Ramon Kania

Sternschnuppen

Der Wind wiegte sich sanft im Blätterdach der Bäume. Ansonsten war es still. So still, dass man sogar das leise Klopfen der Füße hören konnte, das Klopfen der Füße, welche die Frau gegen das Gemäuer taumeln ließ.

Neben der Frau saß ein alter Mann. Unter den beiden breitete sich eine Schlucht aus. Eine verdorrte Ödnis zerfurchte die Welt und wanderte weit über den Rand des Horizonts hinweg.

„Ich frag mich, warum wir sie so gerne fallen sehen…“, sagte die Frau, mit ihrem Blick zum Nachthimmel gewandt. Sie war ruhig und in Gedanken versunken. Es war nicht das erste Mal, dass sie an diesen Ort gekommen waren, doch es war das erste Mal, dass sie so gebannt auf die Sterne hoch über ihnen starrte.

Der Mann sah sie etwas verständnislos an. Seine Finger fuhren langsam durch den langen Bart, wie immer, wenn er etwas nicht ganz zu verstehen vermochte.

„Was…“, sagte er verdutzt. „Wen meinst du denn?“

„Na, die Sterne…“, erwiderte die Frau. „Wieso schauen wir ihnen nur so gerne dabei zu, wie sie vom Himmel fallen?“ Ihre Augen folgten dem Verlauf eines leuchtenden Funkens, der gerade in diesem Augenblick über das Firmament dahinglitt.

„Naja, sie sind doch einfach schön anzusehen.“, antwortete der alte Mann nach kurzem grübeln. „Wie sie da so funkeln und glänzen. Außerdem hat es doch etwas… ‚Gewaltiges‘, findest du nicht? Etwas, das für uns eigentlich unerreichbar war, findet seinen Weg auf die Erde. Das Himmlische wird zum Weltlichem. Ist das nicht beeindruckend?“ Auch er schaute nun empor und verfolgte den Verlauf der hinabsinkenden Himmelskörper.

„Wie der Fall von Göttern und Helden in antiken Sagen…“ Die Stimme der Frau verlor sich in der Ferne. Sie war kaum noch anwesend, ihre Gedanken kreisten um Objekte, die sich außer Reichweite zu befinden schienen. „Doch ich frage mich, wie lange wir unseren Blick auf die Dunkelheit richten müssen, um hin und wieder einen von ihnen stürzen zu sehen…“

Die Nacht war dunkel und die Schatten zogen sich dicht zusammen. Der alte Mann vergrub sich tiefer in seinen Mantel.

„Aber dann ist heute doch die perfekte Nacht.“, sagte er, während er versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass er allmählich zu frösteln und zu zittern begann. „So viele Sternschnuppen habe ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen…“

Noch immer trommelten die Füße der Frau gegen den grauen Stein, doch irgendwie hatte es nichts Leichtes und Leises mehr an sich, sondern etwas Erwartendes und Gespanntes, so als würde jeden Moment etwas… Beeindruckendes geschehen müssen.

„Willst du dir nicht etwas wünschen? So eine Nacht erlebt man nur sehr, sehr selten im Leben.“ Die Frau gab keine Antwort, stumm und mit zuckenden Füßen starrte sie fortgehend auf den nächtlichen Himmel.

„Gut. Gut.“, lachte der alte Mann, der das Schweigen fälschlicherweise dafür hielt, dass sich die Frau gerade etwas im Stillen wünschte. Doch die Lautlosigkeit der Frau war alles andere als ein stummes Bitten an die Sterne und ihr Schweigen war alles andere als angenehm.

„Kannst du dich noch daran erinnern, wie es früher hier war?“, versuchte der alte Mann die plötzlich so seltsam gewordene Stimmung zu bekämpfen. Aber die Frau verharrte weiterhin allein in ihren stummen Gedanken und so gab auch er sich alsbald der Stille hin.

Über ihnen lösten sich die Sterne scharenweise vom Himmel, so, als würde jeder von ihnen versuchen dieser Nacht noch irgendwie entkommen zu wollen. Zeit verging und Dunkelheit breitete sich wie ein Tintenklecks über den Köpfen der beiden Menschen aus. Der Wind nahm zu und die Luft wurde kälter. Endlich stoppte die Frau die schnellen Bewegungen ihrer Füße. Ihre Augen hatten einen Punkt am Himmel gefunden, den sie wohl die ganze Zeit über gesucht hatte, einen Punkt, der noch finsterer war als das so oder so schon pechschwarze Firmament.

Dann sah er es.

Klauen schälten sich aus der Dunkelheit. Zähne blitzten anstelle der Sterne auf, riesige, messerscharfe Zahnreihen, die einen grinsenden Mund offenbarten.

„Weißt du, warum wir sie so gerne fallen sehen?“, sprach die Frau im ruhigen Ton.

Der Koloss aus Zähnen und Dunkelheit stieg mit abgeknickten und gekrümmten Gliedmaßen auf die Erde hinab. Nichts an seinen Bewegungen schien natürlich. Alles an ihm war wie aus einer Welt jenseits des Vorstellbaren, aus einer Welt jenseits der schlimmsten nur denkbaren Alpträume gerissen.

„Weil wir gerne von Dingen träumen, die wir nicht verstehen können. Und dann wenden wir uns an die Dunkelheit, weil sie uns all das bietet, was wir niemals haben werden.“

Die Erde bebte nicht, als die Hände und die Füße den Boden erreichten, doch man konnte das Ächzen spüren, das über die Welt hinweg zog.

„Was immer es auch ist, wonach es uns auch verlangt; wir werden niemals genug bekommen. Wir werden uns immer nach etwas sehnen, das wir nicht erreichen können.“

Die Luft erzitterte. Ein Berg aus Finsternis wanderte über den Horizont und wo er auftrat, da brach Schwärze aus dem Boden, da versagte das Licht.

„Also muss dies unser Ende sein. Das einzige Ende, das wir jemals verdient haben.“

Der alte Mann sah zu, wie das Ungetüm seinen Weg über Felder, Seen, Wälder und Berge nahm. Nichts hielt es auf, nichts stellte sich ihm in den Weg, dafür war es jetzt viel zu spät.

„Hätten wir es jemals verhindern können?“, stellte der alte Mann seine letzte Frage.

„O nein“, antwortete die Frau bestimmt, „dafür hat es schon viel zu lange im Schatten unserer Sehnsüchte gelauert.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.02.2022. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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