Ingrid Grote

Holidays in Kampodia Kapitel III

Wieso treffen sich diese Leute in Kampodia? Hat man sie dort hingelockt? Warum kommt Rebekka nicht mit Männern klar? Werden Rebekka und Daniel zueinander finden? Ist Morgaine wirklich Daniels Tochter? Was ist das dunkle Geheimnis von Max? Und ist es ein Dämon, der Kampodia von Zeit zu Zeit heimsucht? Fragen über Fragen...
Übrigens kann man auf meiner Homepage besser lesen (Fenster in der Breite verkleinern) und auch besser drucken, falls denn Bedarf besteht:
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KAPITEL III - Teil 1
Das Baby Andromeda (1 Jahr alt)
Sie wusste nicht, ob ihre Erinnerungen echt waren, man hatte ihr später so viel erzählt, dass vielleicht ihre eigenen Erinnerungen – falls man sich im Alter von einem Jahr überhaupt an etwas erinnern kann – mit diesen Erzählungen vermischt waren. Seltsamerweise sprach Max, der es eigentlich am besten wissen musste, nicht gerne darüber. Aber alle anderen Leute, egal ob sie etwas wussten oder nicht, hatten immer bereitwillig ihren Senf dazugegeben.
Aber sie erinnerte sich, und sie war davon überzeugt, es waren ihre echten Erinnerungen...
Sie erinnerte sich schemenhaft an das Spitze, unter das sie gekrochen war und an das Weiße, das waren die fürchterlichen Zähne des großen Tieres, das sie angegriffen hatte und das nur von ihr abließ, weil sie sich nicht mehr bewegte und auch keinen Ton von sich gab.
Und sie konnte sich an das Laute erinnern, das fürchterlich knallte und vor dem sie fürchterliche Angst hatte. Und sie erinnerte sich an die grellen Lichter, die nach dem Lauten kamen. Immer abwechselnd geschah das, ein grelles Licht, so dass sie vor Angst die Augen zukniff und kurz darauf ein gewaltiges Krachen, gegen das sie nichts machen konnte, denn sie war nicht fähig, sich ihre Ohren zuzuhalten. Sie war ja noch ein Baby, das zwar ein bisschen laufen oder vielmehr stolpern konnte, aber dass man sich die Ohren zuhalten konnte – was sind Ohren – davon wusste sie nichts. Irgendwann wurde das Laute dann leiser, und das Grelle nicht mehr so grell, bis es schließlich ganz aufhörte.
Aber dann kam das Nasse von oben und saugte sich in ihren Sachen fest, und dann kam das Kalte, das sie zum Zittern brachte. Das Kalte und das Nasse verdrängten ein wenig die Schmerzen in ihren Wunden, die von dem Tier herrührten und von dem starren borstigen Unterholz, in das sie gekrochen war, um instinktiv Schutz zu suchen. Sie hatte schließlich in einem Haufen Laub Zuflucht gefunden, das Laub erinnerte sie wohl an die Decke, die sie zu Hause in ihrem Babybett hatte, und sie grub sich instinktiv darin ein. Das hatte ihr wohl erst einmal das Leben gerettet, aber sie war sehr schwach.
Es dauerte Ewigkeiten, das Kalte, das Nasse und die Schmerzen, bis sie schließlich nur noch leise vor sich hinwimmerte. Und auf irgendetwas oder irgendjemanden wartete, der sie von diesen Sachen erlösen würde.
Aber es kam niemand. Sie dämmerte langsam hinüber in das Vorland des Todes.
Dann auf einmal gab es eine Änderung.
Jemand fasste sie an, und wieder hatte sie Angst, es wäre das große Tier, das ihr schon einmal Schmerzen zugefügt hatte.
Aber es war nicht das große Tier.
Jemand streifte ihr die nassen Babysachen ab, auch ihre Windel, denn sie hatte seit drei Tagen praktisch in ihren eigenen Exkrementen gelegen, und ihr Po war rot und entzündet.
Jemand legte ihr etwas Trockenes und Warmes um und hob sie dann hoch.
Sie fühlte, wie ihr jemand etwas an den Mund hielt und sie saugte daran. Diese Erinnerung war wohl wirklich echt, denn Max hatte ihr einen Schokoriegel an den Mund gehalten, weil er nichts anderes hatte, mit dem er sie füttern konnte.
Nie in ihrem Leben würde Andromeda den Geschmack des Schokoriegels vergessen. Und diese Erinnerung war wirklich real und konnte keine Einbildung oder das Echo von den Erzählungen anderer Leute sein.
Max brachte sie schließlich nach Hause.
Alles war warm und gut.
Sie erholte sich sehr schnell von den Strapazen dieser Tage und Nächte.
Das einzige Trauma, das sie von dieser üblen Sache behielt, war eine panische Angst vor Gewittern, bei denen sie es vorzog, sich irgendwo im Keller zu verkriechen, um die gleißenden Blitze nicht sehen und den krachenden Donner nicht hören zu müssen.
 
Das Kind Andromeda (sechs Jahre alt)
Ein Schlachtfest auf dem Gutshof ist immer ein spektakuläres Ereignis. Vor allen für die Männer.
Viele Leute sind da, alle rennen geschäftig herum, und kein Mensch kümmert sich um die sechsjährige Andromeda, die Tante Mansell ausgetrickst hat und ihr weggelaufen ist.
Ein fettes quiekendes Schwein wird von zwei starken Männern auf den Hof hinausgeführt, sie halten das Schwein mit zwei Stangen fest, der Kopf des Schweins steckt in zwei Schlingen, und mit den Stangen kann man das Tier auf Distanz halten.
Das Schwein wehrt sich und kreischt und quiekt mörderisch, aber das hilft ihm nichts. Sie zerren es in den Hof hinaus.
Dort hat man einen flachen hölzernen Zuber aufgestellt. Er wird dazu dienen, das Blut des Schweins aufzufangen. Nachdem sie es mit einem Bolzenschuss getötet haben.
Früher hätte man dem Schwein einfach nur die Kehle aufgeschlitzt, um das Blut besser zum Fließen zu bringen, und dann starb es nach einer Weile, nachdem es immer noch gekreischt und geheult hatte, bis sein Leben in den hölzernen Zuber geflossen war. Das Schwein scheint zu ahnen, was ihm bevorsteht. Es kreischt womöglich noch lauter als vorher. Und das Kreischen reißt nicht ab.
Erst als der Schlachter das Bolzenschussgerät an die Stirn des Schweins setzt und abdrückt, herrscht Ruhe. Andromeda gerät in Panik. Das Kreischen des Schweins, die erwartungsvolle Unruhe unter den Männern – Frauen sind fast keine da, sie scheuen das blutige Spektakel – der laute knallende Schuss, das auf die Seite kippende Schwein, das sofort tot ist , ein Hinterbein zuckt zwar noch, aber das sind postmortale Nervenreflexe, all das schafft eine gewalttätige nach Blut riechende Kulisse, und sie hat Angst.
Ihren Daddy findet sie auch nicht. Der ist bestimmt da vorne bei dem toten Schwein, Andromeda traut sich nicht dahin, denn der Tod riecht nach Blut und nach Schrecken.
Das Schwein wird mit dem Kopf nach unten an einer Wand der Stallungen aufgehängt und vom Schlachter am Hals aufgeschlitzt, so dass das Blut in die große flache Holzwanne laufen kann. Nachdem das Schwein ausgeblutet ist, schneidet der Schlachter das tote Tier der Länge nach auf, entfernt geschickt alle Innereien des Schweins, wirft sie in ein separates breites Tongefäss. Die Därme des Schweins müssen gewaschen werden, damit man später Wurstmasse hineinfüllen kann.
Das Schwein hängt nun ziemlich leer an der Wand und ist zur Weiterverarbeitung bereit. Es wirkt nicht mehr wie ein Lebewesen – vor ein paar Minuten war es noch quicklebendig, aber jetzt ist es nur noch ein Lebensmittel.
Andromeda schaut sich um, ob Max irgendwo ist. Er ist nicht mehr oft da. Er muss viel lernen, dort wo er studiert. Er muss auch viel arbeiten, um das Studieren bezahlen zu können, hat Daddy ihr erzählt. Und deswegen könnte er nicht mehr so oft nach Kampodia kommen. Andromeda ist traurig, dass Max nicht mehr so oft da ist wie früher.
Aber plötzlich sieht sie ihn unter den anderen Männern. Sofort läuft sie zu ihm hin und schiebt vertrauensvoll ihre kleine Hand in seine große. Sie geht ein paar Schritte mit ihm, blickt zu ihm auf und erkennt plötzlich, dass sie sich vertan hat. Das ist gar nicht Max, sondern einer aus seiner Verwandtschaft, der zwar einige Ähnlichkeit mit Max hat, aber bei näherem Hingucken ganz anders aussieht.
Verlegen lässt Andromeda die Hand des Mannes los und rennt weg.
Die anderen Männer haben das kleine Zwischenspiel mitbekommen und lachen gutmütig. „Bist wohl doch nicht Max!“ sagt einer von ihnen, ein großer breiter mit slawischen Gesichtszügen.
Andromeda ist zornig über ihren Irrtum. Und noch mehr zornig ist sie darüber, dass Max nicht zum Schlachtfest gekommen ist.
Dann fällt ihr ein, Max mag keine Schlachtfeste, das hat er ihr jedenfalls mal erzählt.
 
Andromeda (zwölf Jahre alt)
Andromeda sitzt auf dem einzigen gut erreichbaren Ast des kleinen Lindenbaums und drückt ihre entzückende Nase an das Fenster des Häuschens. Tatsächlich sind die schweren Vorhänge nicht ganz zugezogen, so dass man gut in das Innere des Raumes schauen kann, der sich im ersten Stock befindet.
Andromeda sitzt dort in luftiger Höhe, um ein wenig zu spionieren.
Es ist spät am Abend. Andromeda hat sich heimlich aus dem Haus geschlichen. Sie liebt es, am späten Abend unterwegs zu sein. Manchmal geht sie in der Dämmerung noch in den Wald, genießt die schaurige Stille, die dort herrscht, bekommt dann ein wenig Angst wegen der schaurigen Stille, die dort herrscht und geht gemessenen Schrittes wieder nach Haus, ohne sich umzudrehen, als ob sie damit die Schrecken des Waldes abwehren oder einfach nur ignorieren kann.
Sie verspürt Sehnsüchte, die sie nicht benennen kann. Nicht genau erklären kann. Sie denkt an ihre Schulkameraden und besonders an einen bestimmten, den Stürmer des Fußballteams, der sich anscheinend für sie interessiert. Eigentlich ist sie nicht der Typ für so einen. Sie liest viel, interessiert sich nicht besonders für modische Dinge und gilt als Streberin, Natürlich ist sie gar keine Streberin, sie will einfach nur viel wissen. Aber weil sie hübsch ist mit ihrer blendenden Figur, ihrem langen braunen gelockten Haar und ihren wunderschönen mandelförmigem grünen Augen, sieht man ihr diese Verrücktheiten nach.
Ich will jedenfalls nicht heiraten, nur weil ich ein Kind kriege, das denkt Andromeda manchmal, wenn sie irgendwie erregt den stillen Weg entlanggeht. Hier auf dem Land werden schnell Kinder gezeugt, nicht nur aus Lust. Die Einsamkeit, die Stille, die Dunkelheit in der Nacht, die nicht von Straßenlaternen aufgehellt wird, das alles erzeugt Sehnsüchte, die befriedigt werden müssen. Und so heiratet man eben, lebt ein paar Jahre mehr oder weniger gut zusammen – und dann lässt man sich scheiden. Andromeda vergisst den Gedanken an den Stürmer aus dem Fußballteam. Eigentlich ist er nur ein dummer, wenn auch sehr gut aussehender Junge.
Denn jetzt späht sie ins Häuschen hinein. Sie ist wahnsinnig neugierig. Vielleicht erfährt sie hier, was eigentlich so abläuft zwischen den Geschlechtern. Natürlich weiß sie aus den Ställen, wie es zwischen den Tieren abläuft, aber zwischen Menschen muss doch so eine Art Mysterium sein, es kann doch auf keinen Fall so sein wie bei Tieren.
Das Licht im Zimmer ist dämmrig, aber man kann alles ganz gut erkennen.
Allerdings sieht das, was sie sieht, nicht wie ein Mysterium aus.
Sie sieht einen Mann und eine Frau, die sich gegenseitig entkleiden und sich dann küssen. Der Mann streichelt die Frau, die anscheinend aufstöhnt, Andromeda kann es nicht hören, aber das Gesicht der Frau sieht so aus...
Die Frau lässt sich auf das breite Bett fallen, der Mann beugt sich über sie und küsst langsam ihre Brüste und dann ihren Bauch.
Andromeda verspürt selber ein leichtes Ziehen in den Brüsten und tiefer, aber sie ist so fasziniert von dem Akt, dass sie diese Gefühle verdrängt.
Dann wendet der Mann sich noch etwas tiefer. Er scheint Zeit zu haben.
Die Frau allerdings bekommt auf einmal ein verzerrtes Gesicht und sagt etwas zu ihm, nein sie keucht es. Andromeda meint von ihren Lippen lesen zu können, wie sie keucht: Nicht nicht, komm. Bitte. Bitte...
Der Mann richtet sich auf, er lächelt, er wendet sich zu einem kleinen Tisch neben dem Bett und nimmt dort etwas, packt es aus und streift es sich über sein Glied – Andy weiß, dass das ein Kondom ist – beugt sich dann über die Frau und dringt langsam mit seinem Glied in sie ein.
Andromeda hat es sehen können. Natürlich ist es nicht so groß wie von einem Hengst, aber... wenn sie sich vorstellt, das in sich zu haben, das wäre ... wieder verspürt Andromeda ein leichtes Ziehen im Unterleib, aber wieder ignoriert sie es.
Die Frau blickt nun mit ziemlich blöden Augen vor sich hin, wie Andromeda meint. Sie klammert sich an den Mann und hebt ihre Beine hoch und schlingt sie um seinen Rücken. Dann auf einmal bäumt sie sich auf, und ihr Körper zuckt ein paar Sekunden lang konvulsisch, das fällt Andromeda spontan ein, obwohl sie gar nicht genau weiß, was das heißt, und sie will nicht aufhören zu zucken. Konvulsisch...
Der Mann beobachtet sie aufmerksam bei diesen Zuckungen. Bei diesen konvulsischen Zuckungen, und es scheint ihm zu gefallen.
Als sie ausgezuckt hat, entfernt er sich aus ihr, dreht sie um und zieht sie so, dass sie vor ihm kniet und ihre Arme sie weiter vorne abstützen. Er dringt diesmal von hinten in sie ein, seine Finger sind vorne an ihrer... und die Frau kann sich auf einmal nicht mehr abstützen aus irgendwelchen Gründen, und sie droht nach ein paar Stößen von ihm nach vorne zu fallen, aber er hält sie fest und beschleunigt seine Stöße, bis auch sein Gesicht sich ein wenig verändert, aber bei weitem nicht so extrem wie zuvor das Gesicht der Frau.
Andromeda hat genug gesehen. Sie haben es von hinten getrieben, es gibt kein Mysterium, Menschen sind genauso wie Tiere.
Und Andromeda kann die Frau nicht leiden. Warum, das weiß sie nicht, denn es gibt eigentlich keinen Grund dafür.
Sie klettert gewandt den Baum wieder hinunter.
Leider stolpert sie beim Hinunterklettern über das Motorrad, das irgendein Idiot vor dem Haus abgestellt hat und an das sie nicht mehr gedacht hat.
Andromeda kann nirgendwohin, denn der Hof wird von zwei Straßenlaternen gut beleuchtet, und wenn sie weglaufen würde, könnte man sie vom Fenster aus sehen. Also meint sie, das Beste was sie machen kann, ist sich jetzt ganz still und sozusagen unsichtbar zu verhalten Vielleicht entdeckt man sie nicht. Aber leider klappt das nicht so ganz.
Nach ein paar Sekunden geht das Licht hinter der Haustür an, und der Mann, den sie die ganze Zeit beobachtet hat, kommt heraus.
Er hat sich auf die Schnelle eine Jeans angezogen, sonst trägt er nichts.
Zielsicher wendet er sich nach rechts zu dem Baum, hinter dem Andromeda steht – scheinbar unsichtbar steht – packt sie am Kragen ihrer Bluse und hebt sie ein bisschen hoch und schaut ihr forschend ins Gesicht.
„Was zum Teufel machst du hier? Was hast du gesehen?“ Seine Stimme klingt besorgt.
„Nichts, was ich nicht schon bei Tieren gesehen hätte“, sagt Andromeda trotzig. „Und ich wusste es! Es ist kein Mysterium...“
 „Oh Gott!“ sagt Max. „Doch, es ist ein Mysterium. Mit der richtigen Frau. Vielleicht...“ Letzteres murmelt er nur vor sich hin.
„Ist sie deine Freundin?“ fragt Andromeda freundlich.
„Nnnein, jaaa, ach was weiß ich!“ Max ist immer noch verwirrt. Der Gedanke, dass Andromeda ihn eben beim Liebesspiel beobachtet hat, macht ihn ziemlich verlegen. Demnächst wird er es nicht mehr im Häuschen treiben. Andromeda soll auf keinen Fall etwas mitbekommen von dem angeblichen Mysterium zwischen Mann und Frau. Sie hat Recht, es ist kein Mysterium, nicht für ihn, es ist nur die nackte Lust, die ihn ab und zu dazu treibt, eine Frau ins Verwalterhaus zu holen. Er hat keine Probleme, eine Frau zu finden. Er hat eher Probleme, sie wieder loszuwerden, wenn das Vergnügen schal geworden ist und die Zuneigung – von Liebe ganz zu schweigen – sich nicht einstellen will.
Seine längste Beziehung mit einer Frau hielt drei Monate lang. Und beim Abschied sagte sie: „Du empfindest nichts für mich. Kannst du überhaupt etwas empfinden?“
Aber er konnte nichts daran ändern. Er konnte seine Gefühle eben nicht steuern. Obwohl er es bereut hatte, sie gehen zu lassen. Sie hätte eigentlich seine Idealfrau sein müssen. Sie studierte das gleiche Fach wie er, und das war schon ungewöhnlich, denn es gab praktisch keine Frauen unter den studierten oder nicht studierten Landwirten. Sie war intelligent und schön, und im Bett lief es auch gut. Warum also hatte es nicht mit ihr geklappt? Und trotz seines Bedauerns fühlte er sich erleichtert, als sie weg war.
Max hatte irgendwann aufgehört, sich über das Scheitern seiner Beziehungen Gedanken zu machen. Natürlich wusste er, woran es lag. Aber es war eben so, und er konnte es nicht ändern, auch wenn er es gewollt hätte.
 
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KAPITEL III - Teil 2
Rebekka hatte ziemlichen Bammel vor ihrer ersten Reitstunde, und sie war froh, dass Archibald und Daniel auf dieser Bierprobe waren und nicht sehen konnten, wie sie vom Pferd fiel... Claudia Mansell, die Schwester von Archie wollte auf Morgaine achten. Claudia war noch sehr lebendig für ihr Alter, vor allem geistig. Gebe Gott, dass ich mit fünfzig auch noch so gut drauf bin, dachte Rebekka. Sie hatte einen sehr guten Draht zu der älteren Frau, und das geschah selten. Normalerweise vertrug sie sich besser mit jüngeren Frauen, bei denen sie ein bisschen die Mutterrolle spielte - hoffentlich besser spielte als ihre eigene Mutter sie gespielt hatte...
Auch Morgaine mochte Mansell. „Tante Claudi liest mir vor“, hatte sie gestern Abend beim Essen erzählt. Das Essen war ja so fantastisch, und was für einen Appetit man hier hatte! Nur ob das mit dem Nichtzunehmen klappen würde? Sie riss ihre Gedanken von dem leckeren Essen los, denn jetzt war Reitenlernen angesagt.
„Es ist alles halb so wild“, damit hatte Andy sie am Morgen beruhigt. „Mehr als runterfallen kannst du nicht. Aber ich glaube, du bist ein Naturtalent.“
„Ist Daniel auch ein Naturtalent?“
„Daniel ist es angeboren“ Andy hatte bei diesen Worten verlegen gewirkt. Und Rebekka war feinfühlig genug, es zu kapieren. Die Kleine war in Daniel verschossen, wenn nicht gar richtig verliebt. Und schlimmstenfalls liebte sie ihn wirklich. Sie war zwar sehr jung für die große Liebe, aber es konnte vorkommen. Was aber war mit Daniel? Rebekka hatte nichts Auffälliges an ihm bemerkt, er schien die Kleine – haaa, Kleine war gut, sie war etwas größer als Rebekka – zu mögen, manchmal hatte er allerdings diesen Blick, als ob er etwas in Andromeda suchen würde. Allerdings sah er sie nicht direkt dabei an, sondern immer haarscharf daneben. Sie erinnert ihn an mich. Es war wie bei Max, nur umgekehrt… Diese Eingebung kam Rebekka urplötzlich. Auf einmal fühlte sie sich seltsam unsicher, und das hatte nichts mit der Reitstunde zu tun.
Sie schüttelte unwillig den Kopf, schob den Gedanken beiseite und öffnete entschlossen und zu allem bereit die Tür zu den Stallungen.
Woraufhin ein weißer gehörnter Dämon auf sie zustürmte, sie mit wütenden Augen anfunkelte und Anstalten machte, sie niederzutrampeln und danach aufzuspießen.
Der weiße gehörnte Dämon mit den wütenden Augen entpuppte sich beim Näherstürmen als ein Ziegenbock, aber das machte ihn auch nicht sympathischer.
Rebekka sprang flink zur Seite, um dem Angriff zu entgehen, und der Bock rannte geradeaus ins Leere. Allerdings gelangte er durch die geöffnete Tür nach draußen, tobte dort herum und stürmte auf die Hühner zu, die laut gackernd vor ihm aufflogen. Es herrschte ein ziemliches Chaos im Hof.
„Was zum Geier war das?“ fragte Rebekka Andromeda, die ihr eilig entgegenkam.
„Er ist mir ausgerissen, dieser elende Kalybos.“ Es war Andromeda peinlich, das konnte man an ihrem verzweifeltem Gesichtsausdruck sehen. „Ich dachte, er schläft, und dann ist er an mir vorbeigaloppiert.“
„Dann war das eben also Bockalarm“, sagte Rebekka und musste lachen. „Im Gegenteil zum Zickenalarm...“
Andromeda musste nun auch lachen. „Dieses weiße Miststück hält sich für den Herrscher der Welt. Und er hätte dir bestimmt nichts getan, er liebt Frauen. Er mag nur keine Männer.“
„Der hat Geschmack, dieser geile Bock!“ Rebekka konnte sich gar nicht beruhigen.
„Er versteht sich auch nicht mit Alfonso. Alfonso ist ja schließlich auch so ’ne Art Mann“, sagte Andromeda, „wenn auch nur ein kleiner...“ Sie musste nun auch lachen, als sie Rebekkas amüsierten Gesichtsausdruck sah.
„Oh ja Männer!“, sagte Rebekka verachtungsvoll und musste sich das Lachen verbeißen. „Dieser weiße Blitz, wie heißt er noch mal...“
„Kalybos.“
„Kalybos! Der hält uns bestimmt für seinen Harem.“
Kalybos hatte seinen Namen aus dem Munde einer Frau ausgesprochen gehört und trottete jetzt elegant wieder in den Stall hinein, er positioniert sich vor Rebekka und stupste mit seiner langen Ziegenschnauze in ihren Bauch.
„Was für ein Ferkel“, sagte Rebekka und schob Kalybos ein wenig von sich weg.
Kalybos starrte sie wie verzaubert an. Irgendwie erinnerten sie diese Augen an Daniels Augen, die waren auch so tierhaft braun...
„Da hast du jetzt einen Freund fürs Leben“, meinte Andromeda lächelnd. „Muss ich etwa eifersüchtig sein.“
„Um Gottes Willen nein“, sagte Rebekka und musste dabei lachen. „Du kannst diesen Verehrer ruhig behalten.“
„Ist was passiert?“ fragte eine besorgte Stimme. Sie gehörte Max, dem Verwalter des Gutes, der gerade von der Brauerei zurückgekommen war, wo er die Bierprobanten abgeliefert hatte.
„Es ist alles in Ordnung, Max“, sagte Andromeda zu dem gut aussehenden dunkelhaarigen Mann, der Rebekka mit keinem Blick bedacht hatte. Seine Blicke waren einzig und allein auf Andromeda gerichtet. Schließlich jedoch bemerkte er Rebekka. „Hallo Becky! Du willst also das Reiten lernen?“
„Sieht fast so aus.“ Er ist in Andy verliebt, sagte sich Rebekka überrascht. Es konnte nicht anders sein. Wenn Männer eine Frau überhaupt nicht beachteten, konnte das zwar auch bedeuten, dass sie in diese Frau verknallt waren – aber in diesem Fall erschien ihr das unwahrscheinlich. War schon seltsam, dass ein Mann überhaupt nicht auf sie reagierte. Denn auch, wenn sie sich noch so unsichtbar machte, kam es dann und wann vor. War sie alt geworden? Nein, er war in Andromeda verknallt! Wirklich seltsam, ein Mann an die dreißig und in die Stieftochter seiner Cousine verliebt – er war der Cousin von Andys Stiefmutter Zirza, das hatte Andy ihr erzählt. Und er hatte Andy im Wald gefunden damals... War Max nicht ein bisschen alt für Andromeda? Andererseits würden sie ein schönes Paar abgeben. Aber von wegen Paar, Andromeda machte nicht den Eindruck, als sähe sie etwas Besonderes in ihrem Onkel zweiten Grades Max. Rebekka verbiss sich das Lachen, denn das hörte sich fast an wie ‚Gustav der soundsovielte Karl’... Und überhaupt, es hatte sie nicht zu interessieren.
„Wenn Max Kalybos einsperrt, dann können wir vielleicht mit der Reitstunde anfangen.“ Andromeda zwinkerte Rebekka zu, die feststellte, dass Andromeda es zwar gewohnt war, dass Onkel Max alles für sie tun würde, sich aber keinerlei Gedanken darüber machte, WARUM Onkel Max das alles für sie tat.
Aber auch das hatte Rebekka nicht zu interessieren. Sie wollte das Reiten lernen und zwar so schnell wie möglich.
Andromeda führte sie in eine Pferdebox, in der ein nicht sehr großes Pferd stand. Von weitem gesehen jedenfalls.
„Das ist dein Pferd“, sagte Andromeda aufmunternd zu Rebekka.
„Es sieht ein bisschen klein aus“, meinte Rebekka.
„Wir gehen jetzt erst mal ganz vorsichtig in die Box. Sag irgendwas zu ihm, damit er sich nicht erschreckt. Er heißt Pronny. Und normalerweise geht man immer von der linken Seite an die Pferde heran, das sind sie gewohnt.“
„Hallo Pronny“, sagte Rebekka zaghaft, woraufhin Pronny seinen Kopf nach hinten drehte und abcheckte, wer da wohl seine Ruhe stören würde.
„Du darfst nie ohne Vorwarnung von hinten einem Pferd zu nahe kommen“ Rebekka hörte Andromedas Ermahnung, und sie trat unwillkürlich einen Schritt zur Seite, von Pronny weg und an den Rand der Box.
„Und auch keine heftigen Bewegungen machen. Pferde sind Fluchttiere. Sie erschrecken sich leicht.“
Rebekka verlangsamte ihre Bewegungen und ihren Herzschlag, um ja nicht dieses kleine Wesen, äääh Pferdchen zu erschrecken, das ihr Gewicht wahrscheinlich gar nicht tragen konnte.
„Geh ganz langsam an ihn heran. Von der Seite, so dass er dich sieht. Und dann sprich mit ihm.“
Rebekka tat, wie Andromeda ihr geheißen hatte, näherte sich dem Pferdchen, das jetzt auf einmal gar nicht mehr so klein aussah, von der Seite, so dass das Pferdchen sie voll ansehen konnte und stammelte die Worte: „Hallo, Pronny, du bist ja echt ein Süßer.“
Pronny wandte ihr rehbraune, nein pferdebraune Augen zu und stupste sie leicht mit seinem Kopf an, woraufhin Rebekka sich auf einmal am Rand der Pferdebox wieder fand.
„Er ist ein Lieber“, sagte Andromeda.
„Findest du?“ sagte Rebekka zweifelnd.
„Er ist wirklich lieb, und er bläht sich nicht auf wie andere Pferde.“
„Bläht sich nicht auf?“ fragte Rebekka, der nun schwante, dass das Reitenlernen vielleicht doch nicht so einfach werden würde, wie sie es sich gedacht hatte.
„Wenn man sie sattelt, holen die meisten Pferde noch einmal richtig tief Luft und haben dann einen dicken Bauch“, erklärte Andromeda ihr geduldig, „aber das hält nicht lange vor... Irgendwann wird der Bauch wieder dünner, der Sattel lockert sich, und der Reiter hängt mit seinem Kopf nach unten zwischen den Beinen des Pferdes...“
„Das, äääh....“ Rebekka musste lachen, „stelle ich mir sehr lustig vor...“
„Klar. Wenn Daniel das sehen würde, fände er es bestimmt auch sehr lustig“, wandte Andromeda ein. Sie wusste schon, wie man Rebekkas Ehrgeiz kitzeln konnte, denn zwischen Rebekka und Daniel war irgendetwas. Unzweifelhaft war da etwas. Rebekka sagte nichts darauf, sondern guckte nur nachdenklich auf den Bauch des Pferdchens.
„Zieh’ also den Sattelgurt nach! Sicher ist sicher!“
Rebekka machte sich zaghaft daran, den Bauch des auf einmal gar nicht mehr so kleinen Pferdchens mit dem Sattelgut abzuschnüren, bis es wahrscheinlich an Luftmangel krepieren würde. Aber anscheinend machte der engere Sattelgurt Pronny absolut nichts aus.
„Die Trense habe ich schon angelegt“, sagte Andromeda. „ Nimm jetzt die beiden losen Enden“, sie deutete auf die Lederbänder, „und dirigiere ihn vorsichtig nach hinten aus der Box. Und sprich mit ihm.“
„Äääch, du süßer kleiner Pronny, du wirst doch nicht deinen Bauch aufblähen“ stammelte Rebekka, während sie vorsichtig versuchte, Pronny zum Zurückgehen zu bewegen.
Pronny war aber wirklich ein liebes Tier und ging einfach rückwärts mit.
„Lieb, lieb“, flüsterte Rebekka. „So jetzt um die Kurve, rückwärts natürlich, und schon stehen wir startbereit.“
„Du bist gut“, sagte Andromeda.
„Du willst mich wohl veräppeln. Ich mach’ mir fast in die Hose“, sagte Rebekka. Mittlerweile waren sie in der Reithalle angelangt.
„Stehenbleiben“, sagte Andy leise.
Alle drei standen still. Vor allem Rebekka, denn sie fühlte, jetzt würde es ernst werden.
 „Kommst du alleine hinauf?“ fragte Andy.
„Ich weiß nicht. Wie macht man’s denn?“
„Setz’ deinen linken Fuß in den Steigbügel.“
Rebekka tat, wie geheißen.
„Jetzt schwing’ dein rechtes Bein über den Pferdehintern. Ja, du musst wirklich ein bisschen Schwung haben, sonst kriegst du deine Kiste nicht hoch.“ Andromeda lachte.
Rebekka kriegte zu ihrem eigenen Erstaunen ihre Kiste hoch, und sie fand sich auf einmal sitzend auf einem Pferd wieder. Das war wirklich irre.
„Findest du den rechten Steigbügel?“ fragte Andromeda.
„Hab’ ihn“, sagte Rebekka. Das war wirklich nicht schwer. Sie saß auf einem Pferd. Und hatte beide Füße in den Steigbügeln... Und es war verdammt hoch. Rebekka hatte das Gefühl, im zweiten Stock eines Hauses im Freien zu sitzen. Obwohl sie doch nur auf einem Winzling von Pferd saß.
„Pronny ist ein so genanntes Doppelpony“, erklärte Andromeda.
„Dann ist es doppelt so groß wie ein Pony?“ fragte Rebekka zaghaft. Sie meinte, dass ein einfaches Ponypony vollkommen ausgereicht hätte für ihre erste Reitstunde.
„Jetzt nimm die Zügel in die Hände“, sagte Andromeda, die angefangen hatte, das Pferd am Halfter zu führen, so dass es langsam vorwärts ging. „Es ist natürlich größer als ein Pony, aber nicht doppelt so groß.“
„Aber nicht so groß wie ein richtiges Pferd“, plapperte Rebekka, die es gar nicht so unangenehm fand, auf einem Pferd... äääh Doppelpony zu sitzen, das sich dazu auch noch bewegte. Wahnsinn!
„Ein Pferd ist natürlich noch viel größer“, sagte Andromeda lächelnd. „Da hat man manchmal das Gefühl, auf einem dicken Fass zu sitzen.“
„Auweia“, sagte Rebekka.
„Versuch jetzt, abwechselnd deine Beine auf seine Flanken einwirken zu lassen. Du musst seinen Rhythmus finden. Lass deine Beine einfach mal locker baumeln, dann wirst du merken, dass sie immer abwechselnd auf seine Flanken drücken. Diesen Druck musst du ein bisschen verstärken. Dann läuft Pronny weiter.“
Rebekka versuchte es und war erstaunt, wie leicht es ging.
Bis sie dann einen gehörigen Schreck bekam, als sie merkte, dass Andromeda Pronny nicht mehr führte, sondern dass sie ganz allein mit dem Doppelpony daherschritt oder ritt oder sonstwas...
„Einfach gesagt ist es wie Autofahren. Allerdings mit einem durchgeknallten sensiblen Auto, wo die Bremse manchmal nicht funktioniert und die Gänge kaputt sind...“ Andromeda hatte einigermaßen Ahnung von Autos – wenn auch nicht so viel wie von Pferden – denn Max besaß einen Lister-Jaguar aus den 60er Jahren, an dem er an den Wochenenden herumschraubte, und Andromeda durfte ihm manchmal gewisse Werkzeuge anreichen....
„Und wie lege ich jetzt den zweiten Gang ein?“ fragte Rebekka, mutiger geworden durch die bisher recht problemlose Reiterei.
„Der... äääh zweite Gang“, sagte Andromeda warnend, „ist der schwierigste. Hör’ erst mal zu. Hast du die Zügel in der Hand?“
Rebekka bejahte das.
„Nicht dran reißen. Nicht durchhängen lassen, aber auch nicht zu hart anziehen. Dein Hintern muss ihn jetzt vorwärts treiben.“
„Mein Hintern? Wie denn das?“
„Du musst ihn vorwärts treiben, und das geht nur durch dein Eigengewicht und nur durch deinen Hintern.“
„Ooh, ich merke wie er schneller wird“, sagte Rebekka, und das war nicht gelogen, man konnte sein Gewicht in die Waagschale legen, und das Doppelpony wurde dadurch tatsächlich schneller.
„Man nennt das Heranreiten“, sagte Andromeda. „Man muss da sehr behutsam vorgehen. Die meisten Männer können es nicht. Haben eine zu harte Hand.“
„Aber Daniel kann es?“ Das rutschte Rebekka so heraus.
„Daniel kann es, er hat eine gute Hand“, bestätigte Andromeda und wurde ein wenig rot, aber da sie hinter Rebekka und Pronny herging, sah es niemand.
Eine gute Hand, Rebekka musste in sich hineinkichern, ja die hatte er wohl...
„Weiter: Wenn du jetzt gleichzeitig mit beiden Beinen auf seine Flanken klopfst, dann wird er in einen Trab fallen“, sagte Andromeda verheißungsvoll. „Aber pass’ auf, du musst dich schon mit den Oberschenkeln fest an ihn pressen, sonst fällst du runter. Trab ist nämlich ziemlich rappelig.“
Rebekka versuchte es trotzdem. Nachdem ihre Schenkel Pronny fest umschlossen hatten, versuchte sie ein zaghaftes gleichzeitiges Klopfen mit den Unterschenkeln, und siehe da, Pronny fiel kurzfristig in einen rappeligen Trab, der Rebekka ziemlich durchschüttelte.
„Kommst du klar?“ Andromedas Stimme drang durch Rebekkas Konzentration hindurch. „Wenn du weitertraben willst, musst du ihn immer wieder dazu antreiben. Nicht zu feste. Und denke an die Trense. Nicht zu straff. Nicht zu locker. Und denk’ an deinen Hintern. Und ja nicht runterfallen!“
„Hey, das ist einfach zu viel, um an alles zu denken.“ Rebekka hörte auf, das Doppelpony mit ihrem Hintern vorwärts zutreiben, denn es war ein mörderisches Getrappel, man wurde so durchgerüttelt von diesem Getrappel, dass einem das Kreuz wehtat. Sie hörte auch mit ihren anderen Bemühungen auf, und das Doppelpony fiel wieder in den Schritt.
„In der nächsten Stunde lernen wir das Leichttraben“, erklärte Andromeda. „Das ist viel angenehmer als das normale Traben.
„Soso.“ Rebekka war ein wenig skeptisch. Es gab so viel zum Lernen, erschreckend viel zum Lernen...
„Galoppieren ist übrigens einfacher“, meinte Andromeda ermutigend. „Ein Bein lässt du in der Mitte, das andere Bein liegt mehr hinten an... Und mit dem klopfst du seitlich an... Am Hintern des Pferdes. Und man kann damit bestimmen, je nachdem mit welchem Bein man hinten anklopft, ob es in den Links– oder...“
An dieser Stelle schaltete Rebekka geistig ab und dachte vage an einen Postmann, der zweimal klingelte, aber leider vergebens... Und außerdem war sie bestimmt schon zu alt, um das alles lernen zu können. Aber versuchen würde sie es auf jeden Fall.
 
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KAPITEL III - Teil 3
Woher stammen die ‚von Kampes’ denn nun eigentlich?“ Daniel schien sich wirklich für die Herkunft dieser Familie zu interessieren. Vielleicht wollte er sich damit aber nur ablenken, denn Rebekka und Morgaine beschäftigten nach wie vor seine Gedanken. Der Traum wurde nämlich immer klarer. Er konnte
 
Morgaine mittlerweile deutlich erkennen, obwohl sie soviel älter war.
Archibald und Daniel waren vor zwei Stunden im Keller der Kampeschen Brauerei angekommen und hatten schon mehrere Biersorten zum Aufwärmen angetestet. Max hatte die Gruppe von vier Männern (die zur Vervollständigung aus Sammy und Georg bestand) mit dem Landrover zur Brauerei gefahren und war dann mit leichten Anzeichen des Bedauerns zum Gut zurückgefahren. Er wollte sie am frühen Abend wieder abholen und hoffte, dass sie ihm dann nicht den Wagen voll kotzen würden. Tja, diese Bierproben hatten es in sich...
 
Auf dem langen Tisch, an dem sie saßen, war ein kaltes Büffet aufgebaut, und zwar nur aus einen Grund, nämlich um den Bierprobanten Durst zu verschaffen und den Geschmack für ein anderes neues Bier freizumachen. Also gab es Kaviar, salzig dänische Fischhäppchen, gekochte Eier, die unvermeidliche hausgemachte Mettwurst, rohen getrockneten Schinken... und lange Baguettestangen für Leute, die das salzige Zeug nicht pur essen wollten.
Und es gab viele viele verschiedene Flaschen Bier aus allen möglichen Ländern, und es gab auch viele viele Fässchen aus allen möglichen Ländern, aus denen frisch gezapft wurde.
Es ist perfekt, dachte Daniel.
„Wie wär’s jetzt mit einem leichten Ale?“ schlug Archibald vor.
„Aber sicher doch!“
Archibald fing langsam und gemütlich an, Daniels Frage nach der Herkunft der von Kampes zu beantworten.
„Also, zuerst waren wir Franzosen, oder besser gesagt französische Protestanten, auch Hugenotten genannt. Durch das Edikt von Nantes gab man uns Religionsfreiheit“, Archibald schnaubte verächtlich, „um sie uns später durch das Edikt von Fontainebleau unter Ludwig dem Viertelvorzwölften wieder wegzunehmen. Prost Daniel!“ Archibald hob sein Glas, um Daniel zuzuprosten. „Man wollte uns zu Katholiken machen, uns also zur wahren Religion bekehren... Es war dieser Sonnenkönig mit seiner dämlichen Mätresse, der Marquise de Maintenon. Die beiden haben uns das eingebrockt! Und diese Dame hat er dann später heimlich geheiratet und seitdem...“ Archibald bekam einen leichten Schluckauf und musste seine Ausführungen für einen Augenblick unterbrechen. Und als er wieder anfing zu sprechen, da hatte er das Thema verloren. „Rebekka interessiert sich sehr für die französische Geschichte...“
„Du bist wohl viel mit ihr zusammen? Daniel konnte es sich nicht verkneifen, das zu fragen.
„Nicht genug, Daniel, nicht genug. Jetzt hat sie gerade angefangen, Stendal zu lesen...“
„Was? Stendal diesen Schwätzer? Ich hoffe, du hast ihr abgeraten...“
„Hab’ ich, hab’ ich, aber sie hört ja nicht auf mich.“ sagte Archie bedauernd. „Und wie schmeckt dir das Ale?“
„Nicht schlecht“, sagte Daniel zustimmend, während er darüber nachgrübelte, warum Rebekka nicht IHN fragte, ob ein Buch gut oder schlecht zu lesen wäre. Damals hatten sie doch auch Bücher getauscht, und von Stanislaw Lem war sie begeistert gewesen… Zu dieser Zeit war sie noch mit dem irren Michael zusammen gewesen, und sie sah immer so aus, als wüsste sie überhaupt nicht, wie attraktiv sie war... Daniel riss sich heftig zusammen, erinnerte sich an die ungeklärte Marquise und fragte: „Was war denn jetzt mit der Marquise?“.
„Mit was? Wir haben doch Sonnenschutz genug auf der Terrasse. Und du kannst dich doch einfach in den Schatten setzen...“
„Nein, nicht diese Marquise. Die Maintenon, die der ääääh... Ludwig geheiratet hat angeblich. Was los war mit der?“ Daniel war nach der Einnahme mehrerer Biere irgendwie die korrekte Satzstellung abhanden gekommen.
„Ach die...“ Archibald machte eine wegwerfende Handbewegung. „Die war so fromm, mein Gott, war die fromm!“
„Fromme Frauen sind nichts für mich“, murmelte Daniel laut vor sich hin. Er dachte an seine erste festere Freundin Susanne, die so ein bezauberndes kleines Mädchen gewesen war, und das blieb sie auch während ihres Zusammenseins, allerdings war das bezaubernde bald vorbei. Sie war nie zufrieden, wollte immer bei ihm sein und fing an, ihn zu verdächtigen, obwohl er ihr keinen Anlass gab. Es gab heftige Eifersuchtsszenen, die meistens damit endeten, dass sie zu ihrer Mutter fuhr, dort ein paar Tage blieb, bis Daniel es nicht mehr aushielt und sie dort abholte, zerknirscht und schuldbewusst, obwohl er doch gar nichts getan hatte. Und die Mutter war im Gegenzug so oft da, dass Daniel sich sehr seltsam vorkam, beobachtet, taxiert - und natürlich abgewertet. Er war viel zu schlecht für das göttliche Töchterlein Susanne, die hatte nämlich was Besseres verdient, und zwar mindestens einen Studierten mit einem tollen Posten... Daniel hatte zwar ein Ingenieurstudium hinter sich gebracht, aber er hatte damals noch nicht die rechte Lust, in dieser Richtung zu arbeiten. Stattdessen führte er eine Kneipe, nämlich das Eye-Q. Es war ein Erfolg, es war natürlich nicht so einträglich wie zum Beispiel das E-body, in dem sein schweigsamer Freund Max arbeitete, aber es war okay, und es lief gut...
„Für mich aunich“, jetzt konnte man auch Archie anmerken, dass er schon ziemlich einen in der Krone hatte. „Zirza zum Beispiel, die iss überhaupt nich fromm, die hat Sachen drauf...“ Archie verstummte und guckte irgendwie lüstern in seine Bierflasche, wobei er aussah wie ein vorwitziger Kater, der in das Loch eines Starenkastens guckt, mit nur einem Auge wohlgemerkt.
„Fromme Frauen!!! Nein danke.“ Daniel schüttelte sich leicht.
„Diese fromme Frau hat den guten König woll ennlos bequatscht, das Edikt von Nantes aufzuheben. Plärrte ihm wahrscheinlich vor, dass sein Seelen... wie heiß das, ach ja Seelenheil in Gefahr wäre und diesen ganzen anderen relli... relligi...“ hier musste Archie zweimal Anlauf nehmen, bevor er das Wort herausbekam, „relligiliösen Quatsch…“ Archibalds Stimme hatte einen leicht spöttischen Ton angenommen, leicht gefärbt von einem Bierrülpser, und er schloss seine Ausführungen mit dem Satz: „Is Relligiliön nicht schön?“
„Is Liebe nich schön?“ Daniel nickte zustimmend.
Tja, das mit der Liebe hatte sich dann irgendwann erledigt. Spätestens zu dem Zeitpunkt, als Susanne aus ihm unbekannten Gründen zu ihrer Mutter geflüchtet war und er ihr nicht mehr nachfuhr...
„Relligiliön oder Liebe! Is doch alles gleich. So Daniel, jetzt probieren wir ein leichtes Guinness. Assolut ohne Schaum...“
Das letzte Pils aus der Brauerei Kampe hatte Daniels Geschmacksnerven und seine Gehirnwindungen ziemlich angegriffen, und er nahm sich ein Stückchen Weißbrot und etwas fischig Salziges, um das zu neutralisieren. Die Gehirnwindungen ließen sich allerdings dadurch nicht überlisten. Wie durch einen Nebel hörte er Archie erzählen, wie die du Campes, so hießen sie früher, die alte Heimat Frankreich verlassen hatten. Sie hatten sich anscheinend gut auf den Tag X vorbereitet, hatten ihre Güter schlauerweise vorher verhökert und traten deswegen die lange Reise gen Westen nicht gerade arm an.
„Der Herssog dieses Landes wies uns eine Gegend zu, die vielleicht noch kager war als der Durchschnn...“ Archie ließ das Wort aus.„Wir ließen uns hier nidder, bauden einen Landsitz, blaahblaahblaaah, einen großen Stall und gam der Dorfbevölkerung Arbeit und Brot. Und ein paar Kinners gaben wir ihr auch...“ Archibald musste lachen, nahm sich ein Stückchen Weißrot und belegte es mit Kaviar. „Nimm bisschen Kaviar, Daniel. Sons is Schmack weg“, sagte er nicht ganz vollständig zu Daniel.
„Ja mach ich, Archie, alter Junge!“ Daniel musste lachen, es war ja alles so lustig und auch so traurig.
Als Susanne sich vom Acker machte, da fand er ihre Freundin Irmgard vor. Die arme verlassene Irmgard, die so tapfer war. Und sie sah wirklich nicht übel aus.
Er fing an, sie zum Essen einzuladen, und das einzige Gesprächsthema, das sie zuerst hatten, drehte sich um Susanne.
Warum ist sie weg, fragte er Irmgard. Irmgard zog verzweifelt die Schultern hoch, sie wusste es auch nicht, oder sie wollte es ihm nicht sagen. Dennoch nahm sie gerne seine Einladungen an, war aber unheimlich spröde dabei, und er schob es darauf, dass sie Susannes Freundin war und sie nicht verletzen wollte...
Und die Tatsache, dass er allmählich anfing, sich in sie zu verlieben, machte ihn irgendwie schuldbewusst. Er verabredete sich mit anderen Frauen. Und er war erstaunt darüber, dass er solch eine Wirkung auf sie hatte, denn das Zusammenleben mit Susanne und ihrer nie weit entfernten Mutter hatte sein Selbstwertgefühl ziemlich angegriffen. Er hatte tatsächlich Sex! Auch das war gut, saugut sozusagen, er war es ja gar nicht mehr gewohnt, Sex zu haben. Susanne war so sehr Kindmädchen gewesen, dass Sex für sie nur eine Pflicht war und keine Kür.
„Diesch Bier ist wirklisch eine Kür und keine Flicht...“ Oh Gott, jetzt fing er auch schon an, zu stammeln.
„Es hat eben viel Körper“, meinte Archibald nebulllöls.
„Besser das, ich ess noch so ne Weißbrot mit bisschen Kaviar.“
„Klar sonss kannss du die Blume nicht mehr erkennen.“
„Hääääh?“
„Die Blume beim Bier, weiisss du.“
„Nich ssu vergessen, der Körper...“ Daniels Stammeln war nun konstant
„Genau, der Kööper...“ Archibald spuckte das Bier auf den Boden des Kellers und aß wieder ein Stückchen Weißbrot. Er hatte wahrscheinlich im Kopf, dass er einer Weinprobe beiwohnte, in der die Weintester auch immer den Wein auf den Boden oder sonst wohin spuckten.
Daniel tat es ihm nach. Glotzte auf die Bierpfütze und musste noch mehr lachen, weil er wieder an die Vergangenheit denken musste.
Er hatte sich dann tatsächlich schwer in Irmgard verliebt und um sie geworben. Vielleicht war der Grund dafür ihre äußere Gelassenheit und ihr Mangel an Hysterie.
Sie war eine zurückhaltende ernste Frau, die ab und zu recht witzige Bemerkungen machte. Sie würde nie einfach so mit einem Mann schlafen, dafür war sie zu anständig. Anständig, ja das war sie. Im nachhinein dachte Daniel eher, dass sie zu feige oder zu prüde dazu war. Oder zu berechnend? Aber damals vermutete er eine versteckte Leidenschaft in ihr. Seine Werbung zog sich über Monate hinweg, Irmgard war ein zäher Brocken, aber das steigerte seine Liebe zu ihr noch. Sie fuhren sogar zusammen zu Susanne, die wieder bei ihren Eltern lebte, fünfzig Kilometer weit entfernt. In seinem Hinterkopf erschien eine andere Frau, nämlich Rebekka. Oh ja, sie war auch dabei gewesen. Rebekka, die schöne, aber vollkommen unzugängliche Freundin von diesem Arschloch Michael. Sie war mitgefahren, aber sie war weit weg und dachte immer nach, wahrscheinlich über ihre Beziehung zu Michael. Es war ein seltsamer Tag. Er und Susanne versuchten zu reden, doch es kam nichts dabei herum. Die Fronten warten verhärtet und nicht mehr zu reparieren.
Später ging man in das Freibad, denn es war ein heißer Tag in einem heißen Sommer, und alle hatten vorsorgehalber Badesachen mitgenommen. Daniel versuchte, sich zwischen seiner Exfreundin und seiner hoffentlich zukünftigen Freundin aufzuteilen, aber das kam bei beiden nicht gut an. Und Rebekka war in Gedanken versunken, sie schien sich höchst überflüssig zu fühlen, seltsam, so eine schöne Frau mit so aufregenden Brüsten... Sie trug einen winzigen weißen Bikini mit roten Rändern, das wusste er noch genau, und sie hatte ihr Oberteil anbehalten im Gegensatz zu Susanne und Irmgard, die Oben-Ohne praktizierten. Auf dem Heimweg unterhielt er sich im Auto mit Irmgard über ihre gemeinsame Zukunft. Rebekka lag hinter ihnen auf dem Rücksitz, sie schien zu schlafen, aber er war sich sicher, dass sie einiges von dem Gespräch mitbekommen hatte. Und er fühlte sich seltsam befangen.
 
„Ich glaube, mein Schmack is weg“, sagte Archie gerade. „Lass noch ein bissel essen, dann könne wir von vorn anfang. Jetzt Bockbier!!!“
Das Bockbier war allerdings das letzte Bier für die beiden an diesem Tage. Bockbier hat nämlich die Eigenschaft, nicht nur die Zunge und die Stimmbänder lahm zulegen, sondern auch das Gehirn mit seinen großartigen Gedanken.
Aber trotz zeitweiliger geistiger und körperlicher Gelähmtheit hatte Daniel noch reichlich Erinnerungen an die Vergangenheit. Und er hatte sie bekommen. Er hatte Irmgard errungen, und er feierte das wie einen Sieg. Er hatte sie ins Bett gekriegt und mit ihr geschlafen. Sie war zwar ein wenig teilnahmslos, aber sie machte einen erfreuten und zufriedenen Eindruck. Es war nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte, aber im Liebesfieber war das wohl egal, und er hatte die Hoffnung, nein die Gewissheit, dass es besser werden würde für sie beide, viel viel besser. Er würde sie verwöhnen, ihr jeden Schritt und jede Unannehmlichkeit abnehmen, ihre Teilnahmslosigkeit würde schließlich bezwungen werden durch seine Anstrengungen, und sie würden sich auch körperlich richtig lieben können, in Ekstase...
Da hatte er sich ja ganz schön was vorgemacht, dachte Daniel zynisch. Wie hatte er sich nur so irren können. Das grenzte ja schon an Idiotie. Er klopfte mit einer Baguettestange im Takt auf den Tisch: I! DI! O! TI! ... I! DI! O! TI! ...
Als Max Lakosta schließlich erschien, um die Probanten abzuholen, traf er nur noch vollkommen besoffene Männer an. Er verfrachtete sie in den Landrover und karrte sie vor dem Gutshof ab. Und es war ein Glückstag für Max: Keiner hatte ihm ins Auto gekotzt...
 
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KAPITEL III - Teil 4
Zwei lange Rechtecke übereinander, das obere ist tiefsamtigblau, und das untere ist zarthellblau. Das obere Rechteck hat links einen kleinen hellen Fleck, und das untere hat rechts einen kleinen dunklen Fleck. Es erinnert Daniel ein wenig an das YIN und YANG-Symbol, aber das sieht wirklich etwas anders aus. In diesem Bild bewegt sich nichts, es ist einfach nur da, und für Daniel sieht es aus wie eine zweidimensionale Grafik. Eine Grafik, die ihm irgend etwas sagen will. Aber was? Sie strahlt eine gewisse Kälte aus, die aber seltsamerweise nicht bedrohlich wirkt.
 
Kurz nach Mittag machten sich Andromeda und Daniel zu einem Ausflug zu Pferde auf. Rebekka sah den beiden Reitern nach, als sie langsam im Schritt den Hof verließen.
Sie hatte eigentlich mitreiten wollen, war aber von den beiden abgewiesen worden, weil ihre Reitkünste noch zu unterentwickelt wären (genau dieser Wortlaut), und sie vermutete, dass man sie nicht dabei haben wollte. Aber das Hierbleiben hatte auch seine Vorteile, denn sie wollte die Gelegenheit nutzen, um in der Bibliothek ein bisschen herumzustöbern. Da gab es soviel Interessantes, und man würde Jahrzehnte brauchen, um alles zu lesen. Dieser Stendhal, den Archibald den Schwätzer nannte, war allerdings wirklich ungenießbar.
Andromeda ritt einen kräftigen Braunen und Daniel einen noch kräftigeren Apfelschimmel, namens Greyhound, wie Rebekka wusste. Daniel sah wirklich umwerfend auf diesem Pferd aus, auf diesem fast weißen Pferd... Sie musste automatisch auflachen. Ein fast weißes Pferd! Ein fast weißer Held! Wie überaus witzig und lächerlich das war. Und hoffentlich kam Andromeda bald zur Besinnung. Diese offenkundige Verliebtheit in Daniel war unsinnig und vor allem hoffnungslos. Daniel hatte anscheinend nicht die geringste Ahnung von dieser Verliebtheit, und das war auch besser so, sonst kam er noch auf blöde Gedanken…
Aber seine Eitelkeit würde das bestimmt kitzeln, überlegte sie weiter. Andererseits war er nie einer gewesen, der offenkundig auf Fraueneroberungen aus war. Auch in seiner Kneipe, dem Eye-Q hatte er sich immer zurückhaltend benommen, er hatte nie mit den zahlreichen Tussis geflirtet, die ihm an die Wäsche wollten - und dass er nach dem Scheitern seiner Beziehung mit Susanne ein wenig ausgerastet war, konnte sie eigentlich gut verstehen. Sie selber war ja auch kein Kind von Traurigkeit gewesen nach dem Ende ihrer langjährigen... Kacke. So gesehen war er vielleicht doch nicht so übel. Dann fiel ihr als Gegenargument wieder ein, dass er Irmgard in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer betrogen hatte, und da war er noch voll mit ihr zusammen gewesen, der Schweinehund!
 
Archibald kam ein paar Minuten später in die Bibliothek und bot ihr an, zu hoch gelagerte Bücher für sie herunterzuholen. Außerdem empfahl er ihr einiges zum Lesen.
Archibald war ein richtiger Gentleman. Auch um Morgaine kümmerte er sich gerne, kinderlieb wie er war. Er las ihr vor, ließ sie auf seinem Rücken reiten, und Morgaine machte das unbändigen Spaß. Wo steckte sie überhaupt? Sie verschwand immer direkt nach dem Frühstück, trieb sich mit den Dorfkindern herum, ließ sich von Georg und der Frau Schnorrergurke ohne Namen mitnehmen zu Ausflügen in Wildparks, machte mit Sabine den Gutsgarten unsicher, oder hing in der Küche bei Tante Bernadette und Claudia Mansell herum. Und das Schärfste war, sie ließ sich das Voltigieren beibringen, und zwar von Andromeda und Daniel. Voltigieren war für ein so kleines Mädchen bestimmt ungefährlicher als Reiten, denn sie war abgesichert durch eine Seilvorrichtung, die an der Decke der Reithalle befestigt war. Und wenn sie wirklich vom Pferd fallen sollte, dann schwebte sie in der Luft, aufgefangen von dieser genialen Vorrichtung, ungefähr so wie bei einer Zirkusnummer, also mit Netz und ohne Boden.
Sie wandte sich wieder Archie zu, sie fühlte sich sehr wohl bei ihm, es war fast, als wäre er ein Onkel für sie oder eine Art Vater. Nicht so ein Vater wie ihr eigener Vater einer gewesen war, sondern ein gütiger parteiloser und vor allem ungeiler Vater...
„Sag’ mal Archie, das fällt mir gerade ein, ihr habt ein eigenes Mausoleum?“
„Du hast es gefunden?“
„Na klar, ist ja nicht leicht zu verfehlen. Es ist wie auf einem Friedhof, sogar Rhododendrenbüsche sind da...“
„Es ist da, zweifelsohne. Und es ist unsere Familiengruft.“
„Ich fasse es nicht! So was gibt es noch?“ Rebekka konnte es wirklich kaum glauben.
„Ich weiß, es ist nicht mehr üblich. Aber wir leben mit unseren Vorfahren im Einklang. Und manchmal habe ich das Gefühl, einer der Ahnen wollte mir etwas erzählen...“
„Das klingt seltsam, so nach Gruselfilm“, gab Rebekka zu bedenken und fuhr nachdenklich fort: „Die Toten sind uns unheimlich, soweit ich das beurteilen kann. Zumindest in der Stadt ist es so.“
„Aber hier ist es anders. Wir auf dem Lande kennen das Leben und auch den Tod. Und warum sollte ich nicht darauf hören, was einer meiner Ahnen mir erzählt?“
„Ich beneide dich, Archie“, sagte Rebekka ein bisschen verzweifelt, denn sie hatte noch nie über Ahnen nachgedacht, die eine Verbindung mit ihr hatten, anscheinend war das in ihrer Familie nicht üblich. Und wenn es üblich gewesen wäre, hätte sie gut drauf verzichten können. (Wie man sieht, hielt Rebekka nicht viel von ihrer Familie) „Habe ich überhaupt Ahnen? Ich glaube, ich habe noch nicht einmal Verwandte...“ Das stimmte, ihre Eltern waren anscheinend ganz allein auf dieser Welt, kein Onkel, keine Tante war jemals vorbeigekommen, bis auf ein einziges Mal, aber da war sie noch ziemlich klein gewesen, und diese Tante war nie wieder bei ihnen erschienen.
Archibald von Kampe nahm sie daraufhin kurzentschlossen in den Arm und wiegte sie tröstend. „Ach Rebekka, man muss nicht unbedingt Verwandtschaft haben...“
Rebekka atmete seinen Geruch ein, er roch männlich und nach Land und nach Verständnis, und es war gut, aber es war nicht das, was sie wollte. Aber was sie wollte, das wusste sie auch nicht. 
Sie entzog sich unauffällig seiner Umarmung und sagte: „Und die Toten? Was sind das für Tote, hast du eine persönliche Beziehung zu ihnen?“
“Doch, sicherlich“, Archibalds Stimme klang ernst. „Da sind meine Eltern. Sie sind früh gestorben, sie hatten einen Autounfall Mitte der 60er Jahre...“
„Wie alt warst du da?“ fragte Rebekka.
„Ich war, glaube ich, achtzehn...“
Aha, jetzt hatten sie das Jahr 2000, also war Archie ungefähr dreiundfünfzig Jahre alt. Dafür sah er wirklich gut aus.
„Das ist seltsam! Aber was sagen sie dir, wenn du mit ihnen... äääh redest?“ Rebekka hatte das irrationale Gefühl, diese Sache verstehen zu können, Ahnen, die mit einem sprachen, vielleicht fühlte man sich dann nicht so entwurzelt wie sie mit ihrer erbärmlichen Familie, die eigentlich nur aus den Eltern und dem kleinen Bruder bestand.
„Meine Eltern haben mich zum Beispiel getröstet nach Kassiopeias Tod...“ Archibald lächelte. „Ich weiß, das hört sich unglaubwürdig an.“
„Irgendwie nicht“, sagte Rebekka und wunderte sich darüber, dass sie mit einem doch relativ Unbekannten so ein Thema beredete. „Und Kassiopeia? Nein, ich will es gar nicht wissen...“
„Kassiopeia redet über Andromeda, und ich erzähle ihr, was Andromeda so treibt.“ Tatsächlich griff sich Archie an die Augen, um dort wohl irgend etwas zu verscheuchen, aber er fasste sich schnell wieder und fuhr fort: „Die ganz Alten, die schon länger hier liegen, sind fast stumm. Oder sie murmeln nur. Manche sind nicht so nett, aber bösartig sind sie auch nicht...“
„Vielleicht haben sie ja Schlimmes erlebt.“
„Ja vielleicht.“ Er schien in sich hineinzublicken und sagte dann schließlich nachdenklich. „Ein paar Jahre nach dem Unfall unserer Eltern hatte Claudia die Fehlgeburt, es muss 1970 gewesen sein. Aber dieses Kind ist so schweigsam, als wäre es gar nicht da, ganz im Gegensatz zu dem anderen, dem Enkelkind von Tante Bernadette, das plappert ohne Unterlass...“
„Ich bin übrigens auch 1970 geboren.“ Rebekka suchte ein neutraleres Thema, um das Gespräch wieder in sogenannte normale Bahnen lenken zu können.
„Vielleicht mag dich Claudia deswegen so gerne“, Archie sah sie lächelnd an. „Du könntest ja wirklich ihre Tochter sein.“
„Das wäre schön, ist aber doch recht unwahrscheinlich“. Rebekka musste lachen, und nach einer kurzen Pause, die von Schweigen erfüllt war, wandten sich beide wieder den Büchern zu.
 
Auch Max sah den beiden Reitern nach. Er fühlte sich ausgeschlossen von Andromeda. Andromeda war immer sein Mädchen gewesen. Mit Betonung auf ‚Mädchen‘ und nicht auf ‚sein‘. Er hatte sie schon beschützt, als sie kleines Kind war. Und auch die heranwachsende Andromeda hatte er vergöttert, ohne ihr viel davon zu zeigen. Die Frau, die Andromeda einmal werden würde - und das konnte nicht mehr lange dauern - würde er demnach über alles lieben.
Aber das durfte nicht sein! Denn es gab keinerlei Hoffnung für seine Liebe. Er musste sich damit bescheiden, auf sie aufzupassen und sie zu beschützen.
Sie war in Daniel verliebt, und es schien etwas Ernstes zu sein, zum ersten Mal überhaupt. Es war anders als mit den jungen Burschen, mit denen sie in ihrem Zimmer vielleicht... Aber was sie dort tat, ging ihn nichts an. Er hatte nichts gegen Daniel, und wenn Andys Verliebtheit in ihn nicht gewesen wäre, hätte er gerne die Freundschaft mit ihm weiter ausgebaut, aber jetzt war er ihm gegenüber befangen, und das alte vertraute Verhältnis wollte sich nicht einstellen. War er etwa eifersüchtig auf ihn? Das wäre unangemessen und fatal, und außerdem mochte er Daniels Musik. Was er manchmal auf seiner Gitarre spielte, hörte sich recht vielversprechend an...
Seine Augen verfolgten die beiden Reiter, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Außerdem war der Kerl viel zu alt für Andromeda. Dann fiel es Max siedendheiß ein, dass er selber genauso alt wie Daniel war. Auch das ein Grund mehr. Es gab nunmal keine Hoffnung. Nicht für ihn.
 
Andromeda und Daniel kamen früher zurück als erwartet. Es war ein schöner Ausflug gewesen. Andromeda hatte ihn auf den höchsten Berg der Umgebung geführt und ihm eine alte Burgruine gezeigt, wo sie als Kind mit den Dorfkindern gespielt hatte. Sie hatten immer versucht, den geheimen Gang zu finden, der auf die andere Seite des Tales führen sollte, nämlich zu der ‚guten’ Edelherrenburg. Natürlich hatten sie ihn nicht gefunden, er war bestimmt lange schon verschüttet und eingestürzt – oder er hatte nie existiert.
Daniel sagte auf dem Heimweg nicht viel. Er musste immer wieder an diesen neuen Traum denken. An diese Grafik, die ihm irgendetwas sagen wollte. Aber was? Daniel hatte absolut keine Ahnung. Das war das blöde an diesen Visionen, dass keiner sie verstehen konnte. Stammten sie von Morgaine? Wenn ja, dann schien es sie nicht sehr zu beunruhigen, sie war ein so fröhliches Kind. Und er liebte sie. Er liebte auch ihre Mutter - automatisch fühlte er ein heftiges Verlangen nach ihr, das nicht nur rein körperlich war – aber sie schien diese Liebe ja nicht zu wollen. Obwohl sie ein klein wenig lockerer geworden war, nicht mehr so abweisend wie vorher...
Andromeda plapperte unterdes weiter, als ob sie gar nicht merken würde, wie schweigsam Daniel war. Sie hatte anscheinend andere Sorgen.
„Heute hab’ ich einem Schulkameraden, Quatsch, Kamerad ist das falsche Wort, Idiot passt besser, eins auf die Nase gegeben. Er hat einen kleineren Jungen gequält.“
„Finde ich gut, Kitten“, sagte Daniel anerkennend.
„Och, ich weiß nicht“, sagte Andromeda zweifelnd. „Daddy findet das bestimmt nicht gut. Ich hab ihm nämlich das Nasenbein gebrochen. Und er will mich, oder besser gesagt Daddy verklagen.“
„Nicht schlecht“, sagte Daniel. „Sag; mal Kitten, bist du etwa so was wie ein weiblicher Robin Hood?“
„Ach Quatsch!“ Andromeda überlegte. Es gefiel ihr sehr gut, dass Daniel sie wieder Kitten nannte. Das hieß, er beschäftigte sich mit ihr. „Nein, ich hasse einfach Ungerechtigkeit!“ Andromeda wandte ihre Gedanken wieder ihrem Vater zu, genauer gesagt der Reaktion ihres Vaters auf eine Schadensersatzklage. Das war nicht das erste Mal. Andy war wirklich eine Art Rächerin der Enterbten, der Witwen und Waisen und vor allem der unterprivilegierten Schulkameraden, der Freaks, die nicht in Mode waren, die kein Geld hatten, um sich Markenklamotten zu kaufen, die in der Schule lernten statt anzugeben. Und vielleicht war Daddy ja auch stolz auf sie. Das hoffte sie jedenfalls. Ihr Daddy war in gewissen Dingen nicht so wie andere Daddys.
Sie erreichten Kampodia beide sehr schweigsam. Es war früher Nachmittag
Nachdem sie die Tiere abgesattelt und ihre Rücken mit Stroh abgerieben hatten, äußerte Daniel den Wunsch, vielleicht noch ein bisschen in der Gegend herumzulaufen, mit Morgaine, mit Rebekka und mit Andromeda natürlich auch.
Morgaine fanden sie in der Küche, wo sie mit Tante Mansell plauderte.
Rebekka fanden sie in der Bibliothek, wo sie sich an einem Werk festgelesen hatte, das von einem gewissen Umberto Eco stammte und welches ‚Das Foucaultsche Pendel’ hieß.
„Uppps“, Rebekka tat überrascht, als sie die drei kommen sah. In Wirklichkeit war sie natürlich nicht überrascht, sie hatte zufällig aus dem Fenster geschaut, als Daniel und Andy zurückkamen...
„Ganz nett“, meinte Daniel, nachdem er einen Blick auf das Buch geworfen hatte. „Okkultismus und so... Aber du wirst feststellen, dass am Ende nichts außer heißer Luft gewesen ist. Aber interessante heiße Luft. Komm’ du Leseratte, lass uns lieber ein wenig in die Gegend gehen.“
„Wohin wollt ihr denn“ fragte Rebekka, sie hatte den dicken Wälzer zur Seite gelegt und schaute ihn neugierig an.
„Andy hat gesagt, in Schießheim wäre es nett“, sagte Daniel munter. „Also, kommst du?“
„Kommst du, kommst du, kommst du?“ stimmte Morgaine im Singsang ein.
„Na gut“, sagte Rebekka.
 
Daniel outete sich sofort als Nichteingeborener, als er am Ortsausgang von Kampodia ein Weiblein fragte, eins von diesen blassen Exemplaren, ob es auch einen anderen Weg nach Schießheim geben würde außer der Hauptstraße.
„Einen anderen Weg?“ fragte das Weiblein entsetzt und guckte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Da werden sie doch nicht hergehen wollen!“ Kopfschüttelnd und vor sich hin murmelnd ging das Weiblein weiter.
„Was zum Teufel ist los mit diesem Weg, Kitten?“ fragte Daniel Andromeda.
„Die spinnen hier, die alten Weiber“, sagte Andromeda. „Die finden, der Wald ist unheimlich, und die Straße ist sicher. Ist doch Quatsch. Hier gibt es nichts außer... vielleicht Wildschweinen.“ Andromeda schüttelte sich ein wenig, denn eigentlich hatte sie eine panische Angst vor Wildschweinen, eine Angst, die sie aber nie zugeben würde. Noch mehr Angst hatte sie allerdings vor Gewittern. Wenn sie eins herannahen spürte, dann verkroch sie sich irgendwo, wo sie keinen Blitz sehen und keinen Donner hören konnte.
„Wildschweine?“ fragte Rebekka nicht gerade begeistert. „Ich glaube, man muss sich auf den Bauch legen und sich ganz flach machen, dann tun sie einem vielleicht nichts.“ Aus Rebekka sprach das Landkind, für das sie sich wirklich hielt, denn immerhin war sie in einer Kleinstadt mitten auf dem Lande groß geworden.
Der andere Weg entpuppte sich als ein nicht asphaltierter holpriger und vom Regen ausgewaschener Trampelpfad, der parallel zur Straße verlief. Man konnte die Straße zwar nicht sehen, aber Daniel hatte das Gefühl, sie wäre nicht weit weg.
Sie schlenderten langsam den ausgetrockneten Waldweg entlang und genossen die Aussicht in den Wald. Der Wald an der Ost- und Südseite von Kampodia bestand aus Fichten und Kiefern. Ein richtiger Märchenwald! Daniel hatte zwar noch nie eine Fichte von einer Tanne unterscheiden können, so wie Sabine keinen Ahorn von einer Platane unterscheiden konnte, aber hierbei war er sich sicher. Das waren Fichten. Für Tannen wäre das Klima zu trocken und rau gewesen, und Kiefern wuchsen auch unter den bescheidensten Ansprüchen, ähnlich wie Birken, von denen es auch ein paar gab.
Teilweise sah man dichtes Unterholz, teilweise sah man heideartige Flecken mit Sträuchern, die noch Himbeeren trugen, und es gab es auch Flecken mit Blaubeeren. Aber alles in allem schien es eine karge steinige Gegend zu sein, die auf ihre Weise schön war. Und wenn hier nicht soviel Wald gewesen wäre, dann hätte man die gar nicht so niedrigen Berge hinter dem Wald sehen können.
Sie wanderten schweigend dahin. Sogar Morgaine war sehr ruhig für ihre Verhältnisse. Sie untersuchte gerade einen großen Ameisenhaufen, und Daniel überlegte, ob das gefährlich werden könnte. Er dachte an ‚Marabunta’, den Ruf, den die Eingeboren in Südamerika ausstießen, wenn sich die wilden Kriegsameisen auf ihren zerstörerischen Weg machten und ganze Landstriche kahl zurückließen. Diese Ameisenvölker schleiften ihre Königin immer mit sich herum und fraßen alles, was sie auf ihrem Wege fanden... Grässlicher Gedanke, fand Daniel. Aber die Ameisen hier schienen relativ harmlose rote Waldameisen zu sein. Allerdings sollte man sich besser nicht in so einen Ameisenhaufen setzen...
„Uuuii, schaut mal!“ Alle wurden von Rebekkas Stimme aufgeschreckt. „Da sind Hasen!!! Richtige Hasen!!! Und so große!!!“ Rebekkas Stimme klang total begeistert.
Daniel und Andromeda blickten in der Gegend herum, konnten aber beim besten Willen keine Hasen sehen, sondern nur ein paar zierliche Rehe. Vielleicht war Rehe nicht das richtige Wort, vielleicht war es Damwild, Rotwild oder sonst etwas hirschartiges, aber Hasen waren es mit Sicherheit nicht.
„Brauchst du ’ne Brille?“ fragte Daniel
„Aber das sind doch Hasen“, Rebekka beharrte stur auf ihrer Meinung über diese Hasentiere.
„Du solltest wirklich eine Brille tragen, Rebekka.“
„Und was soll das sonst sein?“ fragte Rebekka unsicher geworden.
„Kennst du die berühmten Hirschhasen? Die wachsen nur in der Gegend von Kampodia. Und nur ein Mädel namens Rebekka kann sie sehen.“ Daniel amüsierte sich köstlich. 
Rebekka schwieg ein wenig verlegen. Aber eine Brille brauchte sie nun wirklich nicht. Wozu auch?
 
Die drei Kilometer nach Schießheim zogen sich ganz schön in die Länge, und Daniel trug schließlich Morgaine, denn die Kleine konnte noch nicht so weit laufen.
„Ich glaube, wir sind da“, sagte Andromeda nach einer Stunde schließlich. „Da ist es!“
„Da ist was?“ fragten Rebekka und Daniel wie aus einem Munde, denn sie sahen... nichts.
Oder doch, bei genauerem Hinsehen, allerdings nur von Daniel, (für Rebekkas Hinsehen wollen wir keine Garantien geben), sah er doch tatsächlich eine Ansammlung von vier (VIER??) Häusern, und auch bei genauerem Hingucken wurden es nicht mehr.
„Hier steppt der Bär“, sagte Daniel schließlich.
„Hier kommt kein Bär hin“, sagte Rebekka.
Andromeda fühlte sich ein wenig schuldig, weil hier so absolut nichts war. Diese verdammten Städter erwarteten immer so spektakuläre Sachen. Urplötzlich verspürte Andromeda Sehnsucht nach Max, nach Max, der die Gegend hier kannte und der überhaupt nichts von der Gegend erwartete. Und Daniel, obwohl sie in ihn verliebt war, schien ihr auf einmal sehr fremd zu sein. Oder war sie nur in ihn verliebt, weil er so fremd war?
Jedenfalls konnte sie mit Max schweigen, ohne dass es einem von ihnen peinlich war, und bei Max brauchte sie nicht so zu tun, als wäre sie interessant und intelligent – und vor allem älter als sie in Wirklichkeit war...
„Nein, das gibt’s nicht!“ sagte Rebekka entgeistert, nachdem sie das zweite Haus des Ortes passiert hatten, oder vielmehr den Anbau des zweiten Hauses des Ortes – und Rebekka, neugierig wie sie nun mal war, die plumpe Holztür geöffnet und auch in das Kabuff hineingeschaut hatte...
„Komm’ doch mal her“, sagte sie zu Daniel und hielt einladend die Holztür auf. Rebekka war sehr zufrieden mit sich, denn jetzt konnte sie endlich beweisen, dass sie doch ein waschechtes Landkind war, trotz der Hasen, die angeblich Hirsche waren...
„Was ist das?“ fragte Daniel vorsichtig und rümpfte die Nase, denn es roch nicht sehr angenehm an diesem Orte...
„Das, mein lieber Daniel, ist eine der Segnungen aus uralter Zeit, na ja, damals war es wohl eine Segnung. Man nennt es Plumpsklo!“
„Du meinst“, Daniel schaltete schnell, „Plumpsklo, weil es plumpst, wenn da was reinfällt?“
„Das ist voll korrekt“, sagte Rebekka und winkte auch Morgaine herbei, damit sie sich ein Bild machen konnte.
„Und wieso hat dieses Plumpsklo...“, Daniel war so fasziniert von dem Klo und konnte sich von dem Anblick kaum losreißen, „zwei Sitze?“
„Zwei Löcher, Daniel. Nur zwei Löcher. Klodeckel gibt es nicht. Und es gibt es kein Licht und bestimmt jede Menge Spinnen“. Wieder musste Rebekka lachen. „Nun, ich denke mal, es hat zwei Löcher von wegen der Geselligkeit...“
Das brachte Daniel zum Verstummen, zum einen wegen der Spinnen - denn Männer haben in Wirklichkeit genauso viel Angst vor Spinnen wie Frauen, nur zeigen sie es nicht - zum anderen wegen der Geselligkeit...
Und auch die kleine Morgaine wandte sich schauernd ab von den zwei finsteren stinkenden Löchern.
Sie fanden übrigens schnell heraus, dass das vierte und somit letzte Haus des Ortes ein Gasthaus war, setzten sich auf die hölzernen Bänke, die draußen vor dem Haus standen und bekamen von einem freundlichen Wirtsehepaar kalte Limonade und kaltes Bier serviert, das natürlich aus der Brauerei Kampe stammte.
Und natürlich kannte das Wirtsehepaar Andromeda, und man unterhielt sich sehr angeregt mit ihr. Was wiederum von Daniel und Rebekka mit Staunen betrachtet wurde. Es war ja auch irgendwie interessant, wenn man im Umkreis von mehreren Kilometern immer noch gekannt wurde.
Auf der großen stillen Waldwiese, die direkt gegenüber dem Haus lag, tauchten übrigens nach einiger Zeit mehrere so genannte Hirschhasen auf, was Daniel und Andromeda zu wahren Heiterkeitsstürmen hinriss, die so laut waren, dass sie die schreckhaften Hirschhasen damit vertrieben.
„Ihr habt die Hirschhasen vertrieben! Ich mag Hirschhasen!“ Morgaine vermisste die Hirschhasen, sie sahen so sanft und lieb aus. „Jetzt seid doch mal still!“ befahl sie, und alle gehorchten ihr.
Tatsächlich kamen nach einer Weile die Hirschhasen zurück auf die Lichtung und grasten oder ästen dort in den aufsteigenden Frühabendnebeln, bis wieder jemand lachen musste... Rebekka allerdings schwieg verlegen. Und außerdem dachte sie darüber nach, warum sie Sabine so selten sah und warum sie Archibald auch so selten sah – und dass sie beide nie zusammen sah. War schon merkwürdig. Vielleicht waren sie ja gemeinsam unterwegs. Irrer Gedanke, und natürlich ein wenig abwegig.
Nach einer sehr lustigen Stunde hielten sich alle für zu müde, um zu Fuß nach Kampodia zurückzugehen, egal ob auf der Hauptstraße oder auf dem ‚gefährlichen’ Waldweg. Andromeda rief schließlich über das Telefon der Waldschenke Max an und bat ihn händeringend gestikulierend, sie mit dem Landrover abzuholen.
Max war natürlich nicht gerade begeistert, und es dauerte fast eine Stunde, bis er dann endlich erschien. Er wollte wohl kundtun, dass er Besseres zu tun hatte, als Leute abzuholen, die in ihrer Selbstüberschätzung zu weit durch den Wald gelaufen waren.
„Ich danke dir!“ sagte Rebekka, und Morgaine, die ihre Augen kaum noch offen halten konnte, strahlte Max liebevoll an, und das versöhnte ihn wohl einigermaßen.
Andromeda setzte sich zu Max nach vorne und erzählte ihm von Rebekkas Hasen. Max musste lachen, und schaute sich amüsiert nach Rebekka um, die wiederum verlegen zurückblinzelte. Andromeda fühlte sich aus ihr unbekannten Gründen erleichtert und entspannt. Es musste wohl an Max liegen.
Morgaine saß zwischen Daniel und Rebekka und lehnte sich mal an den einen, mal an den anderen an. Rebekka war erschöpft, aber auf eine angenehme Weise erschöpft, und sie musste sich anstrengen, um nicht auf der Stelle einzuschlafen. Sie spürte eine leichte Berührung an der rechten Schulter, es fühlte sich sanft und gut an. Sie blickte unauffällig nach rechts. Es war Daniels Hand, die sie berührt hatte, er hatte nämlich den Arm um Morgaine gelegt. Misstrauisch blickte sie ihn an. Das war doch wohl keine Anmache? Aber er reagierte nicht darauf, sondern plauderte mit Morgaine über den Unterschied zwischen Hasen und Hirschen.
Na gut, ist auch besser so, dachte Rebekka. Ich will jetzt nur noch essen, viel essen, dann vielleicht einen Spaziergang an den Unteren Teich machen, dann vielleicht noch ein bisschen an der Bar sitzen und dann ins Bett... Wie lange ist es eigentlich her, seit ein Mann hinter mir lag und mich im Schlaf umarmte. Ewigkeiten, und so toll war es nicht...
 
Ende KAPITEL III  Holidays in Kampodia   © Ingrid 2008
 
Fortsetzung folgt

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 20.02.2008. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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