Torsten Haeffner

Das Syndikat der Hexer

Vor gut zwei Wochen machte ich mich spät am Abend auf den Heimweg. Strammen Schrittes und in der aufrechten Haltung eines erfolgreichen Literaten durchmass ich die mondlose Nacht (OK, das ist jetzt ein wenig übertrieben). Die Turmuhr des Klosters hatte längst Mitternacht geschlagen. Von der Ferne her gellte der Todesschrei einer Katze. Kurze, scharfe Blitze brachen durch die Wolken. Ein mächtiges Gewitter war im Anzug. Schon verspürte ich erste schwere Regentropfen auf meinem Haupthaar. Wollte ich trockenen Fusses meine traute Schreibstube erreichen, musste ich meine Beine endlich unter Kontrolle kriegen.
Ich hatte noch einige hundert Meter vor mir, als plötzlich eine finstere Gestalt aus einer Gasse heraustrat und unmittelbar auf mich zuschritt. «Der Gute muss es eilig haben … », versuchte ich einen klaren Gedanken zu fassen und wich ungelenk einige Schritte nach rechts aus, um dem rasch herankommenden Herrn – er trug einen schwarzen Mantel und einen ebensolchen Hut – Platz zu machen. Jedoch, wohin ich auch zur Seite trat, stets hielt er genau auf mich zu.
Keine zwei Meter vor mir blieb er abrupt stehen. Ich tat es ihm gleich.
«Hallöchen», grüsste ich ihn und winkte freundlich. «Ein schöner, lauer Abend heute, nicht wahr?» Ich bemühte mich um ein gewinnendes Lächeln, doch es wollte mir nicht gelingen.
«Wie heisst dein verdammter Roman, Bursche?», bellte mich das Gegenüber an. Seiner Stimme wie auch seinen Worten war zu entnehmen, dass er nicht eben ein Freund meiner Bücher war.
«Äh, Sie meinen ‹Das Testament der Barfussläuferin›? Schön, nicht wahr?»
«Quatsch! Deine Barfussläuferin kannst du behalten. Das andere Buch meine ich … sag’s endlich!» Sein kalter Blick liess mich wissen, dass er kein Mensch von grosser Geduld war.
Als wäre ich begriffsstutzig, fasste ich mir an die Stirn. «Ach, Sie meinen ‹Das Syndikat der Hexer›? Freut mich, dass Sie schon davon gehört haben. Es kommt anfangs Oktober heraus … Ja, ja.» Abermals versuchte ich, mir eine gute Stimmung ins Gesicht zu zaubern. Vergebens.
«Nichts wird erscheinen», raunzte er mich an und richtete plötzlich eine grosskalibrige Waffe auf mich.
Augenblicklich benetzten kleine Schweissperlen meine Stirn.
«Mögen Sie keine guten Bücher?», versuchte ich ein unverfängliches Gespräch über die weite Welt der Literatur anzugehen. Doch er liess sich nicht ablenken, sondern trat nun so nahe an mich heran, dass ich seinen bitteren Atem riechen konnte. Düster raunte er mir zu: «‹Das Syndikat der Hexer› wird nicht erscheinen. Ist das klar? Andernfalls …»
Ein scharfes, metallenes Klicken liess mich erschrocken zusammenfahren. Mir stockte der Atem! Dann aber schob der Kerl mich einfach zur Seite und ging davon.
Ich weiss nicht, wie ich nach Hause kam …
Ein Bekannter jedenfalls verbreitete anderntags, er hätte mich gehetzten Blickes die Hauptgasse hinunterschlingern sehen. Und: Ich hätte gurgelnde Laute von mir gegeben.
Wie auch immer, ich war irgendwie nach Hause gekommen und hatte mir dort offenbar noch einen Whisky genehmigt. Vielleicht auch zwei. Dies schloss ich am anderen Morgen aus der ansehnlichen Pfütze verschütteter Flüssigkeit, in der ich mit blossen Füssen zu stehen kam, als ich mir in der Küche ein Aspirin holen ging.
Als ich nach einer ausgiebigen Dusche und einem kräftigenden Frühstück mein Leben wieder halbwegs im Griff hatte, setzte ich mich – eine Zigarette zwischen den noch immer leicht zitternden Fingern – an meinen Schreibtisch, schaltete meinen Computer an, rief mein Manuskript auf – und änderte den Titel von «Das Syndikat der Hexer» in «Das Hexer-Syndikat».
So schlug ich drei Fliegen mit einer Klappe: Ich entsprach der inständigen Bitte jenes Herrn, wonach «Das Syndikat der Hexer» nicht erscheinen dürfe, rettete – hoffentlich – mein Leben und meinen sagenhaften Roman für meine treuen Leserinnen und Leser, die mir dies sicher zu danken wissen.
Übrigens: Vielleicht habe ich dem dunklen Mann Unrecht getan, indem ich ihm nachsagte, er verstünde nichts von Literatur. Er hatte natürlich vollkommen recht: Der Titel «Das Syndikat der Hexer» war viel zu lang. Der neue Titel hingegen: kurz, prägnant und einprägsam. Man kann ihn nicht vergessen.


 

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