Mark Galsworthy

Spieglein, Spieglein in dem Sand

Die Schulglocke schellte und die Schüler strömten dem Ausgang entgegen.
Es war ein herrlicher Sommertag und vor den Schularbeiten war Baden angesagt.
So liefen viele von ihnen an den nahegelegenen See.
Dort angekommen, zogen sie sich um und stürmten das kühle Naß.
Nach ausgiebigem Baden legten sie sich auf die mitgebrachten Handtücher und unterhielten sich über die Schule, Gott und die Welt.
Lutz war bis zu seinen Knien im Wasser und watete das Ufer entlang. Er suchte nach, Schnecken, Krebsen und anderen Tieren, denen er außerhalb seines Biologiebuches gegenwärtig werden wollte.
Die andern machten sich gerne mal über ihn lustig und nannten ihn "den Professor"
So gingen die Nachmittagstunden dahin und so langsam kündigte sich der Abend an.

Lutz kam schließlich von seiner Expedition zurück und brachte zwar kein Tier, wohl aber einen kleinen Spiegel mit.

Er fand ihn im Schilfsaum des Sees.
Lutz war nicht gerade das Alphatier der Gruppe, aber irgendwie wirkte dieser verschlammte Spiegel auf alle.
So scharten sie um den Professor und wollten in diesen Spiegel schauen.
Er gab den Spiegel in die Runde und jeder schaute hinein.
Doch statt des erwarteten Spiegelbildes, sah man darin etwas ganz anderes, nämlich seine Zukunft.
Sie sahen sich in einem englischen Pub in der Schlüterstraße sitzen.
Die Jungens, die nun Männer waren, trugen Stirnglatze, die Frauen gut gefärbtes Grau.
Sie sprachen über Kinder die sie nicht hatten und Enkelkinder die sie nie bekommen würden.
Einige waren erfolgreich, andere unterstützt vom Vater Staat.
Doch einer fehlte. Im Spiegelbild: Wolf-Dieter.
 Vor dem Spiegel stand er mitten unter ihnen, und  bemühte sein zukünftiges Ich zu erspähen, aber vergeblich,  im Spiegel  war er nicht zu sehen.
Wolf-Dieter war ein Mensch, der gut austeilen aber weniger gut einstecken konnte, und so wurde sehr schweigsam, beim Blick in den Spiegel.
Als Lutz die Tränen sah, die über Wolf-Dieters Wangen rannen, nahm er den Spiegel in die Hand und warf ihn gegen einen Feldstein, an dem er in tausend Stücke zerbarst.
Rainer war inzwischen vom Supermarkt zurück und hatte eine Flaschen Lambrusco , dabei, die bald in der Runde kreiste und die Nachdenklichkeit zerstreute.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.09.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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