Jürgen Malodisdach

Kalle und Kalle

Kalle....und.....Kalle

 

Es wird Herbst, nach vielen schönen warmen Sommermonaten. Die Natur hält sich an ihre Vorgaben und bereitet sich auf die nächsten ruhigen oder auch unruhigen Zeiten vor.

Der Drang nach neuem Wachstum wird gebremst, damit in der nächsten Wachstumsperiode wieder Neues entstehen kann.

Auch Menschen und Tiere sind diesen Zyklen unterworfen. Allerdings richten sie sich die Erholungsphasen selbst so nach persönlichen Notwendigkeiten ein.

Auch die Arten der Erholungen sind sehr unterschiedlich. So haben sich unsere Hundespaziergangszeiten verändert, was nicht bedeutet, daß sie wegfallen. Im Gegenteil. Durch die milderen Temperaturen macht es den Tieren mehr Spaß, länger als im Sommer, über die Wiesen zu toben.

Überraschungen sind dabei aber nicht ausgeschlossen, was die Witterungen betrifft. So auch heute, als wir leidlich geschaft uns auf dem Heimweg befanden.

Wie aus heiterem Himmel, im wahrsten Sinne des Wortes, überaschten uns dicke Regenwolken zum kurzzeitigen Suchen einer Unterstellmöglichkeit für Tobi und mich. Die vom Himmel herabstürzenden Wassermassen waren doch ein bißchen arg.

Aber wo, war hier die Frage. Eine Möglichkeit war eine kleine Gaststätte , mehr Imbis mit Überdachung. Es war vollkommen ausreichend. Also Platz nehmen und nach dem Studium der Getränkekarte die wenigen Gäste in Augenschein nehmen.

Ich ließ mir mein Lieblingsgetränk, eine rote Schorle und für Tobi eine Schüssel frischem Wasser kommen.

Ich bin ja kein so großer Bierfreund und Selter habe ich schon zu Hause ausreichend im Angebot. Der Wirt war freundlich und zuvorkommend. Und so tranken wir und warteten auf besseres Wetter.

Irgendwie hatte ich plötzlich das Gefühl, beobachtet zu werden.

Also habe ich mir die ganze Umgebung innerhalb der überdachten Anlage betrachtet. Im Haus natürlich auch. Es waren kaum Gäste , weder drinnen noch draußen , an den Tischen zu sehen.

Der Wirt hantierte hinter seinem Tresen und machte wohl gerade die nächste Bestellung fertig.

Bei unserem Eintritt habe ich ja schon die vorhandenen Gäste in Augenschein genommen, habe aber keinen Bekannten dabei gesehen.

Also was soll`s. Manchmal irrt man sich auch. So ganz falsch war mein Gefühl trotzdem nicht. Eine vielleicht ungewollte Bewegung oder ein leises Klirren von Gläsern das vom Tresen kam veranlasste mich dazu , in diese Richtung zu sehen.

Der Wirt sah hocherhobenes Hauptes in Richtung der Eingangstür, die ich nicht sehen konnte. Sein Gesichtsausdruck war dabei nicht sehr freundlich.

Tobi erhob sich unter unserem Tisch und gab einen seiner berühmten Laute, eher ein mittellautes Wolfsgeheul ab. Das war nicht böse sondern eher ein Begrüßungsritual. Ich blickte zur Tür.

Dort standen , jetzt schon im Raum, zwei Gestalten die einen strubbeligen ungepflegten Hund mit einer Wäscheleine um den Hals, kurz hielten, damit der nicht losrannte. Er wollte ja zu mir und Tobi, hatte uns als Freunde erkannt.

Es war zwar schon drei Monate her als wir unsere Bekanntschaft machten, ein Hund merkt sich aber freundliche Begegnungen lange Zeiten.

So war es nicht schwer zu erraten, wer die beiden Begleiter waren. Es war natürlich unser damals fast stummer vollbärtiger Frosch, wie ich ihn bei der ersten Begegnung für mich nannte.

Die zweite Person sah fast genauso aus. Ihm fehlte nur der Vollbart. Ansonsten war er auch in Farbe und Schnitt der Bekleidung das Ebenbild des Begleiters.

Die Drei machten ein paar Schritte in den Raum, was den Wirt veranlaßte, einige Worte von sich zu geben. Na , wollt ihr eure Schulden begleichen ?

Nicht direkt, sagte der Frosch. Beim nächsten Besuch vielleicht, wenn du uns nochmal etwas trinkbares spendierst. Kannst es ja mit auf die Liste setzen.

Ihr denkt auch, ich bin Millionär, meinte der Wirt.

Ne, das nicht. Aber wegen dem kleenen Bier geehste nicht ein, meinte der Frosch. Es erstaunte mich ein bißchen, das er doch sprechen konnte oder wollte.

Sie gingen zu einem Tisch , setzten sich und tranken einen kleinen Schluck Bier aus dem kleinen Glas, das ihnen der Wirt inzwischen gebracht hatte.

Für mich war das etwas seltsam und so machte ich mir ein paar Gedanken über diese ganze Situation.

Anscheinend waren die Beiden ziemlich verarmte Arbeitslose, die von dem bißchen Hartz 4 nicht leben und nicht sterben konnten. Vielleicht gehörten sie auch gar nicht zusammen, haben sich nur zufällig getroffen. Es gab ja viele Möglichkeiten der Gründe für ihr Leben.

Die Beiden saßen wortlos vor ihrem Bierglas. Man hörte kein Wort.

Draussen prasselte immernoch der Regen und alle warteten wohl darauf , daß die dunklen Wolken endlich weiterziehen möchten.

Wir warten jetzt schon eine ganze Weile auf diesen Moment, denn so langsam machte sich mein Magen bemerkbar.

Man könnte auch sagen ich bekam Hunger. Und Tobi ? Hatte der auch Hunger? Tierärzte sagen, daß Hunde nicht so ein Hungergefühl bekommen können, wie Menschen. Ich bezweifle das.

Egal, wie auch immer. Ich bestellte mir eine Bockwurst mit Senf und Brot.

Der Wirt war nicht unfreundlich, freute sich warscheinlich über den zusätzlichen, wenn auch kleinen, Zusatzverdienst.

Für Tobi brachte er auch eine mit. Die war mal zu heiß geworden und deshalb geplatzt. Das interessierte meinen kleinen Hund überhaupt nicht. Er hatte sie eher verputzt, ehe ich überhaupt angefangen hatte meine zu essen.

Was ich aber ganz nett vom Wirt fand, war , das er so eine geplatzte Wurst auch für den Hund vom Frosch so dicht an ihm vorbeiführte und den Teller schön schräg hielt, daß die Wurst herunter rutschte und dem Hund genau vor seine Schnauze rollte. Ein toller Trick. Der Hund hat sich riesig gefreut. Die beiden Leute haben das gar nicht mitbekommen.

Ich fühlte mich jetzt wieder etwas wohler und siehe da, der Regen hatte aufgehört.

Das veranlaßte mich dazu, meine Sachen zu ordnen, natürlich auch zu bezahlen. Jetzt standen der Frosch mit Begleitung und sein Hund auf und verließen ohne Gruß, nur mit einem Kopfnicken zum Wirt ,die Gaststätte.

Komische Leute waren das sagte ich zum Wirt, der gerade zu mir kam, weil ich bezahlen wollte.

Naja sagte er. Arme Schweine, sie tun mir wirklich leid. Haben soviel Mist erlebt, sind ziemlich fertig. Und keiner hilft ihnen wirklich. Wieso fragte ich?

Sie waren einmal ein glückliches Paar. Er ist Karl-Heinz, also Kalle wird er von allen gerufen, wie sein Hund. Der heißt auch Kalle. Und der Andere ?

War seine Frau, Claudia. War mal eine bildhübsche angesehene Chefin eines großen Supermarktes. Was entfuhr es mir, das war oder ist eine Frau ? Ich hatte sie für irgend einen Kumpel von ihm gehalten.

Kalle hat Brücken gebaut, konstruiert, versteht etwas von dem Fach, hat studiert und in verantwortlichen Positionen gearbeitet.

Kalle und Claudia. Sie waren viele Jahre verheiratet. Jetzt sind sie geschieden. Konnten nicht mehr zusammen leben. Sie haben keine Kinder.

Seltsamerweise haben sie sich jetzt wieder zusammen getan.

Niemand weiß so richtig warum.

Sie leben auf der Strasse. Haben keine Wohnung. Suchen sich abends in Notunterkünften ein Nachtlager. Im Sommer geht es noch. Die Winter sind mehr als problematisch.

Und der Wirt erzählte mir ein paar weitere , wie er sagte, auch vom Hörensagen durch andere Gäste zugetragene Informationen.

Claudia wurde als Chefin abgesetzt. Die üblichen Intrigen ihrer Vorgesetzten.

Hat noch einige Jahre gejobt ohne eine feste Anstellung zu bekommen. Sie war ja erst Anfang Vierzig, damals. Dann konnte sie nicht mehr, ließ sich immer mehr fallen.

Fing an zu trinken. Immer mehr, immer öfter. Sie ist eine richtige Alkoholikerin geworden.

War schon viele Male zu Entziehungskuren und allen möglichen Behandlungen. Hat alles nicht längerfristig gewirkt.

Kalle hat das zuerst nicht mitbekommen. Er war ja oft auch für längere Zeiten von zu Hause fort, auf Montage. Sogar im Ausland.

Wie ich das hörte, habe ich festgestellt, daß ich eine ganz falsche Meinung von ihnen hatte.

Und was ist mit Kalle passiert, daß er auch so von der Rolle gekommen ist, fragte ich den Wirt.

Da gibt es so verschiedene Geschichten, meinte er.

Wollte aber nicht so richtig mit der Sprache heraus. Schade meinte ich. Paß mal auf, sprach ich den Wirt an. Wie heißt du so , nur mit Vornamen?

Ich bin ja schon öfter mal hier vorbei gekommen. Und mein kleiner Hund findet die Gegend hier auch ganz nett. Regen gibt es bestimmt auch mal wieder.

Aber egal, ich würde auch so wieder mal hier auftauchen. Vielleicht fällt dir zu dem Thema noch mehr ein. Mich interessiert diese Geschichte eines Lebens schon immer mehr.

Würde sogar dann Einiges davon zu Papier, oder besser gesagt in die Speicher meines Nb und damit ins Internet bringen.

Noch schöner wäre es, wenn ich Kalle oder Claudia oder alle Beide erneut treffen würde. Weißt du nicht, wo man die Beiden sonst noch finden könnte?

Ich heiße Erich, meinte der Wirt. Kann mich ja mal ein bißchen umhören. Ich komme wieder sagte ich zu ihm und jetzt bezahle ich noch , will mich ja auch bei dir ehrlich machen.

Draußen schien wieder die Sonne. Das veranlaßte mich dazu, meinen Tobi freundlich aufzufordern, von unseren Plätzen aufzustehen und nach einem Gruß zum Wirt , also Erich, durch die sowieso offene Tür ins Freie zu gehen.

Eine neue Tür oder besser gesagt, neue Räume gefüllt mit einer vielleicht interssanten Lebensgeschichte tat sich für mich auf. Es wird sicher noch einige Zeit dauern aber ich bleibe dran.

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.08.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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