Robert Kuehl

Am Fenster

An „Das Warten auf Godot“ erinnert mich dieser Moment. Es ist angenehm, mit dir auf jemanden zu warten, von dem man weiß, dass er nicht kommt.

Du hast am Fenster gestanden und ganz verträumt hinausgeblickt. Ein Glas Wein in der Hand, dich leicht wiegend im Takt von „Dream a little Dream of me“ der Mamas and Papas – obwohl du zu mir hinüber schautest und dabei lächeltest, wusste ich, dass du auch anderes siehst. Zu warm blickten deine Augen durch mich hindurch. Auf diesen Blick hin habe ich mich erhoben, bin hinter dich getreten, habe dich mit dem rechten Arm umfasst und meinen Körper deinen wiegenden Bewegungen angepasst.

Warm und weich spüre ich deinen Körper in der Hand, dein Kopf liegt an meiner Wange. Leise summst du die Melodie mit, während ich versuche, deinen Gedanken zu folgen, die sich jenseits der Fensterscheibe zu befinden scheinen. Auf den ersten Blick ist nur das zu sehen, was wir immer sehen: die Straße, das gegenüberliegende Haus, der gelbe Briefkasten an der Bushaltestelle. Der Herbstregen lässt den Tag trist wirken, und ein heftiger Windstoß fegt die Straße hinunter, dass sich meine Schultern trotz der Wärme im Zimmer fröstelnd kurz zusammen ziehen.

Zusammengekauert stehen die Menschen an der Haltestelle, den Rücken gegen den Wind gedreht. Eine Frau kämpft damit, ihren Regenschirm vor dem Überklappen zu bewahren, und ein Mann mit Hund geht dicht an der gegenüberliegenden Hauswand entlang, eine Kapuze über dem Kopf und die Hände tief in den Taschen seines Parkas verborgen. Die Autos fahren mit eingeschaltetem Licht und winkenden Scheibenwischern gischtend an unserem Fenster vorbei. Es scheint eine andere Welt zu sein - dort draußen - als hier drinnen. Oder: andere Welten? Jedenfalls habe ich auch schon Schnee gesehen durch dieses Fenster, Eis auf der Straße und tollende Kinder. Oder Sonne, die im Sommer dafür sorgt, dass ich mich über Frauen in luftiger Kleidung freuen kann, über fröhliche und weniger hektische Menschen – Sonne scheint zufriedener zu machen als Regen.

Ich sehe die Freunde und Gäste, die uns besuchten, die Straße entlang kommen. Ich sehe dich, wie du mit einer Freundin vom Stadtbummel kommst. Ich sehe die Kinder an der Haltestelle aus dem Bus steigen und fröhlich herüber winken. Ich sehe mich, wie ich die Colakisten aus dem Auto lade oder das Gepäck für den Urlaub verstaue...

... 

War das Glück? Innerlich lächelnd stand sie da, den Blick dem Fenster zugewandt. Doch da war nichts, was sie sah, weil ihr Blick nach innen gerichtet war - sie schaute sich ihre Gefühle an. Es war warm in ihr und sie fühlte sich leicht. Sicherheit spürte sie, Zufriedenheit und Vertrauen. Alles, was sie sah, war bunt, lebendig. Die Geborgenheit, in der sie sich wähnte, die Wärme des Zimmers und die guten Erinnerungen, die die Musik der Mamas & Papas auslösten, ließen ihren Körper sich leise wiegen. Fast war es ihr, als würde sich ein inneres Lächeln in ihr bilden, das sich in einem Seufzer löste, als sie seinen Arm um ihren Körper spürte. Nur kurz streiften ihre Augen erst grauen Himmel, dann warme Augen, doch dann konnte der innere Blick noch tiefer tauchen.
Und das innere Lächeln fand in ihrem Gesicht seine Fortsetzung.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.06.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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