Horst Radmacher

Völlig normal

Normalerweise müsste Gernot Hövel den Namen des deutschen Normalbürgers, Max Mustermann, tragen, denn seine Lebensdaten weisen eine erstaunliche Deckungsgleichheit zum statistischen Durchschnittsbürger auf. Mit seiner Körpergröße von 1,78m und bei einem Gewicht von 86 Kilogramm, erfüllt er genau die körperliche Norm des deutschen Durchschnittmanns. Er wird einem solchen immer ähnlicher, durch die Tatsache, dass er mit 37 Jahren, eine 32jährige Frau mit einer Größe von 1,65m und einem Gewicht von 68 kg geheiratet hat, die Norm-Maße deutscher Frauen. Die Durchschnittzahl der dazugehörigen Kinder, 1,75 pro Paar wären normal, haben die Hövels auf 2,00 erhöht, 0,25 Kinder mehr oder 0,75 weniger, wie soll das gehen?

An einem kalten Winterabend sitzt das Ehepaar Hövel nach der gemeinsam angeschauten Tagesschau zusammen gemütlich auf dem Sofa. An diesem Abend werden sie die durchschnittliche Zeit der Deutschen, täglich 3:41 Std. fernzusehen, deutlich unterschreiten. Gernot und Dagmar Hövel können sich entspannen. Dazu tragen ein Glas Wein für sie, und zwei Flaschen Bier für ihn bei. Da die Durchschnittsmenge bei Alkoholika, 20 Ltr. Wein bzw. 95 Ltr. Bier, pro Jahr und Kopf beträgt, wird es irgendwann noch genügend Ausgleichmöglichkeiten geben. Auch die normale Frequenz ihrer Koitusse, 5 pro Monat wären in Deutschland Norm, wird heute Abend durcheinandergebracht werden - da bahnt sich etwas an. Eventuell lassen sie dafür den am nächsten Sonnabend obligatorischen einfach ausfallen.

Den Grund für diesen unvorhersehbaren Kuschelabend liefert Gernot. Er ist am Vormittag dieses Tages zu einer Überprüfung seiner Sehstärke beim Augenarzt gewesen. Zu seiner Freude bestätigt ihm dieser, dass sich seine Sehstärke weiter verschlechtert hat – eigentlich kein Grund zur Freude. Für Gernot schon. Der Arzt hatte bei ihm vor einigen Jahren eine Kurzsichtigkeit von 1,50 und 1,75 Dioptrien festgestellt. Kein Grund zur Besorgnis, das wäre normal. Normal wäre es auch, laut Augenarzt, dass sich diese Fehlsichtigkeit ab der Lebensmitte umkehren würde, in Richtung Weitsichtigkeit. Er hat demnach sein Bergfest noch nicht erreicht, schliesst Gernot daraus, und freut sich auf ein langes Leben.

Einige Jahre später eine ähnliche Situation: und wieder zeigt die Untersuchung eine Verschlechterung. Also immer noch nicht die Lebensmitte. Nur, er zählt inzwischen fünfundfünfzig Jahre. Gernot zweifelt nicht, er glaubt ganz einfach nicht mehr an die Aussage dieses Arztes. Ein Alter von einhundertzehn Jahren? Das wäre nicht normal. Er gerät nicht in Panik, aber nun bewertet er sein Leben retrospektiv und blickt auf eine gewaltige Anhäufung stinknormaler Lebensabschnitte. Das treibt ihn um, er hätte gerne eine gute Portion Extra-Ordinärität für sich beansprucht und beschließt grundlegende Änderungen.

Seine Ankündigung, sich scheiden zu lassen, wird erstaunt bis entsetzt aufgenommen. Immerhin ein normaler Vorgang in seinem Alter. Seine Freunde, davon hat er nicht überdurchschnittlich viele, verstehen ihn nicht mehr. Hatte er bislang gerne und häufig Skat mit ihnen gespielt, so wechselt er nun zum Schachspiel über. Und hier stellt er fest, seine Intelligenz und Kreativität sind viel größer als vermutet, sie liegen weit über dem Normalen. Bald erreicht er ein hohes Spielniveau und will mehr. Gernot Hövel erfindet in einem Anfall eines kreativen Höhenflugs ein neuartiges Schachspiel, das für vier Spieler und sechsunddreißig Figuren gedacht ist – sensationell.

Seine Kreativität springt bald auch auf musische Bereiche über. Hatte er vorher vorzugsweise Schlager- und Popmusik gehört, so zieht es ihn nun mit Macht zur klassischen Musik. Die “Mainstream-Klassiker”, so nennt er Bach, Mozart, Beethoven & Co., genügen nicht mehr seinen Ansprüchen. Da ist für ihn noch Luft nach oben? Er entdeckt Arnold Schönberg für sich. Dessen komplizierte Zwölftonmusik, mit seinen gebrochenen Harmonien, überfordert viele der normalen Musikliebhaber. Gernot aber geht darin auf, sie ist für ihn das geniale Äquivalent zu einer anderen Kunst, zur abstrakten Malerei, die er früher auch nicht für normal angesehen hat, nun liebt er diese.

Doch seine große Liebe bleibt die Musik. Normal wäre es, sich auf den reinen Hörgenuss zu beschränken. Aber Hövel setzt noch einen drauf: er komponiert, und zwar ausschließlich Zwölftonmusik, und das gar nicht mal schlecht. Zumindest gut genug, um ein Angebot aus dem Ausland zu erhalten. Die Kulturbehörden der Volksrepublik China erteilen ihm einen hochdotierten Auftrag, traditionelle chinesische Musik aus der Zeit der Zhou-Dynastie neu zu vertonen – natürlich in Zwölftonmusik. Gernot reist nach China und geht ans Werk. Nach nur wenigen Wochen hochintensiver Arbeit stellt er fest, diese Aufgabe überfordert ihn, er hat sich zu weit von der Normalität entfernt, er gibt auf.Gernot Hövel hat den geistigen Zenit seines Lebens erreicht. Ob er in dieser Form auch ohne die denkwürdige Prognose seines früheren Augenarztes dort hingekommen wäre, weiß er nicht, ist ihm letztlich auch egal. Was ihm bleibt, ist die Liebe zur Musik. Wenn zu später Stunde Klaviermusik aus Gernots Arbeitszimmer ertönt, dann weiß jeder in seinem Umfeld, der Maestro komponiert. Er sitzt dann über seinem neuen Werk, Hövels Opus Number One – Sinologische Symphonie für Piano und Violine in Cis-Moll. Es ist die Vertonung von Sprüchen chinesischer Glückskekse.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.10.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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