Rüdiger Nazar

Pilgertour IX.

 

Oh...am nächsten Tag marschieren wir naß geschwitzt in Moulins ein...es ist der 18.Mai. Die Strassen sind malerisch schön...alte Häuser...Geschäfte...die Strassenschilder in alter Schrift...man kommt sich wirklich wie in einem anderen Jahrhundert vor.

Moulins hat viele alte Kirchen...kleine und große...einige Gebäude sehen aus wie Kirchen in Miniatur...sind aber anscheinend keine. Wir  standen auf der Rue de Berwick...und diese Strasse war etliche Fotos wert.

Als erstes fiel uns auch die Post in`s Auge ...aahhh...Tagesstempel...Moulins...Jacquemart...Allier .

In einem Office de Tourisme fragten wir nach...ob die Buslinie...Eurolines...von Moulins nach Le Puy fahren würde...dem Sammelpunkt der Pilger.

Tat sie natürlich nicht...aber ab Saint Clermont de Farrand.

Ok...wir hatten Zeit...und am Monatsende wäre wieder Geld auf dem Konto...aber was bis dahin machen ?  Ok...von  Moulins bis Saint  Clermont de Farrand waren es noch 91 Kilometer...puh....aber wir hatten ja noch zwölf  Tage Zeit bis zum Monatsende. Diese Strecke würden wir im Schlaf laufen. Andreas...unser bekannter...wollte uns Geld schicken...war aber noch nichts auf dem Konto. Versuchen es morgen noch einmal. Wir laufen den ganzen Tag durch Moulins...hier gab es viel zu sehen...schöne Besichtigung...wenn nur diese schweren Rucksäcke nicht wären.

Meine Digitalcamera zählte mittlerweile 380 Bilder. 

Als es beginnt...dunkel zu werden...suchen wir unser Nachtlager. Vor der Stadt liegt eine lange lange Brücke...die den Fluss Allier überspannt...und uns kommen alte Erinnerungen von Never wieder hoch. Diese Brücke sah nahezu identisch mit der Brücke aus Nevers aus ...sogar das Wasser darunter mit den Felsen...den kleinen Strudeln...den großen reißenden Strömungen...alles genau so.

Bitte lieber Gott...laß`uns diese Brücke dieses mal nur einmal gehen. 

L`Allier...ein wunderschöner Strom...mittig einige kleine Inseln...Wasser dreht sich in kleinen Strudeln an den Felsen...wir sind froh...eine so schöne Stelle gefunden zu haben. Wir haben vergessen nach Wasser zu fragen sagt Renate...mir fällt es wie Schuppen von den Augenlidern. Oh ja...haben wir. Ich schüttele  an einer Flasche...leer...die andere...leer...die dritte...nur noch die Hälfte an Füllung. Nein sagte ich...ich laufe auf keinen Fall zurück zum Ort...müssen wir es halt einteilen. Renate verzieht das Gesicht.

Ich sammle Holz...es ist verhältnismäßig trocken...so  daß es schnell lichterloh brennt...die alte Alukanne darüber und Kaffeepulver hinein. Dauert auch nicht lange und der Sud duftet. Ah das tut gut sagt meine Wölfin...eine Suppe wäre auch nicht schlecht. Wir haben noch etwas Brot....Baguette...einen halben Camenbert...etwas Wurst und das verhaßte Trockenobst. Nein...ich will nicht undankbar sein...es half uns schon über manchen Hunger hinweg.

Tja...was nun 0ld Jack ? Ich sah mir das Wasser der LÀllier an. Sah eigentlich recht sauber und klar aus. Wenn man bedenkt was Menschen früher alles getrunken haben...oder heute noch in Afrika  in manchen Dörfern...da ist das Wasser braun und sumpfig...von Krankheitserregern ganz zu schweigen...und wenn Forellen und Lachse sich darin wohl fühlen... in der Allier...muß es verhältnismäßig sauber sein.

Also...schwuppdiwupp...die große Aluschüssel voll Wasser aus dem Fluss...über`s Feuer gehängt und abgekocht.  Ob man das wirklich genießen kann fragte meine Wölfin . Weiß ich nicht...du probierst die Suppe zuerst...sagte ich...ich warte dann eine Stunde auf deine Reaktion. Ja klar...alles klar ! Ich hoffe nicht  ...nein sie konnte es nicht glauben daß ich es ernst gemeint hatte.

Was soll ich sagen...wie aus der Wasserleitung...gar nicht mal so unübel. 

In der Allier sprangen riesige Lachse  stromaufwärts...ach...hätte ich doch jetzt eine Angel....hatte aber keine...aber der Mann der bis zur Hüfte im Fluss stand. 

Schon was gefangen fragte ich...er schüttelte den Kopf. So blieb es auch die nächste Stunde...und dieser trottete frustriert nach Hause....zuckte die Schultern..no no...kein Glück heute....und die Lachse sprangen weiter munter stromaufwärts...sicherlich lachten sie sich kaputt.

Renate hatte mittlerweile unsere Behausung errichtet...das Zelt sah wieder etwas anders aus...als die vorherigen...aber egal...mußte sich wohl der Umgebung anpassen. Super gemacht sagte ich...wirklich. Meinst du das im Ernst. Ja sicher...sonst würde ich es nicht sagen...und ich meinte es wirklich im Ernst. 

Die Nacht war ruhig und trocken...wir schliefen super. Als wir durch Sonnenstrahlen geweckt wurden...muß es wohl so zwischen neun und elf Uhr gewesen sein...sie stand noch nicht sehr hoch. 

Wurde von den Forellen und Lachsen begrüßt...als ich Wasser aus der Allier schöpfte. Ich lachte...ihr habt genug davon...könnt ihr sicherlich entbehren. 

Nach dem Frühstück...was sich so Frühstück nannte...packten wir unsere sieben Sachen und begaben uns wieder in`s Zentrum von Moulins.  Heute mußte das Geld aber da sein...sonst ist wieder etwas schrecklich schief gelaufen...ich wollte daran keinen Gedanken verschwenden...es mußte da sein.

Es läuteten die Kirchenglocken von Moulins...und es war ein schöner Klang...diese alten Glocken von Moulins. 

Die Allier glänzte wie Silber in der Sonne...Schwalben flogen sehr tief über dem Wasser um Insekten zu fangen ...es war schön und friedlich.

Wir hielten uns den ganzen Tag in Moulins auf...sahen sehr viel...aber von Bank zu Bank in verschieden Zeitabständen...war nichts auf dem Konto...ich hatte die Schnauze voll...gestrichen voll.  Null Euro...wie nach Deutschland telefonieren ?

Wir gingen in`s Office de Tourisme und fragten ob wir nach old Germany telefonieren könnten...da wir total blank waren. No...geht leider nicht...tut mir leid...sagte die durchaus sehr nette Dame hinter ihrem Schreibtisch. Frustriert verließen wir das Gebäude.  Ein junger Mann redete uns an...ob wir bei ihm duschen wollten...er sah wohl unseren kläglichen Zustand. Renate sah mich fragend an. No Merci sagte ich...geht schon.

Warum hast du nicht zugesagt fragte Renate. Ja warum nicht...fragte ich mich selber...aber wieso spricht uns ein fremder Mann auf der Strasse an...ob wir bei ihm Duschen wollten...kam mir etwas spanisch vor. Ja vielleicht weil er unsere Jacobsmuschel gesehen hat...und vielleicht auch mal diesen Weg gegangen ist? Weiß ich nicht...und glaube ich nicht...sagte ich...es ist besser so...er kam mir nicht ganz koscher vor. Du immer mit deinen negativen Gedanken warf sie ein. Oh meine liebe...das hat mich in der Vergangenheit sehr oft vor Übel bewart.

Sollte morgen das Geld noch nicht da sein...ziehen wir weiter nach Vichy...!

Schlafen schon wieder an der Allier...die Nacht ist ruhig und warm.

Was machen wir wenn das Geld verloren gegangen ist frug Renate...oder wer weiß was sonst ? Dann gehen wir halt bis zum Monatsende ohne Geld weiter...kommen schon durch. Ach ja...wie denn du Schlaumeier ?  Was haben die Pilger früher schon gemacht...na was ? Na sich am Strassenrand gestellt und die Hand aufgehalten...einem Pilger gab man immer etwas. So...glaubst du...sagte sie ! Oh ja...davon bin ich überzeugt.

Wollte dieses immer schon mal ausprobieren...wie man sich dann so fühlt...wie andere Menschen reagieren und so...wäre bestimmt eine interessante Erfahrung.

Es sind ja nur noch zwölf Tage...sagte ich. Ach ja...nur zwölf Tage zischte sie zwischen ihren Zähnen hervor....nur zwölf Tage...verdammt...zwölf Tage zuviel.

ICH WILL NACH HAUSE !

Am nächsten Tag...Konto gleich Null...Null.Null !

Wir ziehen weiter ohne ein Wort miteinander zu reden...der Satz klingt immer noch in meinen Ohren...ICH WILL NACH HAUSE !

Um vierzehn Uhr verließen wir Moulins...diese schöne Stadt an der Allier...und gingen in Richtung...Bassets...fragten nach Wasser.... und  liefen wunderschöne romantische Strassen und Wege  Richtung ...Saint Clermont de Farrand.

Kommen in  Chatel de Neuvre an...der Magen knurrt...haue einen Typen wegen einem Euro an...für Baguette. Er lächelt...klar sagt er ...kein Problem. Renate holt eines...es wird beim Weitermarsch verzerrt. Eine Rast machten wir an der alten Kirche...Saint Laurent de Chatel ...sie war aus dem zwölften Jahrhundert...gallo romanisch. Werden wohl an dieser Eglise (Kirche) nächtigen...schöne Ecke...etwas tiefer hinter der Hecke.

Aber es zieht dort wie Hechtsuppe...also machen wir uns wieder auf...laufen noch so zwei oder drei Kilometer...es kam uns wie zehn vor...die Sonne knallt unbarmherzig...und versenkt unsere Haut.

Unser Pilgergang sollte archaisch...voller Entbehrungen und wirklich absolut einfach sein...kein Luxus...kein Hotel...nicht übermäßiges Essen.

 Ich wollte auch mal das Betteln ausprobieren...so wie die alten Pilgermönche früher...wollte mich so fühlen wie sie ... ausgelaucht...und trotzdem ein Ziel im Auge...ein Ziel für das es sich zu pilgern lohnte.

Und das... was wir uns vorgenommen hatten...diesbezüglich...traf auch voll ein...unbarmherzig und brutal...aber wir wollten es so. 

 

Uff...bin ich müde...morgen weiter liebe Freunde. Euer Rudevicus

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.07.2010. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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