Heinz-Walter Hoetter

Eine neue Welt für die Throcks

 

 

 

Ich wurde in meiner Schlafkabine vom Bordcomputer sanft aus meinem Tiefschlaf geweckt. Dann öffnete sich der schwere Panzerglasdeckel und biegsame Greifarme hoben mich aus meiner liegenden Position nach draußen auf eine weiche Liege, wo ich für einige Zeit benommen verharrte.

 

Nachdem ich endlich meine Orientierung wieder gefunden hatte, sah ich auf den großen Bildschirm direkt vor mir, auf dem noch vier weitere Schlafkabinen zu sehen waren. Ich verließ schließlich die Liege und ging hinüber zur Steuerkonsole, überprüfte die Gesundheitsdaten der schlafenden Crewmitglieder und stellte keinerlei Abweichungen fest. Ihr künstlicher Schlaf wurde von „Mutter“, unserem Bordcomputer, permanent überwacht.

 

Zufrieden ging ich in den Kommandoraum, der nur wenige Meter hinter meiner eigenen Schlafkabine lag. Dort checkte ich nochmals alle Systeme und ließ von „Mutter“ ein elektronisches Protokoll anfertigen, das nach seiner Fertigstellung sofort in den Datenspeicher aufgenommen wurde.

 

Anschließend folgte wohl die spannendste Aufgabe für mich, die darin bestand, unsere aktuelle Position im Weltraum zu bestimmen. Natürlich übernahm das „Mutter“, die einen gigantischen Datenspeicher besaß und den Autopiloten mit allen erforderlichen Zielkoordinaten versorgte.

 

Ich fragte mich, ob „Mutter“ tatsächlich Kurs gehalten und uns an das einprogrammierte Ziel gebracht hatte.

 

Es dauerte nicht lange, da übertrug „Mutter“ alle wichtigen Daten auf einen vor mir hochfahrenden Bildschirm. Tatsächlich waren wir 275 Lichtjahre durchs All gereist und direkt vor unserem Zielort angekommen. Die Zuverlässigkeit unserer hypersprungfähigen Raumschiffe war einfach fantastisch.

 

Ich drückte einige Sensoren auf dem Schaltpult vor mir und eine große Schutzklappe öffnete sich langsam nach oben. Nach einer Weile suchte ich im dunklen Schwarz des Universums nach dem besagten Planeten, der eigentlich vor mir liegen sollte.

 

Und dann sah ich sie, diese wunderschöne blaue Planetenkugel, die wir jetzt endlich erreicht hatten. Leuchtend blaue Ozeane bedeckten einen großen Teil der Oberfläche. Wüsten und grüne Regionen mit saftigen Wiesen und riesigen Wälder waren zu sehen. Auf einer Seite gab es große Berge mit weißen Schneegipfeln und man konnte sogar aus dem All die gewaltigen Eisflächen an den Polen erkennen.

 

Ich war einfach überwältigt von diesem grandiosen Bild.

 

Ich gab „Mutter“ die Anweisung, eine Planetenanalyse durchzuführen. Es stellte sich später bei der Auswertung heraus, dass dieser Planet nur ein wenig kleiner war, als unser Heimatplanet, der eine ähnliche Wassermenge besaß, wie jener, den ich auf dem Bildschirm vor mir sprachlos bewunderte. Auch die Atmosphäre entsprach im Wesentlichen unserer Atmosphäre, was ich als eine echte Sensation empfand. Doch entdeckten wir keine intelligenten Lebensformen auf der gesamten Oberfläche. Es gab nur verschiedene kleinere Tierarten, die überall auf den Kontinenten in großer Zahl zu finden waren. Insgeheim freute ich mich natürlich darüber, dass es hier keine intelligente Formen von Leben gab.

 

Unsere Astronomen hatten wirklich gute Arbeit geleistet und eine absolut richtige Ferndiagnose gestellt, die sie mit der Hilfe von losgeschickten Sonden gemacht hatten. Wir haben ein neues Zuhause gefunden, denn unsere Heimat wird nicht mehr lange überleben, was an unserer Sonne lag, die in ihrer Endphase immer weniger Energie abstrahlt.

 

Nach und nach weckte ich alle übrigen Crewmitglieder. Sie waren genauso überwältigt von dem neuen Planeten wie ich.

 

Wir feierten unsere neue Entdeckung angemessen und aßen ausgiebig von unseren Vorräten, die wir auf unserer langen Reise mitgenommen hatten. Danach machten unsere Roboter das Shuttle für eine genauere Besichtigung der Planetenoberfläche bereit. Zwei meiner Besatzungsmitglieder blieben auf dem Raumschiff im Planetenorbit zurück. Zusätzlich nahm ich noch einen Kampfroboter mit, weil wir nicht wussten, was uns da unter auf der Oberfläche erwarten würde.

 

Wir landeten in einer Gegend, wo die Atmosphäre sehr schwül war. Das zeigten unsere Außensensoren an. Ansonsten schien alles in Ordnung zu sein. Ich ließ eine Weile später die hinteren Ausstiegstüren öffnen. Zuerst betrat der gewaltige Kampfroboter den neuen Boden, dann folgten wir ihm, einer nach dem anderen, im Schutze seiner mächtigen Waffen.

 

Wir nahmen nach einer genauen Überprüfung der Atmosphäre unsere Helme ab und atmeten genüsslich die frische Luft ein, die sensationell nach einem wohltuenden Blattgrün roch. Der Himmel über uns war von einem wunderbar tiefen Blau gesättigt und weiße Wolken zogen über uns hinweg. Wir kamen alle aus dem Staunen nicht mehr raus. Alles war fast genauso wie bei uns Zuhause auf unserem sterbenden Heimatplaneten.

 

Begeistert gingen wir weiter. Dann sah ich plötzlich einige merkwürdige Strukturen hoch aus dem üppig wuchernden Grün ragen. Nachdem ich meinen Scanner auf diese seltsamen Objekte gerichtet hatte, traute ich zuerst meinen Augen nicht. Diese Strukturen schienen wohl die Überreste einer sehr großen Stadt gewesen zu sein, die vor langer Zeit mal von intelligenten Wesen erbaut und bewohnt worden ist. Mein Herz blieb fast stehen, als wir weiter in die von dichtem Blätterwald überwucherten Häuserschluchten vordrangen. Schließlich kamen wir vor einem Gebäude an, auf dem eine Inschrift angebracht war, die in etwa so lautete: Historisches Datenspeicherzentrum New York.

 

Ich wies meine hinter mir stehenden Crewmitglieder an, dass wir jetzt diesem Gebäude einen Besuch abstatten werden, um es näher zu erkunden. Wir schalteten daher alle unsere Lichtwerfer ein und betraten kurz darauf eine riesige Halle mit vielen Gerätschaften, die mich irgendwie an unsere alten Computer erinnerten. Wir konnten einfach nicht glauben, was wir dort alles sahen. In der Mitte stand ein riesiger schwarzer Kasten aus Metall. Es musste so etwas wie ein Zentralcomputer gewesen sein, der seltsamerweise gut erhalten war. Er war hermetisch abgedichtet. Sofort sicherten wir alle darin enthaltenen Datenspeicher und nahmen sie zur genaueren Untersuchung mit in unser wissenschaftliches Analysezentrum des Raumschiffes, wo Mutter dann die Daten auslesen sollte. Als die Daten später schließlich in ihrer ganzen Fülle vorlagen, waren wir tief erschrocken.

 

„Mutter“ informierte uns ausführlich, was sie auf den Datenträgern gefunden hatte. Sie sprach wie immer sanft und leise, aber sehr deutlich:

"Einst lebten auf diesem Planeten viele Wesen, die sich als Menschen bezeichneten. Sie hatten eine weit entwickelte Hochkultur und nannten ihr Zuhause Erde oder Terra. Doch sie betrieben Raubbau in großem Maße an ihrer Natur und führten lange Krieg untereinander, bis ein hoch gefährliches künstlich erzeugtes Virus die gesamte Menschheit und ein Großteil der bestehenden Tierwelt vernichtete. Das war vor langer, langer Zeit. Die Natur auf der Erde erholte sich bald wieder ohne den Menschen und war schöner und friedlicher denn je. Sie ist der perfekte neue Lebensraum für unsere Rasse, den Throcks, die für dieses Geschenk des Universums so unendlich dankbar sind. Wir werden daher unseren neuen Lebensraum mit größtem Respekt und tiefer Ehrerbietung behandeln."

 

Ich ließ durch „Mutter“ ein ausführliches Sende-Protokoll anfertigen und per Hypersignal an alle unsere erreichbaren Außenstationen schicken, die sich sehr weit von unserem Standort in den dunklen Weiten des Alls befanden. Aber die Signale werden die Außenstationen erreichen, dessen war ich mir ganz sicher.

 

Der letzte Satz lautete: Wir haben einen neuen Planeten für die Throcks gefunden, den wir Erde getauft haben. So nannte ihn die Menschen einstmals, die vor langer Zeit hier mal gelebt haben aber durch ihr selbstzerstörerisches Verhalten ausgestorben sind. Diese Nachricht ergeht an das Oberkommando der zivilen Rettungsraumflotte, die alsbald ihre Raumschiffe losschicken soll, damit die neue Erde durch uns besiedelt werden kann. Die Planetenkoordinaten wurden von „Mutter“ bestätigt und stimmen mit den von unseren Astronomen berechneten Koordinaten überein. Eine neue Zeit bricht für die Throcks an.

 

Ende der Nachricht an das Oberkommando der zivilen Rettungsraumflotte.

Beglaubigt durch Kommandant Nen der Ältere des Sucherraumschiffes A-Throcks I

 

***

 

(c)Heinz-Walter Hoetter

 

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