Monika Jarju

Ein Moment nur

Im Innenhof des Seouler Gartens, von der Veranda des Pavillons, betrachte ich die hügelige Felslandschaft, eine Vegetation aus Kiefern, Bambus, Eichen und Ahorn. Der Eindruck von Fremdartigkeit ist so groß in mir, dass ich in einem magischen Moment vergesse, wo ich mich befinde. Ich bin ich nicht mehr in Marzahn, ich bin in Korea. Auf dem dunklen Holzboden liegen Kissen, ein Tablett mit Teeschalen steht da. Ich höre einen zarten Ton, den der Wind an den vom Dachfirst hängenden Fisch aus Metall schlägt. Eintreten möchte ich in dieses Bild, mich niederlassen auf den ausgebreiteten Matten und ruhig schauen. Mein inneres Zwiegespräch verstummt, ganz wunschlos bin ich.
„Da schau“, sagt Elke neben mir, ungeduldig klappt sie ihr Handy auf. Herausgerissen aus meiner Stimmung starre ich auf das Display, erkenne eine gelbe Gerbera auf einer Bank vor einem blühenden Frühlingsbaum. Wir stehen noch immer im Innenhof des koreanischen Gartens und Elke zeigt mir ihre Fotos. Es gibt kein stilles Innehalten bei ihr, kein Lauschen in sich hinein oder nach außen. Ein hilfloses Gefühl von Enttäuschung packt mich. Der Garten und der schöne Moment sind verdorben. Nichts passt mehr zusammen. Das kleine vorgetäuschte Wohlbehagen hat sich aufgelöst. Ich blicke vom Display zur Landschaft, da ist sie nur noch ein Pixelbild. Und Elke schaut enttäuscht aus. Ich fühle mich beschämt. Warum ist der Garten nur so klein und künstlich angelegt, so dass jedermann ihn enttarnen kann? Ich erzähle ihr von der Harmonie des Gartens, von dem Windspiel, dem Metallfisch, und seinem sanften Klang. Elke sieht mich skeptisch an, reckt sich, schlägt grob gegen das Metall, der Ton ist plump und laut. Sie wirft mir einen triumphierenden Blick zu und geht weiter.

 

 

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