Horst Radmacher

Der Schlaf-Flüsterer

Vor fast genau drei Jahren hatte Tobias Funke seine profitable Firma, TOFUTEE, in der Tees verschiedener Sorten hergestellt und vertrieben werden, verkauft. Er fühlte sich zu dem Zeitpunkt ausgebrannt und wollte im Alter von achtundvierzig Jahren sein Leben genießen. Sein Bestreben war es dabei, wieder näher an sein inneres Ich zu rücken und er begann mit einer kompletten Umstellung seiner Gewohnheiten. Die Belastungen, die mit der Leitung eines mittleren Unternehmens mit einhundertfünfzehn Mitarbeitern zusammenhängen, konnte er als erstes abbauen. Dazu kamen Probleme, die auf Übergewicht, Rauchen und exzessiven Alkoholkonsum zurückzuführen waren. Um diese loszuwerden, beschloss er, den Jakobsweg zu gehen. Er hoffte dabei, durch all die zu erwartenden Effekte, auch seine Schlafstörungen, die ihn mitunter verzweifeln ließen, zu überwinden. In extremen Fällen reichten diese bis hin zur totalen Schlaflosigkeit. All seine Mixturen, die er vorher sehr erfolgreich in Form von Teebeuteln an leidende Mitmenschen verkauft hatte, wirkten bei ihm schon lange nicht mehr. Tobias war über den Punkt hinaus, hier mit Kurkuma-Ingwer-Zimt-Kardamom-Mischungen Abhilfe schaffen zu können.

Als Startpunkt des Pilgerwegs hatte er den Ort St. Jean de Pied de Port in den französischen Pyrenäen gewählt. Auf der ersten Etappe des insgesamt gut achthundert Kilometer langen Fußmarsches hatte er gerade mal vierundzwanzig Kilometer geschafft, bis ins spanische Städtchen Roncesvalles. Hier verbrachte er trotz großer Erschöpfung eine schlaflose Nacht, ohne Regeneration. Kaum von den Strapazen erholt, machte er sich am Tag darauf wieder auf den Weg. Im nahegelegenen Dorf Espinal brach er zusammen, er fiel in eine tiefe Bewusstlosigkeit. Dass diese nicht den Erholungseffekt eines Schlafes hatte, zeigte sich schnell. Die Bewohner des Dorfes, erfahren im Umgang mit kollabierten Wanderern, brachten ihn bald wieder auf die Beine.

Und hier kam der abgewrackte ehemalige Unternehmer am entscheidenden Punkt seines Lebens an. Er traf in Espinal auf den Naturheiler Unai Naroa, der im Dorf von allen 'El Susurrador', der Flüsterer, genannt wurde. Diese beiden so unterschiedlichen Männer freundeten sich an. Tobias ließ sich im Dorf nieder, er wurde hier von Unai behandelt. Dem baskischen Heiler gelang es sehr schnell, die inneren Spannungen seines neuen Freundes zu lösen. Dabei bediente er sich einer speziellen Hypnosetechnik, die mit dem eindringlichen, flüsternden Gesang eines spanischen Schlafliedes einherging: “Veo, veo, que ves una cosita.....”Tobias ließ sich später in die Technik des 'Schlafflüsterns' einweisen. Der alte Baske war erstaunt über die sensitiven Fähigkeiten seines Freundes.

Jahre später, zurück in Deutschland. Tobias Funke hatte sich in Berlin-Wilmersdorf als Heilpraktiker und Psychotherapeut niedergelassen. Zunächst wurde er aufgrund seiner Vita von einigen Kollegen verspottet, als, “Der mit den Teebeuteln wirft.” Dieses änderte sich schnell. Therapieresistente Krankheitsverläufe wurden seine Spezialität; das sprach sich im Großraum Berlin herum. Und hierbei wendete er erfolgreich die in den Pyrenäen gelernte Flüstertechnik an. Von wegen Teebeutelweitwurf! Durch seine speziellen Methoden der Suggestion verhalf er ungezählten Patienten, die unter Warzen oder an einer Gürtelrose litten, zu einer Heilung. Sein baskischer Freund und Mentor hatte ihm den heilsamen Weg zur hypnotischen Sensorik der Immunrezeptoren gewiesen. Sein Spezialgebiet blieb aber die Behandlung von Schlafstörungen. Hier erzielte Tobias Heilungsraten von fünfundneunzig Prozent. Die angewandte Methode, ganz im Sinne seines spanischen Vorbilds: eine spezielle Art der Hypnose, verbunden mit dem Einflüstern eines Schlafliedes. Das spanische Lied, “veo, veo... “war hier Goldstandard. Anwendungen mit auf die deutsche Seele gerichteten Texten, wie “Aber Heidschi Bumbeidschi...”, waren ihm einen Versuch wert, brachten aber nicht annähernd solch gute Resultate. Tobias' Fähigkeiten waren bald bundesweit gefragt und das war dann schon mal mit weiteren Reisen verbunden.

Eines Tages erreichte ihn eine Anfrage aus einer Kleinstadt im östlichen Saarland. Dort bat eine Familie um Hilfe für die zweiundneunzigjährige Oma Gundel. Diese war seit vielen Wochen ohne Schlaf, allenfalls einige wenige Momente eines Sekundenschlafs hatte die alte Dame vorzuweisen. Ihr Hausarzt war mit seiner Schulmedizin am Ende, zumal Gundel die von ihm verordneten Tranquilizer strikt verweigerte. Tobias reizte dieser Fall. Er fuhr ins Saarland und musste schnell feststellen, diese Störung würde nicht mit einer einzigen Hypnosesitzung zu beheben sein. Mit insgesamt zwei Unterbrechungen beförderte er die sympathische alte Frau in einen länger anhaltenden Dämmerzustand, immer begleitet von dem melodischen “veo, veo, que ves una cosita....”Es war vereinbart, Gundel für drei Wochen in diesem Zustand zu lassen, und ganz wichtig dabei: ohne jede Störung. Der Hausarzt würde in dieser Zeit die Überwachung der Vitalfunktionen übernehmen. Anschließend, so hatte es der Schlafflüsterer versprochen, würde er die Patientin wieder geheilt ins Bewusstsein zurückholen. Aber dazu kam es nicht mehr. Direkt nach seiner Rückkehr ins heimatliche Berlin wurde bundesweit ein strenger Lockdown verordnet. Der Therapeut durfte nicht ins Saarland reisen. Zwei Wochen später erhielt er eine Nachricht von dort. Oma Gundel war im Schlaf gestorben. Ganz einfach so, an einem altersbedingten Herzstillstand – attestiert vom Hausarzt.

Für Tobias schien diese Angelegenheit erledigt. Es gab jedoch Komplikationen bei der Aufteilung des Erbes. Oma Gundel war sehr vermögend gewesen, was vorher durchaus bekannt gewesen war. Gegen die Ausstellung des Erbscheins hatte es allerdings einen Einspruch gegeben. Ein erbberechtigter Verwandter aus Memphis, Tennessee, hatte von dem Hypnoseschlaf, verursacht durch einen Schlafflüsterer, erfahren. Dieser Erbe, ein notorischer Verschwörungstheoretiker, glaubte an einen Komplott. Er glaubte u.a. auch, dass Elvis, King of Rock 'n' Roll, lebte, möglicherweise unter falschem Namen in Bielefeld. Es ginge ihm jetzt in der Causa Gundel aber nicht um das geldwerte Erbe, die Wahrheit müsse ans Licht, so der 'Hero of Truth', wie er sich nannte. Wenig plausibel das Ganze, aber so sind sie, diese Verschwörungstheoretiker. Er, sowie einige Mitverschwörer, sagten an Eides Statt aus, dass just zum Zeitpunkt des vermeintlichen Ablebens von Elvis Presley im Jahre 1977, ein unbekannter Europäer in dessen Hause ein- und ausging; könnte durchaus ein deutscher Schlafflüsterer gewesen sein.


Tobias Funke konnte glaubhaft machen, dass er sich zu diesem Zeitpunkt nicht in den USA aufgehalten hatte. Er war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal vier alt Jahre gewesen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 19.11.2023. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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