Manfred Bieschke-Behm

Die Fliege



Der 37-jährige Karl Hackett sitzt mit seinem Pflichtverteidiger rechts vom Richtertisch und erwartet sein Strafmaß. Die Nervosität beim Angeklagten ist nicht zu übersehen. Unruhig rutscht er auf seinem Stuhl hin und her. Eben hat er seine Hände noch wie zu einem Gebet gefaltet, schon spreizt er die Finger, beschaut seine Fingernägel und fängt an, an ihnen herumzupulen. So als würde er einen Fluchtweg suchen schaut er mit fahrigem Blick unruhig hin und her.
Endlich erscheint der Richter mit seinen beiden Beisitzern. Die Zuschauer im Gerichtssaal aber auch die Staatsdiener der Angeklagte erheben sich und warten auf das Signal sich wieder setzen zu dürfen.
Der Richter erhebt das Wort und fasst noch einmal die aktenkundig festgehaltenden Fakten zusammen: "Wir haben zur Kenntnis nehmen müssen, dass die Kindheit und weit darüber hinaus alles andere als solide harmonisch und unproblematisch gewesen ist. Das brutale Verhalten seines alkoholkranken, jähzornigen Vaters und die Hilflosigkeit seiner bewusst wegschauenden, schwachen und kränkelnden Mutter haben ihn nachhaltig geprägt. Massive Demütigungen und gnadenlose Schläge und Misshandlungen seines Vaters musste er über sich ergehen lassen. Dazu gehörten auch erzwungene stundenlange Aufenthalte im muffigen, dunklen Keller. Im Keller befanden sich Hunderte von Fliegen vor denen sich Karl Hackett ekelte. Nicht selten musste er sich übergeben.
Durch falsche Freunde, von denen er glaubte, dass sie ihm Hilfe und Stütze sind, geriet er auf die schiefe Bahn. Mit kleinen Gaunereien wie zum Beispiel Diebstählen und Einbrüchen hielt er sich und seine Clique über Wasser, wie der Angeklagte diese seine Lebensform beschrieb.
Die erworbenen Kenntnisse aus der abgebrochenen Grafikerlehre nutzte Karl Hackett für Fälschungen von Dokumenten, Pässen und Ausweisen ….."
 
Karl Hackett sitzt wie versteinert auf der Anklagebank. Er fühlt sich als Täter gleichzeitig als Opfer und starrt auf eine Fliege, die sich neben seinen, auf dem Tisch abgelegten Händen, niedergelassen hat. Er beobachtet, wie sich die Fliege putzt. Sein Verteidiger, der die Situation beobachtet, stößt ihn an, was so viel heißt wie, er solle sich wohl besser auf die Ausführungen des Richters konzentrieren. 
 
"… Herrn Karl Hackett  konnte nachgewiesen werden", fährt der Richter in monoton fort, "dass er die Zugkatastrophe im Bahnhof Paddington am 25.08 des vergangenen Jahres, bei der es viele Verletzte aber auch fünf Tote zu beklagen gab, schamlos zu seinem Gunsten ausnutzt hat. Er hat unter Verwendung verschiedener Namen mehrmals bei der Polizei angerufen und mitgeteilt, dass Karl Hackett einer der tödlich Verunglückten sei. Hintergrund diese Tat war der Wunsch, eine neue Identität annehmen zu wollen und damit ein neues Leben zu beginnen."
 
'Mein Leben war beschissen und bleibt beschissen', denkt Karl Hackett und haut mit der flachen Hand auf die sich immer noch flügelputzende Fliege. Anschließend hebt er die Hand und sieht zufrieden zu, wie das tote Insekt aus seiner Handfläche auf die Tischplatte fällt.
 
Der Richter, dem die Aktion nicht verborgen bleibt, geht nicht auf das unangemessene Verhalten des Angeklagten ein. Vielmehr bittet er alle Anwesenden sich von den Plätzen zu erheben, denn er will das Urteil verkünden:
"Im Namen des Volkes ergeht folgendes Urteil. Herrn Karl Hackett erhält eine Gefängnisstrafe von fünf Jahren, die zur Bewährung ausgesetzt wird. Die schwierige Kindheit im Elternhaus, das Geständnis des Angeklagten und die Tatsache, dass keine Vorstrafen vorliegen, wurden bei der Urteilsfindung strafmildernd berücksichtigt.
 
"Irgendwann muss jeder Mensch die Verantwortung für sich selbst übernehmen. Fangen Sie jetzt damit an. Überdenken Sie Ihr künftiges Handeln in den Anfängen. Werden Sie ein anständiger Mensch. Es ist noch nicht zu spät dazu."
 
Das waren die letzten Worte des Richters, die noch im Ohr klingen, als Karl Hackett längst das Gerichtsgebäude verlassen hat.
 
 

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