Karl-Heinz Fricke

Manitoba - Thompson - letzter Teil

Manitoba - Thompson- letzter Teil

Dieser Teil meiner Autobiografie ist verhältnismäßig schnell erzählt. Wir standen an einem der Scheidewege im Leben und eine Entscheidung musste getroffen werden, ob wir im unwirtlichen Norden der Prairie auch unsere Rentenjahre verbringen oder in warmere Gefilde übersiedeln sollten.

Aber es war noch nicht so weit. Als erstes gab ich meine fast 12-jährige Tätigkeit bei der Werkspolizei auf, denn die täglichen 12-Stunden Schichten resultierten in 72 und manchmal sogar 84 Arbeitsstunden per Woche. Das hatte bei mir Spuren hinterlassen, zumal die vielen Stunden in keinem Verhältnis zum Verdienst standen. Dazu hatte ich meine besten Jahre einem Halsabschneider gegeben, der mich am Ende auch noch betrog. Endlich hatte ich die Nase gestrichen voll. Wenn ich heute zurückblicke, dann verstehe ich es nicht, warum ich nicht viel früher abgesprungen bin.

Wie es manchmal im Leben so geht wenn man etwas aufgibt, dann findet man etwas besseres. Ich bewarb mich für den Managerposten, um eine Fabrik zu leiten. Nachdem ich von dem Sohn des Besitzers interviewed worden war, war ich auch schon eingestellt. Während die Hauptfirma in Winnipeg Fenster und Türen herstellte, wurde in Thompson eine Zweigstelle errichtet, die auf Verlangen des Nickelwerkes hauptsächlich Kathodeboxen für die Raffenerie herstellte. Drei Jahre lang stellten wir monatlich 10000 dieser Boxen her, die nicht etwa maschinell, sondern in handwerklicher Arbeit Stück für Stück entstanden. Die Holzteile wurden mit Kupfernägeln zusammengenagelt,dann wurde der Rahmen an beiden Seiten mit starkem Segeltuch bespannt.

Ich will hier nicht weiter in technische Einzelheiten gehen. Einmal im Monat bauten wir einen Satz Mahagoniplatten- und Rahmen zusammen, die für eine Presse in der Refinerie benötigt wurden.

Unsere heutige Welt, die in ungewöhnlich schneller Weise den Weg des Fortschritts begangen hat,verliert als Beigabe die Verabschiedung vieler gewohnte Methoden, ja sogar Handwerke. Der moderne Mensch ist immer wieder gezwungen umzulernen, wenn er nicht auf der Strecke bleiben will. Es werden ständig Verbesserungen angestrebt, die nicht immer zur Zufriedenheit der Beteiligten ausfallen, wohl aber dazu dienen, Menschen arbeitslos zu machen. Denken wir nur an die Schreiblinge in den alten Büros, die an Stehpulten ihre Arbeiten verrichten mussten. Heute, im Zeitalter des Computers, werden die schriftlichen Geschäftsarbeiten nicht nur schneller, sondern auch billiger verrichtet.

Eine Änderung in der Herstellung reinen Nickels resultierte darin, dass nur noch 5000 Kathodeboxen benötigt wurden, kurze Zeit darauf nur noch 2000. Das war der Todesstoß für meine Firma und damit wurde auch meine gute Stellung illusorisch. Das Thema unserer Umsiedlung wieder aktuell.

In einer Stadt, in der ein Bergwerk alles bestimmt, ändert sich schlagartig vieles, wenn der Absatz stockt. Nicht nur die Belegschaftsmitglieder werden davon betroffen, sondern auch die Geschäfte einer solchen Stadt. Das sind die Gesetze des Kapitalismus und die Aktionäre bestimmen den weiteren Verlauf. Es ist dabei egal, dass Hunderte entlassen werden. Ein gnadenloses Gesetz, das immer die Minderbemittelten trifft.

Meine eigene Situation hatte sich nicht gebessert, ich hatte aber das Glück bei einer Autoreifenfirma Arbeit zu finden, für die ich Büroarbeiten erledigte und auch Reifen verkaufte. Auch eine Zweigstelle einer Winnipegger Firma, die auch vertraglich in einem Tagebau des Nickelwerkes die

Abbaumaschinen, Lader und Trucks reifenmäßig zu versorgen hatte. Reifen an den großen Michigan Ladern kosteten per Stück $1000. Nach einigen Monaten meiner Tätigkeit in der Firma, wurde der Tagebau wegen stockenden Nickelabsatzes plötzlich vorläufig eingestellt. Die Winnipeg Firma verließ augenblicklich Thompson. Das Resultat für mich fast 50-jährigen war erneute Arbeitslosigkeit.

Noch gab ich mich jedoch nicht geschlagen Ich bewarb mich bei einer Verleihungsfirma, für die ich Ersatzteil-Manager wurde. Computer waren noch nicht vorhanden und so baute ich in mühseliger Kleinarbeit ein Karten-System für die vielen Maschinen und Geräte auf, und begann bereits meist gebrauchte Ersatzteile zu bestellen. Nach drei Monaten hatte ich alles erfasst und vermeinte nun eine übersichtliche Kontrolle über alle Teile zu haben. Pustekuchen !!! Eine Änderung trat ein, die der Chef zum Anlass nahm, urplötzlich seine Firma aufzulösen, um in den Ruhestand zu gehen. Diesesmal war es nicht das Nickelwerk, was dieses auslöste, sondern die Provinzregierung. Ein Programm der regierenden Arbeiterpartei war es, die Indianer im Nordland zu beschäftigen. Es gab kaum Straßen im Norden, und die Eingeborenen wurden eingesetzt, um den, zum Teil sehr dichten Wald, auszulichten. Dann begannen die Erdarbeiten.

Die Straßenbaumaschinen meiner neuen Firma waren für fast drei Jahre voll im Einsatz, und dieserKontrakt mit der Regierung erwies sich als sehr lukrativ. Dann kam die Neuwahl. Heftige Kritik bei der konservativen Partei wegen Verschwendung von Steuergeldern und einige Minister-Skandale, führten zur Abwahl der Arbeiterpartei. Augenblicklich wurde der Straßenbau im Norden abgeblasen. Das bewog meinen Chef seine Firma aufzulösen und das ganze Inventar zu versteigern.

Natürlich wurden alle Belegschaftsmitglieder dadurch arbeitslos, und auch ich zum dritten Mal in einem Jahr. Das hat mir gelangt.

Ich meldete mich auf dem Arbeitsamt und bekundete meine Absicht Thompson nach all den Jahren zu verlassen, um im Westen Kanadas noch einmal neu zu beginnen. Die sehr nette Beamtin versprach mir ihr Bestes zu tun, um auf dem Arbeitsmarkt etwas Passendes für mich zu finden. Ich hatte in den Jahren seit der Auswanderung allerhand gelernt, und dazu gehörte, auch keine Arbeit zu scheuen.

Sofort ergriff ich auch selbst die Initiative und entwarf ein Bewerbungsschreiben, das ich an 30 verschiedene Orte in den Provinzen Alberta und Britisch Kolumbien schickte. Die Antworten trudelten nacheinander ein mit Broschüren und der Geschichte der einzelnen kleinen Städte, aber eine Anstellung wurde mir nicht angeboten. Mein Alter schien allgemein der Grund dafür gewesen zu sein.

Mit 50 ist man noch zu jung, um den Arbeitshut an den Nagel zu hängen, und auch unsere Finanzen reichten nicht, um schon in Rente zu gehen. Unser größtes Inventar war unser Haus, das in einer halben Geisterstadt zu verkaufen, ein schwieriges Unterfangen war.

Es regnete in den Sommermonaten fast jeden Tag. Das Wasser stand auf dem Rasen. Wir hatten den Verkauf des Hauses einem Makler übergeben, aber in den drei folgenden Monaten wurde es nur einem einzigen Interessentenen gezeigt.

Wenn nichts zu klappen scheint, dann kommt von irgendwo ein helles Lichtlein her, wie das Sprichwort heißt. Die Dame vom Arbeitsamt rief an. Sie hatte zwei Geschäfte ausfindig gemacht, die Verkäufer suchten. Es handelte sich um ein Reifengeschäft in Trail, Britisch Kolumbien, und nur 17 Kilometer davon entfernt, in Fruitvale, um ein Kaufhaus, das einen Möbelverkäufer suchte. Reifen hatte ich schon verkauft, aber von Möbel hatte ich keinen Schimmer. Ich bewarb mich bei beiden Firmen, musste aber gleich erfahren, dass das Autoreifen-Geschäft inzwischen Pleite gemacht hatte. So blieb nur das Kaufhaus. Ich bekam einen netten Anruf vom Besitzer desselben und war doch sehr verwundert als ich in deutscher Sprache angesprochen wurde. Der Besitzer des Geschäftes stellte sich als ein Hamburger heraus, der dort eingeheiratet hatte. Er zögerte zuerst, als er hörte, dass ich noch niemals in einem Kaufhaus gearbeitet hatte und auch von Möbel nichts verstand. Ich beteuerte ihm aber, dass ich schnell lerne und schlug ihm vor, nach Fruitvale zwecks persönlicher Vorstellung zu kommen. Ohne mir Versprechungen zu machen, sagte er zu.

Wir machten uns gleich an die Vorbereitungen, koppelten unseren Zeltwagen ans Auto und begaben uns auf die 2400 Km lange Reise. Am 17. Juli im Jahre 1978 trafen wir wie geplant in Fruitvale ein.

Der Ort liegt in einem idyllischen Bergtal zwischen Gebirgsketten der Rocky Mountains. Wir waren gleich in die Gegend verliebt und hofften unseren Lebensabend dort verbringen zu dürfen. Es kam zu der Vorstellung und nach einstündiger Unterredung wurde mir der Managerposten der Haushalts Abteilung versprochen. Sofort gingen wir daran ein Grundstück zu suchen, auf der wir ein Haus zu bauen gedachten.

Wir mussten allerdings nach Thompson zurück, um unser Haus zu verkaufen und danach den Umzug vorzubereiten Wie schon erwähnt,, klappte es in den nächsten Monaten nicht, und als der erste Frost die Wiesen in eine glitzernde Decke verwandelt hatte, entschieden wir , dass ich allein nach Fruitvale fahre, um die Stellung anzutreten, während meine Frau weiterhin ihrer Arbeit in der Einkaufsabteilung des Nickelwerkes nachging und auf den Verkauf des Hauses wartete.

Am letzten Tage des Septembers war es dann so weit. Ich koppelte unser Motorboot ans Auto, und nach abenteuerlicher Fahrt und einer Panne kam ich 5 Tage später in Fruitvale an. Bei einem  Deutschen bekam ich eine kleine Wohnung, und zwei Tage später darauf trat ich meine Stellung an. Für die nächsten drei Monate verkaufte ich mit einigen Erfolg nicht nur Messer und Gabeln, sondern auch Kaffeemaschinen, Mikrowellen und was so alles in einem Haushalt gebraucht wird. Als die alte Dame, die die Möbel verkaufte, kurz darauf pensioniert wurde, verkaufte ich auch Möbel, Waschmaschinen, Kühltruhen und Teppiche.

Kurz vor Weihnachten gelang es meiner Frau das Haus ohne die Hilfe des Maklers zu verkaufen.Sie kündigte ihre gute Stellung im Nickelwerk und kam nach Fruitvale. Wir feierten Weihnachten zusammen, und kurz nach Neujahr fuhren wir nochmals nach Thompson, um den Umzug vorzubereiten. Zehn Tage später landeten wir wieder in Fruitvale. An dem Grundstück, das wir mit einer herrlichen Aussicht auf die Berge im Sommer gekauft hatten, begannen bereits im März die Bauarbeiten, und schon im Juni zogen wir in unser neues Haus. Meine Frau hatte keinerlei Pläne nochmals zu arbeiten, während ich weiterhin meiner Beschäftigung im Kaufhaus nachging.

Das letzte Kapitel, das den Titel Fruitvale trägt, erscheint im nächsten Monat.

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