Mark Galsworthy

Nordic Walking

Eins-zwei, eins-zwei, im Sauseschritt, die Stöcke fliegen, ich fliege mit!

Mit Jumps und meisterlichen Doppelstockschüben pflüge ich durch die Außenbezirke Berlins.

Meine Arme laden so weit aus, daß Albatrosse vor Neid erblassen würden, wären sie nicht ohnehin schon farblos.

Neid bemerke ich in den Gesichtern, die ich achtlos links und rechts meiner Bahn zurücklasse.

Ich weiß genau, was die denken.

Zerrissen von ihrer eigenen Mißgunst, meine ich sie tuscheln zu hören, wo ich denn meine Ski gelassen hätte, warum ich denn ohne diese rumlaufen würde.

Ignorantes Fußgängerpack !

Von wegen rumlaufen!

Nordic walken bedarf eines höchsten Maßes an navigatorischem Können.

Taucht auf der Bahn z.B. in 10 m Entfernung ein Hundehaufen auf, dann sind alle Sinne gefordert!

Entfernung abschätzen, durch die exakte Schrittlänge teilen, die Auftreffwahrscheinlichkeit berechnen, und das alles in Bruchteilen von Sekunden.

Bei einer Auftreffwahrscheinlichkeit höher 70%, sofort Ausweichkurs berechnen, sanft, aber schnell auf diesen einschwenken und nur ja nicht aus dem Takt kommen, oder was noch schlimmer wäre, die Geschwindigkeit verringern.

Nulltempo gilt nur an roten Ampeln, aber ohne den Schrittrhythmus zu ändern.

Mögen diese Ignoranten doch behaupten, das sähe so aus, als wäre ein Aufziehhase gegen eine Wand gelaufen, was juckt mich das.

Mit Schrecken denke ich an das Frühjahr, als die Krötenwanderung war. Diese dummen Tiere sind ja total unberechenbar und entziehen sich jeglicher korrekter Kursberechnung.

In solchen Fällen kann die Devise nur lauten: „Augen zu und durch durch den Lurch!“.

Was ich da anschließend an Lurchigem aus meinen Profilsohlen rauspuhlte, gab dem Begriff Salamanderschuh eine völlig neue Bedeutung. 

Aber heute walkt alles perfekt.

An der Buswendeschleife biegen zwei Mitwalker auf meine Bahn ab  und fädeln sich ein.

Ein kurzes Kopfnicken reicht als Begrüßung, denn nun kommt die Zeremonie der Synchronisation der Bewegungen.

Wie bei Musikern in einem Orchester wird der Takt übernommen und nun stampfen 6 Füße und staksen 6 Stöcke wie die Kolben eines Schiffsdiesels.

Eins zwei, eins zwei…

Es ist ein sehr erhabener Moment, und er gibt uns den Habitus einer Marschkolonne.

Wenn jetzt einer mit einem Marschlied begonnen hätte, wer weiß, ob wir rechtzeitig vor dem Ural zu stoppen gewesen wären.

An der Weggabelung verlasse ich die Formation, wippe kurz mit den Flügeln, ähm… Kopf und schwenke zur Siedlung, wo mein Reihenhaus nebst Inhalt auf mich wartet.

Stöcke an die Wand, Jacke aus, durchatmen.

Müde, aber glücklich sinke ich in meinen Fernsehsessel.

„Schatz, kannst Du mir bitte mal ein Bier holen?“

„Stundenlang durch die Gegend rennen und nun will der Herr auch noch bedient werden!“ schlägt es mir aus dem Badezimmer entgegen.

„Hol es Dir selber! Ich mach jetzt die Waschmaschine!“

Ich tue so, als hätte ich das Wort „rennen“ nicht gehört.

Sie wird das nie begreifen, dabei habe ich es ihr so oft schon erklärt, daß ich walke, wenn ich renne.

Ich stemme mich wieder aus dem gemütlichen Sessel empor, und bevor ich den ersten Schritt mache zucken meine Hände Richtung Stöcke, die verführerisch an der Wand lehnen.

 Ich halte kurz inne, widerstehe dem Zwang, lasse sie dort stehen, wo sie sind und gehe barhändig in die Küche.

Hier wird mich ja keiner so sehen.

 

 

 

 

 

 

 


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.01.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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