Wolfgang Küssner

Turtle zum Turteln

Beginnen wir diese kurze Geschichte mit den Ingredienzen: Da wären mageres Rind- und Schweinefleisch, etwas Rinderherz und Rindermett zu erwähnen. Öl, Karotten, Stangenlauch, Ei, Sellerie, Brötchen und Champignons gehören dazu. Weiterhin müssen Salz, Pfeffer, Muskatnuss, Butter, Mehl, und Sherry aufgelistet werden. Kenner der Küche Norddeutschlands, speziell der Küche Niedersachsens und ganz speziell der aus dem Oldenburger Land werden die Zutaten (laut Kochbar.de) längst als jene ausgemacht haben, die zu einer Mockturtle gehören. Was haben diese Bestandteile bitte schön mit dem Titel dieser Geschichte zu tun, wird sich der Leser eventuell jetzt fragen.

Es ist nicht nur die sprachliche Nähe von Turtle und Turteln zur Mockturtle. Die Mockturtlesuppe trägt im Englischen den Namen mock turtle soup und war bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts als preiswerter Ersatz für die echte, richtige Schildkrötensuppe bekannt. Statt Schildkrötenfleisch wurde und wird Kalbsfleisch bzw. Rindfleisch verwendet. Und da in der Zeit von 1714 bis 1837 die Königreiche von Großbritannien und Hannover eng verbandelt waren, fasste die Mockturtle in Niedersachsen Fuß. Das Ergebnis ist das obige Rezept. Geschmacklich sollen beide Suppen kaum voneinander zu unterscheiden sein.

Man darf und kann über die echte Schildkrötensuppe heute in der Vergangenheitsform schreiben. Der einstige Klassiker unter den Suppen spielt auf den heutigen Speisekarten keine Rolle mehr. Fleischlieferant für die echte Suppe war einst die „grüne Meeresschildkröte“. Diese niedlichen Tiere konnte bis zu 140 cm lang und 160 Kilo schwer werden, es auf bis zu 50 Lebensjahre bringen. Konjunktiv, denn Lady Curzon (mit Curry und Schlagsahne) und Sir James (mit Cognac und Madeira) erfreuten sich so großer Beliebheit, dass die Schildkröten 1988 vor dem Aussterben geschützt werden mussten und ins Washingtoner Artenschutzabkommen aufgenommen wurden. Ein Versuch 2002, mit einer nicht geschützten Art eine Neubelebung zu realisieren, scheiterte. Tierschützern sei dieser Wandel, der Erfolg zu verdanken. Legal ist eine Schildkrötensuppe heute also nicht mehr erhältlich. Und schon sind wir mitten in unserer kleinen Geschichte angekommen.

Mehr und mehr, wenn auch immer noch viel zu langsam, wird den Menschen bewusst, dass wir nur diese eine Erde haben. Umwelt- und Naturschutz sind dringend nötig und finden zum Glück weltweit immer mehr Anhänger und Beachtung.

Mindestens ein Hotel auf der thailändischen Ferieninsel Phuket hat sich seit Jahren Maßnahmen zum Erhalt der Meeres-Schildkröten auf die Tagesordnung gesetzt. Gäste finden in ihren Zimmern kleine Stoffnachbildungen dieser niedlichen Tiere (käuflich zu erwerben) ; an verschiedenen Stellen des Hotels und Restaurants sind Nachbildungen dieser Bewohner des Meeres aus weißer Keramik zu bewundern. Das Menu ist selbstverständlich frei von einem entsprechenden Offerten. Ein besonders großes Exemplar empfängt den Gast an der Rezeption. Im März eines jeden Jahres haben Hotelgäste Gelegenheit, in einer Station aufgezogene Tiere dem Indischen Ozean zu übergeben, ihnen ihren Lebensraum, ein Leben in Freiheit zu ermöglichen. In der Hoffnung, sie landen nicht in feinmaschigen Fischernetzen oder enden bzw. verenden im gigantischen Plastikmüll.

Eine ganz spezielle Schildkröte aus Keramik muss an dieser Stelle noch erwähnt werden: Sie befindet sich als Blickfang in einem Wasserbecken und ist dank Innenbeleuchtung ein richtiger Hingucker.

Zwei Hotelgäste aus China standen dieser Tage, genau genommen war es bereits gegen Mitternacht, auf ihrem Balkon in der dritten Etage, schauten nach oben, in den strahlenden Sternenhimmel und schauten nach unten und entdeckten die leuchtende Schildkröte. Was dieser Blick nun bei den beiden Männern aus dem Reich der Mitte ausgelöst hattte, wird wohl ewig ein Rätsel bleiben. Auf jeden Fall hatten sie in dieser Nacht nichts anderes zu tun, als ihr Zimmer zu verlassen; ins Erdgeschoß zu gehen, dort in das Wasserbecken zu steigen und die Schildkröte aus ihrer Verankerung zu reißen. Das Gewicht der Nachbildung hatten beide vermutlich unterschätzt. Die Schildkröte musste jedenfalls über den Boden gezogen, zunächst zum Fahrstuhl und dann in das Zimmer auf der dritten Etage gezerrt werden. Der natürliche Panzer einer Schildkröte hätte dieser widernatürlich Prozedur mit Sicherheit standgehalten. Die Keramik war allerdings deutlich empfindlicher und bestand, im Zimmer angekommen, nur noch aus Scherben.

Überwachungskameras dokumentierten das unverständliche Handeln der Chinesen. Von Schadensersatz für die mutwillige Zerstörung wollten die beiden natürlich nichts wissen. Das kam für sie in keinster Weise in Betracht. Polizei, Touristenpolizei und Konsulat mussten eingeschaltet werden, um die Urlauber zu belehren, auf die Konsequenzen aufmerksam zu machen. Erst nachdem widerwillig 40.000 Baht gezahlt wurden, gab es die Pässe zur Ausreise zurück.

Nun fragt sich wohl ein jeder, was geht in den Köpfen solcher Menschen vor? Alkoholisiert waren sie nicht. Dieser Aspekt kann ausgeschaltet werden. Sollte die Nachbildung der Meeresschildkröte als Souvenir die Reise nach China antreten? Welche Verpackung hätten die beiden wohl gewählt? Hatten sie gehofft, eine echte mock turtle soup aus der Keramik auf ihrem Zimmer bereiten zu können, das Verbot zu umgehen? Sollte das Meerestier aus dem feuchten Nass befreit werden? Oder fühlten sich beide Chinesen von anderen Landsleuten versetzt, allein gelassen, einsam? Hofften sie auf etwas Nähe, Geborgenheit, Wärme, Liebe, auf eine Turtle so richtig zum Turteln? Vielleicht hatten sie auch an mehr als nur ein wenig Turteln gedacht. Hatten womöglich noch ganz andere Turtle-Fantasien?

Juli 2018

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