Patrick Rabe

Jesus, Maria und Petrus

Jesus, Maria und Petrus

und die Bedeutung des Schwachen und Sanften in der Welt, und wie wir mit ihm umgehen.

(Hier geht es nicht nur um die Bibel, sondern auch um Psychologisches, das Amerika der Gegenwart, Stephen King und Alfred Hitchcock. Also das volle Paket.)

 

Zwei Essays von Patrick Rabe

 

 

 

Kephas/Petros/Petrus: Jesu Jünger Simon

 

Eine Betrachtung von Patrick Rabe

 

Der von Jesus in den synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas) zentral in den Mittelpunkt gestellte Jünger ist Petrus, der eigentlich Simon Petrus, oder nur Simon heißt. Er und sein Bruder Andreas sind die beiden ersten Anhänger, die Jesus am See Genezareth findet, beides Fischer. Der Name Simon oder Shimon ist auf hebräische/aramäisch verwandt bzw. identisch mit den Namen Samuel oder Saul. Alleine das wirft schon ein interessantes Licht auf die Sache, zumindest, wenn wir die Bibel (auch) metaphorisch-mystisch deuten. Samuel und Saul waren beides Könige im Alten Testament. Während Saul der Vorgänger von König David war, und diesen bereits verfolgte und ihm nachstellte, als er „nur“ als Harfenspieler bei Hofe arbeitete, war Samuel ein von seiner Mutter Hanna zum Priester ausersehener Junge, der im hohepriesterlichen Haus des Eli wohnte und sehr unter dessen Söhnen zu leiden hatte, bis Gott dem Samuel erschien und ein Gericht über Eli und seine Söhne verkündete, das er dann auch vollstreckte.

 

Vieles deutet darauf hin, dass man zur Zeit Jesu glaubte, die alten Propheten und Könige würden wiederkommen. Nicht wenige sahen in Johannes (Jochanan/Jojakim)dem Täufer eine Wiederkehr des Propheten Elia und implizit auch eine neue Version von Eli, der durch die Prophetie, die an Samuel ergangen war, zu Fall gekommen war. Johannes wurde sozusagen als gereinigter Eli und als „Neuauflage“ von Elia begriffen.

 

Wer war dann aber Jesu Lieblingsjünger Simon? War er eine wiedergekehrte Variante von Saul oder Samuel?  Beide hatten ein besonderes, und in beiden Fällen problematisches Verhältnis zu einem Berufenen. Saul hatte ein schwieriges Verhältnis zu David, weil David stärker von Gott begabt und begünstigt war, obwohl er gar nicht König war, und Samuel hatte ein schwieriges Verhältnis zu dem Hohepriester Eli und seinen Söhnen, weil er stärker berufen war, als jene. Wenn Jesus der Messias, der gesalbte Gottes war, den Simon Petrus in ihm erkannte, dann könnte es folglich sein, dass sich dieses Spiel des miteinander Ringens in ihren beiden Biographien fortführen könnte. Dem ist aber nicht so. Nichts in dem Verhältnis zwischen Jesus und Simon Petrus deutet auf eine schuldhafte Verstrickung hin, weder in diesem (also ihrem damaligen), noch in vorangegangenen Leben. Das, was sich zwischen Jesus und Petrus ereignet, ist offenbar wirklich etwas Neues, und somit wie die Keimzelle für eine neu aufgeschlagene Seite im Buch des Lebens. Dennoch findet zwischen ihnen etwas wie ein kosmisch-mystisches „Spiel“ statt, dass jedoch alles Vergangene transzendiert, und etwas Neues erzählt. Es ist eben kein „Spiel“, kein Abspulen von aus Religion, Mystik, Ahnenherkünften Seelenwanderung oder Reinkarnation herrührenden Mustern: Nein, die Geschichte von Jesus und Petrus ist etwas Neues. Das ist gelebtes Leben ohne Vorbild, das genau da und dann stattfindet, wo es geschieht. Und WEIL sie aufgeladen ist mit Messianischem, Hohepriesterlichem und dem Empfinden, es gehe hier um einen gesalbten König Israels und seinen Nachfolger, war das  Verhältnis Jesu zu Petrus und umgekehrt für die Christenheit und letztlich für die gesamte sich daran anknüpfende Menschheitsgeschichte entscheidend und wegweisend.

 

Denn: Wie der Baum, so auch die Frucht. Wie der Vater, so auch der Sohn. Wie der König, so auch sein Nachfolger. Das ist zumindest die klassisch jüdisch-israelische Deutung, obwohl sich eben diese Deutung eigentlich schon im Alten Testament von selber widerlegt. Bereits bei den Urvätern und ihren Kindern, noch krasser aber bei den Königen und ihren Nachfolgern, zeigt sich je kaum ein Kausalzusammenhang zwischen Wegbereiter und Nachkomme. Die Nachfolger der Vorangegangenen sind oft sowohl charakterlich, als auch in ihrem Wirken ganz anders als ihre Vorgänger. Im Falle Jesu, der ja aber kein von den Israeli seiner Zeit anerkannter König war, oder je eine offizielle Salbung oder Krönung erfuhr (die Salbung durch die Sünderin in der Vor-Passionszeit ist ja wiederum mystisch-bildhaft zu deuten, als Bestätigung der Salbung Jesu durch Gott, trotz des Nicht-Erkennens und der Ablehnung durch die Jesus und die Jünger umgebende Welt.) ist das ja aus jüdischer Sicht noch einmal problematischer. Dennoch ist genau das in späteren Jahrhunderten oft auch Ausgangspunkt für theologische Streitigkeiten nicht nur zwischen Juden und Christen, sondern auch zwischen Christen untereinander gewesen: „So, euer König ist also ein König, der kein König wird, total scheitert und dann hingerichtet wird. Und wie steht es mit seinem Nachfolger? Ein Zweifler, Verleugner und konservativer Knochen, der sich irgendwann von Paulus (einem Ex-Saul!) ausbooten lässt und sang-und klanglos aus der Geschichte des Christentums verschwindet? Auch, wenn die katholische Kirche behauptet, er sei „Bischof von Rom“ gewesen? Ist ja nicht sehr überzeugend!“  Die Frage, wie Jesu Königreich überhaupt gemeint war, und auch, wie die Nachfolge durch Simon Petrus eigentlich zu verstehen ist, muss an dieser Stelle unbedingt gestellt werden.

 

Der Name Simon bedeutet „Er (Gott) hat erhört“. Der Name ist verwandt mit Schmuel, also Saul oder Samuel, was bedeutet: „Der Ersehnte“ oder „Der (von Gott) Erbetene.“  Er klingt auch an das althebräische Wort „Shama“ an, das „Hören“ bedeutet, und interessanter Weise etymologisch verwandt mit dem deutschen Wort „Scham“ ist. Während der Name Schmuel das Sich-Sehnen nach dem kommenden König oder das Erbitten seines Kommens andeutet, drückt der Name Simon den Zustand des Erhörtwordenseins aus; auf mystischer Ebene ist Simon Petrus also die umgewandelte, vollendete Form des ersehnten und verheißenen Schmuel (rein faktisch geht es bei diesem Namen um die Bitte nach einem männlichen Nachkommen; die Aufladung mit einer Herrscher-oder Königssymbolik erfuhr all dies erst später, zu einer Zeit, als es in Israel schon Könige gab, und das Volk Gottes keine herumziehenden Nomaden mehr waren.).  Dass er bereits in der frühen Geschichte des Christentums ausgerechnet von einem Saul (also praktisch der wieder auf den unerlösten Ursprung zurückgebrachte Simon) entmachtet wird und von ihm in wesentlichen Fragen der weiteren Vorgehensweise zurückgesetzt und nicht beachtet wird, mag man tragisch finden. Im Laufe dieses Aufsatzes hier wird auch noch deutlich werden, warum vor allem. Auch, wenn Saulus sich nach seiner Bekehrung in „Paulus“ (der Kleine, der Geringe) umbenannte, blieb er dennoch eigentlich genau das Gegenteil davon. Keiner in der Geschichte des Urchristentums macht so viele Worte wie Paulus (Das, was Jesus selber sagte, ist dagegen verschwindend gering.), und keiner verheddert sich so endlos und enervierend in Nebenthemen, wie er. Was er natürlich als „Plus“ zu bieten hat, ist Durchsetzungsvermögen und Organisationstalent. (Und immerhin einige sehr gute Briefpredigten, auf die man als Christ dann doch nicht verzichten möchte, vor allem einzelne Passagen aus dem Römerbrief und den Korintherbriefen). Aber ist es das, was einen Christen, bzw. Nachfolger Jesu ausmachen sollte? Ist das nicht vielmehr eine (wenn auch gelungene) Kombination aus dem Geschwafel der Pharisäer und der Haudrauf-Taktik mancher  alt-israelitischer Könige?

 

Gerade auch in der Symbolik des wiederkehrenden, archaischen Namens von Simon Petrus, nämlich Schmuel, deutet sich vielleicht etwas an, was Petrus in einem seiner wenigen eigenen Briefe andeutet: Die Rückkehr des alten Adam, des überwunden geglaubten, sündigen und von Gott getrennten Menschen. Es ist nicht allzu unwahrscheinlich, dass die doch sehr harschen Worte aus Petrus‘ Brief auch an die Adresse von Paulus gehen. Petrus schreibt: „Diese sind Brunnen ohne Wasser, und Nebel, vom Sturmwind getrieben; und ihnen ist das Dunkel der Finsternis aufbewahrt. Denn sie führen geschwollene, nichtige Reden und locken mit fleischlichen Begierden durch Ausschweifungen diejenigen an, die kaum denen entflohen sind, die im Irrtum wandeln; sie versprechen ihnen Freiheit, während sie selbst Sklaven des Verderbens sind; denn von wem jemand überwältigt ist, dem ist er auch als Sklave unterworfen.

Denn wenn sie den Befleckungen der Welt durch die Erkenntnis unseres Herrn und Retters Jesus Christus entflohen sind, aber wieder in diese verwickelt und überwältigt werden, so ist für sie das Letzte schlimmer geworden als das Erste. Denn es wäre ihnen besser, den Weg der Gerechtigkeit nicht erkannt zu haben, als sich, nachdem sie ihn erkannt haben, wieder abzuwenden von dem ihnen überlieferten heiligen Gebot.  Es ist ihnen aber nach dem wahren Sprichwort ergangen: Der Hund kehrt wieder um zu seinem eigenen Gespei, und: Die gewaschene Sau zum Wälzen im Kot.“

 

Der Name, vielleicht war es auch eine Art Spitz-oder Kosename, den Jesus Simon gab, war Petrus, im aramäischen „Kephas“, was „der Stein“ oder „der Fels“ bedeutet. Oft wird er in Verbindung gebracht mit einem soliden Fundament („Der Fels, auf dem ich meine Gemeinde bauen werde“.). Was man aber nicht außer Acht lassen darf, ist, dass zur Zeit Jesu ein Hohepriester gleichen Namens (geschrieben meist Kaiphas oder Kajaphas) im Tempel zu Jerusalem des sagen hatte. Ein Angehöriger der Gruppe der Pharisäer und ein von der Römern eingesetzter Priester. Mit diesem Kephas oder Kaiphas rasselte Jesus dann später auf verhängnisvolle Weise aneinander. Mal abgesehen von dem mystischen Gehalt auch dieser Namensgleichheit (manche Steine lassen sich ja erweichen und andere nicht…Jesus spricht nach seinen Brotwundern ja oft von „verhärteten Herzen“); könnte es nicht auch sein, dass man Jesu Worte an Petrus bei Cäserea Philippi schlicht so übersetzen müsste: „Du bist ab jetzt MEIN Kephas (Kaiphas), auf dem ich MEINE Gemeinde bauen will.“? Also vielleicht fast ein wenig freundschaftlich-flapsig „Du weißt doch, dieser Promi-Priester da in Jerusalem heißt Kephas. Du bist jetzt unser Pendent zu ihm. Weil du mich als der erkannt hast, der ich bin.“

 

Eine deutlich tiefschürfendere Deutung von Simon Petrus‘ Namen gibt das Kapitel „Das Spiel mit den Petrusnamen“  aus einem Buch von Peter (!!!) Lampe. Ich zitiere es hier einmal:

 

„Wenn man dem Motiv ‘Fels, Stein etc.’ im AT nachgeht und fragt , wie weit es auf Personen bezogen werden kann, bzw. sogar als Personenname fungiert, entdeckt man diesen Namen immerhin : als Bezeichnung für Gott, oder als Name von Gott. 

 

„Siehe, ich habe einE (sic!) Stein gefunden,  darauf kann ich die Welt bauen . Deshalb nannte (sic!) er (=Gott) den Abraham einen Felsen .“

 

In  ExRxv.8Z.12,2 ruht die Welt auf den zwölf Erzvätern die als kosmischer Felsen (“YPS) die Urtiefe verschließen und die Schöpfung tragen.“

 

Zitat Ende.

 

Der lateinische Name Petrus hingegen leitet sich gar von dem altgriechischen Wort „Petros“ ab, das aus dem etruskischen stammt und (Leit-)Hammel bedeutet. Also dann doch eine zwar sinngemäß gerade noch zutreffende „Übersetzung“, im Prinzip aber ein Bisschen was anderes.

 

 

Immer wieder wird Simon Petrus als zweifelnd, fragend, zaghaft und wankelmütig beschrieben. Dennoch (oder gerade deswegen???) stellt Jesus ihn ins Zentrum seiner Jüngerschaft. Wenn wir uns anschauen, welch eine Botschaft Jesus predigt, macht das Sinn. Jesus predigt einen weichen, zärtlichen, väterlichen Gott, der vergibt, und seinen Kindern Gutes will. Wenn sie sündigen, macht er ihnen Mut, richtet sie wieder auf und rechnet ihnen die Sünde nicht zu. Jesu Gott ist ein Gott, der repräsentativ in der kurzen Erzählung aufleuchtet, in der die Jünger unruhige Kinder wegscheuchen wollen, Jesus aber sagt ihnen: „Lasset die Kindlein zu mir kommen, und wehret ihnen nicht. Solcher ist das Reich Gottes. Und wer nicht das Reich Gottes annimmt wie ein Kind, kann überhaupt nicht hineingelangen.“

 

So, wie Jesus mit Kindern umgeht; zärtlich, gütig und zugewandt, so stellt er sich auch seinen Vater im Himmel vor. Als einen Gott der in Freundlichkeit und Barmherzigkeit überfließenden Liebe. Vor diesem „Abba“ (Papi), wie Jesus ihn zärtlich nennt, muss wirklich niemand mehr Angst haben.

 

Immer wieder deutet Jesus mit weit ausgestreckter Hand über das blühende und Frucht tragende Land und sagt Dinge wie: „Ändert eure Blickrichtung! Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen!“ oder: „Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch!“, oder „Von dem Feigenbaum aber lernt das Gleichnis: Wenn sein Zweig schon saftig wird und Blätter treibt, so erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist.“ Für Jesus ist die Ankunft des Reiches Gottes etwas Gutes. Das ändert sich erst, als er unter den Schatten der Bedrängnis gerät und vorausahnt, was für ein Schicksal ihm bevorsteht. Ab da predigt Jesus eine Endzeit voller Schrecken und Unglücke.

 

An dem Dreh-und Angelpunkt zwischen diesen beiden „Hälften“ des jesuanischen Wirkens findet ein entscheidender Moment zwischen ihm und Simon statt. Jesus ist mit seinen Jüngern auf dem Weg nach Jerusalem. Bei Cäserea Philippi fragt er wie aus heiterem Himmel seine Jünger, was sie denn glauben würden, für wen ihn die Menschen halten. Diese Frage klingt an an die weiter oben ausgeführte These von der Wiederkehr der Propheten und Könige in anderer Gestalt. Die Jünger bekennen, dass ihnen zu Ohren gekommen ist, dass die Leute glauben, Jesus sei der wiedergekehrte Elia oder der wiedergekehrte Johannes der Täufer (er wurde mittlerweile von Herodes getötet). Simons Aussage unterscheidet sich massiv von der der anderen Jünger. Er sagt: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes.“ Daraufhin nimmt Jesus ihn zur Seite und sagt zu ihm: „Das hat dir kein Mensch, sondern mein Vater im Himmel geoffenbart. Und siehe, du bis Kephas (Petrus), der Fels (Stein), auf den ich meine Gemeinde bauen will.“

 

Ab da fällt Petrus immer wieder in heftige Anfechtungen und wird in ganz besonderer Weise auf für ihn unlösbare Proben gestellt, in denen er meistens einknickt und versagt. Jedoch ist er auch nahezu der einzige Jünger, der in dieser für die kleine Gemeinschaft schwierige Zeit keinem grundsätzlichen Sinnes-und Wesenswandel unterliegt. Er ist einmal mit Jesus gegangen, weil dieser ein Evangelium der Güte und der Liebe predigte, und von einem vergebenden Gott sprach. Was da jetzt auf ihn einprasselt, ist zuviel für den freundlichen, etwas einfältigen, schwachen Simon. Er hatte so auf einen gütigen, menschlichen Gott gehofft, der seine Nöte und seine Schwachheit nachvollziehen kann! Und nun, als Jesus von seiner kommenden Verhaftung und Hinrichtung spricht, und dem entsetzten Petrus erschrocken entfährt: „Das geschehe dir nur nicht!“, wird er von Jesus angeherrscht: „Geh hinter mich, Satan!“ Weder kann Petrus im Garten Gethsemane bei der Verhaftung Jesu dem Impuls zur Gewalt widerstehen (er greift zum Schwert, das Jesus ihnen ja selber geraten hatte, bei sich zu tragen, und haut dem Hauptmann der römischen Wache ein Ohr ab.), noch schafft er es, sich weiterhin zu Jesus zu bekennen, als es für ihn eng wird beim Belauschen des Prozesses, und er als Jünger Jesu enttarnt zu werden droht.

 

Was man aber nicht über ihn sagen kann, ist, dass ihm Jesus je egal ist. Er wird nicht zum Verräter wie Judas oder schläft vor lauter Belastung ein, als Jesus Gott um Hilfe anfleht. Er bleibt in diesem ganzen Geschehen auf wundersame Weise lebendig und innerlich beteiligt (wie das Neue Testament an vielen Stellen schreibt, „innerlich bewegt“. Dies ist der Gegensatz zu den von Jesus angesprochenen „verhärteten Herzen“). Alle anderen Jünger werden im Endeffekt wieder zu den Gestalten, die sie auch vor ihrer Berufung waren (dies wird in der Apostelgeschichte noch weiter ausgeführt). Je nach Temperament und Charakter werden sie hart, unlebendig, verstockten Herzens, unbeständig und launenhaft wie der Wind, oder wieder aufbrausend und aggressiv, wie viele gegen die römischen Besatzer Agitierenden, z.B. die Zeloten oder der Aufrührer Barabbas. Sie entsprechen den ungünstigen Böden, von denen Jesus im Gleichnis vom Sämann gesprochen hatte. (Fels, Sand, Gestrüpp). Einzig Petrus schafft es bereits vor der Auferstehung  Jesu, ein “guter Boden“ zu bleiben, an dem sich die Früchte von Jesu Saatgut zeigen: Milde, Güte, Gnade, die Fähigkeit, Reue und Trauer zu empfinden, und ein weiches Herz und Mitgefühl für den Nächsten.

 

Wie schafft er das? Ich glaube, indem er es nicht schafft. Sondern, indem er einfach so IST. Auf der religiösen „To-do-Skala“ ist er der klassisch Scheiternde. Ein Vorbild im Sinne „Er machte immer alles richtig“ ist er eigentlich fast nirgends. Ein Mensch im eigentlichen Sinne aber immer. Und darum ging es Christus. Dass wir Menschen sind, werden und bleiben. Mit weichen Herzen für uns selbst und unsere Mitmenschen. Das ermöglicht Mitgefühl. Das ermöglicht, sich im anderen zu erkennen, und ihn nicht zu richten oder zu verurteilen, sondern, ihn anzunehmen. Das ermöglicht, dem anderen zu vergeben und zu verzeihen. Im Johannesevangelium fragt Jesus Petrus nach seiner Auferstehung im Sinne eines mystischen „Ausgleiches“ (nicht als Rache oder Retourkutsche!!!) drei Mal: „Simon, liebst du mich?“, und der immer zerknirschter werdende Petrus sagt: „Ja, Herr, du weißt doch, dass ich dich liebe!“ Daraufhin sagt Jesus drei Mal: „Weide meine Lämmer!“ Dies ist die wieder ins Gute gewendete, dreimalige Verleugnung Petri. Und das „Weide meine Lämmer!“ ist eine Bestätigung Jesu an Petrus, dass er von jetzt an das Amt innehat, die Jüngerschar zu führen und anzuleiten. Deswegen, weil Petrus ein Mensch geblieben ist. Ein Liebender.

 

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Patrick Rabe, 14. Oktober 2020, Hamburg.

© by Patrick Rabe

 

 

 

 

 

„Misery“, „The shackle“, das verletzte Weibliche und die Wiederkunft Christi

 

Ein Essay von Patrick Rabe

 

Ich liebe die Psychologie in Stephen-King-Romanen. Eben, weil er das, was Hitchcock schon machte, auf die Spitze treibt, und dabei zu ganz verblüffenden Ergebnissen kommt. Er schöpft in seinen Romanen aus dem Unterbewusstsein, dem eigenen, und dem kollektiven. Und er macht in seinen Büchern deutlich, woran es in unserer Kultur hakt.

 

Natürlich bearbeitet er das Unbewusste oder Unterbewusste von Amerika aus. Und es geht ihm ja auch darum, das Dilemma SEINER Kultur zu beschreiben. Deswegen ist sein Standpunkt natürlich immer ein amerikanischer, der so nicht überall auf der Welt verstanden werden kann. Aber eigentlich alle verstehen das grundsätzlich Allgemeingültige daran. Das ist immer so bei guten Schriftstellern. Bei solchen, die aus dem Unterbewusstsein schreiben.

 

Man könnte daher vielleicht sagen, dass  William Paul Young mit seinem Buch „The shackle“ (Die Hütte), das aus meiner Sicht ebenfalls nur von einem amerikanischen Standpunkt her ganz verstanden werden kann, die „Lichtseite“ dessen repräsentiert, was Stephen King schreibt, und mit seinem Buch in gewisser Weise versucht, das Dilemma und Problem, das King beschreibt, zu einer Lösung und Befriedung zu bringen. Wir sehen allerdings an dem, was in Amerika gerade geschieht, dass ihm das nicht gelungen ist. Es ist bei dem frommen Wunsch geblieben. Die Dämonen in der amerikanischen „Hütte“ waren zu stark.

 

Auch Young schreibt meines Erachtens aus dem „Unterbewusstsein“ heraus, wenn man das über einen Christen überhaupt sagen darf…  In seinem Buch geht es darum, jene beinahe unlösbare „Shackle“ zu lösen, jene Fessel, jenen letzten Link (Glied) der Kette, an die der Protagonist noch gefesselt ist, und an dem einmal die riesige, schwere Eisenkugel gehangen hat, mit der er (symbolisch) als gefangener Schwerverbrecher  im Steinbruch zermürbende Schwerstarbeit tun musste.  („The ball and chain“, die Kette mit der Kugel dran, ist ein beliebtes, nahezu gängiges Motiv in amerikanischen Folksongs). Dass man in der deutschen Übersetzung dieses Buch „Die Hütte“ nannte, und damit die Aufmerksamkeit des Lesers auf den Ort, an dem dieses Seelendrama stattfindet, lenkt, und weg von der Sache, um die es geht, ist irgendwie auch ziemlich typisch deutsch, wenn es um die Übersetzung von Belletristik geht. Deutsche Übersetzer und Verlage sind offenbar mehrheitlich der Meinung, Deutsche würden Bücher nur so  zur Unterhaltung wegkonsumieren, ohne groß auf den Inhalt zu achten.

 

Young versucht in seinem Buch aus meiner Sicht, den Ansatz und die Motive Stephen Kings aufzugreifen, und ähnlich wie er, das amerikanische Dilemma zu beschreiben, es aber zu einer gütlichen und aus seiner Sicht christlichen Lösung zu bringen. Gerade das Darstellen eines Teils der Trinität Gottes als farbige Frau ist, denke ich, für deutsche Leser nicht in derselben Weise reinigend, befreiend und befriedend, wie das für einen Amerikaner sein kann. Während Stephen King in aller Regel die amerikanischen Dämonen vorführt, und den Leser zu einer Begegnung und Auseinandersetzung mit ihnen zwingt, versucht William Paul Young mit ähnlichen Motiven einen Blick auf die amerikanischen Genien zu werfen, auf die „guten Geister“, „The father, son, and the holy ghost“, die Don Mc Lean nach dem Untergang der Hippiekultur schon „the last train to the coast“ nehmen sah. Bob Dylan hingegen war der Ansicht: Dieser „Train“ fährt nicht weg, der kommt erst noch. Und der wird bitterböse, wenn ihr euch nicht endlich bekehrt, und vor allem mal das Judentum wieder integriert.

 

In diesen aufgewühlten, in sich inkohärenten Acker versucht Young wieder „Grund“ zu bringen, indem er einige von Kings typischen Dämonengestalten auftreten lässt und aufzeigt: Sie verwandeln sich in eine gütige Trinität. Young  ging es darum, zu zeigen: Am Ende erweist es sich, dass Gott gut ist, und uns Menschen liebt. Der Protagonist von “The shackle“ ist ein typischer King-Protagonist: Ein einsamer Mann, der zur Überwindung eines persönlichen Traumas an einen einsamen Ort fährt. Der dort aber mit ihn herausfordernden Mächten aus der übersinnlichen Welt konfrontiert wird. Aus meiner Sicht ist “The shackle“ in gewisser Weise eine Art Pendant zu „Misery“ („Sie“)und in Teilen auch zu „The shining“ . Warum, werde ich jetzt ausführen.

 

In „Misery“ fährt der Schriftsteller Paul Sheldon nach dem Abschluss seiner Arbeit an seinem neuen Roman, den er in einer einsamen Blockhütte in den Bergen fertiggestellt hatte, zurück in Richtung Stadt, um das Manuskript an seinen Verlag zu geben. Paul Sheldon ist damit eine Wiederaufnahme des Protagonistencharakters, den Stephen King schon in Jack Torrance aus „The shining“ auftreten ließ, und der, es fällt nicht schwer, dahinter zu kommen, für einen Teil von King selber steht. Diesmal hat der Schriftsteller die Einsamkeit im Haus in den Bergen gut gemeistert, und seinen Roman fertig bekommen. Was er nicht ahnen kann, ist, dass ihm eine erneute Dämonenbegegnung bevorsteht, die wahrscheinlich Schlimmste. In einem Schneesturm kommt sein Auto von der Straße ab und fällt in einen Abhang hinunter. Die beherzte Ex-Krankenschwester Annie Wilkes rettet ihn und bringt ihn in ihre “einsame Blockhütte“, ein gemütliches und trostspendendes Refugium. Dort bemüht sie sich rührend um den Schriftsteller, der sich bei dem Unfall ein Bein gebrochen hatte. Und dann geschieht das, was auch die einsame Annie wohl nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. Sie erkennt, dass der Mann, der da krank in ihrem Bett liegt, nicht nur irgend einer ist, sondern genau der, den sie sich immer ersehnt hatte, den sie immer einmal hatte kennen lernen wollen. : Den Autor der von ihr so heiß geliebten Misery-Buchserie. Diese Bücher über ein unschuldiges Mädchen hatten ihr in all den schrecklichen Jahren der Einsamkeit nach dem Tod ihres Mannes die Kraft gegeben, weiter zu machen, und die Hoffnung nicht aufzugeben. Die Heldin „Misery“ repräsentiert für sie ihr inneres Kind. Dass ihr Name „Misere“ bzw. „Unglück“ bedeutet, hatte sie nicht wahrgenommen.

Als Annie Wilkes ihm das alles offenbart, ist Paul Sheldon beschämt und peinlich berührt. Die Misery-Bücher waren nur eine von ihm ungeliebte Auftragsarbeit gewesen, und er erachtete sie selber als fürchterlichen Kitsch. In seinem zuletzt fertig gestellten Buch lässt er Misery sterben. Er hofft, sich nun ambitionierteren, anspruchsvolleren Werken zuwenden zu können, die seinem Selbstverständnis als ernsthaftem Schriftsteller mehr entgegen kommen. Dass diese Misery alles ist, woran sich diese einsame Frau, die ihn hier so gütig pflegt, noch klammern kann, erfüllt ihn mit Scham. Er versucht, den Inhalt des neuen Misery-Buches vor Annie geheim zu halten, und erwägt sogar, eigens für sie ein Extra-Buch mit einem guten Ende zu schreiben.

Jedoch Annie findet das Manuskript und liest es. Und nun entpuppt sich ihr innerer Dämon, den unter anderem die Misery-Bücher immer in Schach hatten halten können. Sie wertet den Tod Miserys in diesem Manuskript als Mordanschlag auf sich selbst, ihre Seele und ihr inneres Kind, und aus dem von ihr fast gottgleich verehrten Autor, dessen Ankunft in ihrer einsamen Hütte sie gefeiert hatte, wie das Kommen des Heilandes, und den sie sich in ihren kühnsten Träumen schon als ihren künftigen Ehemann vorgestellt hatte, wird für sie nun der Teufel, der Satan und ein unberechenbares Monster, das sich als Zyniker entpuppt, der die von ihr geliebte Misery-Welt, die er selbst geschaffen hatte, „Kitsch“ nennt und ihre Heldin, ihre Kraftquelle, nun mitleidlos literarisch töten will. Annies Maske fällt. Ohne Misery ist sie eine männerhassende Psychopatin, deren ungebremste Hass-und Gewaltimpulse nun nicht mehr zurückgehalten werden können. Sie schnallt Sheldon mit Fixierungsgurten ans Bett, und beginnt ihn, auf fürchterliche Weise zu quälen und zu foltern, damit er das Manuskript umschreibt. Aber auch das reicht ihr am Ende nicht mehr. Dieser Teufelsmann, der Mörder ihrer reinen, unschuldigen Heldin, muss auf grausame Weise sterben. Sie sägt Paul Sheldon ein Bein ab. In derselben Nacht gelingt es ihm, die Gurte zu lockern und zu fliehen. Er kommt aber nicht weit. Annie stößt ihn die Kellertreppe hinab. Und zumindest im Buch verwandelt sie sich dann vor Sheldons Augen in das, was sie offenbar in Wahrheit ist. „Die Göttin“, eine übermächtige, mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestattete, metaphysische  Frauengestalt, die mehr an die dunkle indische Göttin Kali erinnert, als an die von den Katholiken verehrte Maria Mutter oder Madonna. Dieser ungebremsten, weiblichen Dämonengottesgewalt ist Sheldon nun hilflos ausgeliefert. Nun, da er in Annies Welt vom Gottstatus über den Teufels-und Dämonenstatus zum feindlichen Opfer und zum Müll, den man nur noch mal eben in den Keller schmeißen muss, mutiert ist, ist Annie seine Göttin, die er aber nicht anbeten, sondern nur fürchten kann. Von einer erneuten Begegnung auf menschlicher Ebene mal ganz zu schweigen.

 

Deutsche Leser und europäische Leser generell haben diesen Roman und auch den nach ihm gedrehten Film eher psychologisch und als Thriller wahrgenommen, sozusagen als Fortschreibung von Motiven der Psychoanalyse, die Hitchcock schon in „Psycho“ und „Die Vögel“ bearbeitet hatte, sowie von Kings eigenem Frühwerk. Zumindest im Deutschen ist der Kalauer  möglich, der aus „Die Vögel“  „Die vögeln!“  macht, und damit andeutet, was die Lösung für dieses ganze Dilemma, diese ganze Misere (Misery) wäre. Die von Hitchcock idealisierte, und in „Die Vögel“ von Tipi Hedren gespielte, kühle Blonde (für Hitchcock der Inbegriff von Sexyness, obwohl seine Blonden immer irgendwie frigide wirken…) muss den von seiner (in „die Vögel“ kranken) Mutter abhängigen Mann mit ihren Reizen (in der Filmsymbolik werden diese von zuvor gekauften Sittchpapageien – im amerikanischen Original „Lovebirds“- symbolisiert) weglocken und aus Bodega Bay nach San Francisco entführen. Dies gelingt im Film aber erst nach der bereits eingetretenen Katastrophe, die in Gestalt von von oben angreifenden, hackenden und pickenden Vögeln über die Menschen von Bodega Bay kommt. Erst die Idee, die beiden in einem Käfig gehaltenen „Lovebirds“ freizulassen, besänftigt die anderen Vögel. Dass es hier sowohl um den Umgang mit entfesselten (sexuellen) Trieben, als auch um Kriegsangst (von oben angreifende „Vögel“/Flugzeuge) geht, dürfte klar sein. Ob der 1963 gedrehte Film auch die Rassenunruhen, die Bürgerrechtsbewegung  und das Folkrevival indirekt kommentiert, und unter anderem mit der Benennung von San Francisco schon ein quasi prophetisches Schlaglicht auf die Hippiekultur wirft, wäre zu  hinterfragen. Was aber ziemlich eindeutig ist, ist, dass es hier um die Angst vor dem Weiblichen geht. Es kann nur gebändigt werden, indem es kühl, mit platinblonden, eigentlich fast weißen, Haaren, in leicht maskulin wirkender, einengender und spießiger Blazer-und Frauensakko-Kleidung dargestellt wird, und immer kühl-verschnupft auf Körperabstand bleibt. Auch die angreifenden Vögel dürfen keine Falken oder Adler sein, sondern nur Finken, Spatzen und Rotkehlchen, maximal gerade noch Möwen, Raben und Krähen. Bereits für Norman Bates brachte die Ankunft einer brünetten, wilden Schönheit mit langen, offenen Haaren und blitzenden, dunklen Augen in seinem Motel den Untergang. Die prägendste, und in ihren Filmen oft dargestellte amerikanische Erfindung ist halt der Kühlschrank.

 

Amerikaner können in King und seinen Romanen meist aber noch etwas anderes sehen. Nämlich das etwas mutigere und etwas tiefer ins unkontrolliert Dionysische Herabreichen in die amerikanische „Volksseele“, was sich Hitchcock in dieser Form noch nicht getraut hatte. In Stephen Kings Werken spürt man die feuchte Wärme der Louisiana Swamps, die manchmal unterdrückte, manchmal gelebte Voodoo-Praxis der Farbigen, das Unbehagen darüber, wenn Tote nicht im Sinne Christi auferstehen, sondern als wandelnde Leichen und von allen möglichen, dunklen Impulsen gesteuerten Zombies, das Wiederkehren des unterdrückten, geschundenen und mit Alkohol gefügig gemachten und ruinierten indianischen Geistes in dämonischer Form (in „The shining“ ist das pompöse Overlook-Hotel, in dem es im Winter spukt, auf den Ruinen eines alten Indianerfriedhofes errichtet, und Jack Torrance verfällt, wie zuvor die Indianer, einer schrecklichen, ins Gewalttätige mündenden Alkoholpsychose) , und die Erfahrung des Bumerangs der eigenen (Un-)taten, der schmerzhaft zurückkommt (Bei King kommen die Untaten meist in Form von Untoten zurück…).

 

Immer drückt sich in diesen Werken auch die fürchterliche Angst vor einer tatsächlichen Wiederkehr Christi aus. Denn was soll er nach einer so kriegerischen und menschenverachtenden Geschichte, wie sie die USA hingelegt haben, nun wohl mit „Gods own Country“ machen? Für die, die seine Worte angenommen und nach ihnen gelebt haben, kommt er ja als Retter (Saviour…an meine deutschen Landsleute, die immer so schnell mit Sündenbockschlachtungen dabei sind: Eine mögliche Schreibweise von “Saviour“ ist auch „Xavier“!) und König (King!) wieder. Für alle anderen als grausamer, schrecklicher Richter mit dem aus seinem Mund hervorgehenden, zweischneidigen Schwert. Viele Amerikaner (und auch Deutsche) stellen sich das immer noch im Sinne der blutig-martialischen Armageddon-Zeichnungen in Zeugen-Jehovas-Broschüren und Tschick-Traktaten vor, als übersinnlich getriebene, noch schlimmere Version des zweiten Weltkrieges. Was aber, wenn mit dem zweischneidigen Schwert „nur“ die Doppeldeutigkeit von Worten gemeint wäre, die man, je nachdem, ob man sie im Bewusstsein der Sünde und der inneren Knechtschaft oder im Bewusstsein der Gotteskindschaft und Freiheit hört oder liest, als Befreiung oder als Verdammung erlebt, und was, wenn Jesus, was theologisch mehr als wahrscheinlich ist, gar nicht noch einmal als „ein“ Mensch körperlich wiederkehrt, sondern ätherisch, als die Menschen treibende und erfüllende Energie (wie die Bibel schreibt „mit den Wolken“) und dann in Folge dessen sich in vielen verschiedenen Menschen ganz unterschiedlich manifestiert und verkörpert?

 

Man sollte bedenken: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ In jedem kann uns Jesus Christus begegnen und wir können ihn noch hundert Mal in unserem eigenen Leben kreuzigen, steinigen, beschimpfen, verurteilen und ihn mit abfälligen Gedanken, Bewertungen, Flüchen und Ablehnung bedenken … oder ihn pflegen, im Gefängnis besuchen, ihm die Hand reichen, ihm zustimmen, ihm Liebe geben, sein Freund sein. Mit jedem Menschen, der uns begegnet, bekommen wir diese Chance neu.

 

Gerade deswegen sollten wir uns nicht nur um unsere Brüder, sondern auch um unsere Schwestern und Mütter kümmern und besorgen. Der weibliche Pol und die Frauen haben in der Menschheitsgeschichte oft arge Not gelitten, waren unterdrückt, verfemt, in ihren Rechten und Möglichkeiten eingeschränkt und zum Dasein an zweiter Stelle neben und unter den „Herren der Schöpfung“ verdammt. Gerade in fundamentalistisch-christlichen Haushalten hatten Mädchen oft nichts zu lachen. John Lennon sang nicht umsonst „Woman ist the nigger oft he world“.

 

Es gilt daher nicht nur, mit der Wiederkehr Christi klarzukommen, sondern auch mit der Wiederkehr Marias. Und zwar sowohl in der Form von Maria Mutter, als auch in der Form von Maria Magdalena. Von den bereits im neuen Testament sehr mannigfaltig auftretenden, anderen Marias mal ganz zu schweigen. Und auch eine Susanna, eine Martha und eine Phoebe wollen bedacht und geliebt sein. Diese eher im Hintergrund agierenden und im (Nacht-) Schatten der „doller auftrumpfenden Männer“ stehenden und in ihren Unterschiedlichkeiten kaum wahrgenommenen Frauen und Frauenurbilder wollen nun sichtbar, sinnlich spürbar und deutlich erkennbar werden. Und eine Magdalena braucht etwas anderes als eine Madonna, eine Judith etwas anders, als eine Sulamith. Und all diese Frauen, gerade auch, wenn sie konkret werden, und nicht urbildhaft, sondern real etwa als Tanja, Tina, Laura oder Svenja vor einem stehen, wollen als echte Individuen erkannt, geliebt und behandelt werden, nicht nur als religiöse oder literarische Abziehbilder, die man sich in die nächste Ausgabe des „Batman und Catwoman“-Paniniheft kleben und mit seinen Kumpels je nach Belieben tauschen kann. Auch eine alte und gebrechlich gewordene Mutter erfordert einen anderen Blickwinkel des nun erwachsenen Sohnes, eine andere Zuwendung und Zärtlichkeit.

 

Dennoch dürfen wir diese Urbilder auch nicht ausklammern. Denn unbewusst lenken und leiten sie uns alle, ob uns das bewusst und lieb ist, oder nicht. Und richtig ergriffen und gelebt können sie auch eine Bereicherung und ein Segen sein, und ein Gradmesser, der Dinge deutlich macht, und an dem Menschen und das Menschliche sichtbar werden, statt einer schablonenhaften Vereinfachung , Schubladierung  und Abklassifizierung von Individuen. Das Weibliche ist verletzt, angeschlagen und in großen Teilen auch sicherlich zurecht rachelüstern und hasserfüllt. Das gilt nicht nur für Frauen, sondern auch für alles „nur“ symbolisch der Tendenz nach Weibliche, Passive, Sanfte. Wie die Natur, die Tiere, das Klima, die Meere und die in ihren lebenden Tiere, die Behinderten, die körperlich und psychisch Kranken, die Kinder… die Mutter Erde schlechthin… All solche, wie sie Bob Dylan in seinem wunderbaren Song „Chimes of freedom“ besingt (…“the tongues, with no place to bring their thoughts.“).

 

All diese zarten Wesen, die Jesus in seinen Predigten und seinen Taten so geliebt und hervorgehoben hat, und die symbolisiert sind im Marienhaften, im wunderbar seelisch keuschen Weiblich-Göttlichen (seelische Keuschheit ist etwas anderes als körperliche Keuschheit und hat eben nichts mit Verzicht, Selbstbeschneidung und Zurücknahme zu tun, weder sexuell noch in anderen Sinnen oder Bedürfnissen, sondern mit einer unbefangenen, tief gefühlten Empfänglichkeit für das Wunderbare, die nicht auf Naivität, sondern auf Gott-und Weltvertrauen basiert, das wachsen durfte.). Diese Wesen sind zu oft enttäuscht, verletzt, missbraucht und traumatisiert worden, und haben sich in Gestalten wie Annie Wilkes und Norma Bates verwandelt, die ihre Rache an den Männern und am männlichen Pol nur noch mühsam zurückhalten können. Und wenn dann ihre neurotische Hülle und Maske zum Einsturz kommt, kann sich nur noch eine Kali-artige Rachegöttin aus ihnen befreien.

 

 

Diese Dämonin (das verdammte und verleugnete Weibliche, die geschundene Maria) kann aber nur wieder besänftigt und zu seiner ursprünglichen Schönheit und Göttlichkeit zurückfinden, wenn die Amerikaner das europäische Erbe und seine Bilder, sowie die in ihnen schlummernden, kulturellen Kräfte endlich ernst nehmen und ihnen erlauben, gestaltend am amerikanischen „Haus“ mitzubauen. Und zwar nicht als kleine Angestellte und Hilfskräfte, die man danach wieder mit einem Hungerlohn, und womöglich noch mit einem hinterhergeschickten Fluch, nach Hause zurückschicken kann, während man dann wieder mit munterem, amerikanischen Sektenevangelikalismus, der das Europäische konsequent draußen haben will, weitermacht, und womöglich das Haus binnen Kurzem erneut zerlegt. 

 

Das Sexuelle muss in Amerika und auch im Rest der Welt endlich wieder aus seiner Dämonisierung einerseits und seiner Vergötzung andererseits befreit werden, und muss da sein dürfen, als das, was es wirklich ist. Weder intellektuell auf Abstand gehalten, wie unter Sigmund Freuds Sezierlupe, noch als ohne Kopf und jede Hemmung durchexerzierten Wahnsinn wie in Woodstock oder Altamont , wo man versuchte, schneller Sex zu machen, als man es selber bemerkt, und dem Trieb zu folgen, ohne die Triebkräfte dabei zu spüren, und um dieses verblüffende Kunststück zustande zu bringen, vorher einen riesigen Cocktail an Drogen und wilder Dröhnmusik brauchte, der den bewussten und völlig durchneurotisierten Verstand lahmlegt.

 

Wir müssen es schaffen, dem Eros und der Schönheit der Sexualität wieder inne zu werden, ohne sie zu verkitschen oder niedlich halten zu müssen. Ihr Löwe bzw. ihre LöwIN muss brüllen dürfen und Krallen zeigen dürfen, die nicht nur die einer niedlichen „Kitten“ sind. Sie muss bad and black sein dürfen, ohne dafür eine Farbige werden zu müssen. Erst dann, wenn Maria Magdalena ihren achten Dämon, von dem das Neue Testament so in einer klaren Eindeutigkeit nichts sagt, auf den aus meiner Sicht aber in Jesu Gleichnis von der Wiederkehr unreiner Geister Bezug genommen wird, in voller Gönnung und aller ihm gebührenden Schönheit ausleben darf, und zwar im Bett oder auf der Wiese, als vom Mann nicht unterdrückte und reglementierte, sondern als gleichwertig erkannte und behandelte Geliebte (wie das im salomonischen Hohelied der Fall ist) , und nicht in neurotischen und durch die Ablehnung verkrüppelten „Verkleidungen“ als Krankenschwester, Soldatin, Drohnenpilotin oder eisernen Kanzlerin, kann auch Maria Mutter wieder gesunden, und kann sowohl wieder zur echten, unverfälschten Ikone der Mütterlichkeit, als auch zu einer lieben, alten Frau werden, die das Beste für ihren Sohn will und ihn in Güte loslassen kann, ohne zu einer Norma Bates oder Annie Wilkes zu mutieren, die den Sohn noch über den Tod hinaus an ihre missverstandene Mütterlichkeit fesselt (wie in „Psycho“  oder „Die Vögel“ ) , oder ihm, wenn er im Bett liegt, die Gliedmaßen absägt, weil sie sich den Wunsch nach Sex mit einem sohnhaften, also unväterlichen und loverboymäßigen Mann nicht eingestehen kann, und sich nicht traut, ihm den Penis abzuschneiden, und ihm deswegen die Beine absägt, bzw. in einer echten, unverfälscht mütterlichen, aber deformierten Variante, aus Angst, dem Sohn möchte etwas wie Jesu Schicksal wiederfahren, gleich prophylaktisch den Job der Römer selbst übernimmt.  Ein Schritt in die richtige Richtung dürfte sein, das salomonische Hohelied endlich wieder als deftige erotische Dichtung begreifen zu dürfen, und Luthers Fehlübersetzung von Sulamith als einer „Rose“ zu korrigieren auf eine „Lilie“. Eine Lilie sieht nämlich eher aus wie eine junge Geliebte, ist schlank, mit einer schönen Blüte ausgestattet, und hat keine Dornen.  Damit wäre dann sowohl zwischen Mutter und Tochter, als auch zwischen Vater und Sohn wieder gebührend und heilsam unterschieden, und man müsste nicht mehr in grenzüberschreitende Vermischungen und Projektionen abdriften.

 

Wenn dieses amerikanische Marien-Trauma und Muster nicht durchbrochen wird, wird Amerika auf ewig sein „Woodstock-Altamont“-Ding weiterfahren, Kriege führen und Minderheiten unterdrücken, egal ob mit einem langsamen oder schnellen Zug, mit Raumschiffen von Roddenberry, Lucas oder Disney, in Zungen oder in klarer Sprache, mit Credence Clearwater Revival oder Muddy Waters. Das Ding aus dem Sumpf, der Dämon aus den Louisiana Swamps, kann nur mittels der Zuhilfenahme des europäischen Geistes und Wissens bezwungen, bzw., eigentlich eben nicht bezwungen, sondern verwandelt werden, und vor allem nur unter Einbeziehung und Umarmung des Jüdischen und des Judentums und der Integrierung, Wertschätzung und Gleichberechtigung des weiblichen Pols und der Frauen,  auch wenn diese beiden Fakten Amerikanern und leider auch zunehmend immer mehr Deutschen nicht so besonders gut munden. Es ist nicht nur „Make love, not war“. Man muss auch verstehen, wie Liebe zu Krieg wird, und das Kriegerische in der (körperlichen) Liebe wieder entdämonisieren, gutheißen und ausleben. Dann geht der Stachel nämlich nicht mehr ins Fleisch, sondern wieder ins Loch. Als männlicher Penis in die weibliche Vagina und nicht als Lanze, die in Christi Seite gestochen wird, um zu schauen, ob er schon tot ist. Und Paul Sheldon, Stephen King,  William Paul Young und Patrick Rabe können noch viele Bücher schreiben.

 

***

 

 

 

 

Patrick Rabe, 15. Oktober 2020, Hamburg.

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