Heinz-Walter Hoetter

Zeitreise nach Golgatha

Ein flimmernder, gleißend heller Lichtschein erhellte die Umgebung und wurde schnell größer. Es roch nach elektrischer Entladung, wie nach einem Blitzeinschlag. Eine menschliche Gestalt in einem langen altertümlichen Gewand materialisierte, blieb zuerst regungslos stehen, sah sich schließlich nach allen Seiten verwundert um, als würde sich der Verstand weigern, die ungeheuerliche Tatsache zu akzeptieren, was soeben geschehen war und trat schließlich behutsam einen Schritt vor. Das pulsierende Energieportal hinter ihm schrumpfte mit einem scharfen Zischgeräusch plötzlich in sich zusammen, bis es schließlich in einem immer kleiner werdenden Lichtpunkt ganz verschwunden war.

 

Im nächsten Moment brach eine wahre Flut von Sinneseindrücken über den Zeitreisenden herein. Ein Gefühl des Triumphes kam in ihm hoch, das ihn zu übermannen drohte. Sein Verstand bewegte sich hart an der Grenze zwischen Normalität und Wahnsinn. Doch er riss sich zusammen.

 

Er hatte den Zeitsprung ohne jeden Schaden überstanden.

 

Trotz einer mehrere Sekunden lang anhaltenden Schwäche, die er als Zeichen der vorausgegangenen Anspannungen deutete, empfand er eine vollkommene Genugtuung über das gerade Geschehene.

 

Er warf einen kurzen Blick auf die klobige Multifunktionsarmbanduhr, die sich unter seinem weiten Ärmel am linken Handgelenk befand. Ihm wurde sofort klar, dass ihm ab jetzt nur zehn bis fünfzehn Minuten blieben, um einige Fotos mit der Spezialkamera für den Beweis seines erfolgreichen Zeitsprunges machen zu können.

 

Es wurde also höchste Zeit.

 

Die versteckte Navigationseinheit an seinem präparierten Holzstab war ein technisches Wunderwerk in Miniformat und wies dem Zeitreisenden den Weg zur Schädelstätte, die außerhalb der Mauern der Stadt Jerusalem lag. Der Platz hieß auf hebräisch „Golgatha“. Es war der Ort, wo man den Juden Jesus Christus hingerichtet hatte, der sich als Sohn Gottes ausgab und dafür sterben musste. Der Zeitreisende wusste, dass er ganz in der Nähe seines Zieles angekommen war.

 

Draußen war der Himmel tief dunkel behangen. Eine bedrückende Atmosphäre machte sich breit. Alles wirkte finster, bis auf die Umgebung der drei Kreuze, die in einem seltsam anmutenden Licht standen.

 

Am Hügel Golgatha angekommen, sah er eine leblose Gestalt am mittleren Kreuz hängen, die eine Dornenkrone auf dem Kopf trug. Hände und Füße waren an den breiten Holzbalken mit großen Nägeln durchschlagen worden. Es roch nach Schweiß, Blut und Exkrementen.

 

War das der Mann, den er suchte? Den historischen Angaben zufolge musste er es sein.

 

Langsam schritt der Zeitreisende die sanfte Anhöhe des Hügels hinauf. Zwei römische Soldaten standen neben einigen Frauen in einiger Entfernung des Hinrichtungsplatzes. Sie hantierten mit einem Kleidungsstück herum. Offenbar waren sie sich nicht einig, wer es bekommen sollte. Sonst waren keine anderen Menschen mehr zugegen. Jedenfalls im Moment nicht. Die Gelegenheit war also günstig, unbemerkt an die Kreuzgruppe zu gelangen.

 

Der Mann aus der Zukunft näherte sich unauffällig von der Seite des in der Mitte stehenden Kreuzes, das höher und wuchtiger war als die übrigen zwei daneben. Es wies eine leichte Schräglage nach vorne auf. Das Gesicht des Mannes, der sich Jesus Christus nannte, war von ihm abgewandt und es schien, als würde der Kopf wie tot auf der Schulter liegen. Blut tropfte aus seinen langen, von Dornen durchdrungenen Haaren und aus einigen tiefen Wunden seines geschundenen Leibes.

 

Weder die beiden Soldaten noch die auf dem Boden hockenden Frauen beachteten ihn. Sie schauten noch nicht einmal zu ihm hinüber, obwohl er jetzt direkt neben dem Gekreuzigten stand, der keinen einzigen Laut von sich gab. Offensichtlich war dieser Christus schon gestorben. Es sah jedenfalls danach aus.

 

Trotzdem war der Zeitreisende vorsichtig und vermied jede noch so kleine Auffälligkeit.

 

Sollten ihm allerdings die anwesenden Personen aus irgendwelchen Gründen Schwierigkeiten bereiten, müsste er sie wohl oder übel mit seiner wirkungsvollen Destruktionswaffe unschädlich machen, zwar nicht gleich töten, dafür aber in eine tiefe Bewusstlosigkeit versetzen, um durch eine kurzfristig erzeugte Schockwelle im Gehirn die Erinnerungen dieser Menschen zu löschen.

 

Plötzlich erschrak der Zeitreisende, denn der vermeintliche Tote bewegt sich etwas. Der Mann in dem wallenden Gewand wich augenblicklich zurück und griff im nächsten Moment unter seine weite Kleidung, um die mitgeführte Spezialkamera hervor zu holen.

 

Noch während er den Sensor für die Einschaltfunktion betätigte, das Objektiv leise surrend automatisch herausfuhr, riss er die Kamera hoch, drückte mit zitternden Händen mehrmals hintereinander wie gebannt auf den Auslöser und beobachtete dabei konzentriert das Bild auf dem kleinen LCD-Display.

 

Gerade als er dabei war, eine Serie von Bildern aus nächster Nähe vom Kopf mit der Dornenkrone zu machen, drehte der Mann am Kreuz plötzlich wie in Zeitlupe sein Haupt zu ihm herum, sodass der Zeitreisende in sein gemartertes Gesicht sehen konnte. Dann hoben sich ohne jede Vorwarnung mit einem Schlag die blutverschmierten Lider des Gekreuzigten, dessen Augen jetzt den Kamera haltenden Mann mit sehnsüchtig verklärtem Blick anstarrten, fast so, als glaubte dieser Jesus, Gott selbst stünde vor ihm.

 

Rasch machte der Zeitreisende noch ein paar Aufnahmen, schaltete dann das Gerät aus und verstaute es hastig in einer kleinen Tasche unter seinem wallenden Gewand.

 

Die gesamte Aktion hatte kaum mehr als ein oder zwei Minuten gedauert.

 

Wieder setzte ein kurzes Triumphgefühl ein, welches den Zeitreisenden wie eine Welle der Begeisterung überkam. Doch er riss sich zusammen. Schnell wich die aufkommende Freude einer gespannten Konzentration. Ehe er seinen Emotionen freien Lauf lassen durfte, musste die Rückkehrphase reibungslos verlaufen. Er wollte seine Mission nicht durch eigene Disziplinlosigkeit gefährden.

 

Zwar war auch dieser Teil des Zeitsprunges theoretisch erprobt, aber die praktische Durchführung fand hier und jetzt statt. Ein maschineller Defekt war mit fast hundertprozentiger Sicherheit auszuschließen, die Tests waren perfekt gewesen, doch es gab genügend Faktoren, welche, im ungünstigsten Fall gleichzeitig auftretend, Schwierigkeiten auslösen konnten.

 

Doch alles schien reibungslos abzulaufen.

 

Der Zeitreisende öffnete die Sperrschaltung an seiner Multifunktions-Armbanduhr, die sofort ein hochsensibles Hypersignal an die Gegenstation sendete und die höher dimensionierte Energie der Zeitmaschine aktivierte. Das Transportfeld, das ihn wieder in die Zukunft befördern sollte, baute sich noch im gleichen Augenblick keine zwei Meter vor ihm knapp über den Boden als hell pulsierender Lichtbogen auf. Schnell ging er darauf zu und verschwand darin.

 

Eine seltsame Finsternis breite sich währenddessen in der gesamten Landschaft aus.

 

Bevor sich das Energieportal wieder schloss, drehte sich der Zeitreisende ein letztes Mal zu dem sterbenden Mann am Kreuz um, der anscheinend gerade sein volles Bewusstsein für wenige Sekunden wiedererlangt hatte und mit weit aufgerissenen Augen bittend zu ihm rüber sah.

 

Dann rief er mit laut klagender Stimme: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

 

Im nächsten Moment sackte sein Kopf leblos nach vorne auf seine Brust. Dann starb er.

 

Die römischen Soldaten waren mittlerweile laut schreiend mit gesenkten Speeren herbeigeeilt, da sie vom hell flimmernden Lichtschein der Energieentladungen angelockt wurden und wissen wollten, was da vor sich ging.

 

Aber das Zeitportal war zusammen mit dem Zeitreisenden schon längst wieder verschwunden. Ungläubig starrten sich die beiden Soldaten gegenseitig an und konnten keine plausible Erklärung dafür finden, was sie gerade mit ihren eigenen Augen gesehen hatten.

 

Da der Mann am Kreuz zur gleichen Zeit gestorben war, brachten sie einfach die unerklärliche Lichterscheinung mit seinem Gott in Verbindung, von dem dieser Christus den Menschen immer erzählt hatte.

 

So muss es wohl gewesen sein, dachten sie und gaben sich mit dieser Feststellung zufrieden.

 

Nichts deutete darauf hin, dass ein Besucher aus der Zukunft ein gefährliches Zeitparadoxon in Kauf genommen hatte, nur weil er ein paar Fotos vom sterbenden Christus machen wollte, um damit seinen maßlosen Ehrgeiz zu befriedigen.

 

ENDE

 

©Heinz-Walter Hoetter


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.02.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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