Klaus-Jürgen Langner

Unser Zaubergarten

Der Zaubergarten Also so ganz genau möchte ich es gar nicht verraten, wo unser Zaubergarten liegt, nur soviel: In Berlin, gleich wenn man reinkommt links. Dort wohnen wir, d. h. meine Frau, unsere Tiere, nämlich die Katze Paula und Joe der Hund, der schwarze Prinz ein unsichtbarer Gartenzwerg, Igor der kleine Igel, Graziella die alte Kröte….und, ach ich stelle Euch allen die weiteren Beteiligten lieber während meiner Geschichte vor.
Es wären nämlich zu viele, denn wenn wir auch wissen, dass in der ganzen Welt nur in der Schweizer Bundesverfassung ausdrücklich festgeschrieben ist, dass „die Würde aller Tiere und aller Pflanzen“ zu beachten ist, so hat dieser Grundsatz in unserem Zaubergarten schon viel länger seine selbstverständliche Beachtung gefunden. Und deswegen sollte sich niemand wundern, dass in meiner Geschichte wir Menschen mit unseren Tieren und Pflanzen reden. Ganz selbstverständlich.
Es war also wieder einmal das Wochenende gekommen, mitten im Jahr. Die „Blaue Stunde“ hatte grad begonnen, das ist die Zeit zwischen Tag und Nacht, in der alles Feste sich aufzulösen scheint. Die Konturen selbst der mächtigen Eichen wurden unscharf; in der Luft lag die bekannte Unschärfe, Unbestimmtheit und ich lag faul auf meiner Couch draußen mit einem Buch und war schon fast eingeschlafen. Paula räkelte sich mit auf der Couch, Joe lag daneben und schlief.
Da erkannte ich plötzlich zwischen einer blauen Clematisblüte und einer zartrosa Rose den Kopf des gemeinhin unsichtbaren Gartenzwerges und ich hörte, wie er mir zuraunte: Hey Don, schlaf' nicht ganz ein, sonst verpasst Du noch die Allerlei-Nacht.
Für diejenigen, die es noch nicht wissen, die Allerlei-Nacht gibt es gelegentlich als Folge, wenn ein Garten zum Zaubergarten geworden ist. Und sie heißt so, weil in der Nacht Allerlei Unvorhersehbares passiert. Ich habe grad noch Zeit mich bei meinem unsichtbaren Gartenzwerg mit dem unaussprechlichen Namen zu bedanken, da ist er auch schon wieder verschwunden.
 „Guten Abend liebe Muhme“, höre ich ihn daraufhin sagen, und ich sehe, wie er Graziella, der alten Kröte die Hand küsst. Aber Igor, der Igel, sieht es ebenso und er kann sich bald nicht mehr halten vor Lachen.
 „Aber Igor, empört sich Graziella, das ist überhaupt nicht lächerlich, wenn ein Gartenzwerg einer alten Muhme wie mir die Hand küsst.“ „Das zeugt doch noch von Umgangsformen, wie ihr jungen Bengels sie noch nicht einmal ahnt. Ich habe alle meine Warzen in einem langen beschwerlichen Leben mühsam erworben, und wenn man mir jetzt aus Courtoisie die nötige Reverenz erweist, dann nennt man das Etikette. Und damit kommt man im Leben oft weiter.“
 „Ach Muhme Graziella, sagte Igor der junge Igel, Ihr solltet den moralinsauren Zug um euren großen Mund sehen. Lächelt endlich wieder einmal. Lachen macht auch euch noch schön. Ihr lacht und singt und tanzt viel zu wenig. Vielleicht könnt ihr euch dann sogar noch einmal verlieben. Ich selber habe mich in diesem Jahr in diese herrliche Rose verliebt,“ und er schaute schwärmerisch zu den herrlich duftenden Rosenblüten einer Rosa Rosarium auf, die sich zart und elfenhaft tanzend im Winde wiegten. „Seht doch diese Grazie in der Bewegung atmet diesen unvergleichlichen Duft in ihrer Nähe, das ist der Duft der reinen Liebe; und ihr solltet wissen, gnädige Frau, dass selbst die Winde aus 12 Himmelsrichtungen hierher geflogen kommen, um ihre zarten rosa Blütenbüschel zu streicheln. Und sie tragen den Duft dann bis Timbuktu.“
 „Timbuktu hin Timbuktu her“, ereiferte sich Graziella, was soll denn das werden, wenn ein Igel eine Rose anhimmelt.“ „Du meinst wohl, weil Du Stacheln hast und die Rose Dornen, schon würdet ihr ein Paar sein können? Such dir doch eine richtige junge Igelfrau baut euer Nest und zieht eine Menge kleine niedliche Igelkinder auf. Aber mit der Anhimmelei einer Rose wirst Du höchstens ein Dichter. Und ein Igel als Dichter, da möchte ich erst einmal wissen, ob das überhaupt gestattet ist.“
Aber da mischte sich der unsichtbare Gartenzwerg in das Gespräch mit ein. „Bei aller Hochachtung, Muhme Graziella, aber in all meinen weisen Gartenbüchern konnte ich nachlesen, dass auch die Rosen Stacheln haben und die „Dornen“ sich nur im Volksmund verbreiten. Und was die Liebe angeht, so spielt es wirklich keine Rolle, denn wo sie hinfällt, da gedeiht sie.“
„Papperlapapp, murmelte Graziella, ich wüsste gar zu gern, ob das überhaupt gestattet ist“.
Und über ihnen wiegten sich in der Tat die unendlich vielen zarten Rosenblüten und ließen vereinzelte Blütenblätter in einem bezaubernden Tanz zur Erde herab gleiten. Innerhalb der einzelnen Blüten von Rosa Rosarium versteckten sich meist einige Blütenelfen und sie warteten die Zeit ab, bis sie sich von den Blütenkelchen lösen konnten und hinaufschweben durften in den verzauberten Nachthimmel mit den zwölftausend zwinkernden Sternen und der schmalen silbernen Sichel des Mondes.
Das ist der Bereich wo sich die Geheimnisse der Erde mit denen des Himmels treffen und eins werden. Und wenn das geschehen  ist, dann sind sie offen, für alle, die mit den Flügeln der Liebe sich zu ihnen hinauf schwingen und die dann  mit dem Zauber der Liebe die Nächte verwandeln in eine geheimnisvolle Kraft, die noch von keinem  Wissenschaftler der Erde vollends ergründet worden war.
Und je mehr Lebewesen die Rosen liebten umso stärker wurden die Flügel der einzelnen Blütenelfen und  umso größer wurde die Kraft der Liebe in dieser Welt. Igor der Igel stand mitten unter dem Rosenbusch und  tanzte -ihr werdet es nicht glauben- mit einer gewissen Grazie zusammen mit den herabschwebenden  Blütenblättern seinen Tanz der Liebe zu seiner Rose. Und Graziella die Kröte sowie der unsichtbare  Gartenzwerg standen daneben und wiegten sich ein wenig in diesem Rhythmus mit, denn die Kraft der Liebe  ist nahezu unwiderstehlich.
Es war jetzt schon fast dunkel geworden und so konnte Igor gar nicht mehr sehen, wo er hin und hertanzte,  und es war gar nicht verwunderlich, dass er plötzlich stolperte, weil er auf einen kleinen dunklen Traum  getreten war. „Verzeihung der Herr“ sagte Igor, aber der kleine dunkle Traum lief einfach weiter, dahin wo sich  die anderen dunklen Träume alle trafen hinter dem Kompost unter den schützenden Blättern des Rhabarbers. Und wenn man die Augen schon an die Dunkelheit gewöhnt hatte, dann konnte man sehr viele von den  dunklen Träumen durch den Garten eilen sehen. Sie wieselten wie ein kleines dunkles Wollknäuel vor sich hin mit ihren bis zu 377 kleinen Beinen.
Und wenn sich dann eventuell sogar richtige große Alpträume  dazwischen bewegten und es trafen sich genügend zusammen unter dem Rhabarber, denn gründeten sie  sofort entweder eine Bank, ein Geldverleih Institut oder ein Inkassobüro. Und ihr wisst selber wie viele  Banken es jetzt schon gibt auf der Welt. Es sind genug.
Natürlich sahen wir auch die anderen, die lichten Träume, aber auf die trat man ja nicht, weil sie gut zu sehen  waren, und erst recht nicht die strahlenden Träume von Glück und von Seeligkeit. Und nun kam es drauf an,  welche Träume die Überzahl erreichten. Versammelten sich mehr dunkle Träume und Alpträume im  Zaubergarten vermochten die Blütenelfen trotz all ihrer Sehnsucht nicht empor zu steigen in den Nachthimmel,  wo sich die Geheimnisse der Erde und des Himmels vermischen. Waren aber die lichten und die strahlenden  Träume in der Mehrzahl, dann vermochten einzelne Blütenelfen tatsächlich ihrer Sehnsucht zu folgen und in  den Nachthimmel der Liebe aufzusteigen, und dort das Geheimnis der Liebe noch zu vergrößern und die  Kraft ihrer Wunder in viele Herzen zurückfließen zu lassen.
Und in dieser Nacht kam es in unserem  Zaubergarten tatsächlich dazu. Drei von den Elfen konnten sich lösen und schwebten auf ihren blau  blitzenden durchsichtigen Flügeln in den Nachthimmel zu den zwinkernden Sternen und der silbernen Sichel  des Mondes. Und wer wenigstens einmal in seinem Leben daran teilnehmen kann, der ist ausgezeichnet vor allen anderen.  In seinen Augen zeigt sich gelegentlich dieses blaue Blitzen der durchsichtigen Elfenflügel. Oh, ja, ich sehe  hier auch bei Dir und einigen anderen noch dieses geheimnisvolle Blitzen in den Augen. Und wenn es noch  nicht überall zu sehen ist, dann seht ihr doch wie wichtig es ist, wenn Mütter zu ihren Kindern oder Verliebte  zu einander sagen: Nun schlafe gut und träum' was Schönes.   
Und noch eines: einen Zaubergarten musst Du entwickeln, weil Du ja sonst nicht die Allerlei-Nacht miterleben  kannst, die wiederum Voraussetzung dafür ist, dass Du noch wie im Verklingen hören kannst, wenn Graziella  die alte Krötenmuhme sagt: „Und ich weiß gar nicht, ob das gestattet ist."
Don

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.02.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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