Mark Galsworthy

Shalom

 

Ich schaute aus dem Fenster. Wir waren alle schon angeschnallt und unter uns lag im schönsten Sonnenschein Berlin. Das war also Berlin. Meine Großeltern waren hier geboren, hatten hier gelebt und geliebt, bis sie eines Tages die Stadt verlassen hatten, bevor sie verlassen waren.

All das was ich über Berlin, als Verwaltungszentrum des Bösen, wußte, kannte ich nur aus zweiter Hand und ich hatte auch nicht vorgehabt, aus erster mehr zu erfahren. Es gibt Dinge die sollte man ruhen lassen.

Leider hatte mich die Universität von Haifa auf diesen Kongreß entsandt, und der fand nun mal in Berlin statt.

Die Stadt war anders als Paris oder London, jedenfalls von hier oben. Mehr grün denn grau bot sie sich im Schein der Sonne dar.

Wir setzten in Tegel auf, und ich war schon verwundert, wie schnell und problemlos die Einreisekontrolle verlief. Das war ich weder von meiner Heimat, noch den USA gewohnt.

Ich reihte mich in die Schlange der Reisenden ein, die auf ein Taxi warteten und die nun wie Perlen an einer Schnur ihre menschliche Fracht aufnahmen.

Als ich an der Reihe war, stieg der Fahrer aus, um mein Gepäck zu verstauen, und ich stutzte kurz.

Er hatte dichtes schwarzes Haar und einen Vollbart. Er nahm meinen Koffer, und ich stieg in das Taxi. Ich war es aus meiner Heimat gewöhnt, allem gegenüber mißtrauisch zu sein, besonders, wenn Menschen gewissen Rastern entsprachen.

Wir fuhren los, über die Betonspange, das Flughafengelände verlassend auf die Stadtautobahn. Mein Ziel war eine Pension in der Grolmannstraße, ein Geheimtip meines Dekans, in der er selber immer sehr zufrieden wohnte und die auch koscheres Essen boten.

Im Rückspiegel sah ich nur die Augenpartie des Fahrers und immer wenn er mich ansah, fühlte ich mich unwohl. Glühten seine schwarzen Augen nicht etwas fanatisch? Aber weshalb, ich trug ja keinen Stern.

Da blickte ich an mir herab und bemerkte, daß mein Mantel offen war und meine goldene Kette zwischen meinen Brüsten glitzerte.

Ich trug den Stern, als goldenen Anhänger an der Kette. Das muß ihm aufgefallen sein. Ich spürte ein Unbehagen, aber ich war doch nicht in Haifa, ich war in Berlin!

Mein Blick wanderte verunsichert durch das Wageninnere und blieb am Handschuhfach hängen. Dort  war ein Schild mit der Taxikonzession befestigt. 

Achmad Mousa.

Auch noch Palästinenser!

Gegen meinen Willen in Berlin und dann auch noch alleine mit einem Palästinenser in einem Fahrzeug.

Längst waren wir von der Autobahn wieder herunter und fuhren durch den nun dichten Innenstadtverkehr.

Irgendwas wollte, nein, mußte ich tun. Also nahm ich mein Handy und wählte die Nummer des Hotels, mein Fahrer sollte hören, daß ich erwartet werde. Warum weiß ich nicht, aber mir fiel nichts Besseres ein mein Sicherheitsbedürfnis etwas zu befriedigen.

Während ich auf Englisch mein Gespräch führte, sah ich immer wieder in den Rückspiegel in diese schwarzen Augen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit waren wir endlich am Ziel.

Ich fragte auf Deutsch nach dem Fahrpreis und beeilte mich die genannte Summe zu zahlen, inkl. eines großzügigen Trinkgeldes. Absurd, als hätte ich es nötig, mich von etwas freizukaufen.

Warum ich es dann schließlich tat, weiß ich nicht, aber ich fragte ihn auf arabisch ob er aus Jordanien käme.

Da erwiderte er:

„Meechen, wir sind hier allet Berliner!“

Beschämt ging ich in die Pension, es hatte sich wohl doch viel geändert in Berlin, und ich denke ich komme jetzt öfter.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.06.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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