Alexander Löblein

Der fliegende Holländer

Fünf vorbei und acht verweht, würde man vielleicht sagen. Ganz seemännisch. Es war ein ganz gewöhnlicher Ausflug, so wie eben alle Jahre. Die viel zu dünnen Schuhe aus Segeltakelage für einen Spontanausflug auf einen Friedhof. Ich mag Friedhöfe. Ich gebs zu. Das Namenswirrwarr, die Ahnung von vergessenen und erträumten Wünschen, die ihr Ende fanden. Was ich weniger mag, auch das bekenne ich, sind die Dekorationen für die Gräber. Aber das ist ein anderes Thema.

In jedem Fall begegne ich regelmäßig Leuten auf dem Friedhof. Seltsame Menschen zumeist, die mich unwillig anstarren, als wäre ich eine geisterhafte Erscheinung. Ein wenig mühsam ist das, wenn ich das mal so sagen darf. Denn außer meiner hageren Gestalt und ein paar Brusthaaren, die mir, solange ich denken kann, aus dem Hemd ragen, ist an mir gar nichts besonderes dran. Zugegeben, die Haare stören mich selbst; auch das ist eher etwas, was in mein Badezimmer gehört, als hierher.

Das Seltsame an der Sache ist jedenfalls, daß ich immer wieder an der gleichen Stelle von Leuten überrascht werde. Immer auf dem Wiener Zentralfriedhof und das immer wieder, wenn ich eigentlich etwas ganz anderes vorhabe, als Leuten zu begegnen. Einmal war ich gerade pissen und dachte, mich würde keiner sehen; ein anderes Mal wars mit einem von meiner Mannschaft, mit dem ich ein wenig spazieren gehen wollte. Und immer an der gleichen Stelle! Gut, mal ein Grab hin oder her, aber eigentlich immer der gleiche Ort eigentlich.

Das Interessante daran war im Grunde, daß die Leute, denen ich begegnet bin, immer andere Sachen trugen. Mal steif und eingezwängt - ich habe mich jedesmal gefragt, wie sie das machen, daß sie Luft holen können. Dann wieder Frauen mit Röcken, ich sage Ihnen!, Röcken, die machen mehr Arsch, als man sich überhaupt vorstellen kann. Dann wieder ganz glatte Röcke, so daß man den Arsch nicht mal mehr wahrnimmt. Und neuerdings rennen alle mit Hosen herum. Manchmal dachte ich, es sei eine Frau und dann wars doch ein Mann. Sehr verwunderlich.

Ich mag den Friedhof. Es ist immer der gleiche. Dazwischen haben ich ja immer das Gefühl, daß ich irgendwie völlig rastlos herumirre. Wenn ich aber den Friedhof wiedersehe, die alte Kastanie, den kleinen Hügel aus Grabsteinen, angeblich Bombentreffer aus dem Zweiten Weltkrieg von 1956, dann habe ich sowas wie ein Heimatgefühl. Ich bin zumindest irgendwo. Oder nicht irgendwo, sondern da. Das beruhigt ein wenig.

Lange Zeit erschien mir das alle auch etwas mystisch. Ich habe versucht, das aufzuschreiben, wo ich gerade bin. So tagebuchmäßig, wie Literaten das machen: “heute Durchfall.” Unschön. “Bin unter drei Litern Urin geblieben.” Irgendwie so. Das hat auch nicht funktioniert. Das sind so Details, die wir eigentlich nicht wissen wollen. Durch irgendeinen Umstand interessieren sich aber die Leute dafür. Über Jahrhunderte.

Einmal bin ich einem ziemlich skurrilen Menschen begegnet. Er wußte einfach alles über diesen Friedhof. Ich war ihm damals sehr dankbar, weil er mich wieder mal an dieser bewußten Ecke erwischt hatte, wieder mal beim Pissen (ich weiß selbst nicht, was es mit dieser Ecke auf sich hat) und aber völlig nonchalant darüber hinwegging.

Ob ich denn das Grab von Karl Kraus gesucht habe? Nein, natürlich nicht. Ich wußte ja nicht mal, wo ich selbst war, geschweige denn, warum. Ich wußte ja nur Friedhof, “Hallo, da bin ich wieder”. Und dann diese Frage. Naja, was macht man, um den Anderen nicht vor den Kopf zu stoßen? Man folgt. Ein wenig, wie ein kleiner Bub, der eben dem Gescheiteren hinterherläuft, ohne zu wissen, warum. Ich also hintennach.

Es war ein Desaster! Geschmacklos hätte es ja noch getroffen, aber das, was da war, war ekelerregend. Lauter Gräber, in Reih und Glied - ohne Glied - haha! - kein Baum, kein Strauch und dazwischen hielt er an.

“Da isses.”, konstatierte das und wollte wissen, woher ich käme. Er selbst sei ja ostpreußischer Abstammung, hätte aber mal einen Bayern getroffen, der eben jenes Grab verzweifelt gesucht hätte. Ich schielte ein wenig verstohlen zu meiner Pißecke zurück.Und außerdem habe ich nicht die leiseste Ahnung, woher ich komme.

Nun, die Verdienste dieses krausen Menschen in allen Ehren, aber da hinten war mein Friedhof. Ich sollte gar nicht hier sein. Verdammt nochmal. Nach einem - von mir sehr knapp gehaltenen Wortwechsel - entschuldigte er sich. Er müsse noch auf eine Promibeerdigung. Welch ein Glück! Promis sterben also auch. Immer noch.

Nun, ich also wieder zurück in diese Wildnis aus Grabsteinen, Pflanzen, Namen. In das, was Lebendiger erschien. Da waren wild wuchernde Pflanzen, Viecher, einen Hasen hab ich gesehen und zwei Rehe, die sich da unauffällig neugierig versucht haben, unsichtbar zu machen. Ich wußte ja nicht, wie lange ich noch bleiben konnte. Nur, daß ich irgendwann wieder auftauche. Wahrscheinlich an der bewußten Ecke. Irgendwie auch peinlich, das. Jedesmal aber mit ausgepacktem Schwanz. das ist schon fast mystisch. Nein, der Schwanz nicht. Aber wieso immer beim Pissen? Das ist ein Fluch, das weiß ich.

 

Ich frage mich gerade, wann das losging. Ich habe nur mehr eine vage Ahnung. Es fing mit Liebe an, wie so Vieles. Und bevor Sie jetzt sagen: och Gähn! Nein, so schlimm hat sichs gar nicht angefühlt. Es war eher sowas wie danebengefühlt. Klingt seltsam, ich weiß. Aber ich habe versucht, zu erwidern. Ehrlich. Also ehrlich. Dieses “Daneben” war toll zunächst, wie so Vieles, was Liebe verspricht. Und diese Liebe war ansehnlich, männlich. Nun ja, man hätte das anders machen können. Ich bin dann irgendwann draufgekommen, weil die simple Berührung gefehlt hat. Klingt lustig, ist aber so. Ich könnte heulen, wenn ich dran denke. Und dann wollte ich eben diese Berührung, mein Gott,was ist schon dabei?

 

Und dann ging das los mit dem Friedhof. Just da. Als ich empfinden wollte. Und jedesmal wieder steh ich da an dieser verdammten Ecke. Nicht genau, Sie wissen, was ich meine. Es ist lästig. Es ist jedesmal wie ein Fasching: Ich tu so,als wäre ich gar nicht da und dann starren sie mich an und schreien oder sonstwas. Als hätten sie einen Geist gesehen.

 

Ich bin dann irgendwann mal aufgetaucht - wieder mal: dazwischen weiß ich nichts, das macht mich ein wenig unruhig, wenn ich dran denke -

und ich kann Ihnen eines sagen: Das letzte Mal, das war toll. Da hab ich zwei Mädels getroffen. Die eine mag mich. Vielleicht bleib ich bei ihr. Oder sie bei mir. Wäre toll.

 

Und das Immer-wieder-Auftauchen stört mich eigentlich nicht. Aber wenns ein Ende hätte. Das wäre cool. Mit ihr.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.02.2020. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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