Ralf Glüsing

Aquarius

In meiner Jugend gab es noch überall auf den Dörfern diese kleinen Discotheken. Mit den heutigen Glitzerpalästen hatten diese nichts gemein. Meist handelte es sich um den Festsaal einer ehemaligen Dorfgaststätte. Dieser war dann meist recht rustikal umgebaut und die Möblierung stammte oft vom Sperrmüll. Aber wir kamen ja wegen der Musik und natürlich wegen der Mädchen.

Ein paar Kilometer von meinem Heimatort gab es auch eine solche Discothek. Egal, wo ich hinwollte, diese Disco lag meist auf dem Weg. So hielt man dann oft hier an und schaute, was so los war.

Ich war mit ein paar Freunden da. Man stand mal hier herum, mal da und unterhielt sich mit irgend welchen Bekannten. Und dann kam sie herein. Oder besser, sie kam hereingefegt, wie ein Wirbelwind. Sie tanzte, wuselte durch den Laden und lief mir ständig über den Weg. Sie war ein hübsches Mädchen und hatte blondes gelocktes Haar. Eine, nach der sich die Männer umdrehen. Und sie war sehr temperamentvoll.

Ich stand an der Theke und war gerade dabei mein Glas zum Mund zu führen, als sie plötzlich vor mir stand. Im selben Augenblich schlug sie mit ihrer Hand unter meinen Arm, so dass mein Getränk aus dem Glas schwappte und sich über mein Gesicht verteilte. Wer rechnet mit so etwas? Mir fehlten die Worte. Sie lachte mich an und sagte: „Sorry wegen dem Drink, aber irgendwie muß ich ja deine Aufmerksamkeit erregen! Du scheinst mich ja gar nicht zu beachten!“ Und ich hätte schwören können, dass ich sie ununterbrochen angesehen habe! Wir unterhielten uns noch eine Weile und dann mußte die Clique, mit der sie unterwegs war, weiterziehen.

Ein paar Wochen später traf ich sie in einer ganz anderen Disco in der Nähe von Celle wieder. Das heißt, sie traf mich – und zwar mit ihrem Hinterteil. Die Tanzfläche war hier immer gut gefüllt und auch ich tanzte. Und dann kam aus heiterem Himmel dieser Stoß. Kraftvoll rammte jemand mit seinem Hintern den meinen, so dass ich das Gleichgewicht verlor und alle Mühe hatte nicht zu Boden zu fallen. Ich fing mich also und drehte mich um. Sie stand vor mir und lachte aus Freude über ihren gelungenen Streich. Auch ich mußte lachen und wir umarmten uns.

Und dann spielten sie dieses Lied, „Aquarius“ aus dem Musical „Hair“. Wir tanzten, das heißt eigentlich tanzte sie mit mir. Sie veranstaltete eine regelrechte Show auf der Tanzfläche. Wie ein Derwisch fegte sie um mich herum. Es war wirklich eine Show und sie war der Star. Die Leute machten Platz auf der Tanzfläche und standen im Kreis um uns herum. Wir tanzten noch viel an diesem Abend, aber das Lied „Aquarius“ wurde unser Lied.

Wir sahen uns nun oft in dieser Disco und immer ging ich zum DJ und bestellte unser Lied. Jedesmal war es wieder eine Show, die sie meisterlich hinlegte. Sie tanzte nicht nur sehr temperamentvoll, sie war es auch sonst. Verehrer hatte sie genug, aber das schien sie nicht zu interessieren. Sie suchte sich die Männer aus, nicht umgekehrt! Versuchte doch mal einer, sie anzubaggern, hat er es schnell bereut. Sie hatte so ihre Methoden, den Typen zu sagen, was sie von ihnen hielt. Ich habe erlebt, wie sie einem Verehrer ihre Zigarettenkippe ins Bierglas warf und ihn einfach auslachte. Einem anderen nahm sie das Glas aus der Hand und schüttete es ihm über die Füße. Sie lachte ihn aus, drehte sich um und ließ ihn wie einen Deppen stehen.

Einmal trafen wir uns auch in der Disco wieder, in der wir uns kennen gelernt hatten. Es war schon später Abend und die Leute, mit denen sie unterwegs war, wollten aufbrechen. Sie faßte mich am Handgelenk und rief: „Los, komm mit!“ Sie zog mich hinter sich her, bis zum Auto, setzte sich auf die Rücksitzbank und zerrte auch mich in den Wagen. „Wo fahren wir eigentlich hin?“ fragte ich sie. „Wirst Du schon sehen!“ war ihre Antwort. Wir waren zu fünft im Wagen, außer uns beiden noch drei Freunde von ihr. Wir fuhren zu ihrer Wohnung und die ganze Bande trank dort Kaffee. Mittlerweile wurde es hell und jemand sagte: „Laßt uns losfahren, sonst kommen wir zu spät.“ Wir bestiegen also wieder das Auto und eine halbe Stunde später hielten wir in einem Gewerbegebiet in Braunschweig. Hier hatte sich schon ein bunter Haufen von Leuten zusammengefunden.

Gerade fragte ich sie, was hier denn abgeht, als ein Reisebus anhielt und seine Türen öffnete. Die Leute stiegen ein. „Los, steig ein!“ sagte sie. „Wir fahren nach Soltau in den Heidepark!“ „Ich habe keine müde Mark mehr in der Tasche!“ warf ich ein. „Ist alles schon bezahlt!“ sagte sie.

Wir fuhren nach Soltau. Die meisten Fahrgäste schliefen während der Fahrt. Auch sie schlief ein und benutzte mich als Kopfkissen, wodurch ich dann nicht schlafen konnte. Im Heidepark angekommen, wurde sie wieder putzmunter. Sie zog mich wieder hinter sich her und ich mußte mit ihr in jedes Fahrgeschäft. Nach der zweiten Schiffsschaukel wurde mir flau im Magen, ich hatte ja den ganzen Tag noch nichts gegessen. An der Achterbahn mußte ich dann passen, das hätte mein Magen mir übelgenommen. Der Tag verging und wir fuhren heim.

Ich habe sie noch öfter getroffen. Einmal brachte sie mich nach Hause. Ein Freund, mit dem ich unterwegs war, wollte mir zu früh aufbrechen und so fragte ich sie, ob sie mich mitnehmen würde. Das tat sie. Später saßen wir dann im Auto vor meinem Elternhaus und sie machte den Motor aus. Plötzlich sah sie mir in die Augen und sagte: „Wollen wir heiraten?“ Ich hielt dies natürlich für einen Gag von ihr und antwortete: „Dich sofort!“ Ich lachte, denn natürlich meinte ich das nicht wirklich ernst. Ich war überzeugt, dass ihre Frage ebenfalls nicht ernst gemeint war. Wir verabschiedeten uns und sie fuhr los.

Ich sah sie eine Weile nicht, vielleicht drei Wochen. Wir trafen uns schließlich in der Disco wieder, in der wir uns kennengelernt hatten. Sie war irgendwie anders als sonst. Nichts war zu spüren von ihrem Temperament. Sie stand an der Theke und ich begrüßte sie. Neben ihr stand ein Typ, den ich nicht kannte und der mich übellaunig anschaute . Sie zog ihn zu sich heran und sagte: „Das ist mein Freund.“ Er sah mich immer noch mit der gleichen finsteren Miene an, sagte aber nichts. Wahrscheinlich habe ich ihn genauso angesehen. Man konnte förmlich die Luft knistern hören. Jedes Wort wäre jetzt zuviel gewesen. Ein Funke hätte genügt und wir hätten uns eine Schlägerei geliefert. Sie packte ihn am Arm und zog ihn zum Ausgang. Sie verschwanden.

Ich habe sie nie wieder gesehen. Von einem gemeinsamen Bekannten erfuhr ich, dass sie zu ihrem Freund nach Celle gezogen war. Bald danach hat sie ihn geheiratet.

Jedesmal, wenn ich das Lied „Aquarius“ höre, muß ich an diese Geschichte zurückdenken. Ja, lieber Wassermann, vielleicht hätte ich damals in ihrem Wagen einfach nur „Ja!“ sagen sollen, wer weiß, wie die Geschichte dann geendet hätte?

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