Thomas R.

Tod eines Gaffers

Tod eines Gaffers

 

Morgen ist es soweit, nach fünfzehn Jahren bin ich wieder unter Bewährung ein freier Mann und kann Heim gehen. „Frei“, „Heim“ ? Das sind nur zwei Wörter, aber ich kann mit ihnen nichts anfangen. Ich werde niemals mehr Frei sein und auch kein Heim haben. Ich bin nur noch eine Hülle die Sauerstoff verbraucht. Fünfzehn Jahre habe ich hier verbracht, fünfzehn Jahre in denen ich nie auch nur eine Sekunde vergessen habe was damals geschah. Zehn Jahre in denen mein Herz schlug und jeder Herzschlag war wie ein Messerstich.

In meiner Hand halte ich einen alten Zeitungsausschnitt den ich schon zig-mal gelesen habe.

Schwerer Unfall auf einem Rastplatz“ steht da. Und weiter:

Ein LKW Fahrer aus Litauen verlor die Kontrolle und überfuhr zwei Motorradfahrer wobei einer starb und der andere schwerst verletzt wurde. Auch der LKW Fahrer kam ums Leben als er gegen einen Baum prallte.“

Das ist aber nicht die ganze Wahrheit.

Ich erinnere mich an damals als wäre nur ein Wimpernschlag vergangen. Meine Frau und ich lernten uns bei einem Motorradtreffen kennen und verstanden uns auf Anhieb. Wer jetzt denkt da hat eine Rockerbraut ihren Rocker gefunden irrt sich gewaltig, wir waren ganz normale Leute die nicht Skifahren sondern Motorrad. Nach einigen Monaten „ Probezeit“ beschlossen wir zusammen zuziehen und kauften eine schöne ETW . Uns war klar, wir haben uns nicht gesucht, sondern einfach nur gefunden.

Ein Jahr später im Juni heirateten wir und die Hochzeit war einfach unbeschreiblich. Ob mit dem Auto oder dem Motorrad kamen viele, nein, alle Freunde und der Höhepunkt war als unsere Eltern , selbst begeisterte Zweiradfahrer, mit ihren Oldtimer um die Ecke kamen.

Zwei Wochen später fragte meine Frau wie es mit eine Hochzeitsreise wäre. Ich war dabei und suchte schöne Urlaubsziele aus mitsamt Flug. Sie meinte „ Nicht mit dem Flieger sondern mit dem Motorrad,kein Hotel,kein Navi,solange noch Zeit ist“. Dabei leuchteten ihre Augen wie nie zuvor. Ich verstand nicht richtig, noch nicht.

Schon ein Woche später ging es Richtung Süden mit Zelt und Schlafsack los. Wir hielten dort an wo es uns gefiel, kochten Ravioli aus der Dose und übernachteten im Zelt, meistens in einem Schlafsack. Einmal mussten wir doch eine kleine Pension in Frankreich aufsuchen da ein starkes Unwetter den Zeltaufbau unmöglich gemacht hat. Und hier hatte ich den schönsten Moment in meinem Leben.

Der Wirt und seine Frau konnten kein Deutsch und wir kein französisch doch verstanden haben wir uns doch. Ganz besonders in dem Moment als mir meine Frau ein kleines Päckchen überreichte . Ich machte es auf und holte zwei kleine Babyschuhe raus, ein blaues und ein rosarotes. Ich schaute meine Frau an die meine Hand hielt und mit leuchtenden Augen sagte: „ Egal was es wird, ein Schuh hat es schon“. „ Wir bekommen ein Baby“.

Ich sprang auf und umarmte sie mit Tränen in den Augen. Die Wirtin bekam das mit, rief irgendwas auf französisch und schon standen Weinflaschen und allerlei Leckereien auf dem Tisch und die kleine Pension feierte mit uns die ganze Nacht.

Nach dieser Nacht war am nächsten Morgen an ein weiterfahren nicht zu denken und wir blieben noch eine Nacht. Meine Gedanken waren überall und nirgends ich war so Glücklich.

Wir beschlossen die Tour zu Ende zu fahren aber für mich war es nicht mehr dasselbe. Denn jetzt fuhr hinter mir nicht nur meine Frau sondern meine Frau und unser Kind. Ich glaube ich habe öfters in den Rückspiegel geschaut als nach vorne.

Kurz bevor wir unsere Heimatstadt erreichten machten wir noch eine kleine Pause auf einem Rastplatz an der Bundesstraße. Diesen Rastplatz!

Ich hielt an nahm meinen Helm ab und schaute in den Rückspiegel das meine Frau von ihrem Motorrad abstieg und ebenfalls den Helm absetzte.

Und noch etwas sah ich, einen riesigen Schatten. Ich drehte mich um und eine schwarze Wand prallte gegen mich. Ich hörte nur noch das bersten von Metall und spürte nur noch schmerzen, dann war es dunkel.

Es kann nicht lange gedauert haben da erwachte ich wieder. Ich lag auf dem Bauch und erkannte um mich herum Trümmerteile die ich sehr gut kannte. Das waren Teile unserer Motorräder die hier verstreut waren. Ich suchte meine Frau und entdeckte sie im Augenwinkel keine fünf Meter von mir, auch sie lag auf dem Bauch und starrte mich an, Ihre Lippen wollten was sagen aber es kam kein Ton heraus, doch sie zwinkerte mit den Augen. Sie lebte noch, Gott sei Dank.

Ich wollte mich zu ihr bewegen aber ich konnte nicht also versuchte ich mich zu ihr hin zu robben und hielt mich an irgendwas fest. Das was ich in den Händen hielt war weich und in Leder gepackt, am Ende war ein Stiefel, mein Stiefel. Mein Bein war abgerissen und das ich nicht verblutet bin, verdankte ich nur einem Stahlträger der vom LKW gefallen war und auf dem Beinstumpf lag.

Es dauert eine Ewigkeit bis ich bemerkte das Fahrzeuge angehalten haben und Leute ausgestiegen sind. Endlich Rettung dachte ich und rief ihnen zu meiner Frau zu helfen. Doch sie hörten mich nicht, sondern liefen mit ihren Handys nur um uns herum und filmten uns wie wir so da lagen. Ich sah, wie sie die langen Haare meine Frau aus dem Gesicht streichten damit sie dieses besser sehen konnten, Einer hielt mein Bein wie eine Trophäe in die Höhe und lies sich filmen.

Ich schaute immer wieder meine Frau an und sie schaute zurück, aber ich sah kein leuchten mehr in ihren Augen sondern einfach nur noch Angst.

Dann nahm ich einen Geruch war, den Geruch von Benzin. Ich sah den Tank vom Motorrad meiner Frau gleich neben ihren Beinen. Aus diesem Tank lief Benzin aus, direkt an ihren Beinen vorbei und verteilte sich noch weiter. Die jungen Leute schienen das zu bemerken und mit Zigaretten im Mund, filmten sie dennoch weiter. Ich weiß nicht wie und ob es von einer Zigarette stammte aber plötzlich entflammte sich das Benzin. Die Flammen erreichten meine Frau und unser Baby. Ich sah in ihre Augen die sich jetzt nochmal vergrößerten, ihr Mund wollte schreien, doch es kam kein Ton raus, dennoch hörte ich ihn, diesen lautlosen lauten Schrei . Sie beide verbrannten vor meinen Augen und vor den Augen dieser Leute. Hilflos musste ich sehen, wie ein geliebter Mensch vor meinen Augen lebendig verbrannte. Ich sah, wie ihr Haare Feuer fingen, wie ihre Hände schwarz wurden und sich die Finger krümmten und sich in ihrem Gesicht erst Basen bildeten, dann platzten und die Haut sich schließlich von den Knochen löste.

Ich hob noch mal den Kopf und sah in jedes Gesicht dieser Gaffer, die immer noch filmten, als wolle mein Gehirn sie für die Ewigkeit fotografieren.

Dann war es dunkel.

Nach fünf Monaten erwachte ich im Krankenhaus. Als ich langsam begriff was passiert war wollte ich nur noch sterben, alles habe ich versucht aber ich wurde immer wieder zurückgeholt. Jede Sekunde hörte ich diesen stummen Schrei,sah die angsterfüllten Augen und das Feuer, dachte an unser Kind.

Dann kamen diese Fotos wieder, die Bilder von den sechs Gaffern und wie sie meine brennende Frau filmten, und es überfiel mich ein Gefühl das ich nicht kannte. Hass und Rache.Und dieses Gefühl war gut, sehr gut sogar.

Von da an erholte ich mich und gewöhnte mich an die Beinprothese aber nur mit einem Ziel. Rache.

Ich erfuhr das die Gaffer bekannt sind und noch vor Ort verhaftet wurden, aber Namen bekam ich nicht.

Wenn ich an Anfang erwähnte, das Motorradfahrer nicht gleich Rocker sind so muss ich dazu sagen das der eine oder andere jemanden kennt der wiederum jemanden kennt der evtl. gewissen Kreisen Nahe steht. Nun ich kenne solchen Jemanden und wurde schließlich Mitglied des „ Vereins“. Ich brauchte keine „Probezeit“ denn sie ahnten, das ich härter sein werde als viele andere der Mitglieder.

Es dauerte nicht lange und ich bekam Adressen und Fotos, die ich mit meinen im Kopf gespeicherten Fotos abglich.

Alle wohnten im Umkreis vom Unfallort. Zwei waren Brüder, ein 19jährige und sein 17jähriger Bruder. Die anderen waren zwischen Neunzehn und zweiundzwanzig Jahre alt. Alle dies Informationen haben sich in meinem Hirn eingebrannt.

Ein Jahr später kam es zur Verhandlung gegen fünf dieser Gaffer, der jüngste, wurde vorher schon vom Jugendgericht frei gesprochen, da er noch minderjährig war und „ nur“ Mitläufer war. Fehler.

Am Tag der Verhandlung fuhr ich mit einem „ Freund“ zu der Adresse vom jüngsten ,bereits freigesprochenen, der sechs.

Ich wartete vor dem Haus bis dessen Bruder mit seinen Eltern das Haus verlies um zum Gericht zu fahren.

Ich klingelte und er machte tatsächlich auf, sofort erschien sein Bild in meinem Kopf. Als ich ihm das Bild meiner Frau zeigte wollte er fliehen, doch ich packte ihn an den Haaren und gab meiner Begleitung ein Zeichen. Diese nahm das Smartphone und fing an zu filmen.

Er filmte wie ich diesen Bastard an den Haaren durch die Wohnung ins Badezimmer schleifte,

Dort schlug ich seinen Kopf solange gegen den Klorand bis sämtliche Zähne in der Schüssel lagen und der Kiefer aus der Haut ragte. Dann entdeckte ich Badesalz, stopfte es ihm ins Maul und warf ich ihn bäuchlings auf den Boden, um ihm mit Fußtritten mehrmals die Beine zu brechen. Das Geräusch von den berstenden Knochen war wie Musik in meinen Ohren. Zwischendurch überzeugte ich mich immer wieder ob er noch lebte, denn er sollte langsam sterben und ich das genießen.

Ich ging zum Auto um einen Benzinkanister zu holen, denn es sollte noch weiter gehen. Im Bad fand ich Verbandszeug, diese wickelte ich ihm um die Hände und Beine. Dann übergoss ich es mit Benzin. Ich sah die Panik in seinen Augen, die gleiche Panik die meine Frau gehabt hat als sie mich ansah und starb. Nur ein Unterschied, wir haben uns geliebt, diesen Kerl hasste ich nur.

Ein Streichholz und die Flammen taten ihr Werk und jedes mal wenn die Flammen auszugehen drohten, goss ich etwas Benzin nach.

Dann löschte ich die Flammen und lies in ein wenig erholen, wenn man das so sagen kann.

Als er wieder ruhiger atmete legte ich ihm ein Badehandtuch über der Körper und goss das restliche Benzin drauf. Ich entzündete es und genoss es wie sein anfängliches wildes zappeln langsam erlahmte.

Ich nahm das Smartphone an mich, fuhr nach Hause um zu Duschen und fünf Kopien von der Aufnahme zu machen. Diese tat ich zusammen mit dem Bild meiner Frau in Umschlage und gab diese meinem Freund , der sie später persönlich der jeweilige Person mit etwas körperlichen Nachdruck auch übergeben hat. Das nennt man Psychoterror, ich weiß, ist auch gut so. Dann fuhr ich zum Gericht wo die Verhandlung gerade angefangen hat. Ich nahm Platz und beobachte die anderen fünf, immer wieder ging mein Blick von dem einem zu dem anderen. Ich sah, das sie immer verunsicherter wurden.

Von der Verhandlung habe ich nicht viel wahrgenommen, nur die Fragen habe ich knapp beantwortet.

Nach einer Verhandlungspause ging ich an dem Bruder vorbei und legte ihm mein Smartphone auf den Tisch. Er schaute das Video nur kurz an, dann brach er schreiend zusammen.

Ich lächelte nur und ich glaubte meine Frau sagen zu hören: „Ich liebe Dich mein Schatz, aber fünf fehlen noch!“

 

Die Gaffer bekamen zwischen neun und elf Monaten Bewährungsstrafen.

Ich selbst, Lebenslang Knast. Aber die Jahre waren nicht vergebens, denn sie haben mich härter gemacht und ich hatte Zeit, viel Zeit um mir viel auszudenken. Und morgen ist es soweit, es wird ein Raubtier entlassen, das keine Gnade kennt.

Dank meiner Freunde habe ich die fünf nie aus den Augen verloren, auch wenn sie mehrmals den Wohnort gewechselt haben, weiß ich immer wo sie sind, das sie geheiratet haben und Väter sind.

Morgen, nachdem ich das Grab meiner Frau besucht habe, besuche ich die fünf anderen. Jeder einzelne wird brennen und der erste wurde als Geschenk zu meiner Entlassung schon „ eingeladen“.

 

An meine Frau

Ich liebe Dich, Dich und das Baby was ich nie in den Armen halten durfte.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.07.2018. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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