig durch-googeln muss, um zu verstehen worum es in diesem Spielsystem überhaupt geht, beziehungsweise um den Hintergrund der Geschichte zu verstehen. Ich bedanke mich schon jetzt für euer Verständnis.
Da ich diese "Kurzgeschichte" schon seit Langem nicht mehr überarbeitet habe, bin ich für jeden konstruktiven Vorschlag zur Verbesserung des Textes dankbar. Liebe Grüße Peter Spiegelbauer
Peter Spiegelbauer, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.04.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Wie herbstlich wird die Dämmerung,
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