Ingeborg Henrichs

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Da lacht mich jemand an. Jahrzehntelang habe ich dem keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt.
Es ist meine Vorfahrin, Großmutter, also meine Oma, die immer mal wieder zum Heiligen Antonius in die Dorfkirche ging, vor seiner Statue betete und der dabei auch Gedichte in den Sinn kamen. Einige ihrer kleinen Werke seien so entstanden, wird heute noch gern von ihren, nun auch betagten, Töchtern erzählt.
In meiner Schreibtischschublade, ganz tief hinten, handgeschrieben auf mittlerweile vergilbtem Linienpapier ihres Tagebuches, stehen einige von Omas Gedichten. Über ihre Jugendzeit z.Bsp, Anfang der zwanziger Jahre des letzten Jahrtausend, schön zu lesen und auch zu betrachten. Niedergeschrieben in altdeutscher Schreibschrift, gestochen scharf , fein säuberlich die Linienführung, beinah wie gemalt das Schriftbild, die Tintenfarbe zart verblasst. Auf uns heutige diesen gewissen Charme der Nostalgie ausstrahlend. Ihre Gedichte tragen Titel wie " Lämmchen", " Auf der Schweiz", "Gedanken zur Mitternacht", ein Liebesgedicht für ihren in Kriegsgefangenschaft geratenen Ehemann.
Oma schrieb in Reimform, mehrstrophig und inhaltlich in sich abgeschlossen. Um ihre Schreibschrift  fehlerfrei "entziffern" zu können, ich gebe es zu, diktierte mir meine Mutter die Gedichte ihrer Mutter. So habe ich sie für mich lesbar vorliegen, ganz unspektakulär am computer getippt.
Schräg hinter mir an der Wand, auf mittlerweile leicht verblasstem Foto im Silberrahmen, eingereiht zwischen anderen gerahmten und ungerahmten " Erinnerungsstücken", Bildern und Fotos, die lachende, damals achtzigjährige Geburtstagsjubiliarin, in stolzer, aufrechter Haltung, neben sich einen prachtvollen Blumenstrauß. Sie trägt ein elegantes grünes Kleid, dazu edlen Seidenschal und Perlenkette, die schlichte Knotenfrisur älterer Damen dieser Zeit und eine Brille, die ihr gut steht.
Über dreißig Jahre später sitze ich am computer und hinter mir das Foto meiner Vorfahrin. Es ist Oma, die mich anlacht.



 

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