Christa Astl

Die Zwillingspuppen


 
 
Drüben am Waldesrand, weitab vom Dorf, stand ein kleines Haus, man nannte es das Jagerhäusl. Darinnen lebten vier Menschen: die Mutter Anna, Annaberta und die Zwillinge Jakob und Thomas. Vater gab es keinen mehr, er war vor Jahren gestorben. Eigentlich war er von einem Wilddieb, den er auf frischer Tat ertappt hatte, erschossen worden. Der Wilderer wurde zwar dann festgenommen und landete im Gefängnis, aber alle Strafe konnte den Jäger nicht mehr lebendig machen.

So herrschte oft Not im Jägerhäusl. Die Mutter arbeitete an vielen Tagen auf den Bauernhöfen der näheren und weiteren Umgebung, um ein wenig Geld dazu zu verdienen, und Annaberta musste auf die Zwillinge aufpassen. Eines Tages war sie bei der Feldarbeit in einem weit entfernten Dorf und musste schon mit Tagesanbruch fort.Am Abend schärfte sie Annaberta noch ein, gut auf die zwei lebhaften, aber doch noch sehr kleinen Buben aufzupassen. Auch trug sie ihr einige Arbeiten auf, die bis Abend zu erledigen waren.

Annaberta streckte und reckte sich noch einmal im Bett, aber dann musste sie aufstehen. Die Kuh im angrenzenden Stall muhte schon hungrig und wollte gemolken werden. Die Zwillinge schliefen noch in ihrem Bettchen. Leise stand das Mädchen auf, um sie nicht zu wecken.
Es ging in den Stall, versorgte die Kuh, fütterte die Hühner, nahm die Eier heraus, die sie mittags zum Kochen verwenden wollte. Sie richtete das Frühstück, nachdem sie den schweren Milcheimer herein geschleppt hatte, leerte einen Teil der Milch in eine flache Schüssel zur Weiterverarbeitung, dann zog sie ihre kleinen Brüder an, die inzwischen erwacht waren. Sie spielte noch ein wenig mit ihnen, doch dann wartete wieder Arbeit auf sie. Die Buben spielten im Haus, dann vor dem Haus, dann etwas weiter droben im Wald. Der Herbst hatte über Nacht bunte Blätter gezaubert und die schönsten suchten sie vom Boden auf.

Annaberta war gerade in der Küche und schälte Kartoffeln für das Mittagessen, als ihr die Stille im Haus auffiel. Sonst kam immer wieder mindestens einer der Zwillinge, hatte eine Frage, musste ihr unbedingt was zeigen oder zumindest erzählen oder wollte getröstet werden, weil er sich weh getan hatte.
Das Mädchen lief vor die Türe, niemand war zu sehen, es lief hinters Haus, keiner war da, es schaute angestrengt zu den Bäumen, ob es die roten Jäckchen der Buben sah, nichts war zu erkennen. Sie begann zu rufen, „Jakob, Thomas, Jakob, Thomas…“ Keine Antwort erfolgte. Da wurde sie böse, denn sie glaubte doch, die hätten sich wieder mal versteckt, um ihr einen Schrecken einzujagen und ging ins Haus. Sie stellte sich ans Fenster, sah dem Eichhörnchen zu, das an der Tanne vorm Haus lustig auf- und abturnte. Sie wartete. Auch das Essen sollte warten. – Aber niemand kam, nichts war zu hören. Mittag war längst vorüber, der Hunger hätte sie doch bestimmt heim getrieben, -
Da muss was passiert sein – schoss es Annaberta plötzlich durch den Kopf. Wieder lief sie hinaus, vors Haus, hinters Haus, rief und schrie nach den beiden Buben, - es kam keine Antwort.

Nun schlüpfte sie in ihre festen Schuhe, denn der Waldboden war vom Schnee des Vortages aufgeweicht, und es war auch schon recht kühl. Sie machte die Tür zu, schaute ob auch die Stalltüre verschlossen war und die Hühner nicht hinaus kamen, dann ging sie zum Wald. Sie suchte den Waldrand links und rechts ab, erkannte aber nichts, was auf die Buben hingewiesen hätte. So folgte sie dem Weg durch den bunten Mischwald, von dem sie wusste, dass er zu einem steil abstürzenden Wasserfall führte. Nun fing sie zu laufen an, denn Annaberta kannte die Gefährlichkeit dieser Gegend. Der Weg wurde immer schmaler, und zuletzt musste man schon sehr gut achten, ihn überhaupt noch zu erkennen. Der Berghang war sehr steil, so dass der Weg in Serpentinen hinanführte. Vor Jahren war sie mit dem Vater dort gewesen, als er ihr den versteckten Höhleneingang hinter dem Wasserfall zeigte. Sie war zwar schon älter gewesen als ihre Brüder heute, aber sehr froh, dass Vater sie an der Hand hielt. Wenn die Kleinen allein da hinab wollten! Wenn sie jetzt schon zerschmettert am Fuße des Wasserfalls lagen…!? Die Angst trieb Annaberta zu noch schnellerem Tempo an, obwohl sie schon fast keinen Atem mehr hatte. Sie konzentrierte sich auf den Weg, der unter buntem Laub verdeckt war, blickte links und rechts und rief immer wieder nach ihren kleinen Brüdern.

Sie erreichte eine kleine Lichtung, eine ebene Fläche, die sie noch nie gesehen hatte. Wie kam das, sie war doch immer auf dem richtigen Weg geblieben?! Es begann bereits zu dämmern. Der Boden der Lichtung war bedeckt mit lauter goldgelben Ahornblättern. Und dort bewegte sich etwas: Rotbehoste Beinchen sprangen herum, doch sie gehörten nur Einem. Wo ist der andere Bruder? – Im Näherkommen entdeckte Annaberta, dass es gar keiner der Zwillinge war, sondern ein kleines Männchen, das irgend etwas vor sich aufgebaut hatte und voller Freude drum herum tanzte. Hinter einem Baum versteckt, beobachtete sie, was noch geschehen würde. Rauch stieg auf, der Kleine war anscheinend beim Kochen. Da bemerkte Annaberta, dass auch sie Hunger hatte, aber sie durfte sich nicht bewegen und schaute weiter zu. Plötzlich tat der kleine Wicht einen grellen Pfiff und schwenkte seine rote Mütze. Vom Wasserfall herauf kam eine große schwarzhaarige Frau in einem langen, gold- und silbergewirkten Kleid, - und an ihren Händen führte sie - - „Jakob und Thomas!“ schrie Annaberta und kam hinter ihrem Baum hervor. „Psst“, machte die Frau, „sei nicht so laut in meinem Reich“. Annaberta sagte nichts mehr und schaute nur die Schwarzhaarige an. Fast hatte sie ein wenig Angst vor ihr. Die kleinen Zwillinge sahen an ihr vorbei und erkannten sie gar nicht. „Wo bin ich nur“, dachte das Mädchen, „was ist mit meinen Brüdern passiert?“ Inzwischen waren die Drei auf die Lichtung getreten, wo der kleine Mann bereits ungeduldig wartete. Er nahm einen Teller nach dem anderen und füllte ihn mit dem, was er auf seinem Feuer gekocht hatte. Vier Teller hatte er vor sich, und er winkte Annaberta zu, sie solle auch herkommen. Schüchtern trat sie herzu, immer noch schaute sie ungläubig auf die Zwillinge, die sie nicht erkannten oder eigentlich gar nicht zu sehen schienen. Mit ihrem Teller setzte sie sich ins Gras, etwas abseits von den anderen. Endlich blickte die Frau sie an und sprach:
„Ich bin die Waldfee und wohne seit einiger Zeit allein hier unter dem Wasserfall, dessen Eingang du ja schon kennst. Heute habe ich diese zwei kleinen Puppen geschenkt bekommen um etwas Zeitvertreib zu haben.“ – „Puppen?“ erwiderte Annaberta empört, „das sind meine zwei Brüder, ich suche sie schon seit Mittag! Und ich muss sie wieder nach Hause bringen, Mutter wird sich sehr sorgen, wenn wir alle drei nicht daheim sind…“

Da schaute die Frau sie erschrocken und traurig an: „Du kannst sie jetzt nicht mitnehmen, denn du siehst, dass sie nur Puppen sind, die nicht fühlen, nicht denken und nicht sprechen können. Der große Zauberer, der Herr des Waldes, hat sie mir als Willkommensgeschenk gebracht. Ich habe mich so gefreut darüber und würde sie so gerne behalten!“ Die Buben saßen dicht bei einander und aßen, es schien ihnen sehr zu schmecken. Aber sie sprachen kein Wort und schauten nur starr geradeaus.
Annaberta rief: „Meine Brüder muss ich wieder nach Hause bringen zu unserer Mutter!“ – „Das wird nicht gehen, erwiderte die Waldfee, da müsste sie der Zauberer erst zurück verwandeln.“ – „Und wo finde ich den Zauberer?“ fragte das Mädchen. „Wahrscheinlich ist er die Nacht über irgendwo im Wald, tagsüber schläft er dann meist in seiner Höhle auf dem Gipfel des Berges.“
Annaberta blickt hinauf zur Bergspitze und überlegt, ob sie bis zum Morgen oben sein könnte. Sie wollte jedoch schon dort sein, bevor der Zauberer kam, denn sie hatte Angst ihn zu wecken und dadurch zornig zu machen. Also verabschiedete sie sich rasch von der Waldfee, dankte dem Zwerg für das gute Essen, strich ihren Brüdern übers Haar, was diese aber nicht zu merken schienen, und stieg langsam bergauf. Im Zurückblicken sah sie noch, wie die Frau beide zur Höhle unter dem Wasserfall hinunter trug, da sie bereits auf der Wiese eingeschlafen waren.

Der Vollmond stieg hinter dem Wald auf und zeigte Annaberta den Weg. Sie musste die ganze Nacht gehen und erreichte die Höhle des Zauberers im ersten Morgenrot. Am Höhleneingang setzte sie sich nieder und wartete. Da ertönte ein Brausen in der Luft, ein riesiger Adler landete knapp neben ihr, und aus dem Gefieder schälte sich ein weißbärtiger alter Mann. „Was machst du hier?“ fragte er mit Donnerstimme. „Herr Zauberer, ich bitte dich, gib mir meine Brüder wieder zurück, die du der Waldfee als Spielzeug geschenkt hast!“ Annaberta konnte kaum sprechen vor Angst, denn der Zauberer begann zu wachsen, wurde immer noch größer und begann sich in eine Wolke zu verwandeln. „Bitte bleib hier“, rief sie, da sie Angst hatte, er würde sich auflösen oder davon fliegen. „Warte hier, ich komme wieder“ rief er ihr zu und seine Stimme klang schon weit entfernt. Und Annaberta fiel in einen tiefen, erholsamen Schlaf. Plötzlich wurde sie durch Kinderstimmen geweckt. Lachend und vor Freude quietschend rannten Jakob und Thomas auf sie zu.
Der Zauberer und die Waldfee begannen abwechselnd zu erzählen, dass sie die Zwillinge an dem steilen Hang gefunden hatten, wo sie weinend saßen, weil sie nicht mehr weiter konnten. Und da sie glaubten, sie gehörten niemand, wollte der Zauberer der Fee die Freude machen und ihr die zwei als Zeitvertreib schenken. Da sie nun aber merkten, wie sehr Annaberta ihre Brüder liebte und welche Strapazen sie mit dem langen Weg auf sich genommen hatte, entschlossen sie sich, die Puppen wieder in Menschenkinder zurück zu verwandeln.

Wieder veränderte sich der Zauberer und wurde zur großen grauen Wolke. Er nahm unter einen Arm Annaberta, unter den anderen die Zwillinge, die Waldfee hielt sich an seinen Schultern fest, und leise und sacht schwebten sie ins Tal, direkt vor das Haus, wo die Kinder wohnten. In der Stube brannte Licht, die Haustüre war offen, und die Mutter rief und suchte rund ums Haus bis zum Waldrand nach ihren Kindern. Wie glücklich waren sie, als sie einander um den Hals fielen und sie die Zwillinge, die schon wieder schliefen, ins Bett legen konnten.

Die Waldfee kam nun oft ins Tal und besuchte die Kleinen und passte auf sie auf, wenn Annaberta wieder viel Arbeit hatte. So war auch sie nicht mehr einsam und hatte an den lebendigen Kindern noch viel mehr Freude als an den verzauberten Puppen.
 
 
 
ChA 12.10.13

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.10.2013. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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