Klaus-Jürgen Langner

"Zeit" Geschichte

Zeitweise
Neulich saß ich wieder einmal in meinem bequemen Sessel auf dem Platz der zwei Welten in unserem Garten. Ich hatte mir ganz einfach die Zeit genommen um wieder einmal Zeit zu haben. Manchmal sagen wir „Zeit-Weise“ Und ich dachte daüber nach wie wörtlich das zu nehmen ist. So einfach ist das nämlich, wenn Du es raus hast.
Was haben denn die Menschen, die sagen, dass sie keine Zeit haben stattdessen? Als Gott die Zeit schuf hat er genug von ihr gemacht. Manchmal sagen die Menschen: „Ach Du liebe Zeit!“ aber dann gehen sie so lieblos mit ihr um, ja einige meinen sogar, dass sie ihre „Zeit totschlagen“ könnten. Und dabei merken die meisten nicht einmal, dass es umgekehrt eingerichtet ist.
Seitdem wir unsere Zeit nicht mehr richtig im Griff haben, da tragen wir eine Armbanduhr mit uns herum. Aber wir sagen auch: „Es wird Zeit!“ Besonders, wenn die Zeit knapp wird.  Das zeugt auch von großer Zuversicht.
Und da kam mir auch schon die Erinnerung an eine Zeit, als ich noch zur Schule ging. Wir sollten uns eine schöne Geschichte ausdenken über „Die Zeit“. Und im „Geschichten ausdenken“ war ich damals schon recht gut. Meine Geschichte erzählte von einem Jungen, der nie Zeit hatte, weil er immer schnell sein wollte, um Zeit zu sparen. Dabei passierten ihm immer wieder seltsame Dinge, die ihn viel Zeit kosteten. Und so wurde er immer ärgerlicher, wenn er dann versuchte die Zeit aufzuholen und es natürlich doch nie schaffte. Sein Bus war immer grade weggefahren.
Dann saß er einmal weinend im Wartehäuschen, bis ihn ein alter Mann fragte, warum er denn so traurig wäre. Und er erzählte dem alten Mann, dass es so schwer war, die verlorene Zeit einzuholen und der schaute ihn nur lange an und sagte dann: „Bist Du Dir denn so sicher, dass die Zeit vor dir herläuft? Vielleicht ist sie in Wahrheit hinter Dir, und Du hast keine Zeit, weil sie Dich nie einholen kann!“ Und dann kam auch schon für ihn der nächste Bus.
Diese Geschichte musste ich nur aufschreiben, denn es war in Wahrheit meine eigene Situation zu dieser Zeit. Immer kam mir etwas dazwischen, Immer passierte etwas Unvorhersehbares, immer kam ich zu spät, und immer wieder hatte ich Ärger. Voller Verzweiflung verknotete ich beim Nachdenken über eine Lösung meine Finger und schnippte dabei mit meinen Zeigefingern so herum. Und da passierte tatsächlich doch so etwas wie ein Wunder. Alle Menschen um mich herum wurden plötzlich ganz langsam und hielten dann in ihrer letzten Bewegung inne, blieben stehen, aber ich nicht.  Ich konnte mich weiter bewegen. Das war ein sagenhaft tolles Gefühl. Ich probierte es sofort mehrmals aus. Mit den zusammengefalteten Händen auf die Finger schauen, und dann mit beiden Zeigefingern zugleich schnippen. Tatsächlich, alles lief wieder normal weiter, als sei vorher nichts geschehen.
Am nächsten Morgen probierte ich es gleich aus. Für den Bus war ich schon wieder nicht zeitig genug aufgestanden. Aber ich konnte ja „Schnippen“. Der Bus blieb stehen, der ganze Verkehr auch. Die ganze Welt stand still. Kein Auto hupte, als ich ganz in Ruhe über die Strasse ging und als ich dann vor dem Bus stand schnippte ich nur und konnte bequem einsteigen. Was war das für ein Gefühl. Ich war Herr über die Zeit!
Und bei der nächsten Klassenarbeit probierte ich es natürlich auch sofort aus. Nach einer kurzen Zeit schnippte ich wieder mit den „Zeitschaltfingern“ und die Zeit blieb stehen. Ich hatte genug Zeit, um in aller Ruhe nachzudenken, um mein Thema genau zu erfassen. Und wenn ich dann tatsächlich noch nicht zu Rande kam, konnte ich bei meinen Klassenkameraden sogar nachsehen, was die schon geschrieben hatten.
So änderten sich bald die Zensuren in der Schule, aber nicht nur da funktionierte das „Zeitschnippen“. Als unser Klassenlehrer die Ferien verkündete schnippte ich im richtigen Moment und schrieb in den Bogen statt der 4 Wochen einfach die Ziffer 6 ein. Und schon las der Lehrer vor, dass unsere Ferien eben sechs Wochen dauern würden.
Und was hatte ich noch alles für tolle Ideen als Herr über die Zeit, was hatte ich da noch alles zu erledigen. Bloß dass mir dieses nervige lang anhaltende Klingeln auf den Geist ging. Und dann machte ich letztlich doch die Augen auf und sah, dass es Zeit war aufzustehen und zum Bus zu laufen. Und jetzt, da ich nicht mehr im Traum war, sondern wach war, funktionierten die „Zeitschaltfinger“ plötzlich nicht mehr. Ach, das war schade, aber mein Traum war so schön gewesen. Zu meinem Glück aber hatte ich mich an die Frage von dem alten Mann erinnert. Vielleicht war die Zeit tatsächlich hinter mir und ich sollte ihr die Möglichkeit geben, mich einzuholen. Geben wir unserer Zeit doch etwas Zeit. Vielleicht denkst Du ja auch einmal darüber nach.
Don, 20. 08. 2012

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.03.2014. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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