Hannis Eriksson

Das Leben des Thomas Mustermann

 

Wie jeden Morgen unter der Woche stand er auf, kurz nach sechs, ging als erstes in die Küche seiner Wohnung und schaltete die Kaffeemaschine ein, die er am gestrigen Abend neu befüllt hatte. Er hatte sich schon überlegt, sich so eine Ein-Tassen-Maschine anzuschaffen, wie sie inzwischen in vielen Singlehaushalten weit verbreitet waren, doch bis jetzt war er nicht dazu gekommen.

   Nachdem die Kaffeemaschine eingeschaltet war, ging er weiter ins Bad und stellte sich unter die Dusche. Er rasierte sich und putzte seine Zähne. Nach etwa zwanzig Minuten hatte er seine Morgenwäsche beendet und ging wieder in die Küche.

   Der Kaffee war in der Zwischenzeit durchgelaufen. Er nahm sich eine Tasse aus dem Schrank, goss sie sich voll und setzte sich an den kleinen Küchentisch mit Blick aus dem Fenster.

   Draußen war es noch diesig, aber das Wetter in den vergangenen Wochen war ja auch nicht anders gewesen. Beim Anblick dieser Tristes nahm seine Lust auf die Arbeit noch mehr ab. Er hatte diese Arbeit nie gemocht, aber er verdiente …, na ja, es reichte, grad so. An allem war nur dieser Staat Schuld, diese Politik, die die kleinen Leute ausbeutete und den Reichen immer mehr zusteckte. Es funktionierte doch in anderen Ländern, zumindest hatte er das gehört. Aber diese Politiker da oben, hatten einfach keinen Plan von dem, was eigentlich ihre Aufgabe war. Sicher, er hatte auch keine Ahnung, was eigentlich die Aufgaben der einzelnen Ministerämter beinhalteten, aber es war ja auch nicht an ihm, sich darüber Gedanken zumachen.

   Diese Leute würden nie etwas bewegen und ihm war das inzwischen egal. Zur Wahl ging er schon lange nicht mehr. Wieso auch? Es war doch vollkommen egal, wer an der Macht war, jeder wirtschaftete nur in die eigene Tasche. Es war ja überall so, auch in seiner Firma. Die Leute an den Schreibtischen hatten die ganze Arbeit und die Chefetage machte den großen Reibach. Auch nach der Wirtschaftskrise hatte sich daran nichts geändert. Eher im Gegenteil. Die noch vor einem Jahr versprochene Lohnerhöhung war ausgeblieben. In dieser Situation müssen alle ein wenig zurückstecken! Damit hatten sich seine Bosse aus der Affäre gezogen. Natürlich!

   Aber Meier konnte sich schon wieder ein neues Auto leisten, hat, wenn’s gut geht, sogar noch Abwrackprämie kassiert, auch wenn Meiers altes Auto noch lange nicht alt genug dafür gewesen war. Aber solche Leute fanden schon einen Weg. Ob Meier überhaupt Steuern hier zahlte? Wahrscheinlich nicht. Irgendwie Steuergelder abgreifen, ja, aber hier selber was abdrücken. Ach was soll’s! Er konnte daran nichts ändern.

   Vielleicht sollte er sich einen Job im Ausland suchen, der erste aus seiner Firma wäre er damit nicht. Aber noch eine neue Sprache lernen? OK, er sprach Englisch, mehr oder minder gut, aber ob das ausreichen würde? Ansonsten gab es eigentlich nichts, was ihn hier hielt.

   Er trank seinen Kaffee aus, packte seine Unterlagen zusammen und machte sich auf den Weg ins Büro. Zu Hause aß er selten, egal ob Frühstück, Mittag oder Abendbrot. Na ja, manchmal noch das letztere, dann ließ er sich etwas kommen. Lieferdienste gab es in der Stadt ja mehr als genügend.

   Nicht allzu weit von der Haustür seines Blocks entfernt hielt die Straßenbahn. Er hatte zwar auch ein Auto, aber das nutzte er kaum. Aus der Stadt raus kam er nur selten. Aber wo sollte er auch hinfahren? Selbst in seinen paar Wochen Urlaub nutzte er den Wagen kaum. Oft flog er in den Süden, meistens nach Mallorca. Am Ballermann konnte man halt gut abschalten und ein kleiner Urlaubsflirt war auch fast immer drin.

   Auf eine längere Beziehung hatte er auch keine Lust. Zwei Jahre hatte seine längste Beziehung gedauert, es war echt schwer gewesen, das Mädel wieder los zu werden. Er selbst hatte nach spätestens anderthalb Jahren eh die Nase voll gehabt. Aus diesem Grund ließ er sich auf nichts Festes mehr ein. Ein One Night Stand, ja das kam öfter vor, aber sobald die kleine sich nach seiner Nummer erkundigte, war bei ihm Schluss.

   Die Gründung einer Familie war für ihn einfach unvorstellbar. Sein Cousin meinte zwar er sei glücklich, aber ständig diese kleinen Nervensägen um sich herumzuhaben konnte er sich überhaupt nicht vorstellen. Seine letzte feste Freundin, die, mit der er zwei Jahre zusammen gewesen war, wollte ihn unbedingt zu einer Familie überreden. Sie war sogar soweit gegangen zu behaupten, sie wäre schwanger von ihm. Da hatte es ihm endgültig gereicht. Seitdem hatte sie noch manchmal versucht, ihn anzurufen, irgendwann hatte sie dann aufgegeben, nachdem er sich nicht bei ihr gemeldet hatte.

   Die Straßenbahn fuhr an und er betrachtete die anderen Mitfahrenden. Irgendwie sahen sie alle gleich aus. Seltsam! Und alle schienen sie ihm bekannt vorzukommen. Aber das lag wahrscheinlich daran, dass er jeden Tag um dieselbe Zeit und mit derselben Bahn an die Arbeit fuhr. Er machte sich keine weiteren Gedanken darüber. Er setzte sich auf einen gerade freigewordenen Platz und sah aus dem Fenster.

   Die Straßenbahn fuhr an einer dieser neuartigen Kirchen vorbei. Wieso man die Dinger überhaupt noch baute, konnte er nicht verstehen. Er war zwar auch getauft, war mit zur Kommunion gegangen und hatte sich sogar firmen lassen, aber danach war er nur noch selten in einer Kirche gewesen, an das letzte Mal konnte er sich schon gar nicht mehr erinnern.

   Er bemitleidete die Leute sogar ein wenig, die sonntags so früh aufstanden, um sich dann so ein langweiliges Gequake anzuhören. An einen Gott konnte er sowieso nicht glauben, denn wie konnte das stimmen, was die Pfaffen den Leuten da erzählten? Ein gütiger Gott? Bitte! Gäbe es wirklich diesen gütigen Gott, dann ginge es ihm besser, er würde vernünftig verdienen, hätte eine größere Wohnung, nicht nur diese sechzig Quadratmeter. Klar, eigentlich hatte er genug Platz, aber so eine schöne große Wohnung, vielleicht sogar ein eigenes Haus und einen schicken Sportwagen, da hätte er nicht nein gesagt. Wer hätte das überhaupt?

   Nach fünfzehn Minuten in der Straßenbahn stieg er aus. Fünf Minuten Fußmarsch lagen noch vor ihm. Er sah auf seine Armbanduhr, heute konnte er sich Zeit lassen, von den Chefs war heute sowieso niemand da und ob er dann fünf oder zehn Minuten zu spät kam, wen sollte es schon stören?

   Als er ins Büro kam, saßen die meisten seiner Kollegen bereits an ihren Schreibtischen. Der letzte war er allerdings auch nicht. Er stellte seine Tasche ab, nahm die Tasse von seinem Schreibtisch, die noch von gestern unabgespült dort verweilt hatte, ging in den kleinen Raum mit der kleinen Küchenzeile, spülte die Tasse aus und goss sich den letzten Kaffee aus der Kanne ein. Dann ging er zurück zu seinem Schreibtisch, ohne eine neue Kanne aufzusetzen.

   Er schaltete den Rechner ein und checkte seine e-Mails, zuerst seine privaten, obwohl dort meist sowieso nur irgendwelche Spam-Mails aufliefen. Private Kontakte pflegte er kaum. Ab und zu ging er mit ein paar seiner Kollegen nach der Arbeit in eine Kneipe. Sie tranken ein paar Bier und verdrängten so die leidige Arbeit.

   In seinem privaten Account waren wie erwartet nur einige Spam-Mails gewesen, sein betrieblicher Account war noch leer. Also alles wie gehabt. Er rief die Liste der Leute auf, die er heute kontaktieren musste, die ihm gestern oder irgendwann in der letzten Woche geschrieben hatten. Wie gut, dass er nur online Support machte. Ab und zu kam zwar auch ein Anruf rein, aber das meiste konnte er über den Rechner erledigen. Außerdem brauchte man ja nicht übertreiben. Die Leute konnten ja nicht verlangen, dass man sich nur um sie kümmerte, dazu kamen meist viel zu viele Anfragen herein.

   Irgendwie war ihm heute richtig langweilig, allerdings auch nicht mehr als sonst. Er sollte sich irgendein Hobby zulegen. Ja, er machte ab und zu ein wenig Sport, ging zweimal die Woche ins Fitnessstudio und am Wochenende joggte er zusätzlich, abends natürlich, denn in erster Linie war das Wochenende zum Ausschlafen da.

   Um halb eins gingen einige seiner Kollegen in die Kantine, die zu einem Betrieb gehörte, der gleich im Nebengebäude untergebracht war. Er schloss sich ihnen an. Ein paar dutzend Mails hatte er beantwortet, etwa fünfzig neue hatte er in der Zwischenzeit bekommen.

   Was gibt’s denn heute? Schnitzel mit Pommes. OK, nehmen wir. Die Mittagspause zog sich in die Länge, obwohl alle nach spätestens zwanzig Minuten mit dem Essen fertig waren. Einige gingen kurz vor die Tür und rauchten, er und einige andere blieben sitzen und redeten über dies und das, eigentlich nur irgendwelches belangloses Zeug, aber es hielt ihn von der Arbeit ab, also war es ganz gut.

   Bis achtzehn Uhr musste er heut noch dableiben, dann wollten einige seiner Kollegen wieder mal in eine Kneipe. Wieso nicht? Er würde sich ihnen anschließen.

   Der lange Arbeitstag hatte endlich ein Ende gefunden. Er schaltete den Rechner aus und machte sich mit seinen Kollegen auf in die nächste Kneipe. Ein zwei Bierchen, vielleicht traf er irgendein süßes Mädel, gegen eine kleine Nummer hätte er nichts einzuwenden gehabt. Es gab zwar auch unter seinen Kolleginnen die ein oder andere, die ihn interessiert hätte, einfach mal so für eine Nacht, aber das würde zu kompliziert werden, also verzichtete er.

   Seine ein zwei Bier trank er mit seinen Kollegen, doch ihm wurde schnell langweilig, hier gab es heute nichts für ihn. Vielleicht sollte er noch durch ein zwei andere Läden ziehen?! Gesagt, getan und endlich in der vierten Kneipe fand er eine Schnecke, die seinen Ansprüchen genügte. Noch hatte er nicht zuviel intus, also ging er auf sie zu und sprach sie an. Na klasse, es funktioniert doch immer wieder!

   Nach ein paar weiteren Gläschen hatte er sie soweit. Er ließ den Wirt ein Taxi rufen und er und das Mädel ließen sich zu ihm nach Hause bringen. Ein Wahnsinnsritt! Er hatte echt ein gutes Auge dafür. Aber seine Kondition war auch nicht mehr die beste. Vier mal, dann war Schluss. Er schlief neben ihr ein.

   Als er am nächsten Morgen aufwachte, war sie schon weg. Kein Zettel? Sie hatte es verstanden. Wenn es doch nur immer so einfach wäre!

   Er ging wieder in die Küche, schaltete die Kaffeemaschine ein, ging dann ins Bad und machte sich für den Tag fertig.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.10.2009. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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