Karl-Heinz Fricke

Meine vergeudeten Lehrjahre

Meine vergeudeten Lehrjahre

In früheren Jahren war es eine wunderbare Einrichtung,Volksschülern, denen die höhere Schule aus finanziellen Gründen versagt blieb, die Gelegenheit geboten wurde, ein Handwerk zu erlernen. Natürlich wäre es wünschenswert gewesen, hätte man den Schulentlassenen erlaubt, ihren Neigungen gemäß, den gewünschten Beruf selbst wählen zu dürfen. In meinem Falle wäre mir am liebsten der Beruf eines Tischlers gewesen, denn ich liebte mit Holz zu arbeiten,was sich in meinem langen Leben nicht geändert hat. Nun traten zwei Fakten damals im Kriegsjahre 1942 zutage. Erstens waren Lehrstellen knapp und nicht in gewünschter Wahl vorhanden und zweitens bestanden Eltern und Verwandte in meinem Fall darauf, dass Handwerksberufe Hungerberufe seien, und dass meine vermeintlichen Fähigkeiten zu Höherem berufen waren, und in mir zumindest ein Kaufmann verborgen sei. Was nun folgte war allerdings eine einzige Katastrophe, die später in all meinen ausgeübten Betätigungen ihre Spuren hinterließ, denn obwohl ich in verschiedenen Berufen leitende Stellen bekleidete, blieb mir als Lohn doch sehr vieles versagt, da ich leider fast immer für die falschen Firmen im fremden Lande arbeitete, die mich nur ausnutzten. Doch nun zurück zu meiner Lehre, die eigentlich gar keine war, aber aus der ich jedoch Lehren zog.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre hieß es früher. Das meinte, dass man als Lehrling keine Gehaltsansprüche stellen konnte. Das galt auch bei meiner Lehrfirma, der Kohlenhandelsgesellschaft Nordharz in Goslar. Da Kohlen knapp waren,waren auch die geschäftlichen Anforderungen an einen Lehrling im ersten der drei Lehrjahre gering, und im Büro gab es für mich nicht viel zu tun. Natürlich hatte man andere Arbeiten, die für mich das Radfahren bis zur Vollendung bedeuteten. Ich wurde so fit davon, dass ich an der ‘Tour de France’ hätte teilnehmen können. Immerhin kam das meinemFussballsport zugute. Da man in den folgenden zwei Jahren keine Lehrlinge mehr einstellte, hatte ich die Möglichkeit mit dem Radfahren solange auf dem Laufenden zu bleiben, bis mich im Juli 1944. mit gerade 16 Jahren, die Nazis an ein Flakgeschütz stellten.Der Grund für meine Drahteselfahrten war erstens,die Kunden zu benachrichtigen, dass ihnen die rationierten Kohlen vor das Haus geschüttet würden, die sie dann selbst an ihren Lagerort zu bringen hatten. Wenn dieses vollbracht war, dann durfte ich mit zwei Fingern auf der Schreibmaschine die Rechnungen tippen, eine Tippart, die ich bis heute beibehalten habe, und an der auch auch die Berufsschule, die ich einmal wöchentlich aufsuchen musste, nichts dran ändern konnte. Die zweite Radtour bestand dann darin, den Kunden die Rechnungen zuzustellen. Jede Rechnung, die ich persönlich zustellte, ersparte der Firma 6 Pfennige Porto. Wenn einmal absolut nichts für mich zu tun war, dann musste ich in alten Kladden handgeschriebene Beträge nachrechnen, und manchmal fand ich auch Addierungsfehler, die dann einen Höhepunkt in meinem Lehrlingsdasein bildeten.

Abschließend möchte ich noch erwähnen, dass auch in meinem Falle Lehrlingsjahre, finanziell betrachtet, keine Herrenjahre waren. Mein Monatsgehalt betrug im ersten Jahr 15 Reichsmark, von denen ich meiner Mutter 10 Mark abgeben musste. Im zweiten Jahr gab man mir 25 Mark monatlich, davon gingen 15 Mark an die Mutter, und für zwei Monate im dritten Lehrjahr war die Ausbeute 35 Mark mit einem Nettogewinn für mich von 15 Mark. Die verbliebenen zehn Monate meiner Lehrzeit beanspruchten dann die Kriegsherren, die mir überhaupt nichts zahlten, mich aber mit einer täglichen Wassersuppe, etwas Brot, Margarine und Gummiwurst wenigstens nicht verhungern ließen.

Als ich später nach Kriegsende bei meiner Lehrfirma für Beschäftigung vorsprach,wurde mir höflich gesagt, dass meine Dienste nicht mehr benötigt seien, obwohl ich ihnen meinen ausgestellten Kaufmannsgehilfenbrief vor die Nase hielt, denn trotzder Radfahrerei hatte ich die schriftliche sowie die mündliche Prüfung in der Industrie und Handelskammer bestanden. Ich glaube auch nicht, dass das alte Fahrrad einen vierten Reifenwechsel ausgehalten hätte.

Die Möglichkeiten nach dem unseligen Kriegsende einen Job als Kaufmannsgehilfe zu landen waren äußerst gering. Deutschland lag am Boden. Im Erzbergwerk Rammelsberg wurden Leute eingestellt. So wurde ich für acht Jahre Bergmann und Schießhauer, bis ich Zollbeamter an der westlichen Zonengrenze wurde. Aber über diese Berufe berichte ich ein andermal.

 

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