Petra Virbinskis

DER VERSUCH

"Wie meinen Sie das, Herr Evers?"

Ungläubig sah Mark seinen Chef in die Augen.

"Ist doch ganz einfach, Mark! Sie versuchen für ein Wochenende in die Rolle einer Frau zu schlüpfen. Sehen Sie Mark, ich schätze Sie sehr als einen ausgesprochen fähigen Mitarbeiter und ich würde mich nur äußerst ungern von Ihnen trennen..."

Mark blieb fast der Atem weg. Es war ungeheuerlich, was sein Chef da von ihm verlangte. Wut und Entrüstung krochen in ihm hoch. Wie konnte dieser Mann es wagen, ihn, den harten Kerl, der ganz sein Mann stand, so einen Vorschlag zu unterbreiten?

Mark setzte zum Widerspruch an, doch bevor er auch nur einen Ton heraus brachte, entgegnete ihm sein Gegenüber:

"Sehen Sie, ich bin es leid, mir ständig die Beschwerden der Mitarbeiterinnen anzuhören. Und um welche Art der Beschwerden es sich handelt, muss ich Ihnen nicht groß erklären. Das wissen Sie selbst nur zu genau. Ich sage nur: Missachtung der weiblichen Personen. Ich kann und will nicht länger darüber hinwegsehen. Das gesamte Betriebsklima leidet darunter und die Arbeitsmoral der Frauen, die übrigens alle sehr gute Arbeit leisten, leidet ebenso. Gehen Sie auf meinen Vorschlag ein, Mark. Andernfalls..."

"Andernfalls? Ist das eine Drohung?" Mark lief rot an.

"Nein, ein Vorschlag, damit Sie sich vielleicht in Zukunft eher in die Lage einer Frau hineinversetzen können. Und vor Allem, ein Versuch, meine Mitarbeiter zu halten. Sie wissen selbst, wie schwer es heutzutage ist, wirklich fähiges Personal zu bekommen."

"Das ist Erpressung“, entgegnete Mark.

Sein Chef wusste genau, dass er es sich zu diesem Zeitpunkt nicht leisten konnte, den gut bezahlten Job als Industrieelektroniker hinzuschmeißen. Gerade erst hatte er sich einen teuren Geländewagen gekauft und den Vertrag für den Kauf einer Eigentumswohnung unterzeichnet. Aber wie stellte der Chef sich das vor? Was würden wohl die Freunde sagen, wenn er am Wochenende im Röckchen zum Training erschien? Wohlmöglich, mit langen, lackierten Fingernägeln und Dauerwelle, schwere Gewichte im Fitnessstudio stemmt...?

"Ich gebe Ihnen eine Woche Zeit, um darüber nachzudenken!"

Das Gespräch war beendet.

Robert Evers drehte sich zu seinem Schreibtisch um und vertiefte sich in seine Akten. Der etwas untersetzte Mittvierziger mit den warmen, dunklen Augen wusste genau, dass sein Mitarbeiter den Vorschlag annehmen wird. Innerlich konnte er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

 
An diesem Abend grübelte Mark lange in seinem Bett und fragte sich, ob er es tatsächlich übertrieben hatte mit seinem Verhalten den Frauen gegenüber. Aber was hatte er schon großartig getan. Ein paar anzügliche Bemerkungen. Die macht doch jeder einmal. Kaffee kochen und kleine Botengänge, das ist doch genau das, was Frauen können. Und überhaupt. Eine Frau sollte besser zu Hause bei den Kindern und am Herd bleiben. Dafür ist sie doch schließlich vorgesehen. Was ist denn so schlimm daran, dass seine Kolleginnen ihm alles hinterher räumen müssen? Ist das nicht die Natur der Frauen, dafür zu sorgen, dass alles seine Ordnung hat? Hatten seine Eltern ihm nicht ganz klar beigebracht und auch vorgelebt, dass die Geschlechter zu trennen sind? Mark musste unwillkürlich an seinen Vater denken. Ein großer, fast schon Furcht einflößender Mann, der das Geld nach Hause brachte. Was er sagte, war Gesetz! Und seine Mutter? Eine kleine, schmächtige Frau, die nicht wagte zu widersprechen. So lange er denken konnte, stand um Punkt das Essen auf dem Tisch. Da der Vater nicht weit von zu Hause arbeitete, kam er jeden Tag pünktlich zum Mittagessen nach Hause...Er konnte sich nicht daran erinnern, seine Mutter jemals klagen gehört zu haben.
 
Mark fiel in einen unruhigen Schlaf. Wirre Bilder spukten durch seinen Traum. Ein kleiner Junge stand an der Schaukel. Im Haar den Haarreif eines Mädchens und einen Rock in der Hand, den er im Begriff war, anzuziehen. Es war ein schöner Stoff. Schimmernd, faszinierend und so weich. Plötzlich ein Donnergrollen. Es wurde dunkel um den kleinen Jungen. Mark erkannte, dass der kleine Junge ängstlich wurde. Er blickte sich mit weit aufgerissenen Augen um und schien zu erstarren. Vor ihm stand ein mächtiger Mann, der brüllte den Kleinen so laut an, dass es in den Ohren schmerzte. Mark verstand die Worte nicht, aber es konnte nichts Gutes sein. Die Situation wirkte sehr beklemmend auf ihn. Er wollte weg aber seine Beine versagten. Plötzlich war er selbst dieser kleine Junge. Die Mutter rief zum Essen. Er wollte an dem Mann vorbei, hin zur Mutter in die rettenden Arme, doch der große Mann versperrte den Weg. Mark versuchte an ihm vorbei zu laufen, aber seine Füße bewegten sich nicht. Plötzlich ein dumpfer Schmerz, der Mann schlug zu...
 
Schweißgebadet wachte Mark vor seinem Bett auf. Er war tatsächlich aus dem Bett gefallen. Benommen stand er vom Fußboden auf. Zitternd tastete er nach dem Schalter seiner Nachtischlampe. Ein warmes Licht erhellte den Raum auf erträgliche Weise und Mark schlüpfte zurück in sein Bett. Nun bemerkte er, dass sein Kissen nass und seine Bettdecke irgendwo auf der anderen Seite des Bettes, lag. Schwerfällig stand er auf, um einen neuen Bezug aus dem Schrank zu holen. Ein flüchtiger Blick zum Wecker ließ ihn erschrecken. Schon Uhr. Er hatte verschlafen! "Das Bett muss warten", murmelte er und verschwand im Bad unter der Dusche. Für Kaffee und Frühstück blieb an diesem Morgen keine Zeit. Keine gute Basis, um einen Tag zu starten... Gehetzt eilte Mark durch die Halle der Firma. Er musste noch schnell ein paar Ersatzteile aus dem Lager holen, bevor er seine eigentliche Arbeit an diesem Tag verrichten konnte. Mark kam an den Büroräumen vorbei, in dem die Frauen der Firma ihren Arbeitsplatz hatten. Ein freundliches "Guten Morgen, Herr Brandes." flog ihm hinterher. Hörte er da einen spöttischen Unterton?

"Quatsch"; dachte er sich, woher sollte seine Kollegin wissen, was der Chef ihm einen Tag zuvor unterbreitet hat? Nein! Evers war zwar knallhart wenn es ums Geschäft ging aber er war zu seinen Mitarbeitern immer ausgesprochen fair. Jeder schätzte ihn wegen seiner guten Führungsqualitäten. Mark war sich sicher. Von ihm konnte es keiner erfahren haben.

 
Ein paar Tage vergingen und Mark traf seinen Chef auf dem Parkplatz vor dem Betriebsgebäude, auf dem die Firmenwagen parkten.

„Und?“, fragte Evers, „haben Sie sich entschieden?

„Ja, ich werde es tun.“ antwortete Mark leise. „Aber unter der Bedingung, dass ich an diesem Wochenende keinen Bereitschaftsdienst habe und dass die Kollegen nichts davon erfahren.“

„Das ist ein Wort! Ich gebe Ihnen am Freitag einen Tag Sonderurlaub, damit Sie sich die nötigen Sachen besorgen können. Am Montag sehen wir uns dann wieder und ich erwarte einen ausführlichen Bericht.“

Mit diesen Worten drehte sich der Mann um und ging in das Gebäude. Mark stand da und konnte kaum glauben, was er gerade gesagt hatte. War ihm überhaupt klar, auf was er sich da eingelassen hatte? Kopfschüttelnd stieg er in seinen Wagen und fuhr nach Hause.

 
Donnerstagabend. Der Freitag rückte unbarmherzig näher. Immer wieder liefen seine Gedanken quer. Auch in dieser Nacht wurde er von unruhigen Träumen geplagt.

Der gleiche Junge, wie in seinem vorangegangenem Traum, saß vor der Frisierkomode der Mutter und betrachtete sich im Spiegel. In der Hand hielt er einen Lippenstift, den er sich von der Mutter ausborgte. Behutsam zog er seine Lippen nach. Etwas verschmiert blickte ihn sein Spiegelbild an aber er war glücklich und merkte nicht, wie sich die Tür zum Schlafzimmer öffnete. Der Vater trat ein. Zornig schimpfend kam er auf den Jungen zu, entnahm seiner Hose den Gürtel und wie von Sinnen prügelte er auf das Kind mit den Worten ein: „ Das werde ich dir noch austreiben - das werde ich dir noch austreiben…“

Mark schreckte aus dem Schlaf. Seit dem Gespräch mit seinem Chef überfielen ihn diese Träume. Eine Unruhe machte sich breit, die er nicht verstand. In Gedanken versunken saß er am Frühstückstisch. Was war bloß die letzte Zeit mit ihm los? Er konnte es sich nicht erklären. Nun saß er hier und hatte einen Urlaubstag extra. Es wäre ein Kinderspiel, sich auf die faule Haut zu legen. Seinem Chef könnte er am Montag irgendeine Geschichte auftischen. Aber irgendetwas drängte ihn, seiner inneren Unruhe auf den Grund zu gehen. Wie von selber wählten seine Finger die Telefonnummer seiner schon etwas betagten Mutter.

„Bist du nachher zu Hause“, hörte er sich fragen. „Gut, dann bin ich in einer Stunde da.“

Ohne eine Erklärung abzugeben legte er den Hörer auf. Er goss erneut Kaffee in seine Tasse, um sie gedankenversunken zu trinken

Nachdem er die Tasse geleert hatte, holte er einmal tief Luft, stand auf um seine Jacke anzuziehen und verließ mit dem Autoschlüssel in der Hand, die Wohnung. Er stieg in den Wagen und fuhr wie mechanisch die Strecke zu seiner Mutter. Während der Autofahrt fragte er sich, wann er zum letzten Mal bei ihr gewesen ist. Seit dem Tod des Vaters war er öfters bei ihr aber ein paar Wochen war es auch schon wieder her. Ein herzliches Verhältnis hatte er jedoch noch nie zu ihr. Wenn er es beschreiben müsste, würde er mit „etwas unterkühlt“ antworten.

Langsam bog er in die Straße ein, in der sein Elternhaus stand. Hier sah alles noch so aus, wie vor über dreißig Jahren. Dasselbe kleine Rosenbeet im Vorgarten mit derselben kleinen Vogeltränke. Hinten auf der Wiese vor dem Staudenbeet stand immer noch die alte Windmühle, die sein Vater in jungen Jahren selbst baute. „Dass die noch nicht kaputt ist“, wunderte er sich. Hinten im Garten stand der alte knorrige Kirschbaum, an dem die Schaukel aus seinen Kindertagen befestigt war. Einen Moment lang starrte er auf die Schaukel. Dann drehte er sich um und ging langsam zum Hintereingang des Hauses, in dem ihn schon die Mutter erwartete.

„Du siehst blass aus, Junge. Und dünn bist du geworden. Soll ich dir etwas zu Essen machen?“

Das war typisch. Sie dachte immer noch, er würde zu wenig zu Essen bekommen. Als ob es keine anderen Sorgen gäbe.

„Nein, Mama, ich habe gut gefrühstückt. Aber einen Kaffee würde ich gerne trinken, wenn du hast.“

Die alte Frau ging schlurfend vor ihm her in Richtung Küche, wo sie sofort den Kaffee frisch brühte.

„Ach, meine Beine wollen auch nicht mehr so“, entschuldigte sie sich für ihre langsame Gangart.

„Ja, Mama, wir werden alle nicht jünger“; entgegnete er etwas spröde.

Die alte Dame entnahm dem Schrank zwei Tassen, stellte ein Kännchen Milch und einen Zuckertopf auf den Tisch und ließ sich schwerfällig in den Küchenstuhl sinken. Im Wohnzimmer schlug die alte Kaminuhr zehn Mal. Mark schaute auf. Er hielt inne und nach einer kleinen schweigsamen Weile fragte er mit leiser Stimme:

„Warum ist die Schaukel immer noch da?“

Die Mutter senkte den Blick. Trotz ihres hohen Alters konnte sie sehr gut hören. Ihr blieb das Beben in seiner Stimme nicht verborgen.

Ebenso leise erwiderte sie:

„Ich hoffe, dass eines Tages meine Enkelkinder darauf schaukeln werden.“

Mark blickte sie scharf an.

Schnell warf sie ein:

„Aber du kannst sie auch abnehmen, wenn du willst. Ich schaffe das nicht mehr alleine.“

Mark nickte.

Schweigen!

Nach einer halben Ewigkeit hob er erneut den Kopf und fragte zögerlich:

„Hast du alte Kinderfotos von mir?“

Seine Hände wurden feucht ohne dass er sich erklären konnte, warum das so war. Nie hatte er zuvor nach Fotos gefragt, ja er wusste nicht einmal, ob es welche von ihm gab. Bis heute hatte er sich auch nie Gedanken darum gemacht aber plötzlich erschien es ihm wichtig. Erstaunt blickte die Mutter ihn an.

„Ich habe welche im alten Wäscheschrank. Es sind nicht viele. Möchtest du sie sehen?“

Alles in ihm schrie – NEIN! Stattdessen aber antwortete er ungewohnt fest: „Ja!“

Die alte Dame stand auf und schlurfte ins Schlafzimmer. Kurz darauf hörte Mark, wie sie seinen Namen rief.

„Kannst du mir bitte helfen? Ich habe sie ganz oben im Schrank.“

Mark erhob sich vom Stuhl. Kurz darauf betrat er das Schlafzimmer. Sein Blick fiel auf die alte Frisierkomode, die in der Ecke neben dem großen Bett stand. Er blieb wie erstarrt stehen. Plötzlich wurde ihm klar, dass der kleine Junge in seinen Träumen nicht irgendein Junge war, sondern…

 
 „Kommst du da oben an, Mark? ------  Mark? Was ist mit dir?“

Mark wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen.

Erschrocken drehte er sich zu seiner Mutter um, ging auf sie zu und kramte wortlos im obersten Fach nach dem alten Schuhkarton, in dem sich die Fotos befanden.

Mit dem Karton in der Hand ging er drei Schritte auf das Bett zu. Langsam ließ er sich darauf nieder. Fast feierlich öffnete er den Deckel und entnahm der Schachtel eine Handvoll Bilder, denen man ansah, dass sie schon sehr alt waren. Seine Mutter ließ sich neben ihm auf das Bett fallen und blickte ihn fest an. Behutsam nahm sie ihm die Bilder aus der Hand. Dann zeigte sie ihm ein Foto, auf dem zwei Kinder zu sehen waren. Ein Junge auf der Schaukel, etwa drei Jahre alt und ein Mädchen, das dem kleinen Jungen scheinbar Anschwung gab. Das Mädchen mochte etwa zehn oder zwölf Jahre alt gewesen sein. Genau konnte Mark es nicht schätzen. Beide Kinder lachten fröhlich in die Kamera.

„Wer ist das“, fragte Mark mit stockendem Atem. „Bin ich das?“ er zeigte auf den schaukelnden Jungen.

„Ja“, antwortete die Mutter. „Das bist du.“

Nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: „… und das ist Alex.“ Sie tippte mit dem Finger auf das Mädchen. Verwundert sah Mark sie an. „Alex?“ Wie konnte das Mädchen auf dem Foto Alex sein?

Alex war sein älterer Bruder. Warum hatte er ein Kleid an und diesen Haarreif auf dem Kopf?

Seit dem Tod des älteren Bruders hatte in der Familie niemand mehr ein Wort über ihn gesprochen. Mark war damals etwa 5 oder 6 Jahre alt, als sein Bruder auf tragische Weise bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Er erinnerte sich nur sehr schwach an ihn. Später einmal, konnte er die Eltern bei einem Gespräch belauschen, in dem der Vater zur Mutter drohend sagte: „Ich will diesen Namen in meinem Haus nie wieder hören!“ Mark verstand nicht, worum es ging aber er verstand sehr gut, dass es seinem Vater sehr ernst damit war und so hielten sich alle an das Gebot des strengen Mannes.

Als ob die alte Frau seine Gedanken lesen könnte, flüsterte sie leise:

„Alex war schon immer anders als du. Er spielte lieber mit Puppen, anstatt mit Autos…“

Ihre Stimme versagte. Tränen sammelten sich in ihren mittlerweile trübe gewordenen Augen.

Tausend Fragen kamen Mark in den Sinn aber bei dem Anblick seiner Mutter brachte er kein Wort über die Lippen. Noch nie hatte er diese Frau so gesehen. Er spürte dass die ganze Trauer, die seine Mutter stets begleitet hatte, in irgendeinem Zusammenhang mit diesen Fotos stand. Zaghaft umarmte er sie und plötzlich brach es aus ihr heraus.
„Dein Vater ist schuld…“ Ungläubig sah Mark sie an. Er verstand nicht, was sie damit sagen wollte.

„Er hat Alex in den Tod getrieben. Ich werde es mir nie verzeihen können.“

Mark war erschüttert. War seine Mutter mittlerweile so senil, dass sie wirres Zeug redete?

Schluchzend sank Marks Mutter in sich zusammen. Jahrzehntelang hatte sie geschwiegen, nun konnte sie nicht mehr. „Mama, beruhige dich und dann erzähl der Reihe nach.“ Hilflos versuchte Mark seine Mutter zu trösten. Aber wie sollte er sie beruhigen? War er nicht selbst so aufgewühlt, dass es ihm schwer fiel ruhig zu atmen? Die Frau nestelte ein Taschentuch aus ihrer Kitteltasche, schnäuzte sich die Nase, wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln und sah ihren Sohn direkt in die Augen. Dann holte sie einmal tief Luft und sprach mit fester Stimme: „Es gibt da Dinge, von denen du nichts weißt. Ich will sie dir endlich erzählen. Die Zeit dafür ist längst gekommen.“

Mark zitterte am ganzen Körper und es fiel ihm sichtbar schwer, sich unter Kontrolle zu halten. War das noch nicht genug für heute? Sein Bruder trug zu Lebzeiten Mädchenkleider, sein Vater war schuld und seine Mutter redete wirres Zeug. Das war mehr als genug für einen Tag. Aber es bedurfte auch der Erklärung und so riss Mark sich zusammen, um den Worten seiner Mutter folgen zu können.

„Dein Bruder wurde als Hermaphrodit geboren. Das heißt, dein Bruder hatte bei seiner Geburt beide Geschlechtsmerkmale und man sagte uns, er wäre dadurch für sein weiteres Leben behindert, wenn man nichts dagegen unternehmen würde. Die Ärzte im Krankenhaus verlangten von uns damals eine schnelle Entscheidung. Sie rieten zwar dazu, das Kind zum Mädchen operieren zu lassen, aber dein Vater wollte unbedingt einen Stammhalter. Da Alex einen kleinen Penis hatte, bestand er darauf, dass die weiblichen Organe entfernt werden sollten. Ich stimmte dem zu, weil die Ärzte der Meinung waren, es ist eine reine Erziehungssache, ob ein Mensch als Mann oder als Frau leben kann. Ich merkte bald, dass es ein Fehler war, so entschieden zu haben. Dein Bruder hatte viele weibliche Eigenschaften in sich. Das kristallisierte sich schon sehr früh heraus. Jeder Versuch, mit deinem Vater darüber zu reden, scheiterte. Er hatte einen Sohn und so sollte er auch erzogen werden. Als Alex fünf oder sechs Jahre alt war, fing er an, heimlich meine Kleider zu tragen. Es sah zu komisch aus, wie der kleine Kerl in den viel zu großen Sachen steckte.“

Ein leichtes Lächeln huschte über das alte Gesicht und die Augen der Mutter schienen ganz kurz aufzuleuchten. Dann fuhr sie fort:

„Ohne das Wissen deines Vaters, kaufte ich ihm einen Rock und eine Bluse. Ich musste die Sachen gut verstecken, damit Papa sie nicht finden konnte. Als Alex die Kleider zum ersten Mal anziehen durfte, leuchteten seine Augen, als sei Weihnachten. Da wusste ich sicher, Alex ist in Wirklichkeit ein Mädchen. Es tat mir so weh, wenn ich sah, wie unglücklich Alex in manchen Momenten war und ich trug mit Schuld daran. Glaub mir! Wenn ich es hätte rückgängig machen können, so hätte ich es getan. Die Operation war aber nicht mehr rückgängig zu machen und so vertraute ich darauf, dass alles noch gut werden würde, wenn Alex erst einmal in die Pubertät käme. Alex war achteinhalb Jahre alt, da wurdest du geboren. Ein normaler kleiner Junge und dein Vater war so stolz. Er zog sich immer mehr von Alex zurück und beschäftigte sich viel mit dir. In seinen Augen warst du ein richtiger Junge und Alex ein Krüppel, ein Versager, ein Nichts. Natürlich verstand Alex die Abneigung nicht, die Papa ihm entgegen brachte und mir blieb nichts anderes übrig, als zu versuchen, die Lieblosigkeit vom Vater irgendwie auszugleichen.“

Die Mutter hielt inne. Sie kämpfte erneut mit den Tränen. Mark schwieg betroffen. Nein – das hatte er alles nicht gewusst, Ihm fielen die Bilder aus seinen Träumen ein.

„Wurde Alex vom Vater geschlagen?“ fragte er leise.

Die Mutter nickte zaghaft, dann fügte sie hinzu:

„Immer wenn er Alex dabei erwischte, wie er sich Mädchenkleidung anzog.“

Nun erzählte Mark der Mutter von seinen Träumen. Stumm kramte sie in der alten Schachtel und zog einen Haarreif heraus. Sie hielt Mark den Reif schweigend entgegen. Sofort wusste Mark, dass seine Träume Wirklichkeit gewesen sind. Alles hatte sich so zugetragen, wie er es in seinen Träumen sah.

„Das und die Erinnerung ist alles, was mir von deinem Bruder geblieben ist.“

Mit diesen Worten nahm sie den Haarreif und legte ihn behutsam in die Schachtel zurück. Dann klappte sie den Deckel zu. Sie stand auf, um den Karton wieder an seinen Platz zu bringen. Mark stand ebenfalls auf, nahm ihr den Karton ab und stellte ihn zurück in das oberste Fach des Wäscheschrankes.

Wortlos verließ die alte Dame den Raum, während Mark sich noch einmal schweigend umsah. Sein Blick fiel auf den Lippenstift, der auf der Komode lag. Rasch ging er darauf zu und nahm ihn an sich. Dann eilte er der Mutter hinterher.

 
Auf dem Heimweg hämmerte Marks Schädel. Ihm kamen die letzten beiden Stunden, die er bei seiner Mutter verbracht hatte, vor wie ein böser Alptraum. Immer mehr Erinnerungsfetzen bahnten sich den Weg in seine Gedanken. Er hatte das in all den Jahren verdrängt oder wollte es verdrängen. Nur schwer konnte sich der Mann auf den Straßenverkehr konzentrieren und er war froh, als er endlich in seiner Wohnung ankam.

Müde ließ er sich in den Sessel fallen. Immer wieder kreisten seine Gedanken um Alex. Für Mark war der Tod des Bruders damals ein sehr großer Verlust. Er liebte und verehrte ihn geradezu. Jetzt kam heraus, dass der geliebte Bruder eigentlich ein Mädchen war? Marks Weltbild schwankte gefährlich. Für ihn war Alex immer ein großes Vorbild gewesen.

„Ich muss hier raus!“ murmelte er, stand auf und ging in Richtung Schlafzimmer. Dort schnappte er sich seine Sporttasche. Fluchtartig verließ er die Wohnung um ins Fitnessstudio, das nur wenige Meter von seiner Haustür entfernt war, zu gehen. Wie von Sinnen verausgabte er sich an den Trainingsgeräten bis er nicht mehr konnte. Danach ging er unter die Dusche und ließ sich das heiße Wasser über den Körper laufen. Minutenlang stand er regungslos mit Händen und Stirn an die Wand gelehnt, da.
 

Wieder zu Hause angekommen, kramte er in seiner Jackentasche nach dem Lippenstift, den er von der Mutter mitgenommen hatte. Mark stellte ihn vor sich auf den Tisch. Er goss den restlichen Kaffee aus der Thermoskanne in einen Becher, setzte sich auf den Küchenstuhl und zündete sich eine Zigarette an. Tief inhalierte er den Rauch und sah dabei auf den Lippenstift. Plötzlich schüttelte er heftig den Kopf:

„Nein! Ich kann doch unmöglich als Frau auf die Straße gehen.“

Zaghaft nahm er den Lippenstift in die Hand, zog die Kappe ab und malte seine Lippen nach. Er stand auf, ging ins Badezimmer und schaute in den Spiegel. Schnell nahm er die Rolle Toilettenpapier, um sich den Lippenstift wieder abzuwischen. Kurz darauf setzte er sich in den Sessel. Mark knipste mit der Fernbedienung den Fernseher an. Irgendwie musste er sich ablenken. Der Bildschirm zeigte eine wunderschöne junge Frau mit knallroten Lippen. Er hörte sie noch sagen: „… weil Sie es sich wert sind!“

Werbung! Mark schaltete um. Das andere Programm warb für extra lange Wimpern.

„Verflucht noch mal, sind denn alle heute gegen mich?“ Ärgerlich beschloss er den Fernseher wieder auszuschalten. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass die Geschäfte in wenigen Stunden schließen würden. Wenn er noch Damenwäsche besorgen wollte, dann müsste er jetzt los. Aber wollte er tatsächlich Damenbekleidung kaufen?

„Stell dich nicht so an!“ sagte er zu sich selbst. „Die zwei Tage wirst du schon überleben und danach wirfst du den Kram einfach in die Tonne. Dein Chef kann nicht meckern, du hast deinen Teil erfüllt und alles geht dann wieder seinen gewohnten Gang.“

Tief im Inneren wusste er, dass er sich in diesem Moment selbst belog.

 
Mark blickte in das Schaufenster und musterte die Auslagen mit dem Blick eines Mannes. Ein bordeauxfarbener BH erregte seine Aufmerksamkeit. Seidig glänzend mit wunderschöner Spitze im Dekoltee lockte dieser BH seine männliche Fantasie. Er stellte sich eine Frau darin vor und entdeckte auch gleich ein dazu passendes Höschen. Ohne lange zu überlegen trat er in das Geschäft ein und schaute sich um. Links von ihm stand ein Ständer mit genau den Dessous, die er gerade im Schaufenster betrachtet hatte. Eine Weile stand er unschlüssig vor dem Verkaufsständer. Er hatte keine Ahnung, welche Größe er für sich kaufen müsste. Dann griff er zu einem BH, dessen Körbchen recht groß war in der Annahme dass dieser BH passen müsste als eine freundliche Stimme hinter ihm ertönte:
„Kann ich Ihnen helfen?“

Erschrocken drehte Mark sich um. Er sah einer älteren Dame, die zweifellos die Verkäuferin sein musste, in die Augen. Rot anlaufend und leicht stotternd sagte er hastig:

„Ich suche etwas für meine Freundin.“

„Welche Größe hat denn die Dame?“ fragte die Verkäuferin freundlich.

Mark räusperte sich und erwiderte:

„Ich weiß das nicht so genau. Sie hat so in Etwa meine Statur.“

Mark biss sich auf die Unterlippe. Durch sein Krafttraining hatte er einen ziemlich breiten Brustkorb und dementsprechend breite Schultern.

Ohne die von Mark erwartete Bemerkung, zog die Frau einen BH vom Ständer und reichte ihn Mark.

„Sie wissen nicht zufällig, welche Körbchengröße Ihre Freundin hat?“

Körbchengröße? Um Himmels Willen! Woher sollte er nun wissen, welche Körbchengröße er benötigen würde. Er schüttelte den Kopf. Das alles war ihm äußerst unangenehm. Mit den Händen zeichnete er eine Wölbung in die Luft. „So etwa!“

Spätestens jetzt würde die Verkäuferin merken, was mit ihm los war. Aber die Dame ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie hing der ersten BH wieder weg und nahm einen Anderen von der Stange.

„Das ist jetzt ein D-Körbchen und die Unterbrustweite 95. Wenn der BH nicht passen sollte, dann können Sie ihn auch umtauschen. Möchten Sie das passende Höschen auch dazu?“

„Ja bitte“, nickte Mark, sichtlich erleichtert, dass die Verkäuferin ihm den Kauf so einfach machte.

Sie hielt ihm ein Höschen hin und sagte:

„Schauen Sie doch einfach mal nach, welche Größenangabe in der Unterwäsche Ihrer Freundin steht. Vielleicht während sie schläft, wenn es eine Überraschung werden soll.“

Mark erschrak. Das war kein Höschen, das war ein Zelt! Niemals würde ihm diese Hose passen. Da würde er, selbst mit beiden Beinen in einem Beinausschnitt, herausfallen.

„Haben Sie die Hose auch etwas kleiner“? fragte er zaghaft.

„Selbstverständlich.“ Antwortete die Frau gleich bleibend freundlich. Sie reichte ihm daraufhin ein kleineres Höschen und Mark war der Meinung, dass diese Hose passen müsste. Zum Schluss folgte er der Verkäuferin an die Kasse, bezahlte und wünschte einen schönen Tag.

Das war geschafft. Die erste Hürde hatte er genommen und es war leichter als er es sich vorgestellt hatte. Eine Mischung aus Befreiung, Stolz und Siegesgefühl machte sich in ihm breit. Mark konnte ein zufriedenes Lächeln nicht verkneifen. Nun konnte doch eigentlich nichts mehr schief gehen. Als nächstes rief er den Schuhkauf auf den Plan. Trotz des Erfolgserlebnisses noch etwas flau in der Magengegend betrat er die Damenabteilung eines großen Schuhfachgeschäftes, sah sich um und erspähte einen Schuh in der Art, wie er sie an den Frauen liebte. Einen spitzen Pumps mit 10 cm Absatz. Er nahm ihn in die Hand, drehte ihn, um zu sehen welche Größe der Schuh wohl hatte und war enttäuscht. Größe 36. Welcher Zwerg sollte diese Schuhe denn anziehen? Suchend blickte er sich um. „Haben die denn nichts in Größe 43?“ murmelte er, als auch schon ein sympathischer Schuhverkäufer um die Ecke bog und geradewegs auf Mark zusteuerte.

„Auch das noch! Ein Kerl.“ dachte Mark und drehte sich schnell um damit der Mann an ihm vorbei gehe. Aber so leicht kam er nicht davon. Der Verkäufer hatte Mark fest im Visier und sprach ihn prompt an:

„Kann ich helfen?“

„Nein danke, ich sehe mich nur mal so um.“ Hörte Mark sich sagen. Am liebsten wäre er geradewegs wieder aus dem Schuhgeschäft verschwunden, als der Schuhverkäufer nachhakte:

„Welche Größe soll es denn sein?“

Wie sollte Mark ihm nun erklären, dass er ein Paar Damenpumps in Größe 43 brauchte?

„ja, das ist so“, stammelte Mark. Ich bin zu einer Themenparty eingeladen und das Thema ist, - ähm – na ja, ich soll als Frau erscheinen.“ Mark schluckte. Themenparty! Etwas Besseres fiel ihm ja wohl nicht ein. Das kauft ihm doch kein Mensch ab, dachte er.

Wider erwarten fragte sein Gegenüber sachlich:

„Ja, welche Größe tragen Sie denn?“

„43“, antwortet Mark knapp.

„Hm, das wird schwierig. Da habe ich bestenfalls ein Paar Sportschuhe in der Größe oder Birkenstocks. Aber probieren Sie doch diesen Schuh mal in Größe 42.“

Der Verkäufer deutete mit einer Handbewegung auf ein Paar dunkelbraune, Slings mit 8 cm hohen Absätzen, die etwa zwei Schritte von den beiden Männern entfernt im Regal standen.

„Auch gut“, dachte Mark. „Hauptsache ich habe ein Paar Schuhe.“

Der Schuhverkäufer reichte ihm das Paar in Größe 42 und lächelte ihn freundlich an.

„Nehmen Sie doch bitte Platz. Ich bringe Ihnen ein Paar Probierstrümpfe.“

Nach einem kurzen Blick auf Marks Tennissocken, drehte der Mann sich um und ging Richtung Kasse, um die Socken zu holen. Mark sah an sich herunter und fragte sich, warum der Mann andere Strümpfe holen wollte. Seine Socken hatten weder Löcher, noch waren sie schmutzig. Brav setzte er sich auf den ihm zugewiesenen Platz und wartete auf die Rückkehr des Verkäufers. Er kam sich vor wie ein dummer Schuljunge, der auf weitere Anweisungen wartete.

Nach einer kurzen Zeit erschien der Verkäufer mit einem Paar Perlonstrümpfen in der Hand. Er reichte sie Mark. Mark sah den Schuhverkäufer fragend an und dachte.

„Soll ich diese Dinger etwa wirklich anziehen?“ Ein mulmiges Gefühl ergriff Besitz von ihm. Gleichzeitig empfand er aber auch ein gewisses Kribbeln. Der Reiz, das Unmögliche möglich zu machen, hatte ihn erreicht.

Noch etwas zaghaft zog Mark die Strümpfe an und schlüpfte in den Schuh. Er stand auf, sah in den großen Spiegel, der unmittelbar in seiner Nähe platziert war. Unsicher versuchte Mark ein paar Schritte auf den Spiegel zu zu gehen. Die Schuhe drückten seine Zehe zusammen und am Spann schnitt er ein. Da Mark keinerlei Lust verspürte noch weiter nach Schuhen zu suchen und möglichst schnell aus dieser beklemmenden Situation wieder heraus wollte, war er sich sicher, dass es für einen oder zwei Tage schon gehen würde. Anschließend würden die Schuhe ohnehin in den Mülleimer wandern.

„Passt!“

Der Schuhverkäufer nickte und fragte.

„Soll es noch mehr sein?“

„Nein“, antwortete Mark schnell. Dieses eine Paar reicht mir.“

Erleichtert zahlte er und verließ das Schuhgeschäft um ein Paar Damenpumps reicher.

 
Schuhe hatte er. Unterwäsche hatte er! Nun fehlte noch etwas für oben drüber. Er ging ins nächst größere Kaufhaus, um in der Anonymität die passenden Kleidungsstücke aussuchen zu können. „In der Masse falle ich hoffentlich nicht auf“, dachte er und steuerte auf einen Minirock zu, der ihm durch seine grelle Farbe ins Auge fiel. Neon pink! „Der hat doch was“, murmelte er und hielt ihn auch schon in seiner Hand. Ein kurzer Blick auf die Bundweite verriet ihm, dass der Rock passen könnte.

„Gekauft“ sagte er leise zu sich selbst.

„Das war ja einfach. Nun noch ein Top“, schoss es ihm durch den Kopf.

Ein Gang weiter wurde er auch schon fündig. Auf einem Sondertisch lagen Tops in vielen verschiedenen Farben und Größen, die im Preis reduziert waren. Zielstrebig griff er nach einem knallgelben Top mit kleinem Kragen. Dann erblickte er das Etikett auf dem die Größe S angegeben war und legte das Top wieder zurück, um nach einem Größeren zu suchen. Nach einer Weile hatte er das gelbe Top auch in Größe XL gefunden. Er trug immer XL, also sollte es wohl passen, dachte er.

Unbehelligt gelangte er an die Kasse, zahlte und war im Begriff, das Kaufhaus zu verlassen, als er in der Nähe des Ausganges die Strumpfabteilung erblickte.

„Ach ja, die hätte ich jetzt fast vergessen, “ bemerkte Mark. Er schwenkte ein wenig nach rechts und stand vor einer Riesenauswahl an Strümpfen. An Frauenbeinen fand er diese seidenzarten, hauchdünnen Nylons ausgesprochen sexy. Nun sollte er aber für sich welche kaufen. Etwas ratlos schaute er sich die Vielzahl der Strumpfhosen, Strümpfe und Dergleichen ausgiebig an.

„Und nun?“ fragte er sich. „Nun ist guter Rat teuer.“

Angespornt durch die positiven Erfahrungen, die er in der letzen Stunde mit dem Verkaufspersonal gemacht hatte, beschloss er kurzerhand eine Verkäuferin zu fragen. Sein Herz klopfte wie wild, als er auf eine junge, schlanke Frau zuging, die hier angestellt zu sein schien.

Er räusperte sich und sprach:

„Verzeihung, können Sie mir helfen?“

Die Verkäuferin blickte auf und sah Mark mit zwei funkelnden, stahlblauen Augen an. Mark stockte der Atem. Plötzlich brachte er kein Wort mehr heraus.

Mit fragendem Blick und einem umwerfenden Lächeln, das Marks Knie weich werden ließen, erwiderte sie:

„Ja, gerne. Wie kann ich Ihnen denn helfen?

Mark hatte Mühe, sich zu fangen. Der Klang ihrer Stimme wirkte erotisierend auf ihn.

Er stotterte:

„Ich suche ein Paar Stümpfe.“

„Ja, davon haben wir jede Menge“, lachte die Verkäuferin.

„Eben!“ Mark gewann allmählich seine Fassung wieder. „Und weil es so viele sind, brauche ich Ihre Hilfe.“ Er lächelte die junge Frau mit seinem charmantesten Lächeln, das er zu bieten hatte, an.

„Dann erzählen Sie mir doch, welche Art von Strümpfen Sie suchen. Und welche Größe sie haben sollten.“

Mark überlegte kurz. Gerade dieser hübschen Frau konnte er ja kaum erzählen, dass er die Strümpfe für seinen eigenen Bedarf erwerben wollte. Und die Nummer mit der Freundin konnte er auch nicht anwenden. Also brauchte er ganz schnell eine neue Geschichte.

„Meine Mutter hat mich gebeten, ihr ein Paar besondere Strümpfe mitzubringen. Sie sollten hinten eine Naht haben und glänzen.“

Wie von selbst kamen ihm diese Worte über die Lippen.

Immer noch lächelnd antwortete die junge Frau:

„Sollen es Strapsstrümpfe sein oder Halterlose? Oder möchte Ihre Mutter lieber eine Strumpfhose?“

„Was würden Sie denn bevorzugen?“ strahlte Mark.

„Ich persönlich würde Halterlose bevorzugen. Die sind am bequemsten und lassen sich am einfachsten anziehen.“

„Gut!“ sagte Mark, „dann nehme ich die doch.“

„Und welche Größe?“ fragte sie zurück.

Nun saß er in der Falle. Welche Mutter hatte schon Schuhgröße 43.

„Sie sollten schon ein wenig größer sein“, erwiderte er vorsichtig. Meine Mutter hat recht kräftige Beine.“

„Wenn mir bei jeder Lüge, die ich heute über die Lippen gebracht habe, die Nase ein Stück gewachsen wäre, dann würde ich vermutlich mit der Nase im Ausgang stecken“, schoss es ihm durch den Kopf.

Die junge Verkäuferin entnahm dem Regal eine Packung halterlose, schwarze Strümpfe mit Naht und überreichte sie Mark. Gemeinsam gingen sie zur Kasse. Mark konnte immer noch nicht seinen Blick von ihr wenden.

„Haben Sie sonst noch einen Wunsch“, fragte die Hübsche

„Ihre Telefonnummer.“

Die junge Frau konterte:

„1 Euro“, und lachte.

Mark zahlte seine Ware. Die Telefonnummer bekam er nicht. Dafür aber ein hinreißendes Lächeln und ein Augenzwinkern.

„Ich weiß ja jetzt, wo Sie arbeiten“, flachste er.

„Und das umsonst“, gab sie zur Antwort.

Mit einer Handbewegung verabschiedete er sich und verließ das Kaufhaus mit einem zufriedenen Lächeln.

 
Plötzlich schoss ihm durch den Kopf, dass er ja unmöglich mit seiner Kurzhaarfrisur als Frau ausgehen könnte. In einer knappen Stunde würden die Geschäfte schließen. Wo sollte er auf die Schnelle eine geeignete Perücke herbekommen? „Friseur“! dachte er und steuerte auf einen Friseursalon zu, der sich unweit von ihm in der Einkaufspassage befand. Er betrat den Salon und fragte die Friseurin, die hinter der Empfangstheke stand, ob sie auch Perücken hätten. Sie bejahte und zeigte ihm eine kleine Auswahl an Damenperücken, nachdem er Toupets dankend abgelehnt hatte.

„Was soll denn diese Perücke kosten?“ fragte er etwas unsicher und zeigte auf eine rotblonde Perücke mit mittellangem Haar.

„478,00 Euro“, antwortete die Friseurin.

„WAS?“ Mark meinte sich verhört zu haben aber die Frau wiederholte den Preis.

„Ich überlege es mir noch“. Mit diesen Worten verließ er den Salon und betrat die Straße.

„Das ist ja Wahnsinn! Das sind Preise wie in der Apotheke. Wer soll denn solche Preise zahlen?“ schimpfte er vor sich hin. Ihm kam die rettende Idee. „Kostümverleih!“

Er wusste, wo ein Kostümverleih zu finden war aber dazu musste er mit dem Auto eine gute halbe Stunde Stadtauswärts fahren und die Zeit drängte. Eilig ging er den Weg zurück zum Parkhaus und verstaute seinen Einkauf im Kofferraum seines Wagens. Eilig fuhr er los.

Exakt 3 Minuten vor Ladenschluss betrat er den etwas staubig wirkenden, kleinen Laden, der eher einer Altkleidersammlung glich, als einem Geschäft. Ohne sich umzusehen, fragte Mark den Inhaber des Lädchens direkt nach Perücken.

„Momentan habe ich nur zwei Damenperücken auf Lager. Ich hole sie, Einen Moment bitte.“

Nun fand Mark etwas Zeit, um sich in dem Laden etwas umzusehen. Dicht aneinander gereiht hingen die Kleidungsstücke bunt durcheinander auf den Stangen. Ein leicht muffiger Geruch stieg ihm in die Nase.

Nach einer kleinen Weile kam der ältliche Besitzer des Geschäftes mit zwei Perücken in der Hand, zurück und legte sie vor Mark auf den Tresen.

„Bitte, das ist alles, was ich habe.“

Mark begutachtete die beiden unfrisierten Perücken und hatte nun die Wahl zwischen einer blonden Löwenmähne und einem schwarzen Pagenkopf. Er nahm die blonde Perücke in die linke Hand und strich mit der Rechten die Haare etwas glatt, was nicht recht gelingen wollte. In Anbetracht der Tatsache, dass die Zeit schon etwas fortgeschritten war und sein Gegenüber nervös von einem Bein auf das Andere trat, entschied sich Mark für die blonde Variante. Jetzt hatte er alles zusammen.

Wieder zuhause angekommen, ließ er die Einkaufstaschen im Flur fallen. Zuerst ging er ins Badezimmer, um sich eine heiße Dusche zu gönnen. Tropfnass fiel er, nach der entspannenden Dusche, müde und erschöpft in sein Bett, worauf er sogleich in einen traumlosen Schlaf fiel.

 
Ein schriller, lauter Ton durchbrach die wohlige Ruhe, in der sich Mark befand. Er schreckte aus dem Schlaf. Wieder ertönte der Laut, der ihn viel zu früh geweckt hatte. Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis Mark realisiert hatte, dass es die Klingel war. Halb benommen schlurfte er zur Haustür und öffnete. Verschlafen blinzelte er in das frische Gesicht der Postbotin.

„Herr Brandes?“ flötete die Beamtin.

Etwas zerknirscht antwortete Mark: „Ja.“

„Ich habe ein Einschreiben für Sie.“ Die Frau kritzelte etwas auf ihren Block und übergab Mark den Brief.

„Danke“, murmelte er und schloss die Tür. Achtlos warf er den ungeöffneten Umschlag auf die Komode, die neben der Eingangstür ihren Platz hatte. Dann begab er sich in die Küche um einen frischen Kaffee zu kochen. Während er die Kaffeemaschine betätigte, kamen nach und nach die Gedanken an den vorherigen Tag zurück.

„Mein Gott, das ist doch alles nicht wahr“, er fuhr sich mit der rechten Hand durch das Gesicht, als wolle er die Gedanken fort wischen. Doch der Blick in den Flur brachte ihm die grausame Wirklichkeit ein Stück näher. Dort standen immer noch die Einkaufstaschen, in denen er alles für den heutigen Tag verstaut hatte.

„Ich muss verrückt sein“, dachte er. „Wie konnte ich mich bloß auf so einen Schwachsinn einlassen.“

Für einen Rückzieher war es zu spät. Sein Vater hatte ihm schon früh beigebracht, dass ein Mann zu seinem Wort stehen musste. Selbst wenn es noch so irrsinnig war, er würde es durchziehen.

Nach einer heißen Tasse Kaffee und einer erfrischenden Dusche verflog allmählich die Müdigkeit und Mark überlegte, ob er nun alles für seinen Auftritt zusammen hatte. Er holte die Taschen aus dem Flur, packte sie aus, legte alles vor sich auf den Küchentisch und überlegte, was er wohl vergessen haben könnte.

Während er seinen Blick über die Kleidungsstücke schweifen ließ, bemerkte er, dass er zwar ein komplettes Outfit gekauft hatte, aber um als Frau auf die Straße gehen zu können, fehlte ihm doch die nötige Kosmetik. Nur der Lippenstift seiner Mutter würde sein herbes Männergesicht noch lange nicht mit weiblichen Zügen ausstatten. Er hatte keine Ahnung, was er alles brauchen würde, aber so schwer konnte es wohl nicht sein. Schließlich sprach die Werbung ja täglich von den Dingen, die ein perfektes Styling möglich machen würden.

Er beschloss in das Kaufhaus zu gehen, in dem er Tags zuvor die Strümpfe erstanden hatte. Bei dem Gedanken daran, die hübsche Verkäuferin wieder zu sehen, schlug sein Herz etwas höher.

Auf der Fahrt dorthin, schoss es ihm durch den Kopf, wie wohl sein Bruder Alex als Frau ausgesehen hätte. Schnell schob er die Gedanken an Alex beiseite. Zu schmerzhaft war das, was er von seiner Mutter erfahren hatte und so konzentrierte er sich auf den Straßenverkehr und auf die junge Frau, die er bald wieder sehen sollte. Ob sie eine Einladung zum Essen von ihm annehmen würde?

Mark stellte sein Auto im Parkhaus ab und eilte, nicht ohne ein Kribbeln in der Magengegend zu verspüren, dem Eingangsportal des Geschäftes entgegen. Suchend blickte er sich in der Strumpfabteilung um aber er konnte die junge Frau nirgendwo entdecken. Enttäuscht beschloss er, zuerst die Kosmetikabteilung aufzusuchen um danach erneut nach der Verkäuferin Ausschau zu halten. „Vielleicht ist sie ja gerade zur Pause“, dachte er.

In der Kosmetikabteilung angekommen, stand er auch schon vor dem nächsten Problem. Wie ein tropischer Regenwald, der mit Schlingpflanzen und undurchdringlichem Dickicht eine Orientierung unmöglich macht, stand er mitten in einer riesigen Auswahl an Kosmetik und diversem Zubehör. Er sah Pinsel, die wahrscheinlich in Picassos Händen wahre Zauberei vollbracht hätten und Geräte, deren Funktion er absolut nicht nachvollziehen konnte. Mark nahm so ein merkwürdiges Gerät in die Hand und las: „Wimpernformer“.

Allerdings konnte er sich nicht erklären, wie dieses Ding gehandhabt werden sollte. Er legte den Wimpernformer zurück auf seinen Platz und suchte nach Lidschatten und Wimperntusche. Dann fand er sich vor fünf verschiedenen Verkaufswänden von verschiedenen Produktherstellern wieder. „Wie soll man sich denn da zurechtfinden“, dachte er und ging einen Schritt darauf zu. Zum ersten Mal empfand er uneingeschränkte Bewunderung für all die Frauen, denen es gelang, sich in diesem Dschungel auszukennen. Etwas ratlos beobachtete er eine Frau mittleren Alters, die zielstrebig auf eine der Wände zuging und sich dort einen Wimpernroller und einen schwarzen Kajalstift nahm. Um nicht von der Masse des Angebotes erschlagen zu werden, tat er es ihr gleich. Sein Blick fiel auf eine kleine runde Dose, die Puder in Hautfarbe enthielt. Auch diese Dose nahm er an sich und rätselte, was ihm wohl noch fehlte.

„Sagten die in der Werbung nicht immer etwas von einem perfekten Make-up?“ murmelte er und suchte mit seinen Augen danach. Auch hier war die Vielfalt überwältigend. Er hatte ja keine Ahnung, welche Farbe am besten zu ihm passt oder welchen Hauttyp er hatte. Bislang kam er mit Wasser, Seife und Aftershave immer noch ganz gut aus. Da gab es keine verschiedenen Farben. Zumindest keine, die sich auf den Teint hätten auswirken können. Er griff nach einem Make-up, das seiner Hautfarbe am ähnlichsten zu sein schien und begab sich an die Kasse, um diese Flut an Kosmetik hinter sich zu lassen.

Nachdem er gezahlt und die gekauften Artikel unauffällig in seiner Hosentasche verstaut hatte, begab er sich erneut in Richtung Strumpfabteilung. Doch auch dieses Mal hatte er kein Glück. Die Dame seines Herzens, zumindest erhoffte er sich, dass sie es eines Tages werden würde, war nicht zu sehen. Enttäuscht aber dennoch nicht entmutigt, verließ er das Kaufhaus. Es gab ja noch viele andere Tage und zum Essen einladen, wollte er sie auf jeden Fall.

 
Mark breitete die Kosmetikartikel auf der Ablage neben seinem Waschtisch aus. Dann rasierte er sich zum zweiten Mal an diesem Tag und fing an, das Make-up auf sein Gesicht aufzutragen. Vorsichtig malte er mit dem Kajalstift seine Augenbrauen nach und zog sich einen Lidstrich. Er sah grauenhaft aus. Irgendwie wollte es ihm nicht gelingen, die Augenbrauen gleichmäßig nachzuzeichnen. Mit Toilettenpapier wischte er sich die schwarze Farbe wieder ab. Doch nun war auch das Make-up an diesen Stellen weg und der Lidstrich, den er sich gezogen hatte, war so verschmiert, dass er aussah, als hätte er tiefe Augenringe. Nein! So konnte es auf gar keinen Fall bleiben. Kurzerhand wusch er alles wieder ab um es erneut zu versuchen. Auch dieses Mal war es nicht perfekt aber es war einigermaßen erträglich. Daher beschloss er es so zu lassen. Jetzt bemerkte er, dass er vergessen hatte, Lidschatten zu kaufen.

„Egal“, dachte er. „Dann eben ohne Lidschatten!“

Er puderte sein Gesicht und zog mit dem Lippenstift seine Lippen nach. Mark fühlte sich wie ein Clown. Hübsch war dieses Gesicht, das ihn im Spiegel anstarrte, nicht.

„Nun die Klamotten anziehen“, sagte er zu sich selbst und holte die Kleidungsstücke. Er entnahm der Verpackung die halterlosen Strümpfe und zog sie an. Jetzt waren BH und Höschen an der Reihe. Er zog den knappen String hoch und erstarrte. Irgendetwas war zu viel für dieses Höschen. Körperteile lugten vorwitzig an der rechten Seite hervor und Mark fluchte.

„Wie kriege ich diese verdammte Beule da jetzt weg?“

Er versuchte sein bestes Stück in die hintere Reihe zu verbannen. Aber der Bursche ließ sich nicht einfach so von seinem Platz verdrängen. Nach einigen Anläufen hatte Mark jedoch ein einigermaßen respektables Ergebnis erzielt. Zumindest lugte nun nichts mehr hervor und die Beule hielt sich in Grenzen.

Der BH wurde als nächstes angezogen. Bei seiner Ex hatte er beobachten können, dass sie zuerst den Verschluss vorne zumachte und dann am Körper nach hinten drehte. Er machte es ebenso. Doch auch der BH wehrte sich. Mit Mühe und Not bekam er die Häkchen in die äußersten Ösen. Dazu war der BH so stramm, dass er ihn nicht so einfach gedreht bekam. Er öffnete ihn wieder und versuchte diesmal, ihn hinten zu zumachen. Mark kämpfte und quälte sich eine ganze Weile damit ab, bis es ihm letztendlich doch noch gelang, nachdem er schon fast aufgeben wollte. Ein Blick in den Panoramaspiegel ließ ihn erschauern. So hatte er sich das nicht vorgestellt.

Durch die seidenen Strümpfe sah man stachelige Männerbeine. Leicht krumm und behaart. Außerdem war die Naht der Strümpfe alles andere als hinten und der BH hing unausgefüllt an ihm, wie zwei Säckchen.

Das Spiegelbild, das er sah, war alles andere als weiblich, eher eine Kreation Freddy Krügers und weit davon entfernt auch nur im Ansatz erotisch zu wirken.

„Das geht ja gar nicht!“ beschloss Mark und zog den ganzen Fummel wieder aus.

Sichtbar frustriert schimpfte er:

„Ich schmeiß den ganzen Kram hin! Soll Evers mir doch die Kündigung schreiben. Es war sowieso idiotisch, mich darauf einzulassen.“

Aber tief in ihm war da noch dieses andere Gefühl, welches er nicht zu beschreiben vermochte. War da nicht so ein gewisses Kribbeln in der Magengegend, als er im Kaufhaus die Damenkleidung gekauft hatte? Dieser Adrenalinstoß, den das Bewusstsein etwas Unmögliches und Verwerfliches getan zu haben, auslöste? Peinlich und schaurig angenehm zu gleich! Trotz und Eigensinn, die an die Oberfläche gekommen waren. Er hatte das Gefühl, seinem Vater eins ausgewischt zu haben. Eine kleine süße, wenngleich verspätete Rache, für all die Dinge, die er in seinen Träumen sah. All das, was der strenge alte Herr dem Bruder angetan hatte. Etwas Genugtuung für die Ereignisse, deren Bilder sich langsam ihren Weg zurück in Marks Erinnerung bahnten.

„Ja, Vater! Ein Mann zieht keine Frauenkleider an. Ein Mann weint nicht! Ein Mann ist ein Mann, keine Schwuchtel, kein Weichei! Er zeigt Stärke und Härte. Keine Gefühle wie ein Weib! Frauenkleider sind etwas für Frauen! Bestenfalls für Schwule und Tunten. Und das sind keine Männer. So etwas ist Abschaum. Das sind doch deine Worte gewesen, Vater. Sie klingen noch in meinen Ohren, als du mal wieder Alex windelweich geprügelt hast, weil er sich heimlich eine Haarspange von Mutter genommen hatte.“

Mark hielt inne. Er hatte seine Tränen nicht mehr unter Kontrolle. Er, der harte Mann, wie sein Vater es immer so gerne sah. Der ganze Stolz! Ausgerechnet ihm liefen die Tränen über die Wangen und er konnte nicht einmal etwas dagegen tun.

„Alex, du warst nie mein Bruder! Du warst immer schon meine Schwester. Nur habe ich Idiot das nie gesehen.“

Mark griff nach der Packung Taschentücher, die auf seinem Nachtschrank lag. Er nestelte das letzte Tuch aus der Verpackung, putzte sich die Nase und wischte sich übers Gesicht.

Danach verließ er sein Schlafzimmer um sich aus der Küche einen Kaffee zu holen. Auf dem Weg dorthin, fiel sein Blick auf das Einschreiben, das immer noch unbeachtet auf der Komode lag.

„Und was hat das nun wieder zu Bedeuten?“ fragte er sich gereizt.

Er nahm den geschlossenen Briefumschlag in die Hand und drehte ihn vor seinen Augen, um herauszufinden, wer wohl der Absender sein könnte aber er konnte es nicht erkennen. Also trottete Mark mit dem Brief ins Wohnzimmer zu seinem Schreibtisch, nahm den Brieföffner und öffnete das Kuvert.

 

„Sehr geehrter Herr Brandes!

Mit Bedauern müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir das Mietverhältnis zum 31. 08…. wegen Eigenbedarf, kündigen…“

Mark ließ den Brief sinken. Nun hatte er ein Problem! Zwar hatte er den Kaufvertrag für seine Eigentumswohnung unterzeichnet, aber zurzeit war die Wohnung vermietet. Ein junges Paar mit einem Kleinkind bewohnte die freundliche Dreizimmer-Wohnung und Mark hatte ursprünglich nicht vor, so schnell selbst in die Wohnung einzuziehen. Er kaufte die Wohnung als einträgliche Kapitalanlage. Innerhalb von drei Monaten würden die jungen Leute auch keine geeignete Wohnung finden. Das war ihm klar. Raus klagen könnte unter Umständen Jahre dauern. Nein, Mark musste in den sauren Apfel beißen und für sich selbst eine Unterkunft finden. Und das innerhalb der nächsten drei Monate.

„Ich hab ja noch nicht genug Ärger an der Backe!“ grummelte Mark vor sich hin und schmiss den Brief achtlos auf den Schreibtisch.

Mittlerweile war es schon später Nachmittag und Mark beschloss, sich nun doch an die Abmachung mit Evers zu halten. Erneut quälte er sich in die Dessous und die Strümpfe, zog den Rock und das Top an und ging barfuß ins Badezimmer. Dann setzte er sich die Perücke auf, zog die Lippen noch einmal nach und kam sich reichlich lächerlich vor.

„Nun noch die Schuhe und dann kann Karneval beginnen.“ spottete er.

Er schlüpfte in die Schuhe und versuchte ein paar Schritte damit zu gehen.

„Dafür muss man ja erst einen Kurs belegen!“ schoss es ihm durch den Kopf.

Es sah auch zu komisch aus, wie er mit seinen leicht krummen, immer noch behaarten Beinen, auf den Schuhen durch die Wohnung wackelte.

Neugierig geworden, wie er denn nun diesmal aussehen würde, stakste er ins Schlafzimmer vor den großen Spiegel.

„Hallo Schönheit!“ begrüßte er sich. „Wenn ich dir auf der Straße begegnen würde, dann würde ich ganz schnell das Weite suchen.“

Er zottelte an der Perücke herum aber die blonden Locken waren so widerspenstig, dass sie immer wieder zurück in die Augen fielen.

Die erste Lektion hatte er gelernt: Frau zu sein, wenn auch nur rein Äußerlich, war gewiss nicht einfach! Und schon gar nicht als Mann!

„Nun gut, Evers! Du willst, dass ich für ein Wochenende Frau spiele? Dann sollst du es auch so haben!“ Marks Magen knurrte. „Kochen gehört dann wohl auch dazu.“

Er drehte sich um und wackelte in die Küche um nachzusehen, ob er noch irgendetwas Verwertbares im Vorratsschrank hatte. Normalerweise würde er jetzt seinen Kumpel Maik anrufen und mit ihm um die Häuser ziehen, in irgendein Lokal gehen und etwas Deftiges essen. Aber in dieser Aufmachung konnte er diesen Plan komplett vergessen. So lächerlich wollte er sich nun doch nicht vor seinem Freund präsentieren. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als den Kochlöffel zu schwingen.

Nachdem er seine Vorräte genauestens studiert hatte, kam er zu dem Entschluss die einzige Dose Ravioli warm zu machen, die er finden konnte. Ein Notfallessen! Und dies war ein Notfall!

 
Nachdem Mark seinen Teller geleert und den Tisch abgeräumt hatte, schlenderte er satt und zufrieden ins Wohnzimmer. Die hohen Schuhe hatte er schon während der Zubereitung der Ravioli in die äußerste Küchenecke geschleudert. Mittlerweile war es dunkel draußen und nachdem er feststellen musste, dass das Fernsehprogramm absolut nichts Interessantes zu bieten hatte, fragte er sich, ob er es wohl wagen könnte, in seinem derzeitigen Outfit auf die Straße zu gehen. Allein bei dem Gedanken, lief es ihm heiß und kalt den Rücken runter.

„Nee, so kann ich unmöglich auf die Straße gehen, “ dachte er.

„Andererseits! Was kann mir schon großartig passieren. Ich bin gerade in der Stimmung, mich mit irgendeinem Spinner anzulegen, der vielleicht ein paar dumme Sprüche ablässt.“

Allerdings störte ihn der Gedanke, dass ihn vielleicht ein Nachbar sehen könnte. Vielleicht begegnete er sogar einem Bekannten. Er fühlte sich merkwürdig unwohl.

Aber den ganzen Abend nichts tuend in Frauenkleidern in der Bude sitzen, wollte er auch nicht. Ihm war langweilig und irgendwie musste er es ja schaffen, das Wochenende als Frau zu leben. Frauen verlassen im Allgemeinen auch die Wohnung. Und was eine Frau schaffte, konnte Mark schon lange.

Nach einigem Hin und Her, beschloss er, sehr spät, wenn die Nachbarschaft schon zu Bett gegangen war, den Schritt nach draußen zu wagen. Er wollte in einen Stadtteil fahren, in dem er sonst nicht viel zu suchen hatte und da bot sich doch ein Kiezbummel an. Na, vielleicht ein klein wenig ab von den Hauptstraßen, dort wo nicht so viele Menschen lang schlendern würden.

Zu fortgeschrittener Stunde und einem mulmigem Gefühl im Bauch, verließ Mark auf Zehenspitzen und den Pumps in der Hand, seine Wohnung. Natürlich nicht, ohne sich vorher vergewissert zu haben, ob auch wirklich niemand im Treppenhaus zugegen sei. Nun musste er nur noch ungesehen zu seinem Auto kommen, aber auch das hatte reibungslos geklappt. Zum Glück wohnte er in einem Stadtteil, in dem schon um acht die Bürgersteige hochgeklappt wurden und zum ersten Mal empfand er das, was sonst etwas langweilig für ihn erschien, als Segen.

Als er im Wagen saß, atmete er tief auf. Noch konnte er wieder umkehren.

„Ach was soll´s, “ murmelte er. „Nun habe ich es bis hier geschafft, dann werde ich auch alles andere schaffen.“

Etwas unsicher und so gar nicht von seinen eigenen Worten überzeugt, parkte Mark seinen Wagen in einer abgelegenen Seitenstraße. Er fühlte sich unbehaglich aber trotzdem stöckelte er die halbdunkle Straße hinunter in Richtung Kiez. Auf der anderen Straßenseite kam ihm ein junges Pärchen mit einem kleinen Hund entgegen. Mark tat so, als würde er sich die Auslage im Schaufenster ansehen.

„Nur nicht auffallen“, dachte er und vergrub sein Gesicht noch tiefer unter der Perücke, die ihn ohnehin schon fast die Sicht nahm. Nicht auffallen war gar nicht so einfach, wenn man bedachte, dass er einen gerade mal etwas breiteren Gürtel in der Farbe Neon pink, trug, der sich Rock schimpfte. Das gelbe Top dazu fiel zwar unter der alten Jeansjacke, die er wegen des frischen Abendwindes trug, nicht weiter auf, aber schwarze Strümpfe und braune Schuhe waren auch nicht der ultimative Stil, den eine Frau unbedingt nachahmen müsste. Ganz abgesehen davon, dass er immer noch mit den Stöckelschuhen zu kämpfen hatte. Sicherlich trug auch seine beachtliche Größe von 1,86 m dazu bei, aufzufallen. Denn mit den Schuhen war er ja noch ein ganzes Stück größer.

Das Pärchen kam näher. Mark hielt den Atem an aber die Beiden schienen keinerlei Notiz von ihm zu nehmen. Er merkte, wie sich Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten. Ganz automatisch griff er nach einem Taschentuch, das sich in seiner Jackentasche befand, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen, als ihm siedend heiß einfiel, dass er ja sein Make-up damit gefährden könnte. Er ließ es lieber bleiben und drehte sich vorsichtig nach dem bereits vorbeigegangenem Paar um.

„Das ging ja gut!“ Und erleichtert setzte er seinen Weg fort. Etwas ziellos aber durchaus von seinem Erlebnis angespornt, bog er in die nächste Straße ein. Er sog tief die Abendluft ein und fühlte sich wider erwarten gut. Am Ende der Straße lag ein kleiner Park und er setzte sich, geplagt von seinen schmerzenden Füßen, auf eine Parkbank, fischte die Zigarettenschachtel aus der Jackentasche und zündete sich eine Zigarette an. Genüsslich inhalierte er den Rauch.

„Siehst du, Vater! Ich bin weder schwul, noch Abschaum und ich trage trotzdem Frauenkleider. Und weißt du was, mein Lieber? Ich finde es gar nicht so schlimm!“

 
Mark hörte Gelächter in einiger Entfernung. Sein Pulsschlag wurde schneller. Suchend blickte er sich um, ob es irgendwo eine Möglichkeit gäbe, sich zu verstecken aber außer ein paar Bäumen und Sträuchern konnte er nichts entdecken. Bis zum nächsten Hauseingang war es ein gutes Stück zu Fuß.

Das Gelächter kam näher und Mark konnte erkennen, dass sich ihm mindestens fünf Personen näherten. Er beschloss regungslos auf der Bank sitzen zu bleiben. Nun konnte er erkennen, dass es sich um junge Männer handelte, die wohl schon etwas angeheitert durch den Park in Richtung Kiez gingen. Plötzlich hörte er einen der jungen Männer sagen:

„Ey Olli! Guck mal, da auf der Bank sitzt eine heiße Braut! Los, lass uns mal hingehen.“

Mark kroch Unbehagen ins Genick. Was, wenn die Männer ihn anbaggern würden? Wenn sie merkten, dass er in Wirklichkeit ein Mann war? Nein, um diese Situation hatte er nicht gebeten.

Die Fünf kamen auf ihn zu, als einer der Jungs bemerkte.

„Man, das ist ´ne Schwuchtel!“

Mark versuchte sich unsichtbar zu machen, was ihm aber nicht gelingen wollte.

Der erste Sprecher, baute sich vor Mark auf, fuchtelte mit seiner Bierflasche vor ihm hin und her und sagte spöttisch:

„Na, Mutti? Sollen wir mal nachsehen, was sich unter deinem hübschen Röckchen befindet?“

Lachend drehte er sich zu seinen Kumpels um und ergänzte:

„Wollen wir es der Tunte mal so richtig zeigen?“

Mark befand sich in einer äußerst gefährlichen Situation. Zwar war er sehr kräftig und auch nicht feige, aber hier sah er sich doch einer Übermacht gegenüber, die er nicht unterschätzte.

„Mensch, Kalle! Mach doch keinen Scheiß und lass uns weiter gehen!“ versuchte einer der Männer zu schlichten.

„Wieso denn? Ich will doch nur mal sehen, ob das hier männlich oder weiblich ist.“ Und wieder zu Mark gewandt, fragte er provokant:

„Wie ist es denn so im Röckchen?“

Mark wollte antworten:

„Probier es doch aus, du Spinner!“ aber in Anbetracht der Sachlage, hielt er es für sinnvoller, sich lieber auf die Lippen zu beißen. Jede einzelne Muskelfaser seines Körpers war zum Zerreißen gespannt. Die Hände hatte Mark in den Jackentaschen zu Fäusten geballt und er war fest entschlossen sich wenigstens zu wehren, sollte es zum Angriff kommen.

„Ach, was haben wir denn da? Hallo ihr Süßen! Na??? Wollen wir zusammen ein wenig Spaß haben?“

Mark schaute auf und bemerkte eine große Frau, die wie aus dem Nichts zu kommen schien und sich hinter den fünf Freunden aufbaute. Sie mochte gut und gerne um die zwei Meter groß sein. Noch immer angespannt beobachtete er die Männer ganz genau, die sich nun etwas verlegen, langsam zur Straße aufmachten.

Totenstille!

Plötzlich durchbrach der tiefe Bass der Frau, diese Stille:

„Ach Schätzchen! Es ist doch immer wieder das Selbe. Kaum habe ich mal ein paar süße Jungs gefunden, da machen die sich auch schon vom Acker.“

Sie setzte sich zu Mark auf die Bank.

„Und du Schätzchen? Was treibst du zu dieser späten Stunde hier ganz alleine?“

Mark sah sie an und stammelte, immer noch von ihrer Erscheinung irritiert:

„Danke!“

„Ist schon gut, Kleines. Du solltest aber das nächste Mal besser darauf achten, wo du dich alleine hin begibst. Dieses ist nicht gerade die beste Gegend für eine Lady!“

Die große Schönheit musterte Mark von oben bis unten.

„Das ist dein erstes Mal, habe ich recht?“

Mark sah sie verwundert an und ärgerte sich über die Art und Weise, wie sie ihn ansprach. Andererseits hatte sie ihn aber gerade aus einer brenzligen Lage befreit. Seine Erziehung gebot es ihm, nicht zu fragen, ob sie eins aufs Maul haben wollte, weil sie ihn „Kleines“ und „Schätzchen“ nannte. Unter anderen Umständen hätte Mark nicht gezögert, ihr unmissverständlich klar zu machen, dass er weder klein noch ein Schatz sei.

„Na, nun guck nicht so! Das sieht doch ein Blinder mit Krückstock.“

„Das ist nicht so, wie Sie denken“, stotterte Mark und fühlte sich plötzlich wie ein kleiner Junge in kurzer Hose mit Holzgewehr.

„Nein, ganz sicher nicht. Es ist nie so, wie man denkt, “ lachte die Rothaarige.

„Ich heiße übrigens Rita. Und du?“

„Mark“

„Mark? Ihh, welch männlicher Name für so eine kleine Maus. Na, egal. Hallo Mark!“

Mark nahm die ihm hingehaltene Hand und schüttelte sie, während er sich über den festen Händedruck wunderte. Hatte er nicht irgendwo einmal gehört, dass „solche Leute“ einen unangenehm weichen Händedruck hätten? Mark bemerkte, dass ihm diese große Frau immer symphatischer wurde.

„So“ Und nun gehen wir auf diesen Schreck, einen trinken.“

Noch bevor Mark etwas einwenden konnte, zog Rita ihn auch schon von der Bank hoch, hakte sich unter und führte ihn in Richtung Straße.

„Ich kenne da ein süßes, kleines Lokal ganz in der Nähe. Es gehört einer Freundin von mir. Du wirst sehen, es wird dir gefallen.“

Eigentlich hatte Mark nach der Begegnung mit den fünf angetrunkenen Idioten, überhaupt keine Lust noch irgendwohin zu gehen. Viel lieber würde er nach Hause fahren und eine heiße Dusche nehmen, um danach nur noch ins Bett zu fallen. Aber Rita duldete keinen Widerspruch. Irgendwie gefiel Mark diese liebevoll dominante Art. Andererseits war er es absolut nicht gewohnt, dass jemand so mit ihm redete. Eine seltsame Mischung aus angenehmer Überraschung und aufkommendem Unbehagen brachte seine Gefühle durcheinander. Unauffällig blickte er sie immer wieder von der Seite an, sich fragend, ob sie nun eine Frau oder ein Mann sei. Wäre er ihr unter anderen Umständen begegnet, hätte er sich diese Frage gar nicht gestellt. Sie sah umwerfend aus. Lange schlanke Beine, die nicht enden wollten, steckten in seidig schimmernden Strümpfen. Dazu trug sie schwarze Stilettos, deren Fesselriemchen die schmalen Fesseln hervorhoben. Ein elegantes, schwarzes Kleid, dezent besetzt mit Strasssteinchen in Schmetterlingsform, das nur wenig länger war, als Marks Rock, schmiegte sich eng um den fantastischen Körper und das Dekoltee gewährte einen tiefen aber dennoch schicklichen Einblick. Diese Frau war zudem perfekt geschminkt. Keine Spur von Bartschatten, so sehr sich Mark auch bemühte einen zu finden. Lange rote Locken umrahmten das hübsche Gesicht wie ein Gemälde.

Mark war fasziniert von dieser Frau.

„Na, Kleines? Du möchtest gerne wissen, ob ich ein Mann oder eine Frau bin?“

Warm lächelten die grünen Augen auf Mark herab und Mark wandte sich erschrocken zur Seite. Es war ihm peinlich, ertappt worden zu sein. Hatte er doch so offensichtlich geschaut?

„So, da sind wir schon!“

Rita zog ihn am Arm und wies mit einem Kopfnicken zu einem versteckt gelegenen Kellereingang. Die Fassade des Gebäudes war absolut nicht einladend und an der nächsten Hausecke stand eine junge Frau, die offensichtlich dem horizontalen Gewerbe nachging. Mülleimer, die an den Laternen angebracht waren, quollen über und auf dem Bürgersteig lagen leere Bierdosen herum. Es war kein Ort, um sich wohl zu fühlen und Mark begann sich zu fragen, ob er nicht besser hätte auf der Parkbank sitzen bleiben sollen. Doch ehe er sich seine Frage beantworten konnte, zog ihn Rita auch schon die Stufen hinunter in das kleine Lokal. Es roch nach abgestandenem Zigarettenrauch und schalem Bier. Mark erwartete eine Spelunke, die nicht schlimmer hätte sein können. Aber er irrte sich.

Das Lokal war sehr geschmackvoll eingerichtet und blitzsauber. Angenehm überrascht, blickte er sich um. Vor ihm lag ein L-förmig geschnittener Raum mit einer Theke aus poliertem Chrom und schwarzem Marmor, die sich über die gesamte Länge des Raumes erstreckte. Vier kleine Tischgruppen standen mit jeweils 4 Stühlen in der kurzen Hälfte des Lokals. In der Mitte befand sich ein offener Platz, der sich auch zum tanzen hervorragend anbot. Die lange Seite war mit drei gemütlichen Sofas und dazugehörigen ovalen Tischen ausgestattet. Der rote Samtstoff bildete einen wunderschönen Kontrast zu den schwarzen Marmortischen und den Chromstühlen, die jeweils zu zweit vor den Tischen standen. Mark hatte nicht erwartet, dass dieses Lokal so geräumig und gepflegt sein würde.

Rita buxierte Mark in die hinterste Ecke zu einem der drei Sofas und forderte ihn mit einer Handbewegung auf, Platz zu nehmen. Etwas nervös zündete er sich eine Zigarette an und beobachtete, wie Rita auf die untersetzte Bedienung hinter dem Tresen zusteuerte.

„Lola, Schätzchen. Machst du uns mal zwei Bier?“

Rita drehte sich zu Mark um:

„Du trinkst doch Bier, Kleines?“

Mark nickte. Alles kam ihm plötzlich so unwirklich vor. Ihm war, als würde er sich selbst betrachten, ohne sich sehen zu können.

Rita wechselte noch zwei, drei Worte mit der drallen Blondine und kam dann zurück an den Tisch.

„Um deine nichtgestellte Frage zu beantworten. Ja, ich bin als Mann geboren. Und ja, auch die sind echt.“ Rita lachte laut.

Mark errötete und wandte seinen Blick sofort von Ritas Ausschnitt ab.

Lola kam mit den zwei Gläsern Bier auf den Tisch zugewackelt, stellte sie vor Rita und Mark ab und lächelte Mark erwartungsvoll an.

„Na, wie gefällt es dir, zum ersten Mal Outdoor?“

Mark räusperte sich.

„Ich glaube, ich muss da was erklären… Es ist nämlich wirklich nicht das, wonach es aussieht.“

Mark konnte das spöttische Lächeln in Lolas Augen gut erkennen und sah ihr direkt ins Gesicht, als er fort fuhr!

„Tatsache ist, dass ich aus Gründen, die ich hier nicht näher erörtern möchte, für ein Wochenende in die Rolle einer Frau schlüpfen musste.“

Mit diesem Satz war für Mark klar, dass er alles gesagt hatte, was wichtig war.

Rita merkte, dass es Mark unangenehm war, mehr über diese Geschichte aussagen zu sollen und so lenkte sie ein:

„Also, Kleines! Dann trinken wir auf die Frauen!“

Sie nahm das Bierglas und trank es mit einem Zug fast leer. Mark tat es ihr gleich und sagte:

„Auf die Frauen!“

Lola, die etwas begriffsstutzig zu sein schien, hakte nach:

„Ja, wie kommt man denn zu so einer Geschichte? Das würde mich doch mal wahnsinnig interessieren.“

Mark sah sich hilflos nach Rita um. Er spürte, dass dieses Wesen, das halb aus Mann und halb aus Frau bestand, auf einer Wellenlänge mit ihm war. Hätte er noch vor zwei Wochen darauf geschworen, niemals mit solchen Leuten verkehren zu wollen, so musste er sich nun eingestehen, dass ihm noch nie ein so faszinierender Mensch wie Rita, begegnet war. Die Tatsache, dass Rita ihn aus dieser gefährlichen Situation meisterhaft herausgeboxt hatte, war es nicht allein, was ihn zu diesem Schluss kommen ließ.

„Lola, Schätzchen. Das ist doch nicht wichtig. Lass uns lieber mal etwas aus Mark machen. Ist das Atelier auf?“

Lola bekam hektische Flecken und rannte gleich los, um den Schlüssel für das Atelier zu holen.

„Na komm schon, Kleines. Das wird riesig! Du wirst sehen, wenn wir mit dir fertig sind, dann strahlt dich eine echte Lady an.“

Ritas Augen leuchteten und man sah ihr an, dass sie sichtlich Spaß daran hatte, aus Marks kläglichem Versuch weiblich zu erscheinen, ein wahres Kunstwerk zaubern zu wollen..

Ehe er sich versah, zog Rita ihn auch schon zu der abseits gelegenen Tür, die ins Atelier führte. Er betrat einen kleinen, hell erleuchteten Raum, in dessen Mitte ein riesiger Spiegel, umrandet mit tausenden von Glühbirnen, stand. Davor lud ein bequemer Stuhl mit Armlehnen zum sitzen ein. Rita bat Mark, dort Platz zu nehmen und dann ging es auch schon los.

„Als erstes nehmen wir mal diesen Wischmop vom Kopf. Der passt nun wirklich nicht zu deinem Typ.“

Sie zog vorsichtig die Perücke von Marks Kopf und legte ihm ein eng anliegendes, aber nicht zu fest sitzendes Stirnband um die Haare, so dass gerade noch der Haaransatz zu sehen war.

Danach trug sie Creme auf das Gesicht auf um mit einem weichen Papiertuch das bereits vorhandene Make-up zu entfernen.

„Wow! Du bist ja ein ganz Hübscher:“ Sie beugte sich zu Mark und sah im tief in seine dunkelbraunen Augen.

„Jetzt mache ich aus dir eine ganz Hübsche!“

Mark war gespannt. Erschien ihm diese ganze Maskerade auch anfangs als absurd, so wollte er nun doch sehen, wie er wohl als Frau aussehen könnte. Alex sah ihm sehr ähnlich und Mark erhoffte sich so, durch den Blick in sein eigenes Spiegelbild, seine Schwester sehen zu können. Er wagte kaum zu atmen und seine Hände wurden feucht vor spannender Erwartung.

Lola rauschte ins Atelier und brachte den Beiden ein weiteres Bier.

„Uiii. Du bist ja ein ganz Schnuckeliger!“

Und schon war sie wieder aus dem Raum verschwunden.

Langsam gewöhnte Mark sich an die ungewöhnlichen Kosenamen, die anscheinend in diesem Milieu üblich waren. Er störte sich mittlerweile nicht mehr daran.

Die Begegnung mit Rita und allem was dazu gehörte war eine komplett andere Welt. Eine Welt, die er niemals kennen lernen wollte und in die er jetzt eintauchte und mochte.

Es dauerte eine halbe Ewigkeit und mindestens 6 weitere Bierchen, als Rita endlich sagte:

„So, Kleines! Nun mach die Augen auf und sieh dich mal an.“

Mark betrachtete sich in dem vor ihm stehenden Spiegel und war überwältigt. Das sollte er sein? Der krummbeinige, breitschultrige Mann, dessen künstliche Haare ihm beinahe die Sicht versperrten, weil die Locken widerspenstig da blieben, wo sie nicht sein sollten?

Das Spiegelbild war kein Vergleich zu dem, was er in seiner Erinnerung gespeichert hatte. Rita hatte gute, nein perfekte Arbeit geleistet.

Passend zu seiner gebräunten Haut, legte Rita ihm das Make-up auf. Die dunklen Augen wirkten noch intensiver durch den bronzefarbenen Lidschatten und Mark fragte sich, wo er denn mit einmal diese wunderschönen, langen, schwarzen Wimpern her hatte. Das Rouge ließ sein Gesicht zarter und schmaler erscheinen und der dunkelrote Lippenstift verwandelte seine Lippen in einen vollen Kussmund. Rita wählte bewusst eine dunkelbraune Langhaarperücke, deren Locken nicht die Augen, sondern Marks kräftigen Hals verdeckten. Von seinem Stiernacken war nichts mehr zu erkennen. Diese Frau im Spiegel war ein Rasseweib. Eine von der Sorte, die jeden Mann butterweich um den Finger wickeln konnte durch den bloßen Aufschlag ihrer Augen. Er war begeistert und konnte kaum glauben, dass er es war, der sich ansah.

„Nun müssen wir nur noch das passende Outfit für dich finden, und dann bist du meine schärfste Konkurrentin.“

Rita lachte und ging auf einen Wandschrank hinter dem Spiegel zu. Sie öffnete die Schiebetür und zum Vorschein kamen etwa drei Meter Kleiderstange mit den unterschiedlichsten Wäschestücken. Rita zog einige Kleidungsstücke heraus, hielt sie gegen das Licht und hängte sie wieder weg. Dann griff sie nach einem Bordeauxfarbenen Etuikleid, mit Quarreeausschnit und kurzem Schlitz seitlich vorn. Damit kam sie auf Mark zu und lächelte ihn an.

„Das passt perfekt zu dir. Nun muss es auch noch perfekt zu deinem Körper passen und schon bist du beinahe fertig.“

Rita sah an Mark herab und ihr Blick blieb an seinen Schuhen hängen.

„Da haben wir sicher auch noch etwas.“ Und schon war sie wieder im Wäscheschrank verschwunden.

„Welche Schuhgröße hast du?“ fragte sie direkt aus dem Schrank.

„43“, rief er ihr zu.

Mark war sich nicht ganz sicher, ob er jetzt dieses Kleid anziehen sollte, aber er zog schon einmal brav seinen Rock und das Top aus und zwängte sich in das Kleid. Rita kam mit einem Paar schwarzen Buissnespumps zurück und hielt Mark die Schuhe entgegen. Sie bestachen durch ihre schlichte Eleganz und auch die Absatzhöhe von sechs Zentimetern war verträglich.

„Dreh dich mal um. Ich mache dir den Reißverschluss zu.“

„Ja danke. Das Ding klemmt scheinbar.“

Mark zog die Pumps an und war angenehm überrascht, dass sie entgegen seiner Erwartung auch noch bequem waren. Damit konnte selbst er laufen und musste keine Angst haben, sich einen Bänderriss zuzuziehen.

Er betrachtete sich von allen Seiten im Spiegel und war sehr zufrieden mit dem Ergebnis.

Rita stand neben ihm und schaute kritisch.

„Nein, das geht so gar nicht.“

Fragend drehte Mark sich zu ihr um.

„Was geht nicht? Das ist doch nett so!“

„Kleines! Erst einmal willst du nicht nett aussehen, sondern sexy, verführerisch, umwerfend. Du verstehst? Und zweitens hast du absolut keine Hüfte und keinen Hintern in dem Kleid!“

Mark blickte nochmals an sich herunter.

„Stimmt. Das hängt wie ein schlaffer Sack! Und nun?“

„Na und nun kommt Lola mit ihrer Zauberkiste…“

Schon drehte sie sich auf den Absätzen um und verschwand aus dem Zimmer.

Mark hatte ein paar Minuten Zeit für seine Gedanken.

So ähnlich hätte also Alex ausgesehen. Traurig senkte er den Kopf.

Rita stürmte, mit Lola im Schlepptau, zurück in das Zimmer. Lola trug eine mittlere Kiste vor ihrem großen Busen her und stellte sie auf dem Stuhl ab. Dann entnahm sie der Kiste ein gepolstertes Höschen und sagte zu Mark:

„Komm, zieh das mal an.“

Mark nahm das Höschen entgegen und blickte Rita fragend an:

„Was ist das?“

„Das sind so kleine Geheimnisse und Mogelpackungen, die ja nicht jeder gleich erkennen muss. Zieh mal an und du wirst sehen, was dieses Höschen bewirkt.“

Mark zog die Hose an, streifte das kurze Kleid glatt und war erstaunt. Plötzlich hing das Kleid nicht mehr wie ein ungefüllter Beutel an ihm herunter, sondern weibliche Konturen zeichneten sich unter dem Stoff ab.

„Man könnte glatt meinen, ich sei eine Frau“, lachte Mark.

„Noch nicht ganz oder hast du schon einmal eine Frau mit solch extrem behaarten Beinen gesehen?“

Rita deutete auf seine Haare an den Beinen, die Mark bei all der Aufregung komplett vergessen hatte.

Sie rief Lola zu sich herein und sagte ein paar Worte zu ihr, die Mark nicht verstand. Er war zudem viel zu sehr damit beschäftigt, sich im Spiegel zu betrachten, als dass er hingehört hätte. Dann drehte er sich um und gerade in diesem Augenblick betrat Lola den Raum. Eine Schüssel mit dampfendem Wasser in den Händen. Sie eilte erneut hinaus und kam gleich darauf mit einem Teewagen wieder, auf dem Rasierpinsel und Dergleichen zu finden war.

„Was wird das jetzt?“ stotterte Mark, ahnend, was ihm jetzt blühte.

„Jetzt, Schätzchen, jetzt kommen die Haare ab!“ Lolas weiße Zähne blitzten unter ihrem herzlichen Lachen.

„Und da ich davon ausgehe, dass du es sicher nicht vorziehst, mit Wachs bearbeitet zu werden, werde ich dir ganz einfach die Beine rasieren. Das wächst schnell wieder nach und du kannst nach kurzer Zeit wieder in kurzer Sporthose und Socken laufen.“

Mark konnte ein Lachen bei den Worten Ritas nicht unterdrücken. Er stellte sich vor, wie er in kurzen Hosen mit Socken und Sandalen durch die Gegend laufen würde. Ein absoluter Alptraum!

Nachdem Rita endlich fertig mit dem Rasieren war, sagte sie:

„Perfekt! Nun kannst du dir die Strümpfe wieder anziehen. Ich finde da hast du eine ausgesprochen gute Wahl getroffen. Sie sind schlicht und doch elegant. Sehr gut zu dem Kleid passend.“

Bei Ritas Worten dachte er sofort an die hübsche Verkäuferin, die ihm die Strümpfe verkaufte. „Geschmack hat sie“, dachte er, und war sich sicher, dass er sie wieder sehen würde.

Mark warf einen erneuten Blick in den Spiegel und sagte:

„Nun sehe ich aber aus, wie eine echte Frau!“ 

„Na, dann komm mit und flirte auch wie eine Frau“, entgegnete Rita und zog ihn am Arm aus dem Zimmer.

Mark sah auf die Uhr und erschrak.

„Es ist fast sechs Uhr. Wo willst du denn um diese Zeit noch flirten?“

Rita zuckte mit den Schultern.

„Auf dem Fischmarkt!“

„Auf dem Fischmarkt“, wiederholte Mark beinahe tonlos. Na klar. Warum auch nicht. Er hatte in dieser Nacht ja auch noch nicht genug erlebt.

Nach etwa zehn Minuten Fußmarsch und ohne die ihm noch allzu gut bekannten Schmerzen in den Füßen, sahen die Beiden den Fischmarkt. Gut gelaunt und die Arme untergehakt, schlenderten sie von Stand zu Stand.

 
Auf dem Markt herrschte reges Treiben. Die Händler boten lautstark ihre Waren an und trotz dieser frühen Morgenstunde waren sehr viele Menschen unterwegs. Mark fühlte sich etwas unwohl, denn schließlich war er nicht jeden Tag als Frau unterwegs und schon gar nicht unter so vielen Menschen.

Zwei Paare mittleren Alters kamen den Beiden entgegen. Rita konnte es sich nicht verkneifen, den Männern provokativ einen Handkuss zuzuwerfen. Mark stupste sie mit dem Ellenbogen in die Seite und flüsterte mit einem Grinsen um die Mundwinkel:

„Lass das!“

„Wieso denn“, flötete Rita; „die sind doch süß. Und wie die Frauen gucken…“

Die Herren drehten sich nach den groß gewachsenen Schönheiten um und einer der beiden Männer konnte trotz seiner besseren Hälfte, ein Pfeifen nicht unterdrücken. Rita lachte laut auf und warf ihren Kopf in den Nacken.

Mark und Rita schlenderten weiter in Richtung Kleintierstände.

„Och, guck mal. Sind die nicht süß?“ Rita zeigte auf einen Käfig mit etwa sechs Entenküken.

„So klein und so puschelig. Die nehme ich mit!“

Mark schaute sie ungläubig an.

„Alle? Wo willst du denn damit hin?“

„Nein, nicht alle, aber zwei. Die Beiden hier!“ Und schon streichelte sie eines der kleinen Küken mit der rechten Hand und eines mit der Linken.

„Was sollen die beiden Kerlchen kosten?“ Wandte sie sich an den Verkäufer.

„Gib mir einen Heiermann und die Vögel gehören dir. So einer seuten Deern würde ich sie ja umsonst geben, aber meine Alte hätte dann wieder was zu meckern.“ Entgegnete der ältere Mann hinter dem Stand.

„Hast du was zum reintun für die Viechers?“ fragte er nach.

„Nein, außer meinem Täschchen habe ich nichts dabei;“ antwortete Rita.

„Na, dann warte mal, ich hol mal einen Korb.“

„Du willst mir einen Korb geben?“ Wieder lachte Rita laut auf.

„Ungern mein Seuten, aber ich hab hier ja noch zu tun.“ lachte nun auch der Verkäufer.

Dann drehte er sich um und kramte einen Erdbeerkorb hervor.

„Hier kannst du die Küken reintun“.

Rita bezahlte, nahm die Entchen entgegen und verabschiedete sich noch mit einem Luftkuss.

Ein kleines Stück weit weg vom Stand fragte Mark:

„Was willst du denn mit den Enten?“

„Kleines, ich bin in Wirklichkeit eine Landpomeranze. Die nehme ich meinen Eltern mit. Ehrlich! Die stehen auf so ein Viehzeug.“

Mark lachte.

„Soso… Landpomeranze. Ja nee, ist klar!“

 
Mark und Rita ließen nach einer Weile den Fischmarkt hinter sich. Sie setzten sich in ein kleines gemütliches Lokal, das ganz in der Nähe des Fischmarktes lag. Die Uhr zeigte mittlerweile die zehnte Stunde. Zeit fürs Frühstück. Darin waren sie sich einig.

Mark bestellte ein Kännchen Kaffe und zwei belegte Brötchen. Rita tat es ihm gleich.

„Wo wohnen deine Eltern?“ Fragte Mark zwischen zwei Schluck Kaffee.

„Die wohnen nicht weit von Hamburg weg. Richtung Harburg. Ein wenig abseits gelegen. Dort haben sie ihren Hof.“

„Du kommst also tatsächlich vom Land?“

„Ja, wieso denn nicht?“

„Ich hatte es für einen Scherz gehalten.“

Rita lächelte Mark an.

„Nein, das war kein Scherz.“ Sie biss von dem Brötchen ab.

Als sie den Mund wieder leer hatte, fragte sie interessiert:

„Was machst du nach diesem Wochenende? Willst du es noch einmal als Frau versuchen oder ist für dich damit das Thema abgehakt?“

„Ganz ehrlich?“ fragte Mark.

„Ja klar, ganz ehrlich!“ entgegnete Rita.

„Ich weiß es nicht! Es ist so viel in mir passiert und ich muss noch einiges für mich herausfinden.“ antwortete Mark ehrlich.

„Hast du von Anfang an das Gefühl gehabt, lieber eine Frau sein zu wollen? Bitte auch ganz ehrlich.“ Mark blickte Rita bei diesen Worten ernst an.

„Ich glaube schon. Erinnern kann ich mich daran, dass ich mit sieben unbedingt im Kleid zur Schule wollte. Natürlich hatte meine Mutter mir das verboten und ich war kreuzunglücklich. Als ich etwa zehn Jahre alt war, waren meine beiden Cousinen über die Sommerferien bei uns zu Besuch. Wir spielten oft Rollentausch und ich zog dabei deren Kleider an. Das Gefühl war berauschend. Ich liebte diese Spiele und als sie wieder weg waren, musste der Kleiderschrank meiner Mutter daran glauben. Natürlich heimlich, denn ich wusste ja, dass sie nicht begeistert davon war.“

„Und dein Vater?“ hakte Mark nach.

„Meinen Vater hat es nicht interessiert. Er war kaum zu Hause. Entweder war er auf dem Feld oder aber in der Dorfkneipe.“

„Hat er dich nie erwischt?“

„Doch, einmal.“

„Und was hat er gemacht?“

„Gar nichts. Er sagte kein Wort. Stand nur ein paar Sekunden stumm da, drehte sich um und ging in die Kneipe.“

„Mein Vater prügelte meinen Bruder grün und blau, wenn er ihn erwischte…“ Mark senkte seinen Kopf und verstummte.

„Du hast einen Bruder, der Frauenkleider trägt?“ Rita war erstaunt.

„Nein. Ich hatte einen Bruder, der sich in Mädchenkleidung am wohlsten fühlte. Aber unser Vater war streng dagegen.“

„Was ist passiert? Ist dein Bruder tot?“

„Ja.“ Antwortete Mark leise. „Er kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Er fuhr mit seinem Fahrrad, als ihn ein viel zu schneller Wagen erfasste und war auf der Stelle tot.“

„Das tut mir leid. Wie alt war er denn, als das passierte?“

„Er war damals erst 15 Jahre alt.“

Eine Weile schwiegen sie sich an. Dann zündete Mark sich eine Zigarette an, blickte Rita direkt in die Augen und fragte:

„Hast du schon mal etwas davon gehört, dass jemand mit beiden Geschlechtsmerkmalen geboren wird? Ich meine so eine Art Zwitter?“

„Ja klar. Das gibt es. Ich kenne auch Eine. Diese Menschen nennt man Hermaphroditen oder intersexuell. Gefühlsmäßig schwanken sie zwischen Mann und Frau hin und her. Nie sicher, entweder das Eine oder das Andere zu sein. Von der Gesellschaft werden sie nicht anerkannt und zwangsweise in eine Schublade mit Transsexuellen oder Transvestiten, geworfen, was sie aber im Grunde nicht sind. Sie sind von Natur aus mit beiden Geschlechtsmerkmalen ausgestattet, während Transsexuelle zwar ein einziges Geschlechtsmerkmal haben, aber in dem falschen Körper geboren wurden und Transvestiten die Neigung haben, sich gegengeschlechtlich zu kleiden und in der Rolle aufzugehen.. Die Unterschiede sind etwa so groß, wie die Anzahl derer, die diese Neigung haben. Eben völlig unterschiedlich. Mark zeigte sich erstaunt.
„Woher weißt du das alles?“
„Ich sagte doch, ich kenne auch Eine. Sie ist eine sehr enge Freundin von mir.“
„Wurde sie als Kind operiert?“
„Ja, die Ärzte rieten den Eltern, ihre männlichen Geschlechtsmerkmale entfernen zu lassen, da die weiblichen Merkmale ohnehin besser ausgeprägt waren.“
„Und ist sie glücklich über die Entscheidung der Eltern?“
„In ihrem Fall haben die Eltern richtig entschieden. Sie ist gefühlsmäßig und natürlich durch die OP und Hormongabe auch äußerlich eine Frau. Aber nicht alle Entscheidungen, die im Säuglingsalter getroffen wurden, sind auch für die Betroffenen richtig.“
Mark überlegte kurz, ob er Rita weiter von Alex erzählen sollte. Aber nun hatte er schon so viel mit ihr darüber geredet, dass er sich sicher war, Rita ist die richtige Person, um über solche Themen zu sprechen.
„Meine Eltern haben bei meinem Bruder falsch entschieden. Eigentlich hätte ich eine Schwester gehabt.“ Rita nickte:
"Das ist ein großes Problem. Meine Freundin hatte Glück, denn sie fühlt sich tatsächlich weiblich aber es gibt auch andere Fälle, in denen die betroffenen Personen ein Wechselbad der Gefühle erleben und nicht selten leiden sie ein Leben lang unter den Entscheidungen Dritter, die über ihre Köpfe hinweg getroffen wurden. Manchmal oder in vielen Fällen mit lebenslangen Schäden, die niemand vorhersehen kann."
Mark hätte noch so viele Fragen gehabt aber er brachte keine Einzige über seine Lippen. Betroffen senkte er seinen Blick. Rita spürte, dass es in diesem Augenblick nicht klug war, weiter über dieses Thema zu sprechen und so lenkte sie ab. Mit Blick auf ihre Armbanduhr, sagte sie:
„Huch! Es ist ja schon beinahe Mittag! Nun wird es aber langsam Zeit fürs Bettchen. Komm, ich bringe dich noch zu deinem Auto.“
Während Mark schnell noch den letzten Schluck seines Kaffees austrank, räumte Rita das Geschirr zusammen und brachte es an den Tresen, bezahlte und verabschiedete sich mit gekonntem Augenaufschlag von der Bedienung. Mark erhob sich von seinem Platz und folgte Rita. Dort hakte Rita sich bei Mark ein und die Beiden verließen das Lokal. Der Weg zum Auto war nicht weit aber Mark kam es so vor, als wolle die Strecke nie enden. Müdigkeit machte sich breit und ihm schmerzten die Füße jetzt doch von den Pumps. Kurzerhand zog er die Schuhe aus und lief das letzte Stück barfuß zum Wagen. Rita strahlte ihn an und sagte:
„Das ist alles Gewohnheitssache. Wenn du erst einmal ein paar Stunden Dauertanz mit solchen Schuhen hinter dir hast, kann dich nichts mehr erschüttern.“
„Dauertanz?“ Mark lachte; „Mit solchen Schuhen kann man nicht einmal zur Toilette gehen, geschweige denn damit tanzen. Ich schwöre, wenn ich damit tanzen müsste, würde ich nie wieder Schuhe brauchen.“
Sie waren beim Auto angekommen. Mark steckte den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür. Dann drehte er sich zu Rita um und fragte:
„Soll ich dich irgendwo absetzen, oder dich nach Hause bringen?“
„Nein;“ erwiderte sie. Ich wohne nicht weit weg von hier. Zu Fuß bin ich schneller da, als du jemals mit dem Auto sein könntest.“ Sie kniff ein Auge zu und fuhr fort:
„Du weißt doch. Hamburg hat kein Herz für Linksabbieger.“
Dann fügte sie, mit ernster Mine hinzu:
„Sehen wir uns mal wieder?“
Mark blickte in ihre Augen und entgegnete:
„Ich bin mir sicher, wir werden uns wieder sehen. Es war ein komischer aber dennoch sehr schöner Abend. Ungewohnt, fremd, aber ich freue mich, dich kennen gelernt haben zu dürfen.“
Er wollte Rita seine Hand hinreichen, aber Rita zog ihn an sich und umarmte ihn freundschaftlich. In diesem Moment passierte irgendetwas in Mark. Er wusste nur nicht, was es war.
Nur schwer konnte Mark sich auf den sonntäglichen Verkehr konzentrieren. Zum Glück war nicht allzu viel auf den Straßen los, so dass er unbeschadet zu Hause ankam. Er war so müde, dass es ihn nicht einmal störte, seinem Nachbarn im Treppenhaus zu begegnen. Der jedoch schien überhaupt keine Notiz von Mark zu nehmen und Mark war selbst zu müde, um sich darüber zu wundern. Er öffnete die Wohnungstür und noch bevor er sie wieder verschlossen hatte, schleuderte er die Schuhe in eine Ecke des Flures. Dann riss er sich die Perücke vom Kopf, ohne daran gedacht zu haben, dass Rita ja einige Haarklammern zur Befestigung der Haarpracht, gebraucht hatte. Mark schrie laut auf:

„Scheiße! Man tut das weh!“
Er rieb sich den Kopf und warf die Perücke achtlos auf die Komode. Auf dem Weg ins Schlafzimmer, fielen nach und nach die Kleidungsstücke zu Boden. Nur der BH und das Höschen blieben an ihrem Platz, denn noch bevor Mark es schaffte, die Häkchen des BHs zu lösen, war er eingeschlafen.

 
Lautes Gehämmer drang an Marks Ohren. Immer wieder versuchte er seine Augen zu öffnen, doch seine Lider schienen aus purem Blei zu bestehen, die eine eingebaute, vollautomatische Schließfunktion hatten. Irgendwie schaffte er es, seine Beine aus dem Bett zu schieben. Langsam und schleppend ging er in Richtung Haustür, von der dieser permanente Hammerschlagausging. Mit halb geöffneten Augen lehnte er sich gegen den Türpfosten und öffnete ungeschickt die Tür. Alles was er erblickte, waren ein Paar Sportschuhe, die er irgendwo schon einmal gesehen hatte. Langsam hob er den Blick und sah eine helle Leinenhose. Darüber erkannte er das Lieblingsshirt seines besten Freundes und starrte letztendlich in ein Paar weit aufgerissene blaue Augen, zu denen der offene Mund einen passenden Kontrast bot.

„Mark?“

Sichtlich verwirrt stand Maik vor ihm.

„Wie siehst du denn aus?“

 Bis zu diesem Zeitpunkt war sich Mark überhaupt nicht bewusst, dass er ja immer noch die neckischen Dessous an hatte. Abgeschminkt war er ebenfalls nicht.

Vor Scham wollte er in den Erdboden versinken. Der jedoch, öffnete sich leider nicht unter seinen Füßen.

„Ich kann das alles erklären;“ stammelte er, tomatenrot und gleichzeitig schneeweiß anlaufend.

„Bist du jetzt unter die Tunten gegangen?“ Fragte Maik spöttisch, als der seine Fassung einigermaßen wieder erlangt hatte.

„Sei doch nicht so laut und komm erst mal rein;“ versuchte Mark ihn zu beschwichtigen.

„Pass auf Alter. Nur wenn du mich nicht anpackst. Ich bin nicht schwul!“

Mark überhörte den angewiderten Unterton in Maiks Stimme nicht aber er überging ihn einfach.

„Nun komm endlich rein. Du weißt genau, dass ich auch nicht schwul bin. Wie lange kennst du mich schon?“ fragt Mark.

„Scheinbar doch noch nicht lange genug um alles von dir zu wissen.“ Sprach Maik und trat zögernd in die Wohnung.

„Ich mache uns erst einmal einen Kaffee und dann gehe ich unter die Dusche, um wieder einen Menschen aus mir zu machen. Danach erkläre ich dir alles, ok?“

Maik nickte stumm und ging ins Wohnzimmer.

Während Mark den Kaffee aufgoss, konnte Maik es vor Neugier nicht unterlassen zu fragen:

„Sag mal… hast du eine Wette verloren oder warum dieser ganze Zirkus?“

„Lass mich doch erst einmal duschen und klar im Kopf werden“, rief Mark aus der Küche. Ich erkläre es dir ja gleich. Daraufhin holte er seine Wäsche aus dem Schlafzimmer und verschwand im Bad. „Ich Idiot“, hämmerte es durch seinen Kopf. „Was soll ich ihm denn nun erzählen. Der nimmt mir die Geschichte nie im Leben ab. Welcher normale Chef verlangt von seinem Mitarbeiter so einen Schwachsinn? Und welcher Volltrottel lässt sich dann auch noch darauf ein? Ich! Genau! Ich Arschloch… und nun kann ich zusehen, wie ich das wieder ausgelöffelt kriege. Muss Maik ausgerechnet heute kommen? Ich habe ja noch nicht genug Ärger.“

Mit geschlossenen Augen stand Mark unter dem heißen Wasser. Er genoss den entspannenden Wasserstrahl. Aber leider war er sich auch bewusst, dass er hier nicht ewig so stehen konnte, denn immerhin wartete sein Freund im Wohnzimmer auf eine Erklärung von ihm. Also stieg er wieder aus der Dusche, nachdem er sich gründlich gewaschen hatte, trocknete sich ab, zog sich an und erkannte im Spiegel die Tatsache, dass sich die Farbe im Gesicht hartnäckig hielt. „Oh man“, seufzte er. „Wie kriege ich das jetzt runter? Es macht wohl nicht viel Sinn, Maik zu fragen, oder?“ Nochmals versuchte er die Reste des Make-Ups aus dem Gesicht zu waschen, bis ihm einfiel, dass Rita es mit Creme gemacht hatte. Er kramte im Schränkchen nach der Creme, die seine Ex bei ihm vergessen hatte und trug sie dick auf sein Gesicht auf. Etwas zu dick, denn nun hatte er alle Mühe, das Zeug wieder abzuwischen. Jede Menge Toilettenpapier ging dabei drauf, bis er endlich alle Reste beseitigt hatte. So konnte er Maik wenigstens wieder unter die Augen treten. Nochmals ein prüfender Blick in den Spiegel und ab ins Wohnzimmer.

Maik hatte inzwischen den Kaffee mitsamt zwei Tassen aus der Küche geholt und schlürfte schon an seiner ersten Tasse Kaffee. Nun blickte er Mark fragend an und erwartete eine spannende Geschichte.

„Ja…,“ räusperte sich Mark. „Wie fange ich am besten an?“

„Von vorne.“ Entgegnete Maik.

„Sicher!“ Mark war entschlossen, Maik die Geschichte so zu erzählen, wie sie sich zugetragen hatte. „ Also, das war so: letzte Woche hatte ich ein Gespräch mit meinem Chef, der mir unmissverständlich klar machte, dass ich mich für ein Wochenende in Frauenkleidern bewegen und natürlich auch leben sollte.“

„WAS?“ rief Maik entsetzt. „Was soll denn so ein Schwachsinn?“

„Ich wusste, du würdest mir nicht glauben.“

„Quatsch! Eine so blühende Fantasie hast selbst du nicht, als dass du dir sowas ausdenken könntest. Erzähl, “ forderte Maik seinen Freund auf.

„Eigentlich gibt es da nicht viel mehr zu erzählen. Angeblich habe ich mich meinen Arbeitskolleginnen gegenüber wie das letzte frauenverachtende Schwein benommen. Und damit ich mich in Zukunft den Damen gegenüber besser benehme, sollte ich selbst mal in die Rolle einer Frau schlüpfen. Morgen muss ich meinem Chef Bericht abgeben. Das ist auch schon alles.“

„Aha, also quasi eine Erziehungsmaßnahme für Erwachsene. Man, und du hast dich auch noch darauf eingelassen!“ Maik schüttelte den Kopf.

„Was hätte ich denn machen sollen?“ entrüstete sich Mark. Du bist lustig. Hast du schon mal daran gedacht, dass mein Wagen auch Geld kostet? Oder meine Eigentumswohnung bezahlt werden muss“

„Hör doch auf“, warf Maik ein. „Die Wohnung finanziert sich doch durch die Mieter von selbst.“

„Wir können jetzt gerne über meine Finanzen diskutieren, aber ich denke, das geht ein wenig zu weit.“ Mark war leicht angesäuert und Maik spürte das. Deshalb beschloss Maik lieber abzulenken indem er fragte:

 „Und was willst du dem Alten morgen erzählen?“

Mark zuckte mit den Schultern.

„Ich werde ihm erzählen, dass Damenpumps untragbar sind, Lippenstift nicht schmeckt und Dessous nur zum ausziehen taugen.“

Die Männer sahen sich an und lachten.

„Mal ganz ehrlich, Mark. So berauschend hast du eben auch nicht ausgesehen, als du da mit dem verschmierten Make-Up in der Tür gestanden hast. Ich dachte schon, ich habe mich im Eingang geirrt.“

Mark war erleichtert, dass sein Freund so positiv auf diese doch eher ungewöhnliche Geschichte reagierte. Von seiner inneren, aufgewühlten Gemütsverfassung sprach er jedoch nicht.

Nachdem Maik sich einige Zeit später von Mark verabschiedet hatte, ließ Mark die Erlebnisse des vergangenen Wochenendes noch einmal Revue passieren. Er saß lange in seinem Sessel und dachte an Rita, an die netten Stunden, die er mit diesem wildfremden und ausgesprochen angenehmen Menschen, verbracht hatte. Ihm kamen die Worte seines Vaters in den Sinn, der Rita vermutlich als Abschaum tituliert hätte und er dachte an Alex. Alex, seine große arme Schwester. Welche seelische Qualen musste sie erlitten haben…

 
Unbarmherzig klingelte der Wecker. Mark rieb sich, nachdem er den Wecker ausgestellt hatte, die Augen und sah auf die Uhr. Es war Zeit um aufzustehen. Das alltägliche Morgenritual nahm seinen Lauf und als er endlich soweit war, das Haus zu verlassen, um zur Arbeit zu fahren, fiel ihm ein, dass er Heute seinem Chef einen Bericht erstatten musste, dessen Tragweite er sich selbst noch gar nicht im Klaren war. Was sollte er erzählen? Was wollte Evers hören?

Mark stieg ins Auto und fuhr los. Er bemühte sich, nicht intensiv an die Begegnung mit seinem Arbeitgeber zu denken. Er beschloss, die Dinge auf sich zukommen zu lassen.

Als er auf das Firmengelände fuhr, kam ihm ganz kurz der Gedanke, umzudrehen und sich für diesen Tag krank zu melden. Da sah er auch schon seinen Chef, wie er aus seinem Wagen stieg und ihm einen Gruß zunickte. Zum Umdrehen war es zu spät. Wohl oder übel musste Mark nun da durch. Ihm wurde übel und er fühlte sich, als hätte ein Panzer gerade seinen Magen passiert um im nächsten Moment zu wenden und nochmals drüber zu fahren. Es half nichts. Evers erwartete ihn bei seinem Auto.

„Guten Morgen Mark. Schön Sie so munter zu sehen.“ Evers lächelte Mark an. „Kommen Sie doch bitte gleich in mein Büro.“

Mark versuchte sich ein Lächeln ins Gesicht zu drücken, was ihm kläglich misslang und dachte:

„Hat der keine Augen im Kopf? Munter ist gehetzt. Erschlagen würde meinen Zustand eher treffen.“

Er verkniff sich jedoch eine Bemerkung in diese Richtung. Stattdessen nickte er kurz und sagte:

„Ist ok. Ich bringe nur eben schnell meine Stundenzettel ins Sekretariat.“

Evers drehte sich um und ging in das Gebäude. Mit schweren Schritten folgte Mark, in der Hoffnung, ein Wunder würde geschehen und er würde sich augenblicklich auf einer Südseeinsel wiederfinden. Umgeben mit wunderschönen Frauen unter Palmen, am Strand. Schließlich klappte das in der Werbung ja auch.

Ohne anzuklopfen trat er in das Büro der Sekretärin ein. Er wusste, um diese Zeit war noch niemand von den Damen in der Firma. So konnte er unbehelligt seine Stundenzettel auf den Schreibtisch legen. Momentan fühlte er sich außerstande höfliche Konversation zu pflegen.

Danach ging er langsam in die Höhle des Löwen, bereit zerfleischt und gefressen zu werden.

Mark klopfte leise an die Tür.

„Kommen Sie rein.“ Vernahm er die Stimme seines Chefs.

Er betrat den sparsam eingerichteten Raum, der aber nicht unfreundlich wirkte.

„Setzen Sie sich, Mark.“ Evers deutete mit einer knappen Handbewegung auf den Stuhl, der vor dem Schreibtisch stand und nahm ebenfalls Platz.

Nach einer schweigsamen Weile, hob Evers den Kopf und blickte Mark ernst an.

„Wie war Ihr Wochenende?“

Nun war es so weit. Mark hatte nach wie vor keine Ahnung, was er seinem Chef sagen sollte. Er konnte ihm kaum mitteilen, dass er durch die Ereignisse selbst nicht wusste, was eigentlich mit ihm geschah. Reicht ein Wochenende aus, um Frauen mit anderen Augen zu betrachten? War es das, was Evers von ihm hören wollte?

Mark sah den Mann hinter dem Schreibtisch an und blickte ihm direkt in die Augen.

„Ich habe mich wie eine Frau gekleidet. Zumindest habe ich es versucht. Ich bin in dieser Aufmachung auch aus dem Haus gegangen. Es ist bewundernswert, wie Frauen sich in dem Dschungel von Kosmetik zurechtfinden und ich bewundere die Damen, dass sie auf Stelzen zu laufen vermögen. Aber ganz ehrlich, Herr Evers, Frauenkleidung zu tragen bedeutet nicht, sich auch wie eine Frau zu fühlen, wenn man keine Frau ist und auch keine sein möchte. Eines habe ich aber gelernt. Egal ob man ein Mann oder eine Frau ist, es ist nicht wichtig, welche Kleidung man trägt. Einzig wichtig ist, welcher Mensch in der Kleidung steckt. Dem Menschen an sich, gebührt Respekt, Toleranz und Achtung. Niemand hat das Recht durch Vorurteile einen anderen Menschen zu verachten. Jeder Mensch ist etwas ganz Besonderes, wenngleich aber nichts Besseres.“

Mark verstummte. Er dachte an Rita, die er vor zwei Wochen gemieden und wahrscheinlich sogar als Abartig beschimpft hätte. Er war sich sicher. Er würde sie wiedersehen.

Schweigend hörte Evers zu. Dann stand er auf, ging um den Schreibtisch herum und gab Mark die Hand, mit den Worten:

„Mark, Sie haben die Lektion verstanden. Ich freue mich, Sie als Mitarbeiter zu haben.“

 
(Happy)ENDE
 
by Petra Virbinskis 07.03.2007

 

 

 

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Der Beitrag wurde von Petra Virbinskis auf e-Stories.de eingesendet.
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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 08.03.2007. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

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