Karl-Heinz Fricke

Vom Harz in die Rocky Mountains

Schon am Titel ist es erkennbar, dass ich eine Heimat in Deutschland und eine weitere im westlichen Kanada habe. Schon als Zwölfjähriger wanderte ich mit zwei Freunden von Bad Harzburg aus zum Brocken hinauf. In Bad Harzburg bestiegen wir die Schwebebahn, die uns auf den Bruchberg beförderte. Nach kurzer Wanderung gelangten wir zum Molkenhaus , eine im Herbst und Winter oft besuchte Gaststätte. Wir erfuhren, dass der alte Wirt abends hinter das Haus ging und pfiff. Daraufhin erschien ein Rudel Rehe, das er mit von Kindern gesammelten Kastanien, mitten unter ihnen stehend, fütterte und die sich auch an mehreren Futterkrippen gütlich taten.

Unser Anstieg zum Brocken dauerte etwa drei Stunden bis wir den Gipfel des höchsten Berges im Harz, mit 1142 Metern, erreicht hatten. Es war ein klarer Sommertag. Zum Westen schauend sahen wir über unzählige Tannen die Dörfer des Vorharzes. Wir stiegen dann auf der anderen Seite des Berges hinunter nach Schierke und bestiegen die Bahn, die uns über das malerische Wernigerode zurück in unsere Heimatstadt Goslar brachte. In Goslar, der alten mehr als tausendjährigen Kaiserstadt, wuchs ich auf. Die Stadt mit ihren vielen historischen Plätzen und Gebäuden beherbergte damals 23000 Einwohner Die Harzberge verlockten immer wieder zu Wanderungen. Noch immer höre ich das Rauschen der Tannen und rieche den Duft ihrer Nadeln. Im Sommer pflückten wir Heidelbeeren, im Herbst sammelten wir Pilze, und im Wintertummelten wir uns auf den Anhöhen mit unseren Skiern, die damals noch Schneeschuhe genannt wurden. Sonntags liefen wir Schlittschuh auf dem Stadtteich zu den Klängen einer Kapelle. Das Erzbergwerk Rammelsberg gab den Bewohnern für viele Jahrhunderte Arbeit und Brot. Nach dem Kriege arbeitete ich selbst acht Jahre unter Tage, bevor ich als Zollgrenzbeamter die westliche innerdeutsche Grenze zu bewachen half..
Ich hatte inzwischen geheiratet und wir hatten einen Jungen und ein Mädchen. In Jahre 1956 entschlossen wir uns im Interesse unserer Kinder nach Kanada auszuwandern, nach dem wir ein Drittel unseres Lebens in der alten Heimat verbracht hatten. Obwohl wir die Naziherrschaft, Krieg und Nachkriegszeit in ärmlichen Verhältsnissen erlebt hatten, sind wir aber im Herzen immer deutsch geblieben. Heimweh bewegte uns in späteren Jahren die alte Heimat zwölfmal zu besuchen.

Am 29.11.1956 betraten wir in Wilhelmshaven den Überseedampfer “Arosa Sun”. Die Seereise nach Kanada begann. In Portsmouth, England wurden wir nach Le Havre, Frankreich reroutet um die ersten ungarischen Flüchtlinge an Bord zu nehmen. Dann ging es über den wildbewegten Atlantik ohne weitere Aufenthalte. Die meisten der Passagiere, so auch meine Frau, wurden seekrank. Am 9. Dezember liefen wir in den St. Lorenz River ein und kamen später in Quebec City an. Mit Musik und Fahnen wurden wir empfangen, was zwar nicht uns galt, sondern den von den Russen geflohenen Ungarn. Eine zweitägige Bahnfahrt führte über Montreal durch das sehr bewaldete Ontario in die Prairieprovinz Manitoba und zu deren Hauptstadt Winnipeg. Es war ein sonniger, kalter Wintertag, am 12. Dezember 1956.

Der Bruder meiner Frau, der die Bürgschaft für uns übernommen hatte, nahm uns vorerst auf, bis wir einigermaßen radebrechend auf den eigenen Füßen stehen konnten. Die Arbeit und das Erlernen der englischen Sprache liessen anfangs keine großen Sprünge zu. Langsam kamen wir vorwärts. Da ich beim Zoll einen Diensthund hatte und eine Hundeschule besuchen musste, hatte ich gute Kenntnisse, Hunde zu trainieren. Das führte in Winnipeg zu meinem ersten Job. Ein Hundezüchter stellte mich ein und in Folge trainierte ich Springer Spaniels und Labradors für Jagdzwecke. An freien Tagen wurden wir von neuen Freunden und Verwandten mit der Umgebung vertraut gemacht. Ich angelte gern und ich erlernte auch das Golfspiel. Manitoba hat nördlich von Winnipeg den riesigen Lake Winnipeg und den etwas kleineren Manitobasee. An beiden Seen verbrachten wir herrliche Tage zum Zelten, Angeln und Schwimmen. Nachdem keine Hunde mehr zu trainieren waren, bekam ich mit Hilfe des Hundezüchters einen Job bei einer Kompanie, bei dir ich Güterwaggons entladen musste, die mit Waren für die großen Winnipeger Geschäfte bestimmt waren.

Nach fünf Jahren in Winnipeg führte uns der Lebensweg nach Thompsen, einer brandneuen Bergmannsstadt im hohen Norden der Provinz nahe der Hudson Bai. Sechs Jahre vorher wurden dort große Nickelvorkommen entdeckt. Im Bergwerk konnte ich wegen einer Hautallergie an den Händen nicht mehr arbeiten. Ich wurde Werkspolizist, um mit 14 Kollegen für Ruhe und Ordnung in einem Barackenlager zu sorgen, das 2500 Arbeiter aus aller Herren Länder beherbergte. Es war eine große Aufgabe mit vielen Problemen, zumal die Verdienste für die Arbeiter nicht sehr groß waren. Allerdings war das Wohnen frei und auch das vielseitige gute Essen.

Als ich fünfzig Jahre alt war, wurde es mir nach 14 Jahren in Thompson bewusst, dass es Zeit war, die unwirtliche Bergmannsstadt, nördlich des 55. Breitengrades mit den langen Wintern zu verlassen, um in der wärmeren und westlichsten Provinz Britisch Kolumbien einen neuen Anfang bis zum Rentenalter zu beginnen. Ich bekam eine Stellung als Verkäufer, Einkäufer und später als Manager in einem größeren Geschäft in Fruitvale und einge Monate später zogen wir in unseren Neubau. Ich arbeitete noch zehn Jahre und danach begann mein Rentnerleben mit der endlichen persönlichen Freiheit. Umgeben von hohen Bergen und grünen Tälern konnte ich alles das tun, was mir hauptsächlich am Herzen lag und Freude machte. Noch in guter körperlicher Verfassung kraxelte ich in den Bergen herum und angelte an Seen, Flüssen und Bächen. Ich begann zu malen und zu dichten. Meine Bücherei wuchs und auch meine Musiksammlung. Ich begann mit Holz zu arbeiten und stellte viele verschiedene nützliche und dekorative Holzarbeiten her, Haushaltsgegenstände, Möbel, Spielzeuge, Futterhäuschen, Stiefelknechte, Serviettenhalter, Holzbilder, Puzzles, Untersetzer und bemalte Holzbilder. Mit mehr als vierhundert Erzeugnissen ging ich auf Märkte um die Weihnachtszeit und verkaufte viel von meinen Handarbeiten. Mit dem Älterwerden gab ich fast alles Beschwerliche bis auf den Garten auf und mit 78 entdeckte ich e-stories, dem ich mich intensiv widmete. Wir haben zwar die kanadische Bürgerschaft angenommen, aber die alte Heimat nicht vergessen. Wir hören deutsch, sprechen meistens deutsch und sehen die Deutsche Welle , RTL und die Bundesliga im Fernseher. Gedanklich sind wir oft in der Heimat und gehen durch die alten Strassen, Gassen und auf die Wanderwege. Wenn man Wurzeln in zwei Ländern hat, die man Heimat nennt,dann ist man reich und niemals einsam. Meine Lebensgeschichte mit dem Titel ‘Nicht auf der Strecke geblieben’ schrieb und beendete ich bereits im Jahre 1992. Nach mehreren schweren Operationen konnte ich nicht damit rechnen, dass ich noch 25 Jahre später am Leben sein würde.

Karl-Heinz Fricke

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.03.2017. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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