Christa Astl

Klein Martin möcht Sankt Martin sein

 


 
 
Die Kindergartentante hat Geschichten vom Heiligen Martin erzählt, was für ein guter hilfsbereiter Mann er war, weil er dem armen Bettler seinen halben Mantel geschenkt hat. Der kleine Martin möchte nun auch so ein Heiliger werden. Er weiß nur nicht wie, und darüber muss er fest nachdenken. Er fragt die Mama, den Papa, die Oma, aber niemand kann ihm eine rechte Antwort geben. Brav sein allein ist ihm zu wenig, es muss schon etwas Besonderes sein, um ein Heiliger zu werden. Und deshalb läuft er seit ein paar Tagen sehr nachdenklich herum.

An seinem Namenstag kommt die Oma aus dem Nachbarort zu Besuch. Und die schenkt ihm einen selber gestrickten langen Schal. So lang ist der, dass Martin ihn zweimal um den Hals wickeln kann und er trotzdem noch lang hinunterhängt. Martin hat natürlich eine Riesenfreude damit. Am nächsten Tag darf er ihn in den Kindergarten anziehen.

Heute ist ein neues Kind dabei. Es ist erst vor kurzem mit seinen Eltern aus einem fremden Land gekommen, kann noch nicht Deutsch und wohnt mit den Eltern am Stadtrand im Flüchtlingsheim. Den ganzen Vormittag steht der Neue an der Wand und schaut zu, wie die Kinder spielen, aber er getraut sich nicht mitzumachen. Martin muss immer wieder zu ihm hinüber schauen. Als sich die Kinder zum Heimgehen anziehen, sieht er, dass das fremde Kind nur einen dünnen Pullover anhat, und da kommt ihm eine Idee. Schnell läuft er noch einmal hinein ins Spielzimmer und holt seine Schere. Er beginnt seinen langen dicken Schal auseinander zu schneiden, um dem armen Kind die Hälfte zu schenken, wie es der Heilige Martin gemacht hatte. Es ist eine schwere Arbeit, denn die Schere schneidet nicht so gut wie St. Martins Schwert. Gerade hat er angefangen, da kommt die Tante und ruft: „ Schaut jetzt, dass ihr heimkommt“, und der fremde Bub rennt davon. Martin steht da mit seinem eingeschnittenen Schal. Er lässt die Schere sinken und geht langsam heim. Die Mama fängt natürlich gleich zu schimpfen an, als sie den Schnitt sieht. „Du undankbares Kind“, ruft sie. „Die Oma plagt sich so für dich und strickt dir den schönen Schal, und du machst einfach ein Loch hinein.“ Martin will ihr alles erklären, aber die Mama versteht nichts, sie hört gar nicht zu.

Traurig sitzt er in seinem Zimmer und weiß keinen Rat. Plötzlich fällt ihm etwas ein. Er will zur Oma, die kann bestimmt helfen. Er schlüpft in Anorak und Stiefel, den Schal packt er in seinen Kindergartenrucksack. Leise schleicht er aus der Wohnung und die Treppe hinunter. Dann macht er sich auf den Weg. Aber es ist ein langer Weg, bis Martin endlich aus der Stadt draußen ist. Und bis er in das Dorf kommt, wo die Oma wohnt, dauert es noch einmal lange. Martin beginnt müde zu werden, und Hunger bekommt er auch. Doch tapfer marschiert er weiter.

Viele Autos rasen an ihm vorbei, auf einmal bleibt eines stehen. Ein dicker Mann macht das Fenster auf und ruft heraus: „Magst du ein Stück mitfahren? Ich schenk dir auch eine Tafel Schokolade, wenn du einsteigst!“ Aber Martin fährt nicht mit. Oft hat ihm die Mutter gesagt, er soll nicht mit fremden Leuten mitgehen. Der Mann gibt Gas, und Martin geht weiter. 

Soeben kommt er zur Haltestelle, da fährt der Bus ein. Der Fahrer glaubt, der Bub will mitfahren und bleibt stehen. Er erkennt Martin, der öfter mit der Oma dorthin unterwegs ist. Martin will gern einsteigen, da fällt ihm ein, dass er kein Geld mithat. Doch der freundliche Fahrer lacht: „Lass es gut sein! Das ist heut meine letzte Fahrt, da darfst du umsonst mitfahren. Ich weiß ja, dass du nicht mehr weit hast.“ Martin bedankt sich ganz höflich, als ihn der Busfahrer direkt vor Omas Haustür aussteigen lässt.

Die Oma ist sehr erstaunt über den unerwarteten Besuch. Martin beginnt zu weinen und zieht den zerschnittenen Schal aus dem Rucksack. Dann erzählt er seine ganze Geschichte. Und die Oma schimpft gar nicht. Sie nimmt den traurigen Buben auf den Schoß, streichelt ihm die Tränen von den Wangen und meint: „Irgendwie werden wir das schon wieder richten können.“ Dann holt sie die Schere und schneidet ganz vorsichtig da weiter, wo Martin begonnen hat. Und auf einmal hat sie zwei kürzere Schals in den Händen. Mit den klappernden Stricknadeln strickt sie sie fertig, dass keine Maschen mehr davonlaufen.

„Die Schals sind aber nun schon ziemlich kurz“, meint sie. „Da wirst du mir helfen müssen.“ Das macht Martin gerne. Aus Omas Truhe kramen sie viele bunte Wollreste zusammen. Martin darf gleichlange Fäden abschneiden und Oma knüpft sie als Fransen in bunten Mustern an die beiden Enden der Schals. Dann geht sie ans Telefon und ruft die Mama an. Die hat sich natürlich daheim schon große Sorgen um ihren Buben gemacht und will den Martin wieder schimpfen, weil er ohne etwas zu sagen fortgelaufen ist. Aber die Oma erzählt ihr ganz schnell, warum er das gemacht hat.

Da fällt der Mama ein, dass sie ja noch den Anorak hat, der Martin zu klein geworden ist. Vielleicht soll sie den auch dem fremden Kind schenken? „Hurra!“ schreit Martin, „vielleicht wird die Mama auch noch eine Heilige!“ Er darf die Nacht bei der Oma verbringen und fährt am nächsten Morgen mit ihr zurück in die Stadt.

Zuerst gehen sie zur Mama heim und dann in den Kindergarten. Die Mama hat inzwischen eine große Tasche mit warmen Anziehsachen hergerichtet und begleitet die beiden. An der Kindergartentür treffen sie mit dem fremden Kind zusammen, das von seinen Eltern hergebracht wird. Gleich rennt Martin zu ihm und legt ihm seinen zweiten Schal, der noch buntere Fransen hat, um den Hals, und Hand in Hand laufen sie in den Kindergarten. Erstaunt und ratlos bleiben die Eltern zurück. Da kommt die Mama mit ihrer Tasche auf sie zu und gibt diese der Frau. „Olfino?“ fragt die Frau. Das ist sicher der Name des Buben, denkt Mama. „Ja“, sagt sie. „Danke“ sagt der fremde Mann. Es ist das einzige Wort, das er kann. Aber an den leuchtenden frohen Augen sieht man, wie sich alle freuen.


ChA Nov. 2010

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