Martin Hart

Carola

„Hallooo! Ich bin Carola!“
Carola grinst breit und entblößt dabei zwei Reihen gar nicht mal so hübscher Zähne. Wir treten ein wenig erschrocken einen Schritt zurück.
"Keine Angst, ich beiße nicht.“
Ach so? Sicher? Ein bisschen Skepsis bleibt, aber wir kommen trotzdem wieder einen Schritt näher, um sie etwas besser erkennen zu können. Sie ist nämlich ziemlich klein.
Sie stellt sich bei näherer Betrachtung als nicht besonders hübsch heraus und ist von eher rundlicher Statur. Nun mag ja, ob jemand hübsch ist oder nicht und die Bevorzugung bestimmter Formen individuell unterschiedlich bewertet werden, den anfangs eingenommenen größeren Abstand hätten wir besser dennoch gewahrt, wie sich noch herausstellen sollte.
Nun war es ja nicht so, dass wir noch nie von ihr gehört hätten, dem Hörensagen nach war sie aber weit weg. Und jetzt, ihrer ansichtig geworden, waren wir umso überraschter, sie so schnell schon begrüßen zu dürfen. Allerdings fiel auch erst jetzt auf, dass sie, im Gegensatz zu uns Kopffüßern, über scheinbar unzählig viele Beinchen verfügte, die offenbar dieses blitzartige Tempo ermöglichten.
Wir wollten wissen, was sie denn den lieben langen Tag so mache, außer herum zu flitzen.
„Ich spiele liebend gerne fangen!“
Ach, wie süß! Sie ist verspielt! Na ja, wenn wir so schnell wären, würden wir vielleicht auch gerne fangen spielen. Die Mitspielenden ruckzuck geschnappt, und selbst praktisch nicht zu kriegen.
„Lasst uns spielen!“, rief sie und noch ehe wir, doch eher etwas behäbigen Kopffüßer, uns überhaupt nur ernsthaft in Bewegung gesetzt hatten, hatte Carola bereits eine ganze Reihe von uns erreicht.

Was dann kam, war nicht nur erneut überraschend, sondern auch verwirrend und sogar beängstigend. Für uns hieß Fangen spielen, den Verfolgten, falls eingeholt, eher sanft anzuducksen und zu rufen: „Ducks. Du bist es!“ Somit war dann der Eingeholte mit Fangen an der Reihe. Ein harmloses Spiel eben.
Für Carola hieß Fangen spielen jedoch, jeden den sie erwischte – und das waren unglaublich viele – so fest zu stoßen, dass praktisch jeder zumindest ins Straucheln geriet, unfassbar viele zu Boden gingen, sich oft mehr oder minder schwer dabei verletzten und eine erschreckend große Zahl sogar für immer liegen blieb!
Aber damit nicht genug. Die Stöße waren derart kräftig, dass wir uns auch sehr häufig gegenseitig mitrissen und umstießen. Die Folgen waren dann immer noch genauso verheerend. Die Kraft dieses kleinen Biestes war scheinbar grenzenlos. Fangen spielen nach dem Schneeball-Prinzip. - Und es geht doch!

Einige von uns gerieten regelrecht in Panik, die allermeisten waren irgendwo zwischen verunsichert, beunruhigt und ängstlich und in der dritten Kategorie, derer die meinten Carola sei nichts weiter als eine Fantasiefigur, kristallisierte sich noch ein weiterer Zweig der Kopffüßer heraus. Im Grunde wussten wir immer, dass es diesen Zweig irgendwo gab, er trat aber fast immer nur bei dem einen oder anderen Thema vereinzelt in Erscheinung. Die Vielzahl der sich nun zeigenden Mitglieder war jedoch ausgerechnet bei diesem essentiellen Problem erschreckend und beschämend. Es ist hier die Rede von dem Zweig der Hohlkopffüßer. Überdies zeigte sich, dass sie sich aufgrund ihres Hohlraums und dem daraus resultierenden geringeren Gewicht besonders leicht stoßen ließen. Gehirnerschütterungen kamen aber, wenig überraschend, nie vor.

Nun sind weder Panik noch Ignoranz sonderlich gute Ratgeber, wenn es darum geht, Probleme zu lösen. Viele von uns behielten glücklicherweise einen relativ kühlen Kopf. Da wir keinen wirksamen Schutz gegen Carolas Attacken hatten, versuchten wir die Verletzungen und vor allem natürlich die Todesfälle einzudämmen, indem wir größere Abstände untereinander einhielten, außerhalb unserer Familien fast überhaupt nicht mehr zusammen kamen und unsere Gesichter bis rauf zu den Augen hinter Masken versteckten. Die vergrößerten Abstände führten dazu, dass Carola nicht immer gleich so viele von uns praktisch gleichzeitig erwischte und dass wir uns vor allem nicht mehr so schnell ungewollt gegenseitig verletzten oder gar töteten. Die Masken halfen dabei, dass Carola uns nicht mehr so schnell erkannte. Denn aufgrund der Anatomie unserer Spezies bestehen wir nun mal fast nur aus Gesicht und Carola brauchte offenbar unsere Gesichter als Erkennungsmerkmal, um uns von anderen Lebensformen zu unterscheiden, die sie wiederum für ihr Spiel wohl als ungeeignet empfand.
Während wir uns also durch diese Maßnahmen, die, besonders über einen längeren Zeitraum, doch ganz schön lästig waren, bestmöglich zu schützen versuchten, arbeiteten viele schlaue Spezialkopffüßer an der Entwicklung anderer Schutzmöglichkeiten. So konnte das ja nun keine Dauerlösung sein. Nicht wenige von uns entwickelten durch die Einschränkungen auf den sozialen und Freizeitebenen schon bald psychische Probleme.

Mancher sagte: „Wir kennen doch schon seit Ewigkeiten auch die Gitte, und gegen die haben wir doch einen Schutz. Carola ist ihr doch sehr ähnlich. Warum schützen wir uns nicht einfach mit der gleichen Weste?“
So einfach war es aber tatsächlich leider nicht, denn Carola war ungleich schneller und stärker als Gitte und die Weste entsprechend gegen sie so gut wie wirkungslos. - Schöner Mist!
Die Aufgabe war somit für die Schutz-Spezialkopffüßer besonders schwierig. Es musste eine Weste her, die also sehr viel kräftigere Stöße abfangen konnte als die Gitte-Schutzweste, musste aber genau so unauffällig sein, damit sie zum einen beim Tragen ebenfalls auf keinen Fall störte, und zum anderen, damit auch sie gegebenenfalls noch mit anderen Westen kombinierbar war. - Na super, das kann ja dauern!

Es dauerte. Und zwar gar nicht mal so lange! Verglichen mit der sonst üblichen Zeitspanne für die Entwicklung von Gesundheitsschutzmitteln ging das in absoluter Rekordzeit! Es bestand aber ja auch eine absolute Notlage. Es war also tatsächlich einigen Schutz-Spezialkopffüßern gelungen, eben solche Westen zu entwickeln. Zulassungsverfahren wurden verkürzt und auf Langzeitstudien musste logischerweise verzichtet werden, denn dafür fehlte schlicht die Zeit. Es musste einfach dringend gehandelt werden.
Nachdem dann alle Zulassungen erteilt waren, kam es – wie konnte es anders sein – zu einem globalen Gerangel um die ersten Westen, auf das hier nicht näher eingegangen werden soll. Es war peinlich genug. Überall hieß es: „Wir wollen Westen, wir wollen Westen.“
Nachdem dann irgendwann endlich überall genügend Westen bereit lagen, ebbte die Begeisterung aus, wohl nicht nur für mich, unerklärlichen Ursachen mit der Zeit ab.

Natürlich hat sich Carola angesichts der Schutzwesten nicht einfach schmollend verdünnisiert. Natürlich versuchte sie trotzdem, uns zu Tode zu schubsen. Die Westen fingen dann aber den weitaus größten Teil ab und verhinderten zu rund zwei Dritteln schwere Verletzungen.

Ja, es ist richtig, dass man auch mit einer Weste noch so kräftig gestoßen werden kann, dass man möglicherweise andere mitreißt. Gefährlich wird das dann aber in erster Linie für diejenigen, die das Tragen einer Weste ablehnen. Die anderen sind ja ihrerseits wiederum weitestgehend geschützt. Ja, es ist ebenfalls richtig, dass die Wirkung der Westen nachlässt. Sogar schneller als ursprünglich vermutet. Da das Material der Westen trotz der guten Schutzwirkung gleichzeitig extrem filigran ist, damit man es beim Tragen gar nicht wahrnimmt, ist es aber auch sehr empfindlich und sogar vergänglich. Somit muss es halt immer wieder mal erneuert werden.Wenn das dann jetzt früher als anfangs mal angenommen der Fall ist, wo genau ist dabei ein Problem? Lassen wir halt früher erneuern. An Material fehlt es nicht.
Ja, es ist auch richtig, dass es sich für Westen-Ablehner diskriminierend anfühlt, wenn nur Westenträger und bereits Genesene – denn bei denen hat der Körper für eine gewisse Zeit eine eigene Schutzweste aufgebaut – zu bestimmten Veranstaltungen gehen dürfen. Dies könnte aber möglicherweise ihrem eigenen Schutz dienen, damit sie sich durch Stöße, gegen die sie nun mal nicht geschützt sind, eben nicht schwere oder gar tödliche Verletzungen zuziehen und in der Folge gegebenenfalls die Krankenstationen überlasten. Dabei wiederum wären sie größtenteils auch noch selbst die Hauptleidtragenden.
Nochmal ja, es ist richtig, dass es für Nicht-Westenträger lästig und gegebenenfalls sogar teuer ist, sehr häufig überprüfen lassen zu müssen, ob Carola ihnen bereits so dicht auf den Fersen ist, dass ein Stoß praktisch unmittelbar bevor steht, da sie nun mal für Carola deutlich leichter zu erwischen sind. Weil Carola aber so klein ist, kann man sie leider leicht mal übersehen und daher braucht es oft Such-Spezialkopffüßer um sicher sein zu können.
Und ja, es ist richtig, dass wir die Westen noch nicht wirklich gut kennen und nicht wissen, ob das Tragen auf Dauer auch ungesund sein kann.

Aber nein, die Alternative kann nicht sein, dass wir Carola einfach unkontrolliert wüten lassen und wir dann allesamt die Krankenstationen noch viel schneller überfüllen.
Ebenfalls nein, sich durch Verzicht auf eine Weste mutig im schlimmsten Falle dem Tode zu stellen, wäre keine Entlastung der Krankenstationen, denn dort würden doch erst mal alle landen. Sofern noch Platz ist.
Und nochmal nein, Carola wird sich mit Sicherheit nicht dauerhaft fernhalten, wenn wir uns zum Beispiel einfach mal drei Wochen komplett verstecken, gar nicht mehr raus gehen und ihr somit für diesen Zeitraum nicht mehr als Spielgefährten zur Verfügung stehen. Wenn nicht sogar in der Nachbarschaft, so wird sie irgendwo auf unserem schönen Planeten Ultramarin garantiert immer andere Spielgefährten finden. Und über kurz oder lang – wir erinnern uns, sie ist irre schnell – hat sie sich wieder hierher geschubst und alles beginnt von vorne.

Wir werden wohl vielmehr auch zukünftig mit Carola genauso leben müssen wie mit Gitte. Die Westen werden noch besser werden, und wenn wir sie regelmäßig tragen und erneuern lassen, wird Carola, vielleicht sogar schon bald, keine entscheidend größere Rolle mehr spielen als Gitte.

Vielleicht sollten wir uns sogar ein Beispiel an den Menschen nehmen. Sie sind zwar allgemein nicht sonderlich weit entwickelt, denn sie entreißen ihrem Planeten in rasantem Tempo unwiederbringliche Bodenschätze und zerstören durch Gier und Machthunger ihren eigenen Lebensraum, das tut aber jetzt nichts zur Sache, denn unter ihnen gibt es beispielsweise etliche Exemplare, die mit motorisierten Zweirädern herumfahren, was uns ja aufgrund unserer Anatomie nicht möglich wäre. Für ebendiese Exemplare besteht sogar eine Pflicht, während ihrer Fahrten einen Schutzhelm zu tragen, der die „Freiheit“ am Kopf doch schon stark einschränkt. Das Ganze, nur um nichts weiter außer sich selbst im Falle eines Sturzes zu schützen. Niemand lehnt sich gegen diese Pflicht auf. So viel Vernunft sollte man ihnen eigentlich gar nicht zutrauen.
Primitiv, wenn's um ihren Lebensraum geht, aber vernünftig, wenn's um ihre unmittelbare Gesundheit geht.
Diese Vernunft wünsche ich mir auch für uns Kopffüßer.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.04.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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