Hans Witteborg

Der mann, der Baum und ich

Der Mann, der Baum und ich


Im Winter, wenn die Bäume sich geschüttelt und sich ihrer grünen Last entledigt haben, scheint es mir, als haben sie endlich zu sich selbst gefunden und strecken ihre kahlen Äste wie nackte Finger mahnend in den Himmel, gleichsam von allem Klimbim befreit als wollten sie aller Welt ihren wahren Charakter offenbaren. Dabei haben sie nichts als etwas Gespenstiges für den Betrachter zu bieten.
Warum ich deshalb trotzdem erst im Hochsommer diese Geschichte erzähle, hängt mit der bleiernen Schwere einer quälenden Hitze zusammen, die sich nicht nur auf das Gemüt auswirkt sondern auch auf die Unlust an Bewegung zeitigt, somit nichts Sinnvolleres als Schreiben gegen die Langeweile zuläßt. Genug der Erklärung.

Winter ist es. Ich stapfe durch den Schnee auf eine einsam stehende Scheinbuche zu. Sinne so vor mich hin wie ich es immer tue, wenn mich eine körperlose Leichtigkeit befällt. Da bemerke ich auf einem dicken Ast in etwa fünf Metern Höhe eine merkwürdige Gestalt, die sich beim Näherkommen als ein Mann darbietet, der unruhig seine Beine vom Ast baumeln läßt.
Sein Anblick war von Kopf bis Fuß ungewöhnlich. Wenn ich sage von Kopf bis Fuß halte ich es auch so mit meiner Beschreibung. Ein wirrer grauer Haarschopf reichte bis zu seinem ungepflegten Vollbart, der kaum ein Gesicht erkennen ließ. eine schwarze Shmoking- Jacke hing über seiner Schulter und verdeckte nur ungenügend sein weißes Hemd, das mit einer roten Fliege um den Halsbereich geschmückt war. Hose und der sichtbare Teil der Socken waren ebenso schwarz und, um die groteske Aufmachung komplett zu machen, steckten seine Füße in hoch glänzenden Lackschuhen. Unvorstellbar, wie er in dieser Kleiderordnung den Baum erklettern konnte und bei der Winterkälte dort auch noch ausharrte als wäre dies das Selbstverständlichste der Welt!
Hee, was machen Sie da oben – fragte ich mehr verwundert als neugierig.

Ich kehre zu meinen, unseren, Wurzeln zurück – erwiderte er verachtend.

Auf einen Baum? –fragte ich jetzt doch wißbegierig

Von da wo wir einst herkommen – Unwilligkeit lag in seiner Antwort

Und dann in diesem Aufzug – der hatte doch nicht mehr alle Latten im Zaun dachte ich.

Das ist nur wegen der Erinnerung – ich wartete auf weitere Erklärungen... und richtig.

Ich nehme dies mit als Andenken an eine Zivilisation, an die Zwänge und Unfreiheiten denen wir in dieser Welt ständig unterliegen. Soll mir Warnung sein. Nie mehr dahin zurück!

Sie wollen doch nicht etwa aus dem Leben scheiden? – tatsächlich sagte ich „ aus dem Leben scheiden“ statt „Selbstmord zu begehen“. Ich war besorgt.

Kommen Sie sofort dort herunter. Ich rufe sonst die Feuerwehr und die Polizei!

Beides gleichzeitig – lachte er frech.

Seien Sie doch vernünftig, Sie werden sich erkälten – wagte ich einzuwenden.

Ach jaaa, - sagte er gedehnt – immer wenn die Menschen nicht weiter wissen rufen sie nach der Obrigkeit. Ungewöhnliches...Obrigkeit, Unangepaßtes...Obrigkeit, Ordnung...Obrigkeit,
Obrigkeit, Obrigkeit bis in den Tod...alles in Butter mit der Obrigkeit.

Sie sind wirklich schlecht drauf – wagte ich einzuwenden.

Ich klettere doch nicht auf diesen Baum, um mich einem Verhör zu unterziehen. Meine Welt sieht anders aus, die Ihre habe ich verlassen und sagen Sie bloß nicht, es
gäbe dafür keine guten Gründe.

Ihre Gründe will ich gar nicht erkunden, die gehen mich nichts an. Aber kommen Sie um Himmelswillen dort vom Baum, der gehört nämlich mir –log ich um ihn wenigstens mit einem Eigentumsanspruch zu beeindrucken

Das meine ich mit damit den Rücken dieser Zivilisation zu kehren. Niemand kümmert sich um seinen Nächsten jeder ist um sein Eigentum besorgt und ruft nach der Obrigkeit, wenn es droht verloren zu gehen.

Verletzung des Rechts ist keine Kleinigkeit – widersprach ich vehement.

Troll dich, du Blödmann – wurde er ausfällig.

Komm sofort da von dem Baum, du Wahnsinniger rief ich voller Wut.

Na gut, sagte er. Auf deine Verantwortung!
Ich stieg also mühevoll von meiner selbst gewählten hohen Warte. An meine Verantwortung brauchte wirklich niemand zu appellieren. Auch ich selbst nicht!*

*p.s. das kommt vom Sinnieren, sollte das wohl besser einstellen.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.08.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Vom Ufer aus von Hans Witteborg



Die Gedichte begleiten durch die vier Jahreszeiten und erzählen wie die Natur erwacht, blüht und welkt, wissen von reicher Ernte zu berichten. Der Spätsommer im Park, winterliche Gefilde oder Mailandschaften scheinen auf. Der Autor verwendet meist gereimte Zeilen, zeigt sich als Suchender, der neues Terrain entdecken möchte. Der Band spricht von den Zeiten der Liebe, zeigt enttäuschte Hoffnungen und die Spur der Einsamkeit. Wut und Trauer werden nicht ausgespart. Es dreht sich das Kaleidoskop der Emotionen. Der kritische Blick auf die Gesellschaft und sich selbst kommt zum Zuge. Kassandras Rufe sind zu hören. Zu guter Letzt würzt ein Kapitel Humor und Satire. So nimmt der Autor seine Zettelwirtschaft aufs Korn, ein hoffnungsloser Fall.

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