Christa Astl

Rotkäppchen und der Wolf (neue Version)




 
Es war einmal ein Mädchen, das wohnte mit seinen Eltern und den drei Brüdern in der Stadt, und seine Großmutter lebte allein in einem kleinen Häuschen im Wald. Früher ging die Mutter jede Woche hin, um nach der alten Frau zu sehen, das Mädchen durfte sie oft begleiten. Einmal bekam es von der Großmutter eine wunderschöne rote Mütze geschenkt. Die gefiel ihm so gut, dass es sie den ganzen Tag aufhatte, und so wurde es bald von allen Leuten nur noch Rotkäppchen genannt.
Eines Tages aber hatte die Mutter keine Zeit, und so schickte sie die Kinder allein in den Wald, sie kannten ja den Weg schon. Aus der Stadt gingen sie noch brav mit einander, im Wald jedoch begann ein lustiges Spiel, zwischen den Bäumen durch spielten sie Fangen und Verstecken, und plötzlich sah Rotkäppchen seine Brüder nicht mehr. "Die werden schon wieder kommen und mich hier  finden", dachte es, "Ich pflücke inzwischen einen schönen Blumenstrauß für die Großmutter".
Dabei kam es aber immer weiter vom Weg ab und geriet in einen Zauberwald. Plötzlich tauchte aus dem Gestrüpp ein großer, dunkler Wolf auf. Rotkäppchen hatte gar keine Angst, denn in ihrer Nachbarschaft gab es auch zahlreiche Hunde. Der Wolf sprach es mit einer rauen, aber doch freundlichen Stimme an: "Wo gehst du denn hin, kleines Mädchen?" - "Ich gehe zu meiner Großmutter, die hat ein Häuschen im Wald", antwortete Rotkäppchen, "aber vorher will ich noch ein paar Blumen pflücken, außerdem warte ich auf meine Brüder". - "Oh, deine Brüder habe ich gesehen, die sind gerade an mir vorbei  gegangen, sie sind sicher schon dort", sagte der Wolf, "aber du hast ja nicht mehr weit zur Großmutter, hier kannst du diese Abkürzung nehmen."
Leider war es nicht so, dieser Weg war viel weiter. Der böse Wolf hatte nämlich einen falschen Weg geraten, um mehr Zeit für sein böses Vorhaben zu bekommen.
Rotkäppchen wusste das natürlich nicht, und es sah auch gar zu viele schöne Blumen, so dass es recht lange brauchte, bis es endlich das Haus erreichte. Wie staunte das Mädchen, als es die Tür sperrangelweit offen sah!
"Da sind meine Brüder ohne mich hergekommen? Das sieht ihnen wieder ähnlich, sie müssen mir doch dauernd Streiche spielen!", dachte Rotkäppchen verärgert und ging ohne anzuklopfen ins Haus. Komische Geräusche hörte es aus dem Zimmer, von den Brüdern sah es aber keine Spur. Nun wurde es dem Mädchen doch unheimlich und es öffnete vorsichtig die Schlafzimmertüre. Was lag denn da im Bett? - "Aber Großmutter, wie siehst du denn aus? Bist du krank?", fragte es vorsichtig, denn die Großmutter wirkte gar so dunkel heute. Das konnte das Mädchen erkennen, obwohl es im Raum recht dämmerig war. Weil Rotkäppchen ein sehr kluges Kind war, nahm es sein Körbchen, in dem es Kuchen und Wein hatte, und öffnete die Weinflasche. Es hatte gehört, dass ein Glas Wein für alte Menschen wie Medizin sei. Die Großmutter war aber heute durstig! Wie die ihr Glas Wein hinunterstürzte! Immer wieder musste Rotkäppchen nachschenken, und dabei sah es deutlich die dunklen haarigen Hände, die sich nach dem Glas ausstreckten. Jetzt bekam das Mädchen Angst, immer wieder blickte es zum Fenster, ob nicht doch die Brüder auftauchten.
Plötzlich kam ihm eine Idee: "Das kann meine Großmutter nicht sein". Schnell ging es in die Küche und füllte Schnaps in die bereits halb leere Flasche. Denn es wusste auch, wie gefährlich Alkohol sein konnte. Wieder schenkte sie das Glas voll, und wieder leerte es die Großmutter in einem Zug. Da wagte Rotkäppchen zu fragen:
"Sag, Großmutter, warum hast du heute so große Augen?" - "Damit ich dich besser sehen kann!" - Aber Großmutter, warum hast du heute so braune Hände?" - "Damit es mir nicht so kalt ist." - "Aber Großmutter, warum bist du heute so durstig?" - "Weil mich die Gro..., damit ich sie besser schlucken kann ... weil mich etwas im Magen drückt," begann die vermeintliche Großmutter zu stottern und trank noch ein Glas.  Rotkäppchen merkte, dass sie den Wein schon spürte, und fragt noch einmal: "Was drückt dich im Magen?" - "Dich will ich auch noch..." schrie die Großmutter plötzlich und streckte ihre braunen Arme nach dem Mädchen aus. Aber sie war so betrunken, dass sie aus dem Bett fiel. -
Da sah Rotkäppchen, dass es gar nicht die Großmutter, sondern der Wolf war! Entsetzt lief das Mädchen aus dem Haus, damit es der Wolf nicht doch noch erwischen könnte, aber der Wolf lag auf dem Boden vor dem Bett, vollkommen betrunken und schlief.
Draußen rief es nach seinen Brüdern. Diese waren ganz in der Nähe kamen mit dem Jäger, der ihnen den Weg gewiesen hatte, denn die drei Brüder hatten sich beim Spielen verirrt.
"Habt ihr die Großmutter nicht gesehen?" rief Rotkäppchen. "Nein, schnarcht die nicht in ihrem Bett?" antwortete der Jäger und alle vier gingen zum Schlafzimmer. Starr vor Schrecken blieben die Brüder stehen, der Jäger ging näher. Er roch die Alkoholfahne, sah aber auch den dicken Bauch des Wolfes und merkte, wie sich da drinnen etwas bewegte.
"Dieses Untier suche ich schon lange," meinte der Jäger, "und der  Bauch gefällt mir gar nicht." Schnell zog er sein Hirschmesser heraus und schnitt den Bauch auf. Und die Großmutter kam gesund und lebendig wieder heraus, der Wolf musste sie in seiner Gier als Ganzes hinunter geschlungen haben!
 "Was machen wir jetzt mit ihm?" meinten die Brüder, die sich nun auch näher gewagt hatten. "Ziehen wir ihm das Fell ab und machen uns schöne Mützen daraus?" - "Werfen wir ihn einfach in den Wald hinaus?" - "Ich weiß was Besseres: Wir füllen seinen Bauch vorher mit Steinen, bevor wir ihn zunähen", meinte der dritte Bruder. Gesagt, getan.
Schnell liefen alle um nach Steinen zu suchen, die füllten sie in den Bauch des Wolfes. Die Großmutter hatte inzwischen dickes Garn und eine lange, spitze Nadel vorbereitet und nähte ihm mit festen Stichen den Bauch wieder zu. Dann schleppten ihn der Jäger und die drei Brüder ans Ufer des um diese Zeit reißenden Flusses und ließen ihn dort liegen. Aus einem Versteck beobachteten sie, wie der Wolf erwachte, sich bewegte, die Augen aufschlug und verwundert fragte: "Warum bin ich nicht mehr im Häuschen, und wo ist der zarte Bissen, auf den ich noch gewartet habe?" Mühsam stand er auf, denn die Steine drückten ihn sehr, und ging ein paar Schritte, weil er Wasser trinken wollte. Doch die Steine brachten ihn so aus dem Gleichgewicht, dass er über die steile Böschung in den eisigen Fluss purzelte und von der Strömung weit abgetrieben wurde. Niemand weiß, ob er je wieder das Ufer erreichen konnte.
Im Häuschen der Großmutter gab es ein großes Fest. Die Großmutter war glücklich, dass sie wieder leben durfte, und das tapfere Rotkäppchen wurde von allen gelobt und gefeiert.
 
 
ChA 17.02.16

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 26.05.2016. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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