Sandra Behrens

Die Tote im Wasserturm

Es war ein verregneter Sonntag im Oktober und eigentlich hatte Hauptkommissarin Stella Kuhn frei, aber das kümmerte anscheinend ihren Vorgesetzten Herbert Behrens nicht. Er rief sie jetzt das dritte Mal kurz hintereinander an und sie musste leider einsehen, dass sie wohl ans Telefon gehen sollte. Eigentlich wollte sie heute, nach langer Zeit, mal wieder etwas Schönes mit Ihrem Partner unternehmen. Sie hatten in letzter Zeit häufig Meinungsverschiedenheiten über banale Dinge. Es lag wahrscheinlich daran, dass Tobi eine Familie gründen möchte und sie sich dafür noch nicht reif genug fühlte. Gut, sie war jetzt bereits 31 Jahre alt. Sie sollte vielleicht doch einmal darüber nachdenken ob es nicht langsam Zeit für eine Ehe und Kinder wäre. Außerdem liebte sie Tobi und wollte ihn nicht verlieren. Aber jetzt klingelte das Telefon zum vierten Mal. Sie ging ran.

Die Tote lag mit gebrochenem Genick auf der Wendeltreppe im Wasserturm. Sie fragte sich gerade, warum man sie informiert hatte. Es sah doch nach Unfall aus, oder? Nein, sagte ihr der Forensiker vor Ort. Sehen Sie sich mal den Hals des Opfers an. Ja, tatsächlich das waren eindeutig Würgemale. Von ihm erfuhr sie auch, dass die Leiche hier schon seit mindestens einer Woche liegen könnte. Nur weil es im Turm so kalt ist, sah man das der Toten nicht an. Außerdem konnte sie keinerlei Schmuck sehen und auch die Taschen der Jacke waren leer. Also Raubmord. Aber hier, im Wasserturm. Wann soll das gewesen sein. Er ist doch bis auf einige Tage im Jahr geschlossen.

Jetzt sah sie auch ihren ungeliebten Kollegen Ingo. Seitdem sie, auf einer Geburtstagsfeier eines Kollegen, beschwipst mit ihm geflirtet hatte, meinte er sich etwas herausnehmen zu können. Letztens als sie zu eng an ihm vorbeiging, was im Revier nicht zu vermeiden war, hatte er ihr sogar einen Klaps auf den Po gegeben. Seitdem ging sie ihm lieber aus dem Weg. Sie wollte das ungern, durch ein Gespräch eskalieren lassen.  Aber wenn es so weiterging, war es unvermeidbar. Seine Augen sprachen Bände.

Zum wahrscheinlichen Todeszeitpunkt war beim Volksfest Kramermarkt der Wasserturm das letzte Mal geöffnet gewesen. Jetzt zur Eröffnung des Knollentagefestes war der Turmwärter wieder den Wasserturm hochgegangen um nach dem Rechten zu sehen bevor die Besucher kommen durften. Der Turmwächter versicherte ihr, dass er immer als letztes den Turm verlassen würde und es nur diese enge Wendeltreppe als Zugang gibt. Wie also sollte die Tote hier hereingekommen sein. Einbruchsspuren gab es, wie sie von Ingo erfuhr, keine. Nachdem alles genau, mit Fotos und Skizzen festgehalten wurde, konnte die Leiche abtransportiert werden.

Die Tote war unverheiratet und 22 Jahre alt. Jetzt musste sie die unangenehme Pflicht erfüllen, den Eltern, Herrn und Frau Neumann,  die Nachricht vom Tod ihrer Tochter zu überbringen. Das Haus der Eltern war in einer guten Wohngegend im Norden der Stadt. Die Mutter musste sich hinlegen, sie konnte die Nachricht kaum verkraften. Der Vater war tief erschüttert. Er konnte ihre Fragen aber beantworten. Ihre Tochter, Martina, wohnte jetzt seit 10 Monaten nicht mehr im Elternhaus. Sie hatte sich eine kleine Wohnung nur 2 km entfernt gemietet. Ihm war nichts an seiner Tochter aufgefallen. Sie hatte, seines Wissens, zurzeit keinen Freund und in Ihrer Arbeit, sie arbeitete als Verkäuferin in einem kleinen Lampengeschäft in der Stadtmitte, soll alles wie immer gewesen sein. Es könnte aber sein, dass seine Frau mehr weiß, sagte ihr der Vater. Leider sei seine Frau im Moment nicht ansprechbar. Sie müsste deswegen morgen wiederkommen.

Sie fuhr nun noch ins Revier um ihren Bericht zu schreiben und informierte Ihren Vorgesetzten über den aktuellen Stand. Jetzt endlich konnte sie wieder nach Hause fahren. Tobias schlief schon, sodass sie sich leise neben ihn ins Bett stahl. Lange dachte sie noch über den Fall nach bis sie irgendwann endlich einschlief.

Sie stand dann am nächsten Morgen zusammen mit Tobias auf und sie tranken einen Kaffee zusammen. Da immer erst er und dann sie ins Bad gingen, hatten sie kaum Zeit für ein Gespräch. Er fragte sie nur wann sie gestern Abend gekommen wäre und stellte dann fest, dass er da gerade eingeschlafen sein musste. Das fanden sie beide sehr schade und wollten heute Abend einen gemütlichen Abend, mal ohne Fernseher verbringen. Jetzt mussten sie aber beide schnell los.

Sie fuhr zum Revier um dann zusammen mit ihrem Kollegen Paul zum Gespräch mit der Mutter zu fahren. Diese sah sehr blass und verweint aus, war aber zu einem Gespräch bereit. Es nützte ja nichts, sagte sie, vielleicht kann ich ja helfen den Mörder meiner Tochter zu finden. Auch sie wusste nichts von einem Freund, oder Problemen im Leben Ihrer Tochter. Sie hatte einen Schlüssel zur Wohnung ihrer Tochter und so fuhren sie mit Ihr dorthin. In der Wohnung sah es sehr chaotisch aus. Es war eindeutig, dass jemand die Wohnung durchsucht hatte. Stella und ihr Kollege zogen Handschuhe an und durchsuchten die Schränke und Schubläden. Schnell stellten sie fest, dass es keine Wertgegenstände mehr in der Wohnung gab. Frau Neumann hatte ihrer Tochter beim Auszug sehr viel von ihrem Schmuck, der teilweise sehr wertvoll war, geschenkt, erzählte sie ihnen. Besonders ein außergewöhnliches und wertvolles Armband wäre jetzt verschwunden. Auch wäre ihre Tochter immer sehr sparsam gewesen und hatte immer verhältnismäßig viel Geld in der Wohnung gehabt, aber auch Geld war nicht zu finden. Stella rief die Spurensicherung an, sie sollten sich die Wohnung mal vornehmen.

Stella ging noch nachmittags zum Arbeitgeber der Ermordeten. Der Filialleiter konnte es kaum glauben, aber er hatte sich schon gewundert, dass seine Mitarbeiterin, auf die er sich verlassen konnte, ohne Abmeldung nicht zur Arbeit erschienen war. Aber er hatte eine interessante Information für Stella. In der letzten Woche wurde Martina immer von einem jungen Mann zur Arbeit gebracht und abends auch wieder abgeholt. Er meinte, dass der junge Mann überhaupt nicht zu Stella gepasst hätte. Er war ungepflegt und als er ihn an einem Morgen begrüßte drehte er sich weg und war sehr unhöflich. Eine Beschreibung fiel ihm allerdings schwer. Er sei vielleicht etwas älter als Stella und hatte Tätowierungen auf dem rechten Arm, aber welche konnte er nicht sagen.

Am nächsten Morgen kam Frau Neumann aufs Revier. Stella ließ sie sofort in ihr Büro bitten. Sie hatte ein Foto auf dem das gesuchte Armband sehr deutlich zu sehen war. Stella gab dieses sofort an die Presse weiter mit der Bitte um Mithilfe der Bevölkerung. Wer dieses Armband gesehen hätte, sollte sich bitte sofort bei der Polizei melden.

Schon am nächsten Nachmittag kam ein Anruf von einem Pfandleiher aus der Innenstadt. Er hätte das Armband angeboten bekommen und zusammen mit anderen Schmuckstücken auch angenommen. Stella fuhr sofort hin. Leider hatte sie heute als Kollegen nur noch Ingo zur Verfügung und musste deshalb mit ihm zusammen zum Pfandhaus fahren. Auf dem Weg dorthin holten sie noch Frau Neumann  ab. Sämtliche Schmuckstücke gehörten ihrer Tochter, sagte sie als sie die Schmuckstücke sah. Der Pfandleiher hatte die Schmuckstücke in guten Glauben angenommen. Für das Armband hatte der Mann, den der Pfandleiher als Mitte 20, ungepflegt und mit einer Tätowierung am rechten Arm, beschrieb, sogar eine Kaufquittung vorgelegt um zu beweisen das das wertvolle Stück ihm gehört. Der Pfandleiher, Herr Horst, sagte, dass er gleich so ein komisches Gefühl gehabt habe. Er hatte eben noch den Juwelier, der ein Freund von ihm ist, in seinem Geschäft in der Innenstadt angerufen und ihm das Aussehen des Armbandes erklärt. Sein Freund, Herr Bucheck wusste sofort das er es seiner Kundin Frau Neumann vor längerer Zeit verkauft hatte. Herr Horst konnte die Tätowierung am rechten Arm sehr genau beschreiben. Es war eine außergewöhnliche Tätowierung. Sie bat ihn aufs Revier, damit er von seiner Beschreibung ein Bild angefertigt werde, welches dann ebenfalls an die Medien herausgegeben wurde.

Stella war sich sicher, dass sich die Schlinge um den Mörder immer enger zog. Anscheinend war er in dieser Stadt ansässig, außerdem war es leichtsinnig von ihm  den Schmuck in der gleichen Stadt anzubieten. Aber für heute konnte sie Feierabend machen. Um diese Zeit kam sie nicht mehr weiter mit den Ermittlungen. Mal sehen, was ihr der nächste Tag bringen würde. Leider war Tobi, weil er dachte sie käme spät,  inzwischen zum Sport gefahren, sodass aus ihrem gemeinsamen Abend wieder nichts wurde.

Heute am 6. Tag nach dem Auffinden der Leiche hoffte Stella auf einen Durchbruch.

Und, sie hatte Glück.

Der vermutliche Mörder hatte sich tatsächlich hier in der Stadt die Tätowierung machen lassen. Sie bekam einen Anruf eines Tattoo Shops nicht weit von dem Pfandhaus entfernt. Sie fuhr sofort los. Der Inhaber des Shops sagte ihr, dass er sich an die Tätowierung erinnern würde, da er diese erst zweimal gestochen hätte. Er würde sich grundsätzlich den Ausweis zeigen lassen, bevor er ein Tatoo stach. Das machte er aus Sicherheitsgründen, damit nicht irgendwer kommen könnte um ihm eine miese Tätowierung vorzuhalten und Geld zurückzuverlangen. Er hatte ihr bereits den Namen und die Adresse herausgesucht. Diese Tätowierung war so außergewöhnlich, dass er sie nur zweimal gemacht hatte und das erste Mal lag so viele Jahre zurück, dass es vom Alter her nicht der Gesuchte sein konnte.

Sie fuhr sofort los, wieder mit ihrem Kollegen Ingo. Dieser war aber seltsamerweise sehr kleinlaut. Sie fragte sich wie das kam, aber im Moment gab es wichtigere Dinge.

Sie fuhren ohne Blaulicht und Sirene zu der Wohnung des Gesuchten und klingelten an der Tür. Ja, tatsächlich, der ungepflegte, ca. 25 jährige Mann mit der beschriebenen Tätowierung machte ihnen arglos die Tür auf sodass sie ihn sofort in verhaften konnten. Sie nannten ihn seine Rechte und fuhren mit ihm zum Revier.

Ihr Chef ließ es sich nicht nehmen ihn gemeinsam mit ihr zu vernehmen. Er stand aber nur in einer Ecke des Raumes und beobachtete das Verhör. Schon nach kurzer Zeit gab er ein Geständnis ab, weil die Beweislast einfach erdrückend war. Es gab einfach zu viele Zeugen und Indizienbeweise. Er sagte aus, dass er das Opfer eigentlich nur bewusstlos würgen wollte um in ihre Wohnung einzudringen und alles zu stehlen. Aber sie hätte so lange mit ihm gekämpft, bis sie dann unglücklich die Treppe hinabfiel  und sich das Genick brach. Er hatte mir ihr während des Kramermarkts den Wasserturm besucht und dabei von dem unten steckenden Schlüssel einen Abdruck gemacht und ihn dann nachmachen können. Mit diesem Schlüssel seien sie dann 2 Tage später gemeinsam hingefahren. Er hatte ihr einen schönen Abend alleine auf dem Wasserturm versprochen und wollte sie dort bewusstlos einsperren. Dies alles hatte er geplant als er in ihrer Wohnung sah, welchen wertvollen Schmuck sie besaß. Auch hatte er beim Juwelier einen billigen kleinen Ring, den er ihr schenkte, gekauft und diese Quittung manipuliert. Auch wenn es kein Mord war, so hatte er den Tod seines Opfers doch billigend in Kauf genommen und alles vorweg geplant. So schnell würde er nicht wieder frei kommen.

Sie lud ihre Kollegen Ingo und Paul zu einem Bier ein. Das gehörte sich schließlich so, wenn man gemeinsam einen Fall abgeschlossen hatte. Als sie so beisammen saßen erzählte ihnen Ingo das er eine Freundin hätte die er ihnen gerne mal vorstellen würde. Jetzt wusste Stella auch, warum er so zurückhaltend gewesen war. Sie beglückwünschte ihn und sie stießen darauf noch mit einem zweiten, aber alkoholfreien Bier an, da sie alle noch fahren mussten.

Auf dem Weg nach Hause dachte sie noch mal über alles nach und fragte sich, ob sie nicht doch mal mit Tobi über die Familienplanung sprechen sollte. Sie konnte ja wohl nicht ewig als noch zu haben gelten. Auf jeden Fall wollte sie ihren Urlaubstag morgen mit Tobi genießen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.01.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Mittagsläuten von Maike Opaska



Weil ich das Verschwenderische des Lebens begriffen habe, die Extreme erkannte und über den Weg von einem zum anderen nachzudenken anfing, weil ich verstand wie elend es ist, wußte ich auch, wie schön es ist und weil ich erkannte, wie ernst es auch ist wußte ich auch wie fröhlich es ist.

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