Rudolf Kowalleck

Über Walter, Lisa und mich oder haben Maschinen eine Seele?

Hallo Uschi,

vielen Dank für die Schokolade. Woher wusstest du, dass Nougat meine Lieblingssorte ist? Egal.

Heute haben Doktor Harden und ich über die Seele gesprochen, ob es sie wirklich gibt und sie nach unserem Tod weiterlebt. Klar gibt es sie und ich bin sogar felsenfest davon überzeugt, dass nicht nur wir Menschen eine Seele haben, sondern auch Maschinen. Wir hauchen sie ihnen sozusagen bei ihrer Herstellung ein, so wie Gott das bei unserer Herstellung getan hat. Nehmen wir zum Beispiel Autos.

Meines heißt Walter. Wir verstehen uns super. Seit Jahren schon bringt er mich treu und brav zur Arbeit und zurück. Wir waren auch schon zusammen im Urlaub. Meine Güte, wo wir zwei überall gewesen sind, auf Borkum, in Grömitz, halt überall da, wohin man mit dem Auto fahren kann.

Walter hört mir zu. Walter widerspricht nie, schnurrt wie eine kleine Katze. Ich parke ihn immer so, dass er gegenüber die Wiese sehen kann und nicht die ganze Zeit auf eine Hauswand starren muss. Das dankt er mir. Jedes Mal blinkt er mir fröhlich zu, wenn ich die Zentralverriegelung löse. Es ist, als wenn er mir zuzwinkert.

Neuerdings haben wir Probleme. Nein, nicht wir zwei, sondern mit Lisa, der Ampel an der Buerer-Strasse/Ecke Schachtstrasse. Von Weitem steht sie immer auf Grün, aber sobald sie uns kommen sieht, springt sie sofort auf Rot.

Vielleicht nimmt sie es mir übel, dass ich mein Auto Walter genannt habe. Aber es heißt nun mal der Wagen und nicht die Wagen. Die Wagen heißt es nur in der Mehrzahl oder in Frankreich, denn die Franzosen nennen alle Autos la voiture und nicht le voiture. Für Franzosen sind Autos also generell weiblich.

Ich will aber kein weibliches Auto. Da käme ich sicher überhaupt nicht mehr zu Wort und man weiß ja, wie zickig Frauen sein können. Außerdem wollen weibliche Autos bestimmt andauernd neue Schuhe haben, sprich in ihrem Fall neue Reifen. Sommerreifen, Winterreifen, Allwetterreifen und sicher mit ganz teuren Felgen. Zu den Reifen passende Taschen machten ja keinen Sinn.

Schwester Maria fährt übrigens einen rasanten Spanier. Er heißt Pepe. Jetzt habe ich erfahren, dass sie keine Probleme mit Lisa hat. Sie hat immer grüne Welle. Das macht mich stutzig, denn Pepe ist ja auch ein männlicher Name.

Heißt das, Lisa hat gar nichts speziell gegen Walter, sondern nur gegen mich? Dass sie nur wegen mir immer auf Rot schaltet?

Das Dr. Harden zu fragen, habe ich mich nicht getraut. Er schaut mich dann immer so seltsam an und ändert meine Medikation.

Einmal habe ich Lisa reingelegt. Ich habe Walter abgemeldet und mit einem anderen Kennzeichen neu angemeldet. Der Überraschungseffekt hat aber nur beim ersten Mal gewirkt. Tatsächlich bin ich einmal bei Grün über die Kreuzung gekommen. Am anderen Morgen hatte sie es aber schon geschnallt und sprang wieder auf Rot, so rechtzeitig, dass ich keine Chance hatte, noch mal eben rüber zu huschen. Ich will ja niemanden totfahren, nur weil eine Ampel mich nicht leiden kann.

Ich glaube, wenn ich wieder hier raus bin, fahre ich eine andere Strecke. Ich benutze die Autobahn. Autobahnen kennen keine Ampeln.

Es gibt aber auch andere Maschinen, die mich hassen. Bernd zum Beispiel. Das ist der Geldautomat bei meiner Bank. Im Gegensatz zu Lisa kann der sogar reden. Nicht direkt, aber er schickt mir Meldungen übers Display, nachdem ich meine Karte in seinen gefräßigen Schlund geschoben habe, aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Du, ich muss Schluss machen, Schwester Maria kommt mit meinen Medikamenten und kein Wort zu niemandem, hörst du?

Bis bald und träume süß von sauren Gurken.

Dein Freund Fred

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 09.06.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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