Heinrich von Buenau

Zurueck gelassen in einem fremden Land!

"Wenn jemand hundert Schafe hätte, und eines würde weglaufen und sich in der Wüste verirren, würde er dann nicht die neunundneunzig Schafe zurücklassen, um das verlorene zu suchen, bis er es wiedergefunden hätte" (Lukas 15,4)

Im Alter von zwölf Jahren wurde ich von meinen Eltern für eine Ferienfreizeit in Österreich angemeldet. Einem Land voller wundervoll hohen Bergen, großen Seen, schöner Wiesen und herrlichen Wäldern! Es gibt kaum einen besseren Platz für die Sommerferien. Jedenfalls wüsste ich keinen!
    Ich erinnere mich noch ziemlich genau an den Ort, wo wir fünfzig Jungen und unsere fünf Betreuer untergebracht waren. Es war ein recht abgelegenes großes Holzhaus ganz in der Nähe eines großen Sees. Wenn man von uns aus hinüberblickte, konnte man zwei hohe, auf den Gipfeln mit Schnee bedeckte Berge sehen. Ein wirklich majestätischer Anblick!
     Es waren drei sehr schöne Ferienwochen mit viel Spaß und täglich Nudeln, dem österreichischen Grundnahrungsmittel. In meiner Erinnerung wäre außer diesem guten Gefühl wenig Konkretes übriggeblieben. Ja, wenn da nicht jene zwei Tage gewesen wären, als für einen Moment der Himmel die Erde berührte. Und dies kam so:
Für die letzte Woche war eine zweitägige Fahrradtour geplant. Und zwar sollte es zum Millstätter See, in einiger Entfernung von unserem Ferienlager gelegen, gehen. Mit Zelten und Schlafsäcken für eine Übernachtung im Freien.
     Natürlich hatte ich mich ebenso wie 14 andere Jungen angemeldet. So ein Abenteuer wollte ich mir einfach nicht entgehen lassen, zumal die kleine Expedition von Thomas, meinem Lieblingsbetreuer, geleitet werden sollte.
     Am Samstagmorgen marschierten also Thomas und 15 gutgelaunte Jungs in das nahegelegene Dorf, auf unseren Rücken kleine mit Proviant gefüllte Rucksäcke und jeder mit einem Schlafsack unter dem Arm. Vor einem Fahrradverleih hielten wir an.
    Ein Mann mittleren Alters kam heraus. Er begrüßte Thomas mit einem Handschlag und führte uns dann in einen Hinterhof. Dort standen in Reih und Glied aufgestellt 15 Jugend- und ein Herrenrad. Der Mann lächelte: "So, das sind eure! Viel Spaß damit!" Dann drehte er sich auf dem Absatz um und ging fort. Sofort stürzten die ersten von uns los und schnappten sich einige der Fahrräder. Die anderen folgten kurz darauf und nach einigen Augenblicken saß jeder auf einem Rad.

Ich kann nicht genau sagen, warum ich auf meinem Platz neben Thomas stehen geblieben war. Vielleicht weil ganz allgemein kein Durcheinander mochte? Oder weil ich allgemein zu einer gewissen Langsamkeit neigte? Als Resultat meines Zögerns starrte ich nun auf das einzig übriggebliebene Rad. Es war das kleinste und schlechteste von allen!
     Hilfesuchend blickte ich zu Thomas hinüber, aber der zuckte nur mit den Schultern: "Ja, Mücke, dann ist das wohl deines!" Einige der Jungen lachten. Einer von ihnen sagte: "Ist passend für eine Mücke!" Nun lachten alle und ich lief vor Ärger und Scham rot an.
    Mein Spitzname "Mücke" war im Vorjahr entstanden. Damals war ich recht klein und schmächtig gewesen, und war deshalb von Thomas so "getauft" worden. Mittlerweile hatte ich aber an Größe und Gewicht zugelegt. Trotzdem war der Name geblieben. Wortlos ging ich zu dem Rad hinüber und das Schicksal begann wieder einmal seinen Lauf zu nehmen!

Einige Minuten später radelten wir eine große Landstraße entlang. Links und rechts von uns ragten in einiger Entfernung immer wieder größere und kleinere Berge auf. Zum Glück gab es wenig Autoverkehr, so dass wir die malerische Landschaft auch etwas genießen konnten.
     Trotz meines kleinen Fahrrades hatte ich keine Mühe dem Tempo der Anderen zu folgen. Was einerseits an der nicht allzu hohen Geschwindigkeit, aber andererseits auch an meiner guten Kondition lag. Zuhause spielte ich fast jeden Tag mit meinen Freunden Fußball und war außerdem noch in einem Tischtennisverein.
   So war es eine recht angenehme Fahrradtour, nur als wir am späten Nachmittag die Landstraße verließen und auf eine serpentinenartig gewundene Bergstraße kamen, wurde es ein wenig anstrengender. Aber etwa eine halbe Stunde später hatten wir unser Ziel erreicht und sahen den Millstädter See ruhig und grünlich-blau schimmernd vor uns liegen.
    Niemand Anderes war zu sehen. So entschied Thomas, dass wir hier unser Nachtlager aufschlagen sollten. Wir bauten unsere mitgebrachten Zelte auf und dann verschwanden die meisten von uns im nahegelegenen Wald. „Wir brauchen viel trockenes Holz für unser Lagerfeuer heute Abend!“ , hatte die Anweisung von Thomas gelautet.

Eine halbe Stunde später hatten wir etwas abseits von unserem Lager einen großen Haufen aus kleineren Ästen und Zweigen aufgeschichtet. In ein paar Meter Entfernung dann noch mindestens einmal soviel zum „Nachlegen“!
    „Gut gemacht, Jungs!“ lobte Thomas mit einem zufriedenen Lächeln. „Noch eine halbe Stunde bis Sonnenuntergang! Wer jetzt noch baden möchte, sollte sich beeilen. Die Anderen können sich etwas erholen oder mir beim Anzünden des Lagerfeuers und Suppekochen helfen.“
    Ich war unter denen, die johlend und kreischend runter zum See liefen und in das sehr klare und erstaunlich warme Wasser sprangen. Auf der anderen Seite des Sees stand die Sonne dicht über der Spitze einer bewaldeten Bergkuppe und tauchte uns in ein goldgelblich schimmerndes Abendlicht.

Als wir nach unserem Erfrischungsbad ins Lager zurückkamen, war das Feuer bereits entzündet. Ein Topf mit Suppe hing dampfend darüber. Die meisten von uns hatten ihre Brote schon während der Fahrt verzehrt und so kam die Suppe natürlich sehr gelegen.
    Wenige Minuten später saßen wir alle mit gefüllten Suppenbehältern um das Lagerfeuer herum. Einige von uns hielten große, an Stöcken aufgespießte Kartoffeln ins Feuer. Sie hatten sie zuvor auf einem nahegelegenen Feld „gefunden“.
     Mittlerweile war die Sonne untergegangen und der Mond hatte ihren Platz am Himmel eingenommen. Der See schimmerte nun silbrig zu uns herüber und gab Allem einen geheimnisvollen Glanz.

Nach dem Abendessen sagte Thomas: „Bevor wir jetzt zum gemütlichen Teil übergehen, sollten wir noch die Frühstücksfrage klären. Es gibt hier ganz in der Nähe ein kleines Dorf. Da gibt es sicherlich auch eine Bäckerei.“ Er schaute herausfordernd in die Runde: „Also, wer hat Lust morgen früh für uns Brötchen, Butter und Marmelade zu holen?“
     Für einen Moment lang war nur noch das knisternde Feuer zu hören. Alle schwiegen. Einige schauten weg oder auf den Boden „Kommt, Leute, ihr wollt doch morgen sicherlich nicht mit leerem Magen die die Rückfahrt antreten?" hakte Thomas nach. Schließlich hob einer der älteren Jungs hob die Hand: „Okay, ich mach`s!“
    Thomas nickte zustimmend: „Danke! Wer noch? Wir brauchen noch einen zweiten Freiwilligen!!“ Sein Blick fiel auf mich: „Wie wär`s mit dir, Mücke?“ Ich spürte mit einem Mal alle Augen erwartungsvoll auf mich gerichtet. Und fügte mich in mein Los: „Ja, warum nicht! Ich bin dabei!“Gut,“ sagte Thomas, „dann können wir ja zum gemütlichen Teil übergehen!“ Eine soeben noch recht schweigsame Gruppe Jungs brach in einen begeisterten Jubel aus.

Diese geselligen Lagerabende mit Spielen, Vorlesen und Gesang waren allseits beliebt und bildeten nicht selten die Höhepunkte von Ferienfreizeiten. Hier am Ufer des Millstätter See in abgeschiedener Natur war das noch etwas ganz Besonderes.
    Thomas hatte seine Mundharmonika hervorgeholt und begann "For he is a good fellow" anzuspielen. Worauf wir ganz enthusiastisch in das Lied einstimmten. Unser Lagerfeuerabend hatte begonnen! Und so ging es weiter mit bekannten Pfadfinderliedern und beliebten Gruppenspielen. Welches es genau waren, habe ich natürlich nach so vielen Jahren vergessen. Aber auf jeden Fall hatten wir viel Spaß.
     Sogar die üblichen Sticheleien und Rivalitäten zwischen uns "Normalos" und denen aus dem Waisenhaus waren für ein paar Stunden vergessen oder zumindest beiseite gelegt. In dieser magischen Nacht in der Nähe des silbrig schimmernden Bergsees gab es keine Vorurteile mehr, sondern wir verschmolzen für einige Stunden zu einer glücklichen "Gemeinschaft"!
    Schließlich öffnete Thomas ein Buch und begann laut eine lustige Kurzgeschichte vorzulesen. Wir lauschten still seinen Worten, oder vielleicht hing der ein oder andere auch noch träumerisch seinen eigenen Gedanken nach. In dieser glückseligen Nacht war das vollkommen egal.
    Als Thomas das Buch wieder schloss, wussten wir, dass das Ende des Abends gekommen war. Und die Bestätigung folgte auf dem Fuße: „Okay, Jungs! Alles schöne hat mal ein Ende! So, wer noch eine Weile am Lagerfeuer bleiben möchte, kann das machen. Aber ich werde mich Schlafen legen. Wir haben morgen einen anstrengenden Tag vor uns. Gute Nacht!" Nach diesen Worten erhob er sich und machte auf den Weg zu seinem Zelt. Viele Andere folgten seinem Beispiel. Ich aber holte meinen Schlafsack und legte mich, wie einige Andere, in die Nähe des Lagerfeuers.
    Noch eine ganze Weile schaute ich in klaren Sternenhimmel. Wie seltsam wehmütig ich mich fühlte, so ganz alleine in einem fremden Land mitten unter anderen fremden Jungs. Aber auch geborgen! Gab es da oben jemanden, der auf uns herunterschaute und aufpasste? Irgendwann weit nach Mitternacht fiel ich in den Schlaf!

 

Am nächsten Morgen stand ich recht früh auf Es war ein klarer, frischer Sommermorgen mit einem blau-weißem Himmel. Ich war in guter Stimmung und sicher, dass es ein guter Tag werden würde.
    Alle anderen schienen noch zu schlafen. Das Lagerfeuer war während der Nacht erloschen und der Kessel mit dem Tee natürlich kalt. Trotzdem goss ich mir einen Becher voll und ging hinunter zum See. Dort saß ich dann eine ganze Weile.

    Als ich zurückkam, fiel mir Thomas und der übernommene “Brötchenjob” ein. Und so ging ich hinüber zu einem 3-Jungen-Zelt, wo ich meinen “Kollegen” vermutete. Ich öffnete den Eingang. Und richtig, da lag er schlafend neben zwei anderen Jungs. Ich weckte ihn vorsichtig und sagte leise: „Hi! Es ist Zeit für die Brötchen!” Einen kurzen Moment lang blickte er mich aus verschlafenen Augen irritiert an, dann fiel der Groschen: „Ah, ja! Ich komme gleich raus!”

Einige Minuten saßen wir auf unseren Rädern und wollten losfahren. Plötzlich hielt er inne und schaute auf mein Minirad. “Ich denke,” sagte er nachdenklich, „du solltest dir lieber ein besseres nehmen! Es ist zwar nicht weit, aber trotzdem!” Ich folgte seinem Rat und suchte mir ein größeres mit fünf Gängen aus. Schon nach wenigen Metern spürte ich den Unterschied. So machte das Fahrradfahren richtig Spaß.
    Etwa eine Viertelstunde später erreichten wir das nahegelegene Dorf, von dem Thomas gesprochen hatte. Aber es schien sich noch im Tiefschlaf zu befinden. Jedenfalls war niemand draußen unterwegs.
    Ein paar Minuten später hatten wir dann die Dorfbäckerei gefunden. Aber sie war geschlossen. Ich sah auf ein kleines Schild im Fenster und las laut vor: ”Von 8 bis 18 Uhr geöffnet. Sonntags geschlossen!” Ich schaute auf meine Uhr. 8 Uhr 15!
  „Heute ist Sonntag, oder?” fragte ich leicht verunsichert meinen Kameraden. In den Sommerferien verlor ich immer etwas die zeitliche Orientierung. Er nickte: „Ja, stimmt! Mist!” Wir schwiegen einen Moment. Dann fragte ich: ”Und jetzt? Was machen wir jetzt?
    Nach kurzer Diskussion entschieden wir uns zu dem kleinen Städtchen auf der anderen Seite des Sees zu fahren, welches Thomas am Vorabend erwähnt hatte. „Es ist zu weit entfernt!“ hatte er gesagt. Aber was war die Alternative? Mit leeren Rucksäcken in unser Lager zurückzukehren wäre einfach zu frustrierend gewesen.

Es war ein herrlich sonniger Morgen und unsere Fahrt führte durch Wälder, vorbei an Weizenfeldern und schönen Wiesen. Es machte richtig Spaß so mutterseelenallein in dieser Gegend unterwegs zu sein. Nach etwa einer Stunde erreichten wir endlich das kleine Städtchen mit dem Namen Millstatt, nach dem der See benannt war. Und ziemlich schnell fanden wir auch eine Bäckerei, die geöffnet hatte.
    Wir kauften 32 Brötchen, 2 für jeden, und ausreichend Butter und Marmelade. Nachdem wir alles in unseren Rucksäcken verstaut hatten, machten wir uns sofort auf den Rückweg. Genauer gesagt fuhren wir einfach weiter, so dass wir letztlich einmal um den See herumgefahren waren.
    So kamen wir nach etwa einer weiteren Stunde wieder in unserem Lager an. Und wurden natürlich mit großem Hallo begrüßt. Zwei „Helden“ kehrten heim!

Nachdem wir unsere Rucksäcke geleert hatten, wurden die Vorbereitungen für das Frühstück getroffen. Ein großer Topf mit Kaffee hing schon über dem Feuer und der Rest würde auch schnell zubereitet sein. Mein Kumpel und ich entschlossen uns noch schnell eine Abkühlung im See zu nehmen.
   Als wir vielleicht sieben oder acht Minuten später ins Lager zurückkehrten, um am Frühstück teilzunehmen, erwartete uns eine faustdicke Überraschung. Niemand saß mehr an der Feuerstelle! Das Feuer war aus, der Topf mit Kaffee entfernt und keine Brötchen, Butter und Marmelade mehr sichtbar. In einiger Entfernung waren die meisten damit beschäftigt die Zelte abzubauen und ihre Sachen in die Rucksäcke zu packen. Wir schauten uns fragend an. Sollten sie wirklich ohne uns gefrühstückt haben?
    In diesem Moment des entsetzten Schweigens kam Thomas auf uns zu, „Hallo, Jungs! Ihr solltet auch schnell eure Sachen packen. Es geht gleich los!“
   Ich starrte ihn entgeistert an: „Wo ist unser Frühstück?“ Er schien überrascht zu sein und blickte sich etwas irritiert um. “Hm, scheint nichts mehr übrig zu sein. Ihr seid zu spät!“Zu spät?“, rief ich schier fassungslos aus. „Wir sind zwei Stunden für das Frühstück unterwegs gewesen und jetzt erzählst du uns, dass ihr alles ohne uns aufgegessen habt?“ Ich war stinkwütend. Einige der Jungs schauten zu uns rüber.
   Thomas zuckte mit seinen Achseln. „Tja“, sagte er, „ das lässt sich nun nicht mehr ändern. Ihr hättet besser auf euer Frühstück aufpassen müssen. „So, und nun kommt und packt eure Sachen!“

Als wir kurz darauf unseren Lagerplatz verließen, war ich ziemlich niedergeschlagen. Immer wieder ging mir ein Gedanke durch den Kopf: „Wir sind um den ganzen See gefahren um ihnen ein Frühstück zu besorgen. Und sie essen alles auf ohne an uns zu denken. ... Und auch Thomas hat es nicht verhindert! ... Wie hatte so etwas geschehen können?“
    Nun saß ich wieder auf meinem kleinen Fahrrad und spürte die Sonne im Nacken brennen. Die Temperaturen stiegen fortwährend weiter an. Ich fühlte mich zunehmend müder und erschöpfter und hatte Mühe, mit den anderen mitzuhalten.
    Nach etwa zwei Stunden Fahrt war ich völlig ausgepumpt und fuhr zu Thomas auf: „Thomas, können wir vielleicht eine Pause einlegen?“ Er schaute mich kurz prüfend an und rief dann laut: “Jungs, wir machen eine kurze Pause!“ Einige der älteren Jungs murrten und blickten mich ärgerlich an.

Meine Hoffnung, dass eine Pause mir die Kräfte zurückgeben würde, erfüllte sich nicht. Die Mittagssonne brannte unbarmherzig auf uns herab und meine Flasche mit kaltem Tee war inzwischen auch schon leer. Nach etwa 10 Minuten fragte mich Thomas: „Geht es dir besser? Kannst du weiterfahren?“ Ich schüttelte den Kopf: „Nein, ich brauche noch etwas Zeit! Aber ihr könnt ja schon mal weiterfahren. Ich komme dann später nach!“Er schaute mich ein wenig skeptisch an: “Bist du sicher? Wir können auch noch etwas hier bleiben!“
    Dies wäre mir eigentlich am liebsten gewesen. Aber ich spürte die allgemeine Ungeduld und sagte mit leicht gequältem Lächeln: „Fahrt ruhig. Ich hole euch schon wieder ein!“ Und so gab Thomas das Signal zum allgemeinen Aufbruch. Ich blickte ihnen traurig nach und etwa zwei Minuten später waren sie nicht mehr zu sehen.
    Jetzt war ich, ein zwölf Jahre alter Junge mit dem Spitznamen „Mücke“, allein mit meinem kleinen, miesen Rad unter der brennenden Sonne in einem fremden Land! Vor und hinter mir nur eine endlose, von Bergen begleitete Landstraße.

Obwohl ich der Weiterfahrt der Anderen zugestimmt hatte, war ich tief enttäuscht, dass sie es wirklich getan hatten „Wie konnten sie das tun, nachdem was ich für sie am Morgen getan hatte!“ Und Thomas! Wie konnte er mich in diesem Zustande alleine zurücklassen. Er hatte doch gesehen, was mit mir los war.
    Nach etwa zehn Minuten startete ich einen Versuch. Ich setzte mich erneut auf mein Fahrrad und fuhr los. Aber schon nach etwa 100 Metern stoppte ich erneut. Es hatte keinen Sinn! Die Sonne brannte nach wie vor erbarmungslos auf die Erde herunter und ich fühlte mich völlig ausgelaugt und kraftlos. Ich legte mein Fahrrad auf den Boden und legte mich daneben. Mir war alles egal. Ich wollte nur noch schlafen, schlafen, schlafen!
    So lag ich da vielleicht zehn Minuten in einem dösenden Zustande neben der großen Landstraße, als mich plötzlich jemand an der Schulter berührte: “He, Junge, was ist los mit dir? Hattest du einen Unfall?“ Ich öffnete meine Augen und blickte in das über mich gebeugte, besorgte Gesicht eines Mannes in den mittleren Jahren. Wer war er? Am Straßenrand sah ich einen Wagen stehen, der offensichtlich zu dem Mann gehörte. „Nein, nein!“, antwortete ich, „es ist alles in Ordnung. Ich mache nur eine Pause!“ Ich schloss wieder meine Augen und versuchte weiter zu schlafen.
     Er berührte mich erneut an der Schulter: "Du kannst hier nicht liegen bleiben. Ich mache dir einen Vorschlag,“ hörte ich ihn nun sagen, „ich nehme dich und dein Fahrrad in meinem Auto mit. Was hältst du davon?“ Jetzt richtete ich mich halb auf. Ich fühlte mich total benommen: „Nein, danke! Ich bin okay und fahre auch gleich weiter!“
    Der Mann schien nicht überzeugt: „Bist du sicher? Es ist wirklich kein Problem. Wir packen dein Fahrrad ins Auto und ich bring dich wohin du willst!“ Ich stand nun ganz auf und sagte müde : „Danke, das ist wirklich sehr nett! Aber ich schaffe das schon alleine!“ Mit diesen Worten hob ich jetzt auch mein Fahrrad auf.
    Er schaute mich für einen Moment recht prüfend an, dann sagte er : „Viel Glück! Du musst dich aber beeilen. Es sieht nach einem Gewitter aus!“ Und nach diesen Worten drehte er sich um und ging zu seinem Wagen zurück. Nach etwa halben Minute war er außer Sichtweite!

Ich fühlte mich nach wie vor schwach und mein Kopf schmerzte. Aber jetzt, wo ich wieder auf meinen Füßen stand, gab es für mich kein Zurück mehr. Ich stieg auf mein kleines Rad und begann mühsam in die Pedalen zu treten.  Nach etwa 50 Metern fühlte ich die ersten Regentropfen auf meiner Haut. Erstaunt blickte ich nach oben, und nun erst fiel mir auf, dass die Sonne komplett verschwunden war. Dicke, schwarze Wolken hingen über mir.   
   Auf einmal fielen mir die letzten Worte des Mannes wieder ein: "Du musst dich beeilen! Es wird gleich ein Gewitter geben!" In der Tat, ein heller Blitz zuckte am Himmel, gefolgt von einem lauten Donnerschlag. Wie auf Kommando setzte ein heftiger Regen ein. Schon nach etwa einer Minute waren Hose und T-shirt vollständig durchnässt.
    Aber in der gleichen Zeit geschah mit mir eine erstaunliche Verwandlung. Fühlte ich mich soeben noch elend und kraftlos, so war ich nun wie neu aufgeladen. Mehr als das, ich fühlte eine Kraft in mir wie nie zuvor in meinem Leben. Und ich begann kräftiger und immer kräftiger in die Pedalen zu treten. Bis ich schließlich wie ein Vogel über die Landstraße flog. Mit grimmiger Entschlossenheit und nur einem Gedanken in meinem Kopf: "Ich werde diese Verräter den Stachel der Mücke spüren lassen!"

Man stelle sich folgende Szene einmal bildlich vor! Eine einsame, gerade Landstraße mitten in einer malerischen Berglandschaft. Dunkle Wolken, heftiger Regen und Blitze gefolgt von lauten Donnern. Und ein kleiner Junge auf einem kleinen Fahrrad, der in einem irren Tempo wie ein Vogel über den Asphalt dahinfliegt.
    Sicher war da auch ein starker Rückenwind, der meine Bemühungen unterstützte. Aber hauptsächlich war es die neugewonnene Energie und mein Verlangen, es den Anderen zu zeigen, was mich vorantrieb. Ich fühlte mich wie ein Held auf seinem Pferd, der von den Toten auferstanden war und nun entschlossen war, für das erlittene Unrecht „Vergeltung“ zu üben.
    In mir tobten die unterschiedlichsten Gefühle. Einerseits tiefer Grimm, aber auch Freude. So sang ich immer wieder laut eine Liedzeile, die mich zusätzlich aufputschte. Und dann plötzlich, nach etwa einer halben Stunde, sah ich plötzlich die ersten von ihnen unter dem verfallenen Dach eines alten Buswartehäuschens stehen. Offensichtlich hatten sie hier Schutz vor dem Regen gesucht. Ich erkannte, dass Thomas unter ihnen war.
    Alle schienen mich entgeistert anzustarren. Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, flog ich an ihnen vorbei. Ich hörte Thomas meinen Namen rufen. Aber es interessierte mich nicht. Ich hatte eine Mission zu erfüllen! Das Letzte was ich hörte, war das ein Kommando : „Los, Jungs! Auf die Räder!“
    Ich aber kümmerte mich nicht weiter darum, was hinter mir geschah. Meine Augen waren geradeaus gerichtet. Ich war ein Junge mit einer Mission. Auch die Anderen sollten noch den Stachel der „Mücke“ zu spüren bekommen.

In der nächsten Stunde überholte ich immer wieder kleine Gruppen von Jungs. Auch sie würdigte ich keines Blickes, aber in mir fühlte ich eine tiefe Genugtuung. Aber vor mir fuhren immer noch einige Jungs, mittlerweile schon in Sichtweite, vor mir. Sie schienen untereinander ein kleines Rennen auszutragen.
    Wir waren nur noch knapp zwei Kilometer von unserem Feriencamp entfernt und so gab ich noch einmal Alles. Meter um Meter kämpfte ich mich heran, aber letztlich reichte es dann doch nicht. Mit einem Rückstand von vielleicht einer halben Minute kam ich ins Ziel.
   Ich war total erschöpft, aber glücklich. Zwar war aus der Letzten nicht der Erste geworden, aber ich hatte sie den Stachel der „Mücke“ spüren lassen.
Aber mehr als diese persönliche Genugtuung war da das Gefühl, ein Wunder erlebt zu haben. Ich war im wahrsten Sinne des Wortes total am Boden gewesen und dann hatte eine wundersame „Auferstehung“ stattgefunden.
    Ich weiß nicht, ob ich dies damals schon als ein Eingreifen Gottes begriff. Ich wusste nur, dass etwas ganz Außergewöhnliches geschehen war, dass über das normale Verstehen hinausging. Heute würde ich sagen, dass der „gute Hirte“ einem verloren gegangenen Schaf aufgeholfen und nach Hause gebracht hat.


ZwanzigJahre später nahm ich mit einer kleinen Gruppe von Jungs an einer Fahrradrallye teil. Einer von ihnen, ein rothaariger Waise, begann irgendwann zu „schwächeln“ und konnte dem Gruppentempo nicht mehr folgen. So, was sollte ich tun?
    Ich überlegte kurz und dann entschied ich, dass die Anderen das Rennen fortsetzen sollten. Ich selber aber blieb bei dem rothaarigen Jungen und begleitete ihn über mehrere Stunden.
In mir war nicht der geringste Groll, sondern nur Mitleid. Das Mitleid des guten Hirten mit dem verlorenen Schaf aus dem Gleichnis Jesu? Das Rennen war mir jedenfalls total egal geworden. Ich wollte nur noch meinen „Schützling“ wieder wohlbehalten nach Hause bringen. Wie der gute Hirte das verlorene Schaf:

    „Und wenn er es gefunden hat, so legt er es auf seine Achseln mit Freuden. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freuet euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war“ (Lukas 15,5+6)

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.06.2011. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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