Ali Yüce

Simons liebstes Geheimnis

Unter den Dielen verbirgt sich Simons liebstes Geheimnis. Es liegt in der Dunkelheit, wo niemand es finden wird. Man vermutet das Schöne nicht im Dunkeln, und Hässlichkeit will niemand suchen. Dort unten wird niemand sein Geheimnis finden, weil niemand freiwillig unter die Dielen schaut.

Manchmal beunruhigen ihn Schuldgefühle sinnloser Art, denn Schönheit darf nicht ungesehen bleiben, Schönheit muss genossen werden. Sie darf sich nicht in der Dunkelheit verstecken, wo sie dem Auge verschlossen bleibt. Kein Licht dringt unter die Dielen, um jene überwältigenden Farben dem Auge zu offenbaren, jene geheimnisvollen Farben der Schönheit, die noch nie jemand erblickt hat. Simon hat sie auch nie gesehen, aber das macht ihm nichts aus. Er weiß von dieser Schönheit. Oft fällt er auf die Knie und betastet behutsam den Boden, als könnte er sie durch das glatte Holz spüren. Er streckt sich aus und befühlt den Boden mit seinem Körper, dreht und windet sich, während die Bretter unter ihm leise knarren. Schönheit darf nicht ungesehen bleiben, er will sie der Welt offenbaren. Er will die Dielen aus dem Boden zerren, das Fenster aufreißen und die Menschen herbeirufen. Sie sollen die Schönheit bewundern.


Sie sollen sein Geheimnis bewundern.

Absurde Schuldgefühle plagen ihn. Absurd scheint ihm das Verlangen, sein Geheimnis mit anderen zu teilen. Er liegt mit dem Gesicht auf das Holz gepresst. Die Arme ausgebreitet umarmt er den Raum. Wie könnte er jemals auf diesen Genuss verzichten? Das Wissen um eine Existenz, die nur seinetwegen andauert. Wie kann er das aufgeben?

Das Geheimnis war - wie viele andere auch- ohne Simons bewusstes Zutun entstanden. Dort unter den Dielen ist es gewachsen, ohne dass Simon es gespürt oder geahnt hatte. Erst als es den Raum unter dem Boden vollständig gefüllt und das Holz hochgedrückt hatte, war Simon seiner Präsenz bewusst geworden. Die anfängliche Panik war einer großen Erleichterung und später totaler Zufriedenheit gewichen. Die Decke war nicht mehr so hoch wie vorher, aber das störte Simon nicht.

Die Decke ist nicht mehr so hoch wie früher, aber Simon stört es nicht. Er steht selten, wenn er zuhause ist. Er liegt auf dem Boden und wälzt sich auf den Dielen. Sie knarren und bewahren das Geheimnis auch vor Simon.

Unter den Dielen verbirgt sich Simons liebstes Geheimnis. Es liegt in der Dunkelheit, wo Simon es niemals sehen wird. Simon weiß, man vermutet das Schöne nicht im Dunkeln, und Hässlichkeit will niemand suchen. Dort unten wird niemand sein Geheimnis finden, weil niemand nach Hässlichkeit sucht. Schönes unterscheidet sich im Dunkeln nicht vom Hässlichen, und Simons Geheimnis wurde nie vom Licht berührt.

Absurd scheint ihm das Verlangen, sein Geheimnis mit anderen zu teilen. In blinder Dunkelheit soll es um seinetwillen als tiefe Hässlichkeit bestehen.

Das ist Simons Geheimnis unter den Dielen.

2001Ali Yüce, Anmerkung zur Geschichte

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 27.06.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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