Michael Dauk

DOLOMITEN (1998)

Über den Großglockner

Die gesamte Nacht hindurch hatte es geregnet; unglücklicherweise hatte ich die Zelttasche so ungeschickt hingelegt, dass das Wasser von der Zeltaußenwand über die Tasche in das Zeltinnere laufen konnte. Am Morgen waren Zeltboden, Iso-Matte und Schlafsack klitschnass. Das konnte mir aber nicht die gute Laune verderben, irgendwie würde ich das Zeug schon wieder trocken bekommen.

Im Laufe des Morgens wurde das Wetter rasch besser, so dass ich bald wieder im Hemd fahren konnte. Die Luft war wunderbar klar und ließ die Bergspitzen zum Greifen nahe erscheinen. Das versprach eine herrliche Aussicht auf die Hohen Tauern am Pass Thurn.

Ich verstehe nicht, was an Kitzbühel so besonders sein soll. Es ist halt ein normaler Touristenort, nicht einmal besonders schön (St. Johann i. Tirol finde ich viel schöner!). Es gibt zwar ein recht großes Tennisstadion, etliche Golfplätze, die Streif und viel Prominenz; das jedoch macht einen Ort für mich noch nicht reizvoll.

Gleich hinter Kitzbühel begann der Aufstieg zum Pass Thurn. Es machte sich vorteilhaft bemerkbar, dass wir vor dem Pass noch keine große Strecke zurückgelegt hatten: obwohl wir noch unsere Flachland-Ritzelsätze am Fahrrad hatten, benötigten wir erheblich weniger Pausen als in den Jahren zuvor. Hinzu kam, dass wir diesmal nicht in der größten Nachmittagshitze, sondern am relativ kühlen Vormittag den Pass hinauffuhren. So erreichten wir verhältnismäßig unangestrengt die Passhöhe und hatten bei wunderbar klarem Wetter einen herrlichen Ausblick auf die Tauernkette. Es war klar zu erkennen, dass in der Nacht auf den Gipfeln Neuschnee gefallen war. Insgesamt lag jedoch weniger Schnee als im Vorjahr. Die Abfahrt nach Mittersill mussten wir etwas vorsichtig angehen, weil der rechte Straßenrand mit Löchern übersät war. Aber die Abfahrt ist ohnehin nicht so steil, dass Geschwindigkeiten weit über 50 km/h erzielt werden können. Das entspannte Rollen hatte auch den Vorteil, dass der Blick ohne Gefahr einmal auf die Tauernkette schweifen konnte, die sich in ihrer ganzen Schönheit präsentierte. Nach der Abfahrt gönnten wir uns in einem Gasthof schon wieder ein Mittagessen; nach einem Pass dürfen wir uns eine solche Belohnung erlauben.

Trotz des Gegenwindes war Bruck schnell erreicht; im Pinzgauer Salzachtal ist eben ein leichtes Radeln. Auf der Straße von Bruck nach Fusch trafen wir etliche Radrennfahrer mit Startnummern – wir begannen eine schreckliche Befürchtung zu hegen: Der Glocknerkönig findet statt! Als wir in Fusch einrollten, erhielten wir die Bestätigung: Auf dem Campingplatz war ein großes Festzelt aufgerichtet, aus dem ständig Musik klang. Als ich am Abend am Tagebuch schrieb, spielte mit erheblicher Lautstärke eine Musikkapelle (das „Duo Hoffmann“) furchtbar schlecht furchtbar schlechte Musik. Aber es half nichts, wir mussten da durch.

Morgen wollten wir einen Tag Pause einlegen, das heißt, ich wollte, Dagmar wäre dagegen gern sofort über den Glockner gefahren. Sie hatte aber bereits drei Wochen Radeln hinter sich, war eingefahren und gut in Form. Ich jedoch merkte die Anstrengungen der letzten Tage und mochte nicht das Risiko eingehen, am Glockner zu scheitern. Einmal dieses Erlebnis gehabt zu haben, reichte mir. Das Rennen um den Glocknerkönig fand erst am Sonntag statt, so dass wir am Sonnabend nach Heiligenblut fahren konnten, ohne einen Pulk besessener Radsportler im Nacken zu haben.

Während ich dieses ins Tagebuch schrieb, intonierte die Kapelle gerade „Fiesta Mexicana“ – mir rollten sich die Zehennägel zusammen. Ich machte für diesen Abend Schluss.

 

Es war nur gut, dass wir einen Tag Pause gemacht hatten: Mit dem Morgengrauen begann der Regen, und bis etwa sechzehn Uhr strömte ein regelrechter Schnürlregen vom Himmel. Trotz des Wetters sind wir jedoch nach Bruck gefahren, um einzukaufen (das Wochenende steht bevor!). In Fusch gab es zwar ein Lebensmittelgeschäft, jedoch war die Auswahl sehr begrenzt. Außerdem hatten wir gute Regenkleidung, so dass die Fahrt nach Bruck nicht zu schlimm war. Wir benötigten auch Spiritus und eine Apotheke, damit wären wir in Fusch nicht weit gekommen. Da wir erst nach dem Einkaufen frühstückten, war der Hunger recht groß; die anschließende Trägheit veranlasste uns, noch einmal in die Schlafsäcke zu kriechen. Das Wetter lud auch nicht zu Aktivitäten im Freien ein. Überraschenderweise schliefen wir bis gegen sechzehn Uhr, der Regen hatte aufgehört, und nach dem Mittagessen machten wir unsere Räder bergfertig, d.h., die größeren Ritzelsätze wurden montiert. Morgen ging es dann endlich über den Glockner.

Noch ein paar Worte zum Glocknerkönig: Es ist ein viertägiges Radsportereignis, offen für alle, sie daran teilnehmen wollen. Es stehen verschiedene Disziplinen auf dem Programm: Bergzeitfahren, Mountainbike-Rennen, Downhill-Wettbewerb, Rollerblade-Rennen und natürlich der Glocknerkönig als Abschluss und Höhepunkt der Veranstaltung. Es ist ein Rennen von Bruck hinauf zum Fuscher Törl, d.h., etwa 28 Kilometer steil bergauf. Daran nehmen auch renommierte Spitzensportler teil, die für die Strecke etwa eine Stunde und fünfzehn Minuten benötigen. Wir benötigten bisher für diese Strecke sechs bis sieben Stunden! Die Downhill-Wettbewerbe fanden übrigens am nächsten Tag am Fuscher Törl statt, leider erst ab sechzehn Uhr. Zu diesem Zeitpunkt wollten wir eigentlich schon in Heiligenblut sein. Obwohl ich es völlig unangebracht finde, mit High-Tech-Rädern über die Almen zu brettern, hätte es mich schon interessiert, die Leute 2.472 Meter Höhe zu sehen, wie sie sich waghalsig in die Tiefe stürzten.

Das „Duo Hoffmann“ trat heute nicht auf, dafür pustete uns eine vierzigköpfige Blaskapelle die Ohren durch. Ich hoffte nur, dass gegen 22 Uhr Schluss war, damit ich früh genug schlafen konnte und morgen früh richtig fit war.

 

Trotz der wirklichen anstrengenden und mit wenig Schlaf verbundenen Nacht standen wir bereits gegen halb fünf auf und nahmen ein fürstliches Frühstück zu uns. Gebratene Würstchen, Spiegelei mit Speck, diverse Brötchen mit den unterschiedlichsten Belegen, natürlich auch Nutellabrote und jeder zwei große Becher Kaffee. Schließlich hatten wir Einiges vor. Im vorigen Jahr waren wir bei dem Versuch gescheitert, die Großglockner-Hochalpenstraße zu bezwingen. So etwas nagt. Dagmar und ich waren uns vollkommen einig, dass wir es in diesem Jahr erneut versuchen wollten. Die Enttäuschung im Vorjahr lag an unserer Naivität. Im Bewusstsein, das Jahr davor ohne Vorbereitung von Imst aus das Hahntennjoch gemeistert zu haben, hatte uns euphorisch gemacht. Schließlich hatte dieser Pass teilweise Steigungen von achtzehn Prozent aufzuweisen. Dann sollten wir doch den Glockner mit durchschnittlich zwölf Prozent locker schaffen. Dachten wir. Das Hahntennjoch ist 1.894 Meter hoch, der Glocknerpass 2.505 Meter. Fusch liegt auf einer Höhe von 805 Metern, Imst auf 828 Metern. Die zu bezwingenden Höhendifferenzen betrugen also 1.066 beziehungsweise 1.701 Meter. Ein gewaltiger Unterschied, den wir überhaupt nicht beachtet hatten. Und dann wurde die Luft dort oben doch schon dünner. Wir hatten es bis auf 2.200 Meter geschafft, ehe wir aufgaben. Völlige Unterschätzung der Gegebenheiten. In diesem Jahr wollten wir es besser machen. Wir wussten, was auf uns zu kam.

 

Die ersten Kilometer verliefen noch recht flach. Als dann der Anstieg zur Bärentaltrift begann, schmerzten mir nach kurzer Zeit bereits die Beine. Die anderen Radfahrer, mit denen wir gesprochen hatten, meinten übereinstimmend, dass es besser sei, von Bruck aus zu starten, weil die Muskeln dann beim Beginn der Steilstrecken schon ausreichend warm seien. Aber das bedeutete immerhin einen weiteren Weg von immerhin sieben Kilometern, den wir mit unserem schweren Gepäck selbstverständlich einsparen wollten. Aber nach nach einigen Minuten gewöhnte ich mich an die Anstrengung und begann, flüssiger zu treten. Es machte sich ein sehr optimistisches Gefühl breit. Heute würden wir es schaffen, das wusste ich. Tief unter uns rauschte die Fuscher Ache über grobe Felsbrocken, gefallene Baumstämme lagen ineinander gewürfelt am steilen Hang. Es war hier ein Naturschutzgebiet. Was umfiel, blieb liegen. Es boten sich großartige Aussichten hinunter ins Tal mit den steilen Abhängen. Der Weg zur Mautstelle in Ferleiten fiel mir doch erheblich leichter als im letzten Jahr. Selbstverständlich mussten wir Radfahrer keine Gebühr entrichten, wohl aber am Häuschen mit dem die Gebühren empfangenden Beamten vorbei fahren. Er sah uns, eilten aus seinem Kabuff und warnte uns: „Mit dem Gepäck schafft ihr das nie! Kehrt lieber gleich um!“ Oh, nein! Jetzt erst recht! Leider erwartete uns hinter der Mautstation einer der gemeinsten Abschnitte der Glocknerstraße. Auf einer Länge von fünfhundert Metern führte die Straße schnurgerade steil bergauf. Unangenehm, sehr unangenehm. Auf halber Strecke mussten wir eine Verschnaufpause einlegen. Hoffentlich sah uns der Beamte von der Mautstelle nicht. Und weiter ging es steil bergauf. Die Glocknerstraße ist gemein: Es gibt keine Stelle, an der ein Ausruhen möglich ist. Immer nur bergauf, bergauf. Wir beide waren überhaupt nicht in der Lage, den Anstieg durchzufahren. Häufig mussten wir Verholer einlegen. Leider machten wir manches Mal den Fehler, vom Rad zu steigen und eine Zigarette zu rauchen. Beim Anfahren schmerzten dann die Oberschenkel fast unerträglich. Bei diesen Pausen aß ich Unmengen von Schokolade. Ich musste Energie nachschieben.

 

Wir hatten längst die anfänglich getragenen Jacken, Pullover und Hemden ausgezogen und fuhren nur noch im T-Shirt. Wir schwitzten wie die Schweine. Der Atem ging wie bei einer Dampflokomotive. Und was machten wir? Wir lachten! Trotz der ungeheuren Anstrengung machte es einen unbändigen Spaß. Ich war völlig überrascht, nach erstaunlich kurzer Zeit das Rasthaus Piffkar auf 1.633 Metern Höhe zu erreichen. Diesmal nahmen wir nicht das extrem schlechte Gulasch im Restaurant zu uns, sondern gönnten uns ein ausgiebiges Picknick am Hang zum tiefen Talkessel. Ich kochte uns einen Tee und schmierte diverse belegte Brote. Dazu Tomaten mit Zwiebeln, eine Orange und natürlich eine Tafel Schokolade. Der Blick hinunter in den großen Talkessel mit den vielen Wasserfällen an den Hängen war einfach grandios. Ich konnte es mir kaum vorstellen, eine Straße bis zu dieser Höhe gefahren zu sein. Ich war richtig stolz auf mich. Wir saßen über eine Stunde dort und genossen einfach nur diese großartige Landschaft. Urlaub, körperliche Betätigung und auch noch dieser Anblick. Ich fühlte mich unglaublich wohl. Ich wusste genau, jetzt würde ich die Passhöhe erreichen. Voller positivem Empfinden machten wir uns auf den weiteren Weg. Wir schafften das Obere Nassfeld und die Hexenküche, an der wir im letzten Jahr gescheitert waren, ohne große Probleme. Dass die Etappen zwischen den Erholungspausen immer kürzer wurden, verwunderte mich nicht. Es machte uns auch nichts aus. Wir hatten Zeit. Zeit ohne Ende. Was konnte uns denn passieren? Wenn wir nicht mehr konnten, ließen wir uns einfach wieder den Berg hinunter rollen. In zwanzig Minuten wären wir wieder in Fusch. Das kannten wir ja schon. Bei einer Rauchpause auf einem kleinen Parkplatz in der Hexenküche kam ein junges Paar aus der Slowakei die Straße hinauf gekeucht. Wir hatten die beiden bereits auf dem Campingplatz in Fusch kennen gelernt. Ihre Gesichter waren vom Schweiß überströmt, genau wie unsere. Sie wollten nicht über die Passhöhe. Sie hatten vor, nur zum Fuscher Törl hinauf zu fahren, um sich anschließend wieder zum Campingplatz zurück rollen zu lassen. Die junge Frau hatte Angst davor, ihr Ziel nicht zu erreichen. Wir konnten sie beruhigen. Die Erfahrung aus dem Vorjahr hatte uns gelassen gemacht. Zum Glück konnten wir ihr die Befürchtungen austreiben. Die beiden machten sich wieder auf den Weg und waren bald unseren Augen entschwunden. Wir versuchten gar nicht erst, mit ihnen Schritt zu halten. Weil sie wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurück wollten, fuhren sie nur mit leichtem Gepäck. Dagmar und ich hatten dagegen pro Rad eine Last von ungefähr fünfzig Kilogramm den Berg hinauf zu schleppen.

 

Bereits nach kurzer Zeit sahen wir die junge Frau aus der Slowakei schwer atmend am Straßenrand stehen, einen Fuß auf die Leitplanke gestützt. Sie machte einen völlig erledigten Eindruck. „Ich kann nicht mehr, ich fahre zurück. Mein Freund will noch zum Fuscher Törl. Soll er doch! Es ist doch total beknackt, einen solchen Berg hinauf fahren zu wollen!“ Sie wünschte uns dennoch viel Erfolg bei unserem Unterfangen. Ich hatte beim bisherigen Aufstieg Unmengen von Schokolade vertilgt und auch zwei große Flaschen Cola getrunken. In Piffkar hatte ich die leeren Flaschen mit Wasser aus einer Quelle wieder aufgefüllt. Auch diese waren bereits wieder leer. Und ich hatte unbändigen Durst. Hunger übrigens auch, trotz der vielen Schokolade und des reichhaltigen Picknicks. Da kam das Wilfried-Haslauer-Haus auf 2.268 Metern Höhe gerade recht. Das Gebäude beherbergt neben einer hochalpinen Forschungsstation und einer wirklich sehenswerten Ausstellung über die Flora und Fauna der Hohen Tauern auch ein kleines Selbstbedienungsrestaurant. Die Gulaschsuppe mit Bauernbrot war ein wahres Gedicht. Danach war ich in der Lage, das Fuscher Törl in Angriff zu nehmen. In vielen Kehren wand sich die Straße das Seitental oberhalb des Oberen Nassfeldes hinauf. Die Serpentinen waren glücklicherweise sehr kurz. Das nächste in Angriff genommene Ziel war also mit relativ kurzen Kämpfen zu erreichen. Ich hasse schnurgerade, lange Steilstücke wie das Anfangsstück hinter der Mautstelle Ferleiten. Dicht aufeinander folgende Serpentinen bescheren Erfolgserlebnisse in kurzen Abständen. Bei einer solch gigantischen Aufgabe eine sehr erfreuliche Begleiterscheinung. Auf der letzten Strecke zum Fuscher Törl überholte uns ein siebzigjähriger Mann. Ich weiß das, weil der Mann anhielt, uns in ein Gespräch verwickelte und dabei sein Alter verriet. Er fuhr seit sehr langer Zeit jedes Jahr zur Saisoneröffnung hinauf zum Fuscher Törl. Ich hatte noch nicht erwähnt, dass die Straße erst am heutigen Tage, also Ende Mai, geöffnet worden war. Der Mann wohnte in München und verfolgte im Mai jeden Jahres die Wetterentwicklung im Salzburger Land und natürlich auch die Nachrichten über den Zustand der Glocknerstraße. Die Öffnungszeiten dieser Panoramastraße folgten nicht einem strengen Kalendertermin, sondern den Schneeverhältnissen. Jährlich wurden soviel Schneemassen für das Freimachen der Straße entfernt, dass ein Güterzug von zweihundertfünfzig Kilometern Länge damit gefüllt werden konnte. Dagmar und ich hatten einfach Glück gehabt, dass die Straße heute frei gegeben wurde. Wir hatten uns vorher nicht informiert. Der Mann fand es bewundernswert, dass wir mit uns so viel Gepäck hier hier hinauf fuhren. Er lud uns sogar in sein Haus in München ein. Ich glaubte aber bereits zu diesem Zeitpunkt nicht, dass wir die Einladung jemals wahr nehmen würden. Bis heute ist es auch so geblieben.

 

Neben dem alten Mann trafen wir auf dem Weg zum Fuscher Törl auch auf einen Langstreckenläufer, der uns bei einer Pause in der Hexenküche passiert hatte. Er kam jetzt wieder die Straße herunter. Er sah aus wie eine Leichnam. Was muss es für eine Strapaze sein, diesen Berg hinauf zu laufen? Es sah nicht so aus, als ob er noch Freude an seiner Unternehmung hatte. Auch für mich war die Geschichte äußerst anstrengend, aber ich war immer noch voller Freude und lachte sogar, weil ich merkte, dass mein Körper diese Beanspruchung genoss. Ich hatte zwar den Eindruck, dass ich hier wirklich an meine Grenzen ging, aber es machte einfach nur Spaß. Als wir endlich das Fuscher Törl erreichten, war es einfach nur grandios und überwältigend. Wir konnten den gesamten, riesigen Talkessel überblicken und auch zum großen Teil den Verlauf der soeben bewältigten Straße einsehen. Sogar bis hinunter zum Tal von Bruck und zum Steinernen Meer ging der Blick. Ich lehnte mich an die Begrenzungsmauer und schaute hinunter. Ich konnte nicht anders, ich musste weinen. Der Anblick war einfach zu schön. Und ich war aus eigener Kraft hier hinauf gekommen. Ganz im Gegensatz zu all den vielen Motorradfahrern, die sich nach dem Abstellen der Maschinen ob der vollbrachten Leistung gegenseitig auf die Schultern klopften. Kann ich denn stolz auf ein technisches Produkt sein, das ich nicht einmal entworfen oder gebaut habe? Und ich war nicht einmal stolz auf mich, ich freute mich einfach nur unbändig über diese großartige Natur und die mich noch erwartende Herausforderung. Das Fuscher Törl liegt auf 2.428 Metern Höhe, also gar nicht so weit unter der Passhöhe. Ich glaubte nun, der restliche Weg wäre nicht mehr so schwer. Weit gefehlt! Denn es ging nun hinunter zu Fuscher Laake, einem kleinen Bergsee auf 2.261 Metern Höhe. In diesen Höhen ist ein Verlust von 131 Höhenmetern von enormer Bedeutung. Es ist einfach gemein, so kurz vor der zu erreichenden Höhe noch einmal hinunter zu müssen. Die beiden Murmeltiere, die in stiebendem Schnee den Hang hinab sausten, freuten mich dennoch. Dabei war der Verlauf der Straße nicht einmal den topographischen Zwängen, sondern einfach den Ideen der Konstrukteure geschuldet, die diese fantastische Aussicht am Fuscher Törl in ihr Projekt einbringen wollten. Eine Trassierung vom oberen Nassfeld zur Fuscher Laake wäre viel einfacher und für mich erheblich unanstrengender gewesen. Aber ich war froh über diesen Umweg, denn dort oben war es einfach unglaublich schön!

 

Es war der Eröffnungstag der Großglockner-Hochalpenstraße. Die Straße war geräumt, aber jetzt auf dem letzten Stück hinauf zum Hochtor fuhren wir durch Schneewände, die bis zu zehn Meter hoch waren! Es war ein unglaublich faszinierender Anblick. Inzwischen waren wir so erschöpft und zollten der großen Höhe einen solchen Tribut, dass wir ab der Fuscher Laake alle fünfzig Meter anhalten mussten, um Luft schöpfen zu können. Nach Passieren des Mitteltores auf 2.375 Metern Höhe verkürzte sich die Frequenz auf fünfundzwanzig Meter. Es machte uns nichts aus. Ich wusste, wir würden heute den Pass schaffen. Übrigens fuhren wir am Morgen bei strahlendem Sonnenschein in Fusch los. Und auch hier, kurz vor der Passhöhe, herrschte das schönste Kaiserwetter bei unglaublich klarer Sicht. Einen besseren Tag hätten wir uns nicht aussuchen können. Wir fuhren eben ein kurzes Stück, hielten an, erholten uns und kämpften uns ein Stück weiter. Und immer noch freute ich mich wie ein Schneekönig. Während uns der Schweiß in Strömen über das Gesicht lief, lachten wir auch noch. Vor dem Hochtor lag linker Hand ein großer Parkplatz, auf dem eine Menge Motorräder abgestellt waren. Die Biker standen dort und rauchten. Sie sahen uns die langgestreckte Kurve vor dem Parkplatz hinauf kommen. Und sie sahen auch, dass wir in kurzen Abständen Pausen machen mussten. Das Tolle geschah: Die Männer in Lederkluft feuerten uns an und applaudierten frenetisch, als wir den Eingang zum Hochtor erreichten. Als ich dann durch den kurzen Tunnel fuhr, liefen mir die Tränen über die Wangen. Ich hatte es geschafft! Im Gegensatz zum Vorjahr war ich nicht gescheitert. Ich war nicht stolz, ich freute mich einfach nur. Als ich dann die Südseite des Tunnelportals durchfuhr, bot sich mir ein Blick, der seinesgleichen suchte. Heiligenblut war zwar nicht zu sehen, wohl aber bereits die Lienzer Dolomiten. Und genau dort wollten wir am nächsten Tag hin.

 

Die anschließende Abfahrt war selbstverständlich ein Traum. Bei diesem schwingendem Rasen begegnete uns ein etwas übergewichtiger Radsportler, der sich mit seinem High-Tech-Mountainbike den Berg hinauf quälte. Er benötigte die gesamte Straßenbreite. Um die Steigung bewältigen zu können, fuhr er eben in Serpentinen auf den Serpentinen. Ich hielt mir schon zu Gute, dass ich sehr wohl versuchte, geradeaus zu fahren, aber natürlich auf Grund der geringen Geschwindigkeit ganz ordentlich ins Wackeln kam. Ich hatte es aber nicht nötig, in Schleifen die Kehren hinauf zu zu fahren. Bei der Abfahrt hatte ich natürlich keine Probleme mit dem Geradeauslauf. Im Gegenteil, selbst bei höheren Geschwindigkeiten lag mein Rad wie ein Brett auf der Straße. Wieder einmal war ich froh darüber, damals so viel Geld für das Gefährt ausgegeben zu haben. Probleme hatten wir allerdings mit einem übervorsichtigen Fahrer eines großen Wohnmobils, der mit höchstens vierzig Kilometern in der Stunde den Berg hinab schlich. Die Serpentinen folgten so dicht aufeinander, dass ein Überholen unmöglich war. Erst kurz vor der Abzweigung zur Franz-Josefs-Höhe konnte ich einige Kehren überblicken. Ich entdeckte kein Fahrzeug, das uns entgegen kam. Ich fasste mir ein Herz, trat einmal kräftig in die Pedalen und rauschte mit über sechzig Sachen an dem überraschten Fahrer des Wohnmobils vorbei. Hinter mir hörte ich den gellenden Jubelschrei von Dagmar, die es mir gleichtat. Natürlich mussten wir vor der nächsten Spitzkehre enorm an den Bremshebeln zerren, um unsere Fahrzeuge auf die notwendige langsame Geschwindigkeit zu verzögern. Unten, an der Abzweigung zur Franz-Josefs-Höhe, ging es es leider wieder bergauf. Und das tat weh, das tat verdammt weh! Es waren nur etwa einhundertfünfzig Höhenmeter, und die Steigung war auch nicht sonderlich stark. Aber nach einer entspannten Abfahrt ohne Belastung der Beinmuskulatur brannten die Oberschenkel bereits nach wenigen Metern des Bergauffahrens wie Feuer.

 

Doch wie fast immer in den Bergen erwartete mich nach der Anstrengung die Belohnung: Kurz vor Erreichen des Kaserecks bot sich uns ein uneingeschränkter Blick auf den höchsten Berg Österreichs, den 3.798 Meter hohen Großglockner. Auch den vorgelagerten Kleinglockner erblickten wir, für einen Berg von immerhin fast 3.800 Metern Höhe eine etwas despektierliche Bezeichnung. Und am Kasereck selbst, einem Almrestaurant in exponierter Lage hatten wir eine grandiose Aussicht auf die beeindruckende Glocknerwelt. Als wir auf die Gaststube zurollten, stand der Wirt zufällig vor der Tür. Er fragte uns, ob wir tatsächlich mit diesem Gepäck über den Pass gefahren wären. Als wir es freudestrahlend bejahten, lud er uns spontan zu einer Spezialität seines Hauses ein, zu Kärntner Kasnudeln. Kasnudeln? Konnte ich da nein sagen? Kasnudeln – das erinnerte mich an die Allgäuer Kässpatzen, die ich in Kempten stets förmlich in mich hinein geschaufelt hatte, und die anschließend wie eine Kanonenkugel im Magen lagen. Ich erwartete Nudeln also in irgend einer Form mit Käse kombiniert. Auch hier war es so, nur wurde als Käse Quark genommen. Ich und Quark! Der Genuss brachte mich jedes Mal zum Erbrechen. Als uns der Wirt das Gericht servierte, sagte er uns, dass er besonders frischen Topfen genommen hätte. Den Ausdruck kannte ich, eben das österreichische Wort für Quark. Sofort war ich äußerst skeptisch. Aber probieren wollte ich auf jeden Fall. Und es war unglaublich lecker! Es handelte sich um eine Art Riesentortellini mit einer Füllung zu gleichen Teilen aus geriebenen Kartoffeln und Quark mit einigen Gewürzen und Knoblauch. Dazu reichte uns der Wirt einfach gebräunte Butter. Ein Gericht wie ein Gedicht! Der Wirt freute sich so sehr über das anschließende Lob, dass er uns verbot, den anschließenden Kaffee zu bezahlen. So viel zu der negativen Einstellung der Österreicher zu den Piefkes.

 

Die anschließende Abfahrt hinunter nach Heiligenblut gestaltete sich nicht so spektakulär, wie ich es erwartet hatte. Lange Geraden beherrschten den Charakter der Straße. Erst ab der Mautstelle war der Kurs abwechslungsreicher und interessanter. Linker Hand bot sich ein weiter Ausblick hinunter ins Mölltal. Heiligenblut kannte ich bereits aus dem Vorjahr, hatte aber nicht viel gesehen, weil ich auf Grund des katastrophalen Wetters nur schnell in mein Zelt kriechen wollte. Jetzt, bei strahlendem Sonnenschein, bot sich uns der kleine Ort in seiner ganzen Pracht dar. Schon von der Ferne erblickte ich die gotische Wallfahrtskirche St. Vinzenz mit ihrem schlanken Turm auf einem Bergvorsprung. Im Dorfzentrum, am beschaulichen Marktplatz, kehrten wir zunächst in ein Restaurant ein, um auf der Terrasse einen Doppelspänner zu genießen. Diese Österreichischen Kaffeespezialitäten sind zwar schweineteuer, aber auch entsprechend lecker. Ein Einspänner ist ein im Henkelglas servierter Kaffee mit Schlagobers, also mit Schlagsahne. Der Name stammt daher, dass früher die Kutscher dieses Getränk in einer Hand und die Zügel in der anderen Hand halten konnten. Und ein Doppelspänner ist nicht mengenmäßig gemeint, sondern er ist halt doppelt so stark. Und sooo schmackhaft!

 

Der Rest der Fahrt war einfach: Wir ließen uns einfach zum Campingplatz hinunter rollen, der etwas unterhalb und abseits des Glocknerdorfes lag. Das hatte den Vorteil, dass wir einen Blick auf den Großglockner hatten, den Heiligenblut selbst nicht bieten konnte. Wir hatten zwar die Riesentortellini noch im Magen, merkten aber, dass der Anstieg auf der anderen Seite gewaltig viel Kraft gekostet hatte. Wir hatten bereits wieder Hunger. Dem Campingplatz war ein kleines Restaurant angeschlossen, in dem es einfache, bodenständige Kost gab. Also genau das Richtige für mich. Es war ein Schweinsbraten mit Knödel und Kraut angesagt. Sag´ mir keiner, dass die Österreichische Küche schlecht sei! Danach hatte ich nicht einmal die Energie, das Tagebuch zu führen. Ich wickelte mich in meinen Schlafsack und schlief sofort ein.

 

Wer kennt Osttirol?

Hatte ich gestern zu wenig gegessen? Ich glaubte nicht. Aber welchen Hunger hatte ich denn morgens beim Aufwachen? Wieder merkte ich, welche Anstrengungen wir gestern hinter uns hatten. Die Lebensmittelvorräte waren leider recht karg. Deshalb raffte ich mich auf, nach Heiligenblut hinauf zu fahren, um Eier, Speck und Würstchen zu kaufen. Zu meinem Glück hatte bereits ein Supermarkt geöffnet. Nach dem Frühstück, dass sich sehr lange hinzog, weil wir einfach den Blick auf den Großglockner genießen wollten, machten wir uns auf den Weg nach Lienz, zu den Dolomiten. Nach der gestrigen Tortur war diese Fahrt nach Winklern zunächst die pure Entspannung. In weich geschwungenen Kurven führte die Straße bergab vorbei an beschaulichen Bergdörfern, wunderbar anzusehenden Almen und teilweise wildromantischen Schluchten. In der Mitte der Strecke überholte uns ein Skoda mit Slowakischem Kennzeichen. Es erfolgte ein wildes Hupen, und der Wagen hielt mit quietschendem Reifen am Straßenrand. Es sprang das junge Paar aus der Slowakei heraus, das uns gestern beim Anstieg überholt hatte. Die Frau rannte auf uns zu, fragte bereits längst, bevor sie uns erreicht hatte, ob wir es geschafft hätten. Als wir nickten, sprang sie geradezu auf Dagmar zu und umarmte sie ekstatisch. Mir gab sie einen Kuss auf die Wange. Ich fand es einfach nur schön, dass sich Menschen so für uns freuten. Natürlich war auch die Erinnerung an den Wirt des Kaserecks präsent.

 

Manchmal dachten Dagmar und ich, was wohl wäre, wenn wir keinen Campingplatz erreichen würden. Dann müssten wir wohl einen Gasthof aufsuchen. Denn wild Zelten wollten wir auf keinen Fall. Wir wollten aber nicht so viel Geld ausgeben. Wir sahen auf der Fahrt nach Winklern viele Fähnchen an den Gasthäusern und Hotels hängen, die Zimmer zu erstaunlich niedrigen Preisen anboten. Ein Doppelzimmer für fünfundzwanzig D-Mark war keine Seltenheit. Wir machten uns keine Sorgen mehr.

 

In Winklern machten wir Station an einem kleinen Imbiss. Das Frühstück war zwar sehr reichhaltig gewesen, aber wie gewohnt verspürte ich schon wieder Hunger. Da waren ein Paar Käsekrainer gerade recht. Ich liebe diese mit Käse gefüllten geräucherten Würstchen. Während des Essens gesellte sich ein Radfahrer aus Bern zu uns, der in umgekehrter Richtung über den Glockner wollte. Er fragte uns besorgt, ob die Straße denn überhaupt offen wäre. Wir konnten ihn beruhigen. Er wollte noch heute über den Pass fahren. Es war bereits gegen dreizehn Uhr, und wir rieten ihm dringend davon ab. Auch er würde mit recht leichtem Gepäck – er hatte viel weniger bei sich als wir – viel zu lange brauchen, um den Gipfel zu erreichen. Die Straße würde dann eigentlich schon längst geschlossen sein. Es konnte einen Radfahrer wohl nicht kratzen, denn er musste ja keine Gebühren entrichten, aber einen Straßendienst gab es dann nicht mehr, und bei einem Notfall wäre nicht schnell jemand zur Stelle. Er wollte unseren Rat annehmen und auf dem Campingplatz in Heiligenblut übernachten. Auch er hatte keinerlei Zeitprobleme, genau wie wir. Wir hatten allerdings andre Probleme. Um nach Lienz zu gelangen, mussten wir über den Iselsbergpass fahren. Winklern lag auf ungefähr 900 Meter Metern Höhe, der Pass lag 1.209 Meter hoch. Eigentlich keine große Sache. Schließlich hatte ich gestern um die 1.700 Höhenmeter bewältigt. Diese dreihundert Meter mussten doch ein Klacks sein! Nein, es war kein Klacks. Die Erschöpfung von gestern machte sich extrem bemerkbar. Und dann war der Pass so langweilig! Er bestand aus zwei sehr langen Geraden mit nur einer Spitzkehre. Die durchschnittliche Steigung betrug auch nur acht Prozent. Zum Glück stand am Rande der Spitzkehre ein wunderschönes, großes Holzhaus im Alpenstil. Es war ein Genuss, langsam an dem Gebäude vorbei zu fahren und diese tolle Bauweise bewundern zu können. Auf einer gedeckten Terrasse saß eine Familie und verzehrte das Mittagsmahl. Ich weiß nicht nicht, ob sich die Leute mehr über das Essen oder ihr tolles Haus freuten.

 

Das Schöneste am Iselsbergpass war der Parkplatz auf der Passhöhe. Von dort hatten hatten wir einen unglaublichen Blick auf die Lienzer Dolomiten. Sie beeindruckten nicht durch imposante Höhen, sondern durch sehr schroffe Felsformationen. Die Bergwelt wirkte bizarr und unirdisch. Ich war das erste Mal in den Dolomiten und war fasziniert von der wilden Schönheit der Landschaft. War der Aufstieg zum Pass noch eintönig (bis auf das erwähnte Haus), gestaltete sich die Abfahrt wunderbar. Immer einen Blick auf die bizarren Kalksteinformationen gerichtet, rauschten wir in vielen Serpentinen hinunter ins Tal. Der Blick auf die Stadt Lienz war toll. Ganz so toll war dann das Fahren in der Stadt selbst nicht mehr. Es fand an diesem Wochenende ein Amateur-Radrennen statt. Zwar war die Hauptstraße durch einen Grünstreifen getrennt, aber wir erwischten genau die Zieleinkunft der Hobbyfahrer. Die Autos hielten auf der Fahrspur unvermittelt an, ohne auf den laufenden Verkehr zu achten. So manches Mal musste ich heftig an den Bremshebeln ziehen, um nicht auf einen abrupt stoppenden Wagen aufzufahren. Das Geschehen auf der anderen Straßenseite war aber auch wirklich interessant: die Freizeitfahrer kämpften wie die Berserker um jede Positionsverbesserung. Es wurde gestoßen, geschubst und gedrängelt, dass es eine wahre Freude war. Selbst um die Positionen fünfzig und sechzig wurde gekämpft, als ob es um das Leben ginge. Ich fand es aber toll, dass sich die Leute für ihr Hobby derartig anstrengten. Der Campingplatz von Lienz lag etwas außerhalb der Stadt und wirkte wie eine Viehweide. Lediglich die grandiose Aussicht entschädigte für den trostlosen Platz.

 

Am nächsten Tag wollte ich unbedingt in die „richtigen“ Dolomiten, nach Cortina d´Ampezzo und zu den Drei Zinnen. Dagmar wollte das auch, machte aber den Vorschlag, zunächst durch Osttirol zu fahren und den Staller Sattel zu bezwingen. Eine sehr verlockende Alternative. Natürlich stimmte ich zu. Wir hatten doch so viel Zeit. Wir brachen auf und benutzten die Straße entlang des Iseltals zum Felbertauerntunnel. Natürlich wollten wir dort nicht durch, wir hätten es auch nicht gedurft. Der Tunnel war für Radfahrer nicht zugelassen. Wir fuhren deshalb auf der Straße, weil der ausgeschilderte Radweg, den wir zunächst benutzt hatten, geradezu absurde Umwege beschieb. Allerdings wies er eine stattliche Holzbrücke über die Isel auf, die wir ausgiebig bewunderten Eine kleine Unstimmigkeit gab es, als wir Richtung Matrei fuhren und ich auf der linken Seite einen Gasthof entdeckte, der bereits geöffnet hatte. Ich wollte unbedingt ein zweites Frühstück haben, trotz der wieder ausgeuferten Mahlzeit am Morgen vor dem Zelt. Dagmar hatte die Befürchtung, St. Jakob im Defereggen dann nicht mehr zeitlich zu schaffen. Ich hatte in dieser Beziehung überhaupt keine Bedenken. Ich fühlte mich wieder so gut und fit, dass ich glaubte, Berge versetzen zu können. Also kehrten wir ein. Als ich dann wieder einmal Spiegeleier mit Speck und Würstchen bestellte, konnte Dagmar auch nicht widerstehen und bestellte das gleiche.

Frisch gestärkt machten wir uns auf den weiteren Weg bergwärts. Es ging nicht stark bergauf, die Steigung betrug lediglich zwei bis drei Prozent. Ich konnte demgemäß auf dem mittleren Kettenblatt fahren. Wegen der überraschend hohen Geschwindigkeit erreichten wir schnell den kleinen Ort Huben, das Tor zum Defereggental. Wir bogen von der Hauptstraße ab und mussten tatsächlich das erste Mal an diesem Tag den kleinsten Gang benutzen. Aber nur für kurze Zeit, dann verflachte der Anstieg wieder. Das Defereggental ist äußerst dünn besiedelt, daher sahen wir für lange Zeit nur Natur. Ein Grund für die verhältnismäßig geringe Bevölkerungsdichte war die Ausweisung der Protestanten Ende des siebzehnten Jahrhunderts durch den Salzburger Erzbischof. Die reformierten Gläubigen waren nämlich inzwischen zu einer bedeutenden Macht geworden. Warum die ausgewiesene Bevölkerung ihre Kinder zurück lassen musste, entzieht sich meiner Kenntnis. Belegt ist allerdings, dass die Ausgewiesenen teilweise zurückkehrten und ihre Kinder entführten. Eine bewundernswerte Leistung, waren die Leute doch größtenteils in das heutige Bayern und Baden-Württemberg umgesiedelt.

 

In St. Jakob im Defereggen wollte Dagmar unbedingt Station machen. Ich wollte eigentlich weiter, noch heute über den Staller Sattel und in das Antholzer Tal. Schließlich zeigten die Zeiger der Kirchturmuhr erst den frühen Nachmittag an. Und der Pass wies eine durchschnittliche Steigung von zehn Prozent auf bei einer Höhendifferenz von St. Jakob aus von gerade einmal sechshundert Metern. Dagmar hatte die Befürchtung, nicht rechtzeitig zur Schließung der Straße auf der Passhöhe zu sein. Wir wussten zwar, dass der Staller Sattel nur tagsüber zu befahren war, nicht aber die exakten Öffnungszeiten. Ich fügte mich. Nun gab es in der Umgebung von St. Jakob jedoch keinen Campingplatz. Wir suchten uns also einen Gasthof und nahmen ein Zimmer. Der Gasthof „Edelweiß“ im Ortszentrum kam uns da gerade recht. Glücklicherweise hatten wir in diesem Jahr eine gut gefüllte Reisekasse. Der Zimmerpreis von achtzig D-Mark pro Person tat uns also nicht wirklich weh. Weil ich jetzt den Nachmittag noch zur Verfügung hatte, nutzte ich die Gelegenheit und suchte einen Waschsalon. Obwohl der Ort einschließlich der umliegenden Gemeinden, hier Rotten genannt, nicht einmal eintausend Einwohner hatte, gab es doch eine solche, gut ausgestattete Einrichtung. Es war auch bitter nötig. Wir hatten bereits über drei Wochen schweißtreibende Fahrt hinter uns, und entsprechend war der Zustand meiner mitgeführten Klamotten. Es war eine wahre Labsal, am Abend mit frisch gewaschener Kleidung im Speiseraum des Gasthofes zu sitzen und das Essen zu genießen. Es war wirklich ein Genuss. Das Essen. Ich bestellte mir eine original Tiroler Brettljause. Wie üblich konnte sich Dagmar nicht entscheiden und nahm das gleiche Gericht. Zu herzhaftem Bauernbrot gab es Schinkenspeck, Käse und Zwiebeln aus der Region. Die Butter war aus eigener Herstellung. Die Wirtin kredenzte uns das Essen mit den Worten „Das esst ihr niemals auf“ und stellte uns zwei riesige Holzbretter mit den Spezialitäten auf den Tisch. Hatte die eine Ahnung, wie viele Kalorien wir so am Tag verbrannten! Nicht ein einziges Krümelchen verblieb auf dem dem Brett. Als die Wirtin uns dann noch einen Nachschlag servieren wollte, lehnten wir entschieden ab. Ein abschließender Kaffee, und ab ging es ins Bett.

 

Leider gab es das Frühstück erst ab sieben Uhr, eine für Dagmar und mich fast nicht akzeptable Zeit. Wir waren es gewohnt, uns vom Vogelgesang wecken zu lassen und auch gleich aus den Schlafsäcken zu kriechen. Die späte Zeit wurde jedoch ausreichend wettgemacht durch ein ausladendes Frühstücksbuffet. Die Auswahl war so reichlich, dass ich mit Sicherheit an diesem Morgen nicht ein Gasthaus für ein zweites Frühstück benötigen werden würde. Wir fuhren weiter die Defreggentaler Landesstraße hinauf, mit immer noch nur leichter Steigung. Wir passierten einen Ort mit dem putzigen Ort Rinderschinken, in dem es dann selbstverständlich ein Gasthaus mit dem entsprechenden Angebot gab. Dagmar schaute mich nur warnend an. Nein, ich war noch satt. Das enge Defereggental verläuft fast genau in Ost-West-Richtung und weist recht steile Hänge auf. Durch den einseitigen Sonneneinfall war die Vegetation höchst unterschiedlich. Auf der Nordseite sah ich bunte Almwiesen und Laubwälder, während auf der Südseite die dunklen Tannenwälder bis an den Talgrund reichten. Das relativ entspannte Radeln hatte ein Ende, als wir Erlsbach erreichten. Hier verließen wir das Defereggental und nahmen die eigentliche Passstraße in Angriff. Jetzt wurde es wirklich anstrengend. Aber anstrengend in einem Maße, das keinen Vergleich zu den Strapazen am Großglockner aushielt. Bis zur Passhöhe benötigten wir lediglich eine Pause. In langgezogenen Serpentinen, die ich eigentlich in dieser Form hasste, konnten wir durchgehend bergauf fahren. Dichter Nadelwald begleitete uns. Wegen der langen Abschnitte konnte ich gut in die tief eingeschnittenen Täler blicken, an deren Hängen wir uns empor schraubten. Der Autoverkehr hielt sich in sehr engen Grenzen. Wir konnten also recht entspannt die Fahrt genießen. Wir verließen erst den Wald, als wir die Staller Alm erreichten. Ab hier wurde die Straße wieder flacher. Danach war der Aufstieg zum Staller Sattel wirklich ein Kinderspiel. Weil die Serpentinen so sanft waren, hatten wir Zeit, die zurückliegenden Berggipfel zu betrachten. Sogar ein Steinadlerpaar (wenn es denn eines war) konnte ich beobachten, das sich langsam in die Höhe schraubte. Vor dem tiefblauen Himmel und den grauen Bergspitzen ein majestätischer Anblick. Vor der eigentlichen Passhöhe durchquerten wir ein Hochtal, das durch einen wunderbaren Gebirgsbach, den Staller Almbach bestach. Wie wunderbar – er mäanderte! Und es herrschte ein Licht, das an die schönsten Gemälde der Französischen Impressionisten erinnerte. Die Wiesen waren wirklich tief grün, der azurblaue Himmel spiegelte sich im glitzernden Wasser. Rechter Hand duckten sich die niedrigen Gebäude der Staller Alm in die Senken. Um diese Alm rankt sich eine etwas merkwürdige Sage: Über eine lange Zeit gab es einen Sommer- und einen Wintersenn. Normalerweise werden die Almen nicht im Winter bewirtschaftet. In einem Jahr soll aber dem das Vieh hinunter treibende Senn auf halbem Weg eingefallen sein, dass er die Tür zu den Stallungen wohl nicht geschlossen habe. Er ließ also seine Helfer das Vieh ins Tal treiben und machte sich auf den Rückweg zur Alm. Dort waren die Stallungen inzwischen von schwarzem Hornvieh in Besitz genommen worden. Also blieb er im Winter dort und versorgte die Tiere. Im Frühjahr gaben sich er und der herauf gekommene Sommersenn die Klinke in die Hand. Warum diese Praxis dann beendet wurde, habe ich vergessen.

 

Die eine Pause, die wir vor dem Pass machten, war eher eine Zwangspause. Dagmar bekam plötzlich starke Magenkrämpfe und konnte nicht weiter fahren. Wir kletterten den Abhang zum Staller Bach hinunter, und Dagmar legte sich auf einem weichen Rasenstück erst einmal auf den Rücken. Es dauerte eine Viertelstunde, ehe sie sich erheben konnte. Dieser Platz in fast zweitausend Metern Höhe war ein Geschenk: Ein sprudelnder, spritzender Gebirgsbach blau und silbern glänzend, tiefgrüne Wiesen und Weiden, blühende Büsche am Ufer, ein azurblauer Himmel über uns und dazu das grandiose Bergpanorama der Dreitausender rings um uns herum – ich glaubte zu träumen. Bei Dagmar hatte ich den Eindruck, dass sie einfach zu wenig gegessen hatte. Ich zwang ihr geradezu einen Marsriegel auf. Sie verzehrte ihn unter Qualen und konnte dann tatsächlich weiter fahren. Es war erstaunlich: bereits nach kurzer Zeit verspürte sie überhaupt keine Beschwerden mehr. Der Rest bis zur Passhöhe war dann ein Klacks. Ich genoss das entspannte Fahren am Obersee entlang. Oben erwartete uns eine unangenehme Überraschung: Die Straße durfte nur in einer Richtung befahren werden. Alle halbe Stunde wechselte die Erlaubnis, die Strecke anzugehen. In dem Moment, als wir an der Ampel vorbei fuhren, wechselte das Licht von Grün auf Rot. Der Zollposten bot uns zusätzlich energisch Halt. Wir argumentierten, dass wir die im Antholzer Tal liegende Ampel ohnehin nicht in dreißig Minuten erreichen würden und deshalb auf jeden Fall in den Gegenverkehr geraten würden. Als Belohnung durften wir als einzige der Grenzgänger unsere Reisepässe vorweisen. Wir stellten und also in die erste Reihe und warteten auf die Freigabe. Endlich durften wir nach unten rollen. Diese Passstraße auf Italienischer Seite war eine wahre Wucht. In sehr engen Serpentinen fuhren wir durch einen dichten Lärchenwald. Immer konnten wir einen Blick auf den tief unter uns liegenden Antholzer See genießen. Auch er glänzte tiefblau in der Sonne. Wie wir erwartet hatten, kamen uns die ersten Fahrzeuge bereits vor Erreichen der unteren Ampel entgegen. Wir verzögerten unsere rasende Fahrt und hielten uns strikt am rechten Straßenrand, um nicht mit den Autos zu kollidieren. Erstaunlicherweise wurden wir nicht ein einziges Mal angehupt.

 

Erste Erfahrungen in Südtirol

Nach Passieren der Schranke war es nur noch ein kurzes Stück zum Antholzer See. Und dort erwartete uns ein Gasthaus mit einem großen Garten. Keine Frage, hier mussten wir Halt machen. Wir setzten uns unter eine schattige Kastanie und schauten in die Speisekarte. Tja, wir waren im deutschsprachigen Südtirol: sogar Schweinsbraten mit Kraut und Knödeln, natürlich Tiroler Speckknödeln, war im Angebot. Wir bestellten es bei der unablässig lachenden Wirtin und bekamen wahre Riesenportionen vorgesetzt. Auch hier putzen wir die Teller ratzekahl leer. Beim Bezahlen fragte ich die Wirtin nach dem Grund ihres permanenten Lachens. Sie freute sich einfach, dass so junge Leute wie wir nicht zu den üblichen Partyorten flogen, sondern sich die Natur aus eigener Kraft zu Eigen machten. Sie schmeichelte – schließlich war ich schon Mitte vierzig. Ihr gingen auch die vielen Autofahrer auf die Nerven, die vor dem Garten vorbei fuhren. Und die Italienischen Polizeiposten, die an der unteren Schranke des Staller Sattels, wenn sie denn schlechte Laune hatten, die Radfahrer die Passstraße nicht passieren ließen, weil sie bei der Fahrt bergauf mindestens zwei Mal in den Gegenverkehr geraten würden. Wenn die Radler tatsächlich ins Defereggental wollten, mussten sie entweder den Bus nehmen, wenn er denn Radfahrer mitnahm, was keineswegs immer gewährleistet war, oder den weiten Umweg hinunter nach Rasen und durch das Pustertal in in Kauf nehmen. Wohlgemerkt – der Staller Sattel war auch von Italien aus nicht für Radfahrer gesperrt. Das Machtgehabe der Staatsdiener führte zu diesen Unannehmlichkeiten.

 

Auch wir wollten jetzt in das Pustertal, allerdings freiwillig. Nun begann ein Schwingen und Gleiten! Die Straße führte in weiten Bögen von einer Talseite zur anderen. Das Gefälle war mäßig, und wir mussten durchaus in die Pedale treten, um voran zu kommen. Aber wie leicht fiel uns das! Ein kräftiger Rückenwind unterstützte uns noch dabei. Der traumhaft am Waldrand gelegene Campingplatz Antholz bei Dorfl ließ Dagmar stoppen. Sie wollte hier Station machen. Es war kurz nach Mittag, und ich wollte unbedingt weiter diese Fahrt genießen. Murrend fügte sie sich, hatte dann aber doch Freude an diesem entspannten Radeln. Wie überall in Südtirol waren die Ortsschilder zweisprachig, hier im Antholzer Tal zuerst deutsch, dann italienisch. Die Gaststätten und Hotels waren allerdings ausschließlich in deutscher Sprache bezeichnet. Und dieses Antholzer Tal war von einer unglaublichen Schönheit. Es ragten ja nicht nur die über dreitausend Meter hohen Berge rechts und links auf. Ich liebe Mittelgebirgslandschaften, Norddeutsche Tiefebenen und Norwegische Fjorde. Das Antholzer Tal hatte alles, bis auf das Meer. Es gab das flache Tal, die begrünten Hänge und darüber die Bergfelsen. Ich musste mich wirklich zusammen reißen, auf die Straße zu achten. Zu meinem Glück herrschte äußerst spärlicher Verkehr auf der Fahrbahn. So konnte ich wirklich diese fantastische Landschaft der Dolomiten genießen. Unten, am Ende des Tals, bei Rasen, hatten wir einen wunderbaren Blick auf den vor uns liegenden Kronplatz, einem berühmten Wintersportgebiet Südtirols. Wunderbar war allerdings nur der Blick. Das Plateau des Kronplatzes selbst war von Liftanlagen und Hotelkomplexen verschandelt. Ein wahres Verbrechen an der Natur.

 

Nun versuchten wir, in Rasen zu übernachten. Es gab einen etwas außerhalb gelegenen Campingplatz, der mit allem Komfort ausgestattet sein sollte. Er war es tatsächlich, sogar ein Swimmingpool fehlte nicht. Leider war er zur Gänze parzelliert, und die einzelnen Stellplätze waren von mehrere Meter hohen, dicht gewachsenen Hecken eingefasst. Die Aussicht war gleich null. Hier gefiel es uns beiden nicht. Also weiter. In der Nähe von Bruneck sollte es einen weiteren Campingplatz geben. Also radelten wir das Pustertal hinunter, immer den Kronplatz im Blick. Kurz vor Bruneck wandelte sich die Straße zur reinen Auto-Schnellstraße, und wir mussten auf eine schmale Nebenstraße, die in einen dichten Wald führte, ausweichen. In diesem Wald lag ein kleiner Campingplatz. Das Gelände gehörte dem örtlichen Schützenverein und war eigentlich den Mitgliedern vorbehalten. Als die Betreiber erkannten, dass wir aus Deutschland kamen und mit dem Rad aus Hamburg angereist waren, luden sie uns ein, unentgeltlich dort zu übernachten. Nicht nur das, sie luden uns in dem winzigen Restaurant auch noch zum Abendessen ein. Es kamen Surfleisch und Sauerkraut auf den Tisch. Welch ein Gedicht von einem Gericht! Surfleisch ist Schweinefleisch, das für einige Tage in eine spezielle Gewürzmarinade eingelegt wird und dann eben meist zu Sauerkraut gereicht wird. Das Kraut wird hier in Südtirol mit Wacholderbeeren und Lorbeer gewürzt und erhält dadurch ein ganz individuelles Aroma. Wie viele Kalorien wir auf unserer Fahrt verbrannten, war daran zu erkennen, dass wir sogar den nach der reichhaltigen Portion angebotenen warmen Apfelstrudel nicht verschmähten. Danach waren aber wirklich zum Platzen voll. Wir suchten uns am Rande des Geländes einen herrlichen Platz mit einer tollen Sicht über Bruneck.

 

Am nächsten Tag wollten wir aber wirklich nach Cortina d´Ampezzo. Aber durften wir denn Bruneck einfach links liegen lassen? Nein. Wir standen früh auf, frühstückten und ließen uns die kurvenreiche Straße hinab in die Altstadt rollen. Wir hatten Glück: Die Fußgängerzone war bereits belebt, und sogar ein Straßencafé hatte schon geöffnet. Ein doppelter Espresso von sensationeller Qualität weckte auch die letzten Lebensgeister. Die Stadtgasse, in der wir saßen, bestach durch die vielen Arkaden und Lauben. Fast war es schwer zu glauben, dass wir uns in der Neuzeit befanden, so sehr dominierte das mittelalterliche Stadtbild. Wir hatten noch einen weiten Weg vor uns und blieben nicht so lange sitzen, wie wir es gern getan hätten. Bei der Auffahrt zur Pustertalstraße hatten wir einen prächtigen Blick auf das das Ortsbild beherrschende Schloss aus dem dreizehnten Jahrhundert. Eigentlich war es schade, dass wir den Hauptort des Pustertales nicht länger genießen konnten. Aber es gab ja noch ein nächstes Jahr. Bester Laune fuhren wir nach Osten, passierten den Kronplatz und machten uns auf den Anstieg nach Toblach. Na, es war nicht wirklich ein Anstieg, es war ein eher entspanntes Radeln mit einer sehr leichten Steigung. Heute benutzten wir nicht die Straße, sondern den Radweg, der nur an einigen engen Stellen gemeinsam mit dem Autoverkehr läuft. Zu meinem Glück war eine dieser Engen am Lago di Valdaora oder auch Olanger Stausee. Der See dient zur Energiegewinnung der Stadt Bruneck. Am Rande des Sees lag ein kleiner Parkplatz mit einem Imbissstand. Es waren Meraner Wüste im Angebot! Die mochte ich nun noch lieber als die geliebten Schinkenwürstchen von Salzbrenner. Zwei Stück mussten es schon sein.

 

Es war nicht sonderlich weit bis Toblach. Dort mussten wir nach Süden abzweigen. Mir gefiel der Ort gut. Schließlich hatte hier einer meiner Lieblingskomponisten, nämlich Gustav Mahler, hier während dreier Jahre seinen Sommerurlaub verbracht und auch viel komponiert. Es gab sogar ein Gedenkhaus für ihn. Aber ich höre lieber die Musik statt die Wohnorte der Komponisten zu besichtigen. In Toblach gab es noch einen mächtigen Bunker des ehemaligen Alpenwalles, den interessanter Weise ausgerechnet Benito Mussolini als Schutz gegen das Deutsche Reich errichten ließ. Auch im Höhlensteintal selbst waren noch viele Reste alter Befestigungen, die teilweise noch aus dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts stammten. Der Blick von Toblach aus in das Tal war beeindruckend. An der Engstelle der Schlucht berührten die gegenüberliegenden Felshänge beinahe einander. Auch bei der weiteren Fahrt das Höhlensteintal hinauf waren ständig mit militärischen Erinnerungsstücken konfrontiert. Wir fuhren nämlich parallel zur ehemaligen Dolomitenbahn, die ursprünglich während des Ersten Weltkriegs nur den Kriegszielen diente. Sie war eine reine Heeresbahn, die den Nachschub der österreichischen Truppen und auf der anderen Seite den der italienischen Armee transportieren sollte. Erst Anfang der zwanziger Jahre des Zwanzigsten Jahrhunderts wurde sie in eine rein zivile Bahn umgewandelt. Die ehemalige Bahntrasse wurde gerade in einen Radfernweg umgewandelt. Die bisher fertig gestellten Abschnitte ließen jedoch kein reines Fahrvergnügen vermuten. Zu sehr glich die Fahrbahn einer groben Schotterpiste. Wir benutzten durchgängig die Straße, weil nur sehr geringer Autoverkehr herrschte. Wir fuhren am Toblacher See vorbei, ließen den Soldatenfriedhof Nasswand unbeachtet liegen und überquerten den Dürrener See. Für den Bau der Straße und die Dolomitenbahn wurde seiner Zeit ein Damm durch den See aufgeschüttet, weil die Ufer wegen der steilen Hänge zu schmal für solche Bauwerke waren. Hier machte sich bei mir das erste Mal das wirkliche Dolomitengefühl breit.

 

Cortina d'Ampezzo und die Drei Zinnen

Vor Schluderbach lag linker Hand ein Parkplatz mit Sitzgruppen. Von dort hatten wir einen ungehinderten Blick auf die Drei Zinnen. Die Nordflanken verbargen sich leider im Dunkel, weil die Sonne gerade ihren südlichsten Punkt erreicht hatte. Morgen wollten wir zur gleichen Zeit auf der Nordseite sein und den Anblick der angestrahlten Felswände genießen. Jetzt galt es aber zunächst, den Anstieg zur Passhöhe zu schaffen. Er fiel leicht, betrug die durchschnittliche Steigung doch nur fünf Prozent. Ungefähr einen Kilometer vor der kleinen Ortschaft Cimabanche, die in 1.530 Metern Höhe auf dem Scheitelpunkt liegt, passierten wir die Grenze nach Venetien, das zwar ebenfalls zwei Amtssprachen aufweist, jedoch nicht Italienisch und Deutsch, sondern Italienisch und Ladinisch. Deshalb war der deutsche Name des Dörfchens, das nur aus einigen wenigen Häusern bestand, auch nicht auf dem Ortsschild verzeichnet, sondern der Ladinische Name. In Toblach hatte uns ein anderer Radfahrer erzählt, dass dieser Ort im Deutschen „Im Gemärk“ hieß. Wegen der Beliebtheit der Strecke bei den Radfahrern gab es in Cimabanche sogar ein kleines Restaurant. Diese Beliebtheit kannten wir nur von Hörensagen, denn wir trafen nicht einen einzigen anderen Radler. Wir verspürten zwar bereits wieder Hunger, wollten aber erst in Cortina d´Ampezzo essen gehen. Der Rest des Weges zum ehemaligen Olympiaort war ein Kinderspiel, schließlich ging es nur noch bergab. Bevor wir auf den Campingplatz rollten, suchten wir in der Fußgängerzone ein Restaurant auf. Wir taten es mit voller Absicht. Wenn die Wirtsleute unsere schwer bepackten Räder sahen, wurden sie gerade hier in Südtirol äußerst zuvorkommend. Aber wir waren ja gar nicht mehr in Südtirol, wir waren in Venetien. Die Verständigung würde sich also etwas schwieriger gestalten. Dachte ich. Auf der Terrasse einer Osteria bestellte ich in meinem rudimentären Italienisch Scallopine sowie eine Minestrone als Vorsuppe und fragte gleichzeitig nach dem nächsten Lebensmittelladen. Vorher entschuldigte ich mich bei der bildhübschen Kellnerin für meine schlechten Kenntnisse der Landessprache. Nachdem ich mein Anliegen los war, sagte die Kellnerin in fließendem Deutsch zu mir: “Du sprichst ja besser Italienisch als ich!“ Kein Wunder - sie war Neapolitanerin. Das Essen war übrigens von erlesener Qualität. Besonders die Minestrone war sensationell. Ich glaubte, auf noch nicht geerntetes Gemüse zu beißen, so frisch und perfekt gegart waren die Zutaten. Weil mir das Essen so gut schmeckte, gönnte ich mir noch eine abschließende Zabaione.

 

Nun mussten wir nur noch einkaufen und den Rest des Tages auf dem wunderschönen Campingplatz auf der anderen Seite der Boite genießen. Wir hatten von unserem Platz einen sagenhaften Blick auf den Monte Cristallo, den Hausberg des Olympiaortes. Wir hatten uns reichlich mit Lebensmitteln eingedeckt und unter anderem auch ein Paket Meraner Würstchen gekauft. Trotz des nahrhaften Essens brieten wir uns ein halbes Dutzend und verzehrten diese Köstlichkeit im Schein der untergehenden Sonne. Auch auf dem Campingplatz wurden wir mit ausnehmender Freundlichkeit begrüßt. Es lag wohl daran, dass wir uns von den Wohnmobiltouristen erheblich unterschieden, die wahrscheinlich erheblich mehr Geld unter die Leute brachten als wir. Aber wir machten höchstwahrscheinlich den Eindruck, wirklich wegen der Natur, wegen der unglaublichen Landschaft hier zu sein und sie tatsächlich und wirklich zu genießen.

 

Jetzt aber wirklich die Drei Zinnen! Wie viel hatte ich schon über dieses einzigartige Naturmonument gelesen und gehört. Und mit welcher Faszination hatte ich die Fotografien betrachtet, die die drei Gipfel zeigten! Heute würde ich sie endlich selbst einmal sehen. Nach dem ausschweifenden Frühstück, selbstverständlich mit der anderen Hälfte der Meraner Würstchen, mit Rührei und Speck und abschließenden Nutellaschnitten, machten wir uns an den beschwerlichen Aufstieg zu den Drei Zinnen. Wir verließen den Ort in nordöstlicher Richtung und stiegen in weiten Schleifen bei einer Steigung von durchschnittlich zehn Prozent den Berg empor. Wir fuhren durch dichtes Waldgebiet, das nur selten den Ausblick auf die unter uns liegenden Täler gestattete. Ich fühlte mich derartig gut in Form, dass ich die ersten fünf Kilometer ohne eine einzige Verschnaufpause hinter mich brachte. Schließlich rief Dagmar hinter mir „Willst du ewig so weiter fahren?“ Nicht, dass sie eine Erholungsrast benötigte, nein sie wollte einfach nur eine Zigarette rauchen. Nun, auch mir kam es recht. Wir stellten unsere Räder auf einem kleinen Parkplatz ab, drehten uns die Stäbchen - und schauten auf eine Baustelle. Unter uns entstand die Talstation einer neuen Bergbahn. Musste das denn sein? Die Alpen waren doch bereits gepflastert von diesen Liften! Zum Glück sind die Dolomiten noch nicht derartig voll gebaut wie viele Regionen der anderen Alpennationen. Wenn ich an Albertville denke, wird mir einfach nur schlecht.

 

Nach der Pause war der Aufstieg zunächst leichter. Die Straße führte in langen Geraden sanft den Berg hinauf. Die Bäume standen hier lichter. Wir konnten weit voraus blicken. Die Drei Zinnen waren noch nicht zu erkennen, ein Bergrücken lag noch dazwischen. An einer Straßengabelung folgten wir dem Hinweisschild „Tres Croces“. Auf einer Informationstafel wurde eine Steigung von dreizehn Prozent angekündigt. Am Straßenrand parkte ein VW Golf aus Gera. Ein älterer Mann stieg aus und kam auf uns zu. „Seid ihr wahnsinnig? Das sind doch über zehn Prozent!“ Wir ließen uns nicht abschrecken. Schließlich hatten wir die Glocknerstraße gepackt, da konnten die Drei Zinnen doch kein Problem sein. So war es dann auch. In relativ zügiger Fahrt erreichten wir in vielen Kurven unser Ziel, den Lago di Misurina. Im gleichnamigen Ort am Westufer des Sees nahmen wir auf einer Restaurantterrasse Platz und genossen die Aussicht. Vor uns erstreckte sich der tiefblaue See, die Oberfläche vom leichten Wind nur wenig gekräuselt. Dahinter zog sich ein grauer Felshang hoch. Am Fuße der Drei Zinnen sah ich das Rifugio Auronzo, die Schutzhütte für die Wanderer. Und darüber die drei mächtigen Türme, schroff und zerklüftet. Zwischen den Gipfeln wehten Wolkenfetzen unter einem ansonsten makellos blauen Himmel. Was hatten wir nur ein Glück mit dem Wetter! Hätte ich bei dieser klaren Sicht die Drei Zinnen nicht vor den eigenen Augen gehabt, hätte ich geglaubt, eine gefälschte Postkarte vor mir zu haben. Gestern sahen wir noch die dunkle Seite der Massive, heute erstrahlten sie, beleuchtet von der Sonne, in voller Pracht.

 

Das Restaurant pries als Spezialität Pizzen in den verschiedensten Variationen an. Ich wollte eigentlich keine Pizza essen, dafür hatte ich in Italien zu viel schlechte Erfahrungen damit gemacht. Die Kellnerin plädierte jedoch mit einer solchen Leidenschaft dafür, dass ich mich erweichen ließ und und eine Pizza di Lago di Misurina bestellte. Sie hieß tatsächlich so. Den Grund dafür konnte ich nicht erkennen. Sie war belegt mit verschiedenen Käsesorten, einer Pfefferwurst und grünen Bohnen. Eine ungewöhnliche Zusammenstellung, aber köstlich. Die vorherige Bestellung gestaltete sich wegen der Sprachschwierigkeiten etwas schwierig. Die Speisekarte war zwar zweisprachig, aber eben in italienisch und ladinisch. Die Kellnerin bemühte sich sehr, und so konnten wir mit Hilfe vieler Gesten unsere Order korrekt aufgeben.

 

Ich glaubte nun, mich sofort in eine aufregende Abfahrt stürzen zu können. Weit gefehlt - wir mussten zunächst ein weites Hochtal durchfahren. Es bot sich uns die Gelegenheit, dieses Naturwunder noch einmal zu betrachten. Die Drei Zinnen zeigten sich, als wollten sie mit ihrer Schönheit angeben. Aber dann ging es wirklich steil hinunter. In rasender Fahrt durcheilten wir den wieder dichter werdenden Wald, überquerten die Grenze nach Südtirol und kamen erst bei der Straßengabelung zum Stehen, an der wir bei der Hinfahrt rechts abgebogen waren. Auf dem nicht weit entfernten Parkplatz genossen wir noch einmal den Anblick der Drei Zinnen, diesmal wieder die Schattenseite. In bester Laune freuten wir uns über das wilde Höhlensteintal, passierten den idyllischen Dürrener See und waren nach kurzer Zeit wieder in Toblach.

 

Südtirol von einer anderen Seite

In Toblach mussten wir eine Entscheidung treffen: Nach Osten oder nach Westen? In Cortina d´Ampezzo hatte ich den Vorschlag gemacht, über das Sellajoch und das Grödner Joch nach Westen zu fahren, um dann über Bozen und das Vinschgau nach Prad zu gelangen und von dort über das Stilfser Joch zu fahren. Dagmar hatte sich dagegen ausgesprochen, weil diese Tour ihr zu anstrengend erschien. Jetzt jedoch, hier in Toblach, hatte ich eigentlich wieder zurück über den Glockner fahren wollen. Dagmar aber hatte Blut geleckt. Sie wollte jetzt doch über das Stilfser Joch. Also das gesamte Pustertal bis nach Brixen hindurch, dann nach Süden und durch das berühmte Obstanbaugebiet Südtirols zu einem der höchsten Alpenpässe. Zunächst mussten wir jedoch einen Platz für die Nacht finden. Wir rollten die Via Gustav Mahler entlang und verließen die kleine Stadt. Nach wenigen Kilometern fanden wir das Olympia Intercamp Toblach, einen ausgedehnten Campingplatz mit sehr gehobener Ausstattung. Wir wollten nicht mehr weiter fahren und meldeten uns an. Wie groß war die Enttäuschung, als wir in Kenntnis gesetzt wurden, dass es keine Zeltwiese, sondern nur Stellplätze zum Einheitspreis gab. Und dieser Preis betrug stattliche einundvierzig D-Mark pro Nacht! Eigentlich eine Frechheit. Aber wir fügten uns, wir wollten entspannt den Rest des Tages genießen. Unser Argument, das wir die bei jedem Stellplatz vorhandenen Strom- und Fernsehanschlüsse doch überhaupt nicht benötigten, fruchtete nichts. Das Gelände war erstaunlich schwach belegt. Lag es vielleicht an den exorbitanten Preisen? Wir waren die einzigen Gäste mit Zelt. Alle anderen Camper waren mit Wohnwagen oder Wohnmobilen da. Wir suchten uns eine schöne Stelle mit Blick auf die Südhänge aus und futterten uns mit belegten Broten die Seele aus dem Leib.

 

Wir standen am anderen Morgen früh auf, weil wir möglichst weit kommen wollten. Wir fuhren zunächst auf einer Straße mit dem putzigen Namen „Frau-Emma-Straße“, im Italienischen „Via Frau Emma“. Weil der Verkehr erstaunlich dicht war, wechselten wir auf den Radweg, der abseits der Straße neben dem Fluss entlang führte. Diesmal nahmen wir die unsinnigen Umwege in Kauf. Bis Bruneck kannten wir die Strecke nun schon. Langeweile kam allerdings niemals auf, zu schön war der Anblick der Dolomiten, der Landschaft. In Bruneck war es mit der Herrlichkeit dann vorbei. Wir suchten zunächst einen riesigen Supermarkt auf, um unsere bereits wieder reichlich dezimierten Lebensmittelvorräte aufzufüllen. Als wir das Gebäude wieder verließen, erwartete uns eine Überraschung: Der Himmel hatte sich zwischenzeitlich bezogen, und es fing an, zu regnen. Einen Radweg gab es jetzt auch nicht mehr. Wir mussten auf der Straße fahren. Der Verkehr war nun mörderisch geworden. Die vielen Lastwagen hatten den Asphalt am Straßenrand zu hohen Buckeln aufgeworfen. Wir konnten deshalb nicht ganz an der Seite fahren und mussten ein Stück auf die Fahrbahn ausweichen. Dort hatte der Regen große Pfützen entstehen lassen, in denen sich teilweise tückische Schlaglöcher verbargen. Die italienischen Lastwagenfahrer kannten überhaupt keine Rücksicht. Im Zentimeterabstand sausten die Kolosse an uns vorbei, und nicht selten uns auch noch anhupend. Es war lebensgefährlich. Bereits in Bruneck hatten wir unsere Regenkleidung übergestreift. Es war bitter nötig. Wir bekamen das Wasser nicht nur von oben, sondern auch massiv von der Seite. Von den Autoreifen spritzten wahre Wasserfontänen auf uns ein, wenn die Autofahrer völlig schmerzfrei durch die großen Pfützen bretterten. Wegen der miserablen Wetterbedingungen und der erforderlichen Konzentration auf die Straße bekamen wir von den geschichtsträchtigen Orten des westlichen Pustertals überhaupt nichts mit. So radelten wir ohne einen Blick nach rechts und links durch Kiens, der mutmaßlichen Geburtsstätte des mittelalterlichen Minnesängers Oswald von Wolkenstein – der mit dem herabhängenden rechten Augenlid. Wir hatten kein Auge für die Mühlbacher Klause, der ebenfalls mittelalterlichen Festungsanlage. Hier wurde der Wegezoll für die bereits damals bedeutende Verkehrsverbindung durch das Pustertal erhoben. St. Lorenzen, eine ehemals wohlhabende römische Siedlung, deren Steinhäuser sogar mit Fußbodenheizung und Bädern ausgestattet waren. Dort, in St. Lorenzen, hörte der Regen endlich auf. Die Rienz weitete sich fast zu einem Strom. Weitläufige Industrieanlagen beherrschten das Bild des Ufers. Das Tal war hier jetzt weiter und flacher. Es war ausreichend Platz für eine vierspurige Straßenführung. Wir wurden nun nicht mehr so sehr von den Lastwagen bedrängt.

 

Wir schlugen nun nicht direkt den Weg nach Süden ein, sondern machten einen Umweg die Brennerstraße hinauf zur Franzensfeste. Diese Wehranlage sollte den Brennerübergang im neunzehnten Jahrhundert sichern, wurde jedoch nie fertig gestellt. Wir machten jedoch den Umweg nicht aus militärischem Interesse, sondern weil wir die belebte Hauptstraße meiden wollten. In der Nähe war ein großer Campingplatz, den wir eigentlich nutzen wollten. Er war jedoch völlig verlassen und hatte den Charme einer geräumten Kleingartensiedlung. Deshalb fuhren wir weiter das Tal der Eisack hinunter. Wir durchquerten eine Industrielandschaft. Mit der tatsächlichen Wahl des Campingplatzes kamen wir vom Regen in die Traufe. In Vahrn konnten wir uns auf der Rückseite eines großen Hotelkomplexes aufstellen, mit einer fantastischen Aussicht auf Hochhäuser, Lagerhallen und Werksanlagen. Die große Stellfläche war leicht geneigt. Wir stellten uns auf eine erhöhte Stelle in Erwartung der Regengüsse auf Grund des dunklen Himmels. Die Voraussicht zahlte sich aus. Kaum hatten wir die Zelte aufgebaut und unsere Sachen verstaut, begann eine wahre Sintflut vom Himmel zu fallen. In Sturzbächen schoss das Wasser vom oberen Ende des Platzes nach unten. Ein junges Paar aus Dänemark hatte wohl nicht unsere Erfahrung: Sie hatten sich an die tiefste Stelle einer Senke gestellt und wurden fast fortgespült. In aller Hast rafften sie ihre nassen Sachen zusammen und zerrten ihr Zelt auf einen höher gelegenen Platz. Sympathisch an ihnen war, dass sie dabei nicht ihre gute Laune verloren und sogar bei der Aktion lachten.

 

Zunächst war der weitere Weg die Eisack hinunter wenig erfreulich. Brixen kann auf eine Besiedlung zurückblicken, die bereits vor über zweitausendfünfhundert Jahren begann. Die Stadt ließ jedoch jegliches Flair vermissen. Wir kämpften uns durch dichten Autoverkehr, husteten in übel riechenden Abgaswolken und standen mehr im Stau, als wir fuhren. Schon in früheren Zeiten machte Brixen auf die Reisenden keinen guten Eindruck. Stellvertretend ist das ein Zitat Heinrich Heines angeführt, der auf seiner Italienreise auch durch Brixen kam: Brixen war die zweite größere Stadt Tirols, wo ich einkehrte. Sie liegt in einem Tal, und als ich ankam, war sie mit Dampf und Abendschatten übergossen. Dämmernde Stille, melancholisches Glockengebimmel, die Schafe trippelten nach ihren Ställen, die Menschen nach den Kirchen; überall beklemmender Geruch von häßlichen Heiligenbildern und getrocknetem Heu.“ Der nächste Ort war Klausen, wo noch das alte Kehrviadukt der Grödnerbahn stand. Diese neunzehnhundertsechzig stillgelegte Eisenbahntrasse wurde genau wie die Dolomitenbahn im Ersten Weltkrieg von italienischer Seite als Heeresbahn gebaut und erst später zivilen Zwecken zugeführt. Immer noch war das Tal recht breit und hauptsächlich von Industrie beherrscht. Erst hinter Waldbruck wurde das Tal wieder enger und romantischer. Weil der Verkehr hauptsächlich auf der parallel verlaufenden Autobahn statt fand, war das Fahren auf der alten Brennerstraße relativ entspannt und weit weniger gefährlich als auf der Straße im Pustertal. Nachdem wir mehrfach die Autobahn unterquert hatten, entdeckten wir an der steilen Dorfstraße von Blumau einen winzigen Lebensmittelladen. Uns stand der Sinn nach Getränken und Schokolade. Unbedarft wie wir waren, brachten wir unsere Wünsche auf Deutsch vor. Schließlich waren wir in Südtirol. Ein Schwall unverständlicher, eindeutig unfreundlicher italienischer Wortfetzen war die Antwort. Die Ladeninhaberin, eine magere, abgehärmte Frau in den Vierzigern, begegnete uns mit offener Feindseligkeit. Sie mochte wohl keine Deutschen. Sie muss es hier schwer gehabt haben, schließlich sind in diesem Teil Südtirols weit über neunzig Prozent der Bevölkerung Deutschsprachig. Wir hatten nicht den Eindruck, dass wir uns hier selbst bedienen konnten und zeigten auf die Sachen, die wir kaufen wollten. Mürrisch reichte sie uns das Gewünschte und weigerte sich, das Rückgeld heraus zu geben. Soviel konnte ich ihrem Redefluss entnehmen: Angeblich hatte sie nicht genug Kleingeld in der Kasse. Entweder wir hatten die Summe passend oder mussten eben auf die Herausgabe des überschüssigen Betrages verzichten. Schulterzuckend verzichteten wir und verließen den Laden

 

Die vierzig Kilometer bis Bozen waren in relativ kurzer Zeit zurück gelegt. Schließlich führte die Straße ausschließlich bergab. Hoch über der Eisack rollten wir an der östlichen Bergflanke nach Bozen hinein. Bereits das Weichbild der größten Stadt Südtirols gab uns einen Eindruck vom Charakter der Stadt. Eine nicht ganz faire Behauptung, schließlich folgten wir den Hinweisschildern für Autofahrer in Richtung Vinschgau und wurden selbstverständlich nicht durch die Altstadt geführt. Wir durften dichten Verkehr und große Gewerbegebiete bestaunen. Es war schade, aber wir wollten heute noch unbedingt bis in die Nähe von Meran, um dann morgen nach Prad am Fuße des Stilfser Jochs zu gelangen. Bozen sollte eine bemerkenswerte Altstadt aufweisen, geprägt von Lauben, Arkaden und Erkern, ähnlich wie der Stadtkern von Bruneck. Übrigens hätte sich die Kaufmannsfrau aus Blumau hier wohl erheblich wohler gefühlt. In Bozen betrug der italienischsprachige Bevölkerungsanteil immerhin siebzig Prozent. Es dauerte lange, ehe wir die Ausfallstraße nach Meran erreichten. Wir folgten nicht dem Lauf der Etsch – dort verlief die autobahnähnliche Schnellstraße MeBo von Meran nach Bozen. Wir fuhren auf der Staatsstraße an der nordöstlichen Bergflanke entlang und hatte so einen guten Blick auf das weite Tal der Etsch. Herrschte bei Bozen noch der Weinanbau vor, übernahmen jetzt Apfelplantagen ihre Stellung, je näher wir Meran kamen. Ein Blick auf die Karte zeigte uns bei einer Pause am Rande des Meraner Talkessels, dass es den nächsten Campingplatz erst weit hinter Meran im Vinschgau gab. So viele Kilometer wollten wir heute eigentlich nicht mehr abspulen. Wir fragten einen Tankwart, der uns die erfreuliche Auskunft gab, dass es im Zentrum von Lana, ganz in der Nähe, eine Campingmöglichkeit im Garten des Schlosshotels gäbe. Also verließen wir in Burgstall die Staatsstraße und fuhren in das Städtchen hinein. Wir erreichten schnell das Schlosshotel und fanden einen idyllischen Obstgarten vor, der uns einen imposanten Blick auf die westlich gelegene Bergkette bog, die sich bis zur Ortlergruppe hinzog. Den Ortler selbst konnten wir noch nicht sehen. Während der Fahrt durch das Etschtal hatte es wieder zu regnen begonnen. Als ich bei der Rezeption des Hotels eine entsprechende Bemerkung über das miese Wetter machte, erwiderte die junge Frau hinter dem Tresen, dass wir in höchstens einer Stunde wieder wolkenlosen Himmel bestaunen dürften. Ich schaute sie nur ungläubig an. Kaum hatten wir unsere Zelte aufgebaut und die dampfenden Kaffeebecher in den Händen, lösten sich die Wolken wie von Zauberhand auf, und die Sonne strahlte von einem azurblauen Himmel. Das Abendessen mit Schnittchen und Spiegeleiern mit Speck konnte wir also im Freien einnehmen.

 

Die Staatsstraße nach Meran sah uns am nächsten Morgen nicht wieder. Auf Wirtschaftswegen näherten wir uns der Südwestecke Merans. Wir wollten nicht in die Stadt hinein, sondern ohne Umwege zum Vinschgau weiter fahren. Am Rand des Stadtgebietes konnten wir aber doch einen Blick auf schöne Alleen, hochherrschaftliche Villen und weitläufige Gartengrundstücke mit aufwändig geschmiedeten Zäunen genießen. So bekamen wir doch noch einen kleinen Eindruck vom Charme dieser zweitgrößten Stadt Tirols. Hier war der deutschsprachige Anteil der Bevölkerung wieder höher als in Bozen. Besonders die Zwangsumsiedlung dort ließ den italienischen Sprachanteil in die Höhe schnellen. Bozen hatte nach dem Ersten Weltkrieg gerade einmal dreißigtausend Einwohner. Im Laufe der Dreißigerjahre sprang die Einwohnerzahl teilweise auf über einhundertzwanzigtausend. Während der Autonomiebestrebungen nach dem Zweiten Weltkrieg pendelte sie sich bei hunderttausend ein. Hinter dem Vorort Forst stiegen wir allmählich am Hang in die Höhe und hatten einen tollen Blick zurück auf Meran. Wir mussten empor, weil die Etsch sich durch einen Bergrücken ihren Weg gegraben hatte und die Schlucht so eng ausgewaschen hatte, dass für eine Straße kein Platz mehr war. Die Route führte also über einen kleinen Sattel hinüber. Als wir die Höhe erreichten, hatten wir einen weiten Blick nach vorn das gesamte Vinschgau entlang. Etwa in der Mitte des Tales zog sich ein Höhenrücken quer von einer Seite zur anderen. Nur auf der südlichen Seite gab es einen schluchtartigen Durchlass, den sich die Etsch gegraben hatte. Wir überlegten, den Radweg auf der anderen Talseite zu nehmen, beschlossen aber, doch auf der Straße zu fahren. Der Radweg versprach wieder verschlungene Umwege, und wir wollten heute möglichst noch nach Prad am Stilfser Joch gelangen. Der Verkehr war sehr gering, auch deshalb benutzten wir die Straße. Gleich am Anfang des Vinschgaus hielt ein Autofahrer an, stieg aus und baute sich vor uns auf. In übelster Manier beschimpfte er uns, warum wir nicht den Radweg benutzten. Wir erwiderten kein Wort, stiegen auf unsere Räder und fuhren einfach weiter. Der Mann überholte uns nach kurzer Zeit und konnte es nicht unterlassen, uns beim Vorüberfahren noch einige unflätige Wörter an den Kopf zu werfen. Es beeindruckte uns nicht. Auch die Landschaft war nicht so beeindruckend, wie wir es erwartet hatten. Das Vinschgau war ein einziges Obstanbaugebiet, also so faszinierend wie das Alte Land bei Hamburg. Nein, stimmt nicht: Die imposanten Berge fehlen in Hamburg. Die Obstbaumreihen standen hier viel dichter als in Norddeutschland, entsprechend waren die Trecker gebaut. Sie hatten sehr eng zusammen stehende Räder, um durch die schmalen Gassen zwischen den Spalieren hindurch zu kommen. Zu der Zeit, als wir dort waren, wurde sehr viel von diesen Maschinen gespritzt. Ich weiß nicht ob es nur Wasser war, denn die jährliche Niederschlagsmenge ist zwar im Vinschgau höchst gering, aber es gibt ausgedehnte und ausgeklügelte Bewässerungssysteme im Tal, die eine zusätzliche Beregnung eigentlich überflüssig machen.

 

Wir fuhren Stunden durch eintönige Apfelplantagen. Sie standen ja nicht einmal in Blüte, was für eine Belebung des Anblicks gesorgt hätte. Und dieser Höhenzug hinter Schlanders, der das Tal geradezu entzweischnitt, sorgte für eine unerwartete Anstrengung. Ich hatte erwartet, dass die Straße dem Verlauf der Etsch folgt und ebenfalls durch die schmale Schlucht führt. Oh, nein, sie nahm einen steilen Weg den Hang hinauf. Es war nicht sonderlich erschöpfend, aber überraschend. Auf der Höhe gab es eine kleine, weiß getünchte Kapelle, von deren Treppenstufen wir den gesamten Weg überblicken konnten, den wir bisher zurück gelegt hatten. Zunächst ging es nur noch bergab. Leider immer noch durch Apfelplantagen, grün und eintönig. Wenn die Berge nicht gewesen wären, hätte ich mich wirklich im Alten Land gewähnt. So allmählich bekamen wir Hunger. In Laas, noch etwa zwanzig Kilometer von Prad entfernt, entdeckten wir ein kleines Restaurant mit einer verglasten Terrasse direkt über der Etsch. Das war unser Ort. Wir bestellten eine Typische Südtiroler Spezialität, Jägerschnitzel mit Pommes und Salat. Es schmeckte einfach furchtbar. Und warum das anschließende Tiramisu derartig köstlich war, konnte ich mir nicht erklären, wenn das Hauptgericht so schlimm war. Egal, wir genossen es. Jetzt wollten wir aber wirklich nicht mehr auf der Hauptstraße fahren, sondern eine Abkürzung über asphaltierte Wirtschaftswege nehmen. Es war wieder eine Fahrt durch endlose Apfelbaumreihen. Ich hatte allerdings meine Zweifel, ob wir wirklich weniger Kilometer benötigten, denn so verschlungen war die Route. Wir waren für unsere Verhältnisse spät aufgestanden, weil wir heute das Stilfser Joch noch nicht in Angriff nehmen wollten. Wir wollten uns noch ein wenig Erholung gönnen, bevor wir versuchten, den zweithöchsten asphaltierten Gebirgspass der Alpen zu bezwingen. Der Col d´Iseran in Frankreich ist allerdings lediglich dreizehn Meter höher. Am frühen Nachmittag erreichten wir Prad und fanden einen schlechten Stellplatz auf dem dortigen Campingplatz neben dem Schwimmbad. Wir mussten uns auf eine schmale Stelle zwischen Sanitärgebäude und Zaun quetschen. Es war uns völlig egal. Wir freuten uns einfach nur auf die morgige Anstrengung. Zum Abendessen stopften wir uns wieder etliche Schnitten in uns hinein, bevor wir im Ort noch in einem Eiscafé riesige Eichbecher hinunter schlangen. Wir trafen im Campingplatzcafé noch ein junges Paar aus Norwegen, das ebenfalls mit dem Rad unterwegs war und die wir bereits in St. Johann in Tirol getroffen hatten. Sie waren über das Inntal und den Reschenpass nach Prad gelangt. Sie wollten im Gegensatz zu uns nicht über den Pass, sondern weiter nach Südtirol und zum Gardasee. Wir wussten, dass sich morgen unsere Wege wieder trennen würden. Es herrschte jedoch eine so freundschaftliche Atmosphäre zwischen uns, dass wir sogar so manches Bier miteinander tranken. In Südtirol selbstverständlich Hofer-Pils, trinkbar, aber nicht überragend im Geschmack. An den Wänden des Restaurants hingen Fotografien der Passstraße, die geradezu furchterregend waren. Die Strecke von der Franzenshöhe in etwa zweitausend Metern Höhe wand sich Kehre um Kehre empor. Dort wollten wir hinauf? Es schien uns eine noch größere Herausforderung zu sein als das Bezwingen der Großglockner-Hochalpenstraße.

 

OnThe Top

Die Bierorgie vom Vortag rächte sich: Wir standen erst gegen zehn Uhr dreißig auf. Ehe wir vom Platz rollten, war es bereits halb zwölf. Deshalb beschlossen wir, nicht den gesamten Pass zu fahren, sondern in Trafoi in eintausendsechshundert Metern Höhe Station zu machen. Bis auf einige Serpentinen war der Weg dort hin recht leicht, schließlich lag Prad bereits auf einer Meereshöhe von eintausend Metern. Trafoi, dieser kleine Ort mit gerade einmal achtzig Einwohnern lag an einem Bergvorsprung mit einer fantastischen Sicht auf ein Gebäude am gegenüber liegenden Berghang. Zunächst war die Strecke leicht zu bewältigen. Immer dicht am Bergfluss entlang fuhren wir gemächlich in die Höhe. Von der eigentlichen Passstraße war noch nichts zu sehen. Die begann wirklich erst in Trafoi. Nur einmal gab es zwei Spitzkehren mit gemauerten Rampen. Es wurde zwar allmählich immer steiler, aber immer noch nicht sonderlich anstrengend. Der Wald wurde in der Höhe immer dichter. Unten im Tal begleitete uns niedriges Buschwerk am Ufer des Flusses. Nachdem wir Trafoi erreicht hatten, machten wir uns zunächst auf die Suche nach dem Campingplatz. Er lag einige hundert Meter hinter dem Ort auf einem Felsplateau, wirklich mit der versprochenen, fantastischen Aussicht. Am gegenüber liegenden Berghang klebte ein Gebäude im Fels, von dem ich mir nicht erklären konnte, wie das Baumaterial dort hin gekommen sein konnte. Es kam eigentlich nur ein Hubschrauber in Frage. Aber wie sollte dann dieses Haus genutzt werden können? Es gab mit Sicherheit eine Möglichkeit, sonst stände es nicht dort. Dieser Platz war einer der schönsten Campingplätze, die ich je gesehen hatte. Er hatte nur einen entscheidenden Fehler: Er war noch geschlossen! Er sollte erst in zwei Wochen geöffnet werden. Wir überlegten kurz, uns dennoch auf den Platz zu stellen. Wir mussten dann eben auf Duschen und Toiletten verzichten. Wir nahmen schnell davon Abstand, weil das Tor mit einer Kette und einem eindrucksvollen Vorhängeschloss gesichert war. Und über den Zaun wollten wir nicht klettern. Was nun? Hinauf auf den Pass? Nein, wir würden ihn vielleicht sogar noch im Hellen erreichen können, aber dort oben gab es selbstverständlich keinen Campingplatz, nur Hotels. Die nächste Übernachtungsmöglichkeit gab es erst hinter Bormio. Dann hätten wir aber die Abfahrt in stockdunkler Nacht vornehmen müssen. Das kam überhaupt nicht in Frage. Also ließen wir uns wieder nach Prad hinunter rollen. Die Platzverwalterin fragte uns vorwurfsvoll, warum wir denn nicht gesagt hätten, dass wir nur bis Trafoi wollten. Dann hätte sie uns nämlich informiert, dass der Platz dort noch geschlossen war. Es machte uns nichts aus. Wir hatten doch Zeit. Offensichtlich hatte das Paar aus Norwegen auch Zeit. Sie waren nämlich auch noch dort. Sie wollten uns erneut zum Biertrinken überreden. Vergeblich. Morgen wollten wir wirklich das Stilfser Joch erreichen.

 

Gegen sechs Uhr rollten wir durch das Tor. Wir wussten, dass wir heute unseren Höhenrekord erreichen würden. Zweitausendsiebenhundertundsiebenundfünfzig Meter! Und das Wetter meinte es gut mit uns, meinte es sehr gut mit uns. Wolkenloser Himmel, strahlende Sonne, eine äußerst klare Sicht und angenehme Temperaturen. Es war nicht warm. Wir wussten jedoch, dass wir noch reichlich ins Schwitzen kommen würden. Den Weg nach Trafoi kannten wir jetzt schon. Er war dadurch nicht weniger interessant. Doch hinter dem Campingplatz ging es wirklich ans Eingemachte: Mit einer durchschnittlichen Steigung von vierzehn Prozent ging es in engen Windungen durch dichten Wald bergauf. In den Spitzkehren, in Rechtskurven war es noch viel steiler. Ich war immer froh, wenn eine Linkskurve kam, weil ich dann am äußeren Rand den längeren Weg fahren konnte und in den Genuss eines der wenigen kurzen Flachstücks kam. Ich sah sehr wenig von der Umgebung, weil die Bäume so dicht standen, dass sie die Sicht versperrten. Erst etliche hundert Meter vor der Franzenshöhe, einem Hotel und Restaurant in 2.188 Metern Höhe, wurde der Blick wieder frei: Wir hatten die Baumgrenze erreicht. Ich schrieb über die furchterregenden Fotografien im Campingplatzrestaurant. Die Wirklichkeit war viel schlimmer. In endloser Folge reihte sich eine Serpentine an die nächste. Und ganz oben, ganz weit weg, sah ich die Gebäude der Passhöhe, winzig und unerreichbar fern. Aber wir wollten unbedingt dort hinauf! Da kam das Restaurant Franzenshöhe gerade recht. Auf der Terrasse, mit Blick auf den Angst einflößenden Pass genossen wir wirklich exzellente Spaghetti Carbonara. Dann fühlten wir uns ausreichend gestärkt, das Vorhaben anzugehen. Diese Passstraße, wahrscheinlich schon in der Eisenzeit genutzt, wurde in der jetzigen Straßenführung bereits in den dreißiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts angelegt. Natürlich wurde die Fahrbahn inzwischen weiter ausgebaut und asphaltiert. Diese achtundvierzig (!) Kehren zwischen Prad und dem Scheitelpunkt bestehen also seit über einhundertsiebzig Jahren. Die Kehren sind übrigens nummeriert. Selbstverständlich wussten wir um diese Anzahl. Wir konnten jederzeit erkennen, wie viele Serpentinen wir uns noch vor uns hatten. Je nach der Höhe der Zahl verursachten sie Entsetzen oder Hoffnung. Die Straße über das Stilfser Joch war nicht mautpflichtig. Im entsprechenden Zustand war die Fahrbahn, waren die Brüstungsmauern in erbärmlichen Beschaffenheit. Riesige Schlaglöcher musste ich aufmerksam umfahren. Bei unserer geringen Geschwindigkeit von vier Kilometern in der Stunde war dieses nun wirklich kein Problem. Der Blick hinunter in das Tal war einfach beeindruckend. Offensichtlich aber auch Schrecken einjagend. Uns kam ein ein Motorradfahrer entgegen, die Augen vor Entsetzen geweitet und starr auf den Abgrund gerichtet, der sich vor ihm auf tat. Er fuhr auch nicht, er trat mit den Beinen wie beim Gebrauch einer Draisine. Ich merkte: Er hatte einfach nur Angst. Wenn ich auf einer solchen Donnermaschine säße und dann das erste Mal eine solche Straße hinunter fahren müsste, hätte ich auch Angst.

 

Sagte ich eben, ich musste die Schlaglöcher aufmerksam umfahren? Nein, es war auf dieser Straße kein Fahren, es war ein Kämpfen, ein Stampfen. Wenn wir Glück hatten, erreichten wir in einem Rutsch die nächste Kehre – wenn die Serpentine denn kurz genug war. Meistens war sie es nicht. Genau wie auf der Großglockner-Hochalpenstraße mussten wir alle fünfzig Meter anhalten, um wieder Atem schöpfen zu können. Zuletzt wieder alle fünfundzwanzig Meter. Wenn wir in einer Kehre einmal eine Zigarettenpause machten, um die großartige Aussicht in den Abgrund zu genießen, und dann wieder starteten, schmerzten die Oberschenkel zunächst fürchterlich. Erst nach einigen Metern ließ die Pein nach. Wir schwitzten wie die Kesselflicker, keuchten. Und wir lachten! Wir lachten unbändig. Es war eine Riesenfreude, in dieser atemberaubend schönen Landschaft den Körper mit jeder Faser spüren zu können. Als ein vorwitziges Murmeltier seinen Kopf aus einer Scharte in der Begrenzungsmauer über uns den Kopf hinaus streckte und ohrenbetäubend pfiff, hielt es uns fast nicht mehr auf den Rädern. Wir johlten vor Entzücken.

 

Die letzten Kehren vor der Passhöhe waren glücklicher Weise recht kurz. Nur die allerletzte erstreckte sich noch einmal über mehrere hundert Meter. Wir sahen schon die vielen Menschen dort oben in aller Deutlichkeit. Als wir uns die letzten zwanzig Meter empor kämpften, fuhren wir durch ein Spalier applaudierender Menschen. Wir waren nun bei Weitem nicht die einzigen Radfahrer auf dieser Straße, nein, ganze Heerscharen von Radsportlern mit leichten Rennrädern bevölkerten den Pass. Aber die hatten eben nicht so viel zu schleppen wie wir. Auch von ihnen erhielten wir gebührend Anerkennung. Wir stellten unsere Räder an einem Zaun ab und blickten zurück. Wie weit konnten wir hinunter sehen! Sogar die Serpentinen unterhalb der Franzenshöhe konnte ich erkennen. Kehre um Kehre reihte sich am Nordhang wie eine verbogene Gliederkette aneinander. Hier waren wir wirklich herauf gekommen? Ich konnte es fast nicht glauben. Dass wir zu dieser Leistung fähig waren, lag wohl auch daran, dass wir unsere Reise nicht erst in den Alpen, sondern bereits in Hamburg begonnen hatten. Die Fahrt durch den Harz, den Thüringer, Pfälzer und Bayrischen Wald hatte uns ausreichend Training verschafft. Einige Jahre zuvor fuhr ich mit der Bahn nach Chur in Graubünden und nahm am ersten Tag ohne Vorbereitung und in keiner Weise trainiert den Arlbergpass in Angriff. Ich wäre fast gestorben. Jetzt mussten wir aber erst einmal Kalorien nachschieben. An einem Imbissstand wurden Meraner Würste angeboten. Drei Paar mussten es schon sein. Übrigens glich das Stilfser Hoch oben einem Rummelplatz. So schön die Strecke war, so hässlich war die Passhöhe. Imbissbuden, Souvenirstände, Cafeterias, Restaurants, Hotels und Talstationen der Lifte verschandelten diesen Flecken. Wir blickten ein letztes Mal zurück und verließen diesen Ort.

 

Jetzt lag eine Abfahrt von mehr als tausendfünfhundert Höhenmetern vor uns. Das musste ein Fest geben! Es wurde auch eins. Zunächst rollten wir in weiten Kurven eine geneigte, tief verschneite Hochfläche hinunter, wir passierten die Abzweigung zum Umbrail-Pass und rasten in weitem, weitem Bogen Richtung Süden. Es gab zunächst keine engen Kehren, sondern nur eine einzige, sanfte Linkskurve. Wir mussten überhaupt nicht bremsen, wir konnten uns einfach rollen lassen. Mit einer Geschwindigkeit von weit über siebzig Kilometern in der Stunde rasten wir zu Tal. Erst nach etlichen Kilometern begannen wieder die Serpentinen, die Schneeflächen machten nackten grauen Felswänden Platz. Das Gefälle zwischen den Spitzkehren war teilweise so stark, dass ich mich manches Mal von einem Gummiband in die Tiefe gezogen fühlte. Wieder zeigte sich, welch ein hervorragendes Rad ich hatte. Auch bei den höchsten Geschwindigkeiten lag es wie ein Brett auf der Straße, nahm die Kurven mit eleganter Lässigkeit und ließ sich mit höchster Effektivität abbremsen. Ich ließ mich ungebremst die geraden Gefällstrecken hinunter rollen und bremste erst kurz vor der Spitzkehre ab. Eigentlich war dieses Verhalten in höchstem Maße fahrlässig. Was war denn, wenn plötzlich das Bremsseil riss? Ich würde fast ungebremst über die niedrige Brüstung und mehrere hundert Meter nach unten purzeln. Aber ich hatte ungetrübtes Vertrauen in mein Rad. Das lag unter anderem darin begründet, dass ich vor einer jeden solchen Reise die Verschleißteile komplett erneuerte, also Mäntel, Schläuche, Bremszüge, Schaltzüge, die Hüllen der Bowdenzüge, die Bremsklötze, den kompletten Ritzelsatz, die Kettenblätter, die Tretkurbeln und die Kette. Bei meinen Qualitätsansprüchen musste ich jedes Mal mehrere hundert Mark über die Theke schieben. Es lohnte sich aber.

 

Mich erstaunte, dass sich in den Tälern, die wir durchrasten, keine Spur von Ansiedlungen fanden. Ich sah kein Haus, keine Hütte. Erst kurz vor Bormio erblickte ich rechts auf einer Anhöhe einen Hotelkomplex. Und schon waren wir in der kleinen Stadt. Mich überraschte der mediterrane Charakter – und die Wärme! Als wir oben am Stilfser Joch los fuhren, hatten wir Pullover und winddichte Jacken angezogen. Bei der Auffahrt hatten wir das nicht nötig, wir produzierten ausreichend Wärme von innen. Hier unten im Tal war es jedoch mindestens zwanzig Grad wärmer. Wir konnten im T-Shirt weiter fahren. Wir hielten uns in Bormio nicht auf, sondern fuhren weiter. Wir wollten den nächsten Campingplatz erreichen und uns ausruhen. Er lag ungefähr zehn Kilometer hinter der Stadt und wies schöne Stellplätze auf Terrassen aus. Bei der Rezeption versuchte ich zunächst, unser Anliegen auf Deutsch vorzubringen. Ich hatte vergessen, dass wir uns jetzt im richtigen Italien, in der Lombardei befanden. Also versuchte ich es erneut in meinem fürchterlichen Italienisch. Es klappte. Der Manager fragte beim Bezahlen, wo wir denn heute her kämen. Als ich ihm sagte, dass wir in Prad gestartet wären, schob er das Geld wieder zurück über den Tresen und erklärte, dass jemand, der mit so viel Gepäck über diesen Pass fahren kann, bei ihm nicht zu bezahlen habe. Auch das Brot, das wir noch kauften, war für uns frei. Ich fragte zwar nach Vollkornbrot, es gab aber leider nur das in Italien übliche Weißbrot. Als wir beim Abendbrot vor dem Zelt saßen, kam der Manager mit einer großen Schüssel Tomatensalat, Essig und Öl, Salz und Pfeffer auf uns zu. Ich fragte ihn, womit wir das denn verdient hätten. Er wollte sich dafür entschuldigen, dass er kein dunkles Brot gehabt hatte. Ich weiß schon, warum ich dieses Land so liebe.

 

Unsere Dolomitenfahrt war nun zu Ende. Wir hatten noch einiges vor: Zum Comer See, hinauf zum Luganer See, über den Monte Ceneri zum Lago Maggiore, durch das Centovalli nach Domodossolo, über den Simplonpass in das Wallis, über den Grimselpass ins Berner Oberland, über den Brünigpass in die Zentralschweiz und dann nach Zürich. Von dort wollten wir den Zug zurück nach Hamburg nehmen.

 

Es ist ein Auszug aus einer sechswöchigen Radreise, die ich 1998 von Hamburg aus über viele Alpenpässe in der Schweiz, Österreich und Italien unternahm.Michael Dauk, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.07.2015. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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