Wolfgang Küssner

Der Baum des Reisenden

Eyecatcher heißt es heute wohl auf schlecht Deutsch, wozu man früher Blickfänger sagte. Florale Dekorationen mit der Paradies-vogelblume sind ein echter Hingucker. Die Papageienblume – wie sie auch genannt wird – kommt sehr exotisch daher. Die leichten Blau- und Rot-Toene, das leuchtende Orange, die grazile Form – kein Wunder, daß dieses Gewächst auch Koenigs-Strelitzie genannt wird. Sie gehoert zur Familie der Strelitziengewächse, wie der Baum des Reisenden. Ursprünglich auf Madagaskar (daher die lateinische Bezeichnung Ravenale madagascariensis) endemisch, kann man ihn heute in vielen tropischen Regionen  bestaunen. Der Stamm ähnelt dem einer Palme, ist aber nicht verholzt, die Blätter sind wie ein Fächer angeordnet. Ein Stich in den Grund dieser Blätter und gespeichertes Regenwasser tritt aus. Angeblich soll es in Not geratenen Reisenden das Überleben gesichert haben. Daher der Name. Über die Wasserqualität läßt sich sicherlich streiten, doch die Blätter wachsen immer in Ost-West-Richtung und das kann einem Reisenden unter Umständen auch eine nützliche Hilfe bei der Orientierung sein.

Es gibt den Baum des Reisenden und es gibt reisende Bäume.  Sicherlich leicht übertrieben. Vielleicht wandern sie auch nur. Ganz, ganz langsam. Zumindest erwecken Bäume mit ihren Stelz- bzw. Stützwurzeln (Mangroven, Pandanus-Gewächse) schon den Eindruck von Fortschreiten. Einem verholzten Stück Natur hätte man das gar nicht zugetraut. Doch mal ehrlich, was wissen wir über unsere Bäume? Alexandra sang 1968 „Mein Freund der Baum, ist tot...“. Nur Platz neunzehn in den Charts. Hat es uns wirklich berührt? Im frühen Morgenrot, soll er gefallen sein, heißt es in ihrem Lied. „Heidschi Bumbeidschi“ war seinerzeit deutlich beliebter. Wochenlang auf Platz eins.

Am 25. April eines jeden Jahres begehen wir seit 1872 (erstmals in Nebraska/USA; seit 1952 auch in Deutschland) den Tag des Baumes. Wir haben etwas davon gehoert, daß Bäume zum Leben gehoeren; Wasser speichern, Erdreich vor Erosion schützen, uns den notwenigen Sauerstoff liefern, Schatten spenden, Menschen und Tieren Früchte, Nahrung und Wohnraum liefern, Baumaterial und Wärme, Wind- und Regenschutz bieten, Ausgangsstoff für Moebel und Bücher sind. Das man alte Bäume nicht versetzen sollte, hat sich irgendwie herumgesprochen. „Alte Bäume lassen sich nicht biegen“, auch dieses deutsche Sprichwort ist teilweise gegenwärtig. Und mehr und mehr werden wir uns dem Wahrheits-gehalt eines anderen Sprichwortes bewußt, das da heißt: „Erst stirbt der Baum, dann der Mensch.“ „Weißt du, was ein Mensch ist?“, hat einst ein Unbekannter formuliert und natürlich eine  Antwort parat: „Jemand der Bäume fällt, aus diesen Papier macht und dann auf dieses Papier „Schützt die Bäume“ schreibt.“ Geht das nicht anders?

Der Baum ist ein Wunder der Natur. Betrachten wir einmal einen Stamm. Er ist der verholzte Teil einer Pflanze. Dieser Teil stellt die Verbindung zwischen dem Wurzelgeflecht, also der Bodenhaftung und dem wie auch immer ausladenden Blätterdach, eventuellen Blüten und Früchten dar. Holz sorgt für eine konkrete Stabilität der Pflanze. In diesem Holz stecken viele – auch für uns Menschen wichtige - Informationen. Und manchmal steckt der Holzwurm drin.

Ein Stamm besteht aus verschiedenen Schichten. Die innerste  eines Baustamms bildet das relativ weiche Mark. Strahlen dieses Marks (das hat jetzt nichts mit Engels zu tun) laufen durch den gesamten Stamm. In diesem zentralen Bereich werden die Nähr-stoffe gespeichert und transportiert. Die Maserung eines Baum-stamms zeigt ringfoermige Jahresringe auf. Ruhephasen der Pflanze, Wachstum, Klima koennen hier z.B. abgelesen werden. Zwischen den Jahresringen ist Holz zu sehen; totes Kernholz, das nur noch zur Stabilität dient, aber auch junges Splintholz, das Wasser nach oben befoerdert. Auf dem Weg nach aussen kommt die Schicht des Kambium, hier wird das Dickenwachstum eines Stammes geregelt, eventuelle äußere Schäden werden dort kom-pensiert. Es folgt weiter die Bastschicht, in der Nährstoffe von den Blättern in den Stamm und in die Wurzeln – also in umgekehrter Richtung – transportiert werden. Und die äusserte Schicht bildet die Borke, sie ist eine Schutzschicht gegen UV-Licht und Sonne, Hitze, Regen, Feuer, Insekten und anderen Schädlingen. Gegen Hirschgeweihe und schnitzende Messer „Ich liebe Dich“ ist die Borke allerdings machtlos.

Es gibt eine Wissenschaft, die sich Dendrochronologie nennt, also die griechischen Worte dendron für Baum und chronos für Zeit beinhaltet und sich mit dem Alter unserer Bäume beschäftigt. Dank dieser Experten konnten Jahresringe für die zurückliegen-den 10.000 Jahre erstellt werden, mit den dazugehoerigen Aus-sagen zum Klima. Denn das Klima spiegelt sich – wie bereits kurz erwähnt - in den Jahresringen wieder, ist dort ablesbar.

Forschungen dieser und ähnlicher Art haben uns den hoechsten Baum (ein Küstenmammutbaum mit 115,5 Meter in Kalifornien) ermittelt. Der hoechste Baum Deutschlands ist mit 63,3 Metern eine Douglasia in Freiburg-Günterstal, der gewaltigste Baum bietet 1.489 Kubikmeter Volumen und ein Gewicht von 1.385 Tonnen an, steht im Sequoia National Park in Kalifornien und ist rund 2.500 Jahre alt. Zu den ältesten Bäumen zählen 4.800 Jahre alte Kiefern in den White Mountains in Kalifornien; in Schweden wurden Holzstücke unter einer Fichte gefunden, die  9.550 Jahre alt waren. Bleibt zu hoffen, daß sich Wikipedia – ohne Holz und Papier – nicht geirrt hat.

Permanent kräftige Westwinde lassen Stämme mit Neigung gen Osten wachsen. Feuchte Winde führen gern zur Moosbildung im Schatten der nassen Brise. In kalten, eisigen und  stürmischen Bergregionen gedeihen unterschiedliche Bäume in Hoehen von bis zu 4.600 Metern, so z.B. im Osthimalaya.

Kurz nach dem Tag des Baumes heißt es dann: „Komm lieber Mai und mache, die Bäume wieder grün...“. Und dann noch dieses Lied mit dem „simsalabimbasaladusalabim“. Sie wissen schon: „Auf einem Baum ein Kuckuck sass“. Leider wurde er erschossen. Doch er kam wieder, der Kuckuck. Ob die Bäume trotz unserer langjährigen Mißachtung und Vernichtung auch immer wieder kommen werden? Leben und Baum, Reisen – das gehoert zusammen. Dazu ein Traum, den der türkische Dichter Nazim Hikmet so wunderschoen formuliert hat: „Leben wie ein Baum, einzeln und frei doch brüderlich wie ein Wald, das ist unsere Sehnsucht.“

 

Mai 2017

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